{"id":2494,"date":"2026-04-21T20:01:06","date_gmt":"2026-04-21T18:01:06","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=12244"},"modified":"2026-08-14T22:00:06","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:06","slug":"der-perfide-positivismus-von-gruppenbildern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/04\/21\/der-perfide-positivismus-von-gruppenbildern\/","title":{"rendered":"Der perfide Positivismus von Gruppenbildern"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Gespr\u00e4ch mit Linda Conze, Leiterin der Sammlungen Fotografie und Zeitbasierte Medien im Kunstpalast, D\u00fcsseldorf.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luftschlangen \u2013 drapiert h\u00e4ngen sie im Raum und \u00fcber <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">die<\/mark> Schultern von festlich gekleideten Frauen und M\u00e4nner, die <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">aufgereiht<\/mark> auf Sofa, Sessel und am Boden eines Wohnzimmers sitzen. Ihre K\u00f6pfe sind mit Partyh\u00fcten verziert, manche von ihnen halten Sektgl\u00e4ser, im Hintergrund steht ein mit Lametta geschm\u00fcckter Christbaum. Vermutlich wird mit ihrer Zusammenkunft ein neues Jahr eingeleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fotografie ist Teil einer Reihe, die der Filmemacher Lee Shulman und der K\u00fcnstler Omar Victor Diop unter dem Titel <em>The Anonymous Project: Being There<\/em> im Jahr 2017 begonnen haben. Shulmans Bildsammlung von unbekannten Amateurfotograf:innen, die oftmals Feiern der wei\u00dfen, US-amerikanischen Mittelschicht abbilden, nahm Diop in der Zusammenarbeit zum Anlass, sich nachtr\u00e4glich selbst auf die in den Fotos festgehaltenen Feste &#8222;einzuladen&#8220; und durch Manipulation Teil der Gesellschaften zu werden. So sitzt Diop in der zu Beginn beschriebenen Szene in oberster Reihe im Anzug und mit einem Glas Orangensaft in der Hand als einziger Schwarzer inmitten der wei\u00dfen Festgesellschaft \u2013 und l\u00e4chelt wie sie <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">breit<\/mark> in die Kamera.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Linda Conze, Kuratorin und Leiterin der Sammlungen Fotografie und Zeitbasierte Medien am D\u00fcsseldorfer Kunstpalast, ist dieses Bild Beispiel daf\u00fcr, wie Fotografien von Festen und Gemeinschaften verschweigen, wer <em>nicht<\/em> Teil eines Bildes ist. Und es ist der Schnittpunkt zwischen der aktuell im Kunstpalast von Linda Conze zusammen mit Miriam Homer kuratierten Schau <em>Community. Fotografie und Gemeinschaft<\/em> und Conzes Buch <em>Die Fotografie und das Fest<\/em>, das vor fast einem Jahr <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">bei Wallstein <\/mark>erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">dieser<\/mark> rund 300 Seiten umfassenden Publikation geht Linda Conze am Beispiel von Festfotografien aus privaten und \u00f6ffentlichen Lebenswelt<mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">en<\/mark> in Weimarer Republik und Nationalsozialismus der Frage nach, welche Kontinuit\u00e4ten in der fotografischen Praxis und Bildpublizistik im Verlauf dieser \u00dcbergangszeit von Demokratie zu Diktatur auszumachen sind. Im Epilog des Buches schl\u00e4gt sie durch das Heranziehen des Bildes von Shulman und Diop eine Br\u00fccke in die Gegenwart und f\u00fchrt vor Augen, wie in Festfotos auch heute noch &#8222;Exklusion aus dem Blick der Kamera ger\u00e4t&#8220;. Die Ausstellung im Kunstpalast r\u00fcckt daran anschlie\u00dfend in den Fokus, in wie vielen verschiedenen Formen zwischen Kunst, Publizistik, Propaganda oder Werbung fotografische Bilder durch die Zeit hindurch Gemeinschaft stiften, sie infrage stellen oder vollst\u00e4ndig neu entwerfen. Zusammen liefern Ausstellung und Buch den Anlass f\u00fcr das folgende Gespr\u00e4ch mit der Autorin und Kuratorin.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"994\" height=\"1024\" data-id=\"2075\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/NEALSL2-994x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2075\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/NEALSL2-994x1024.jpg 994w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/NEALSL2-291x300.jpg 291w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/NEALSL2-768x792.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/NEALSL2-1490x1536.jpg 1490w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/NEALSL2-1987x2048.jpg 1987w\" sizes=\"(max-width: 994px) 100vw, 994px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" data-id=\"2074\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2074\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-300x300.jpeg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-150x150.jpeg 150w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-768x768.jpeg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-1536x1536.jpeg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-2048x2048.jpeg 2048w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Neal-Slavin-Capitol-Wrestling-Corporation-Washington-D.C.-1972OCo75-Chromogener-Farbabzug-Kunstpalst-Duesseldorf-\u252c\u00ae-Neal-Slavin-1-100x100.jpeg 100w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Neal Slavin, Women\u2019s Intramural Softball Team of Warner Communications, Inc., New York, New York. Aus der Serie: When Two or More Are Gathered Together, 1972\u20131975. Chromogener Farbabzug, 25,7 \u00d7 25 cm, Kunstpalast, D\u00fcsseldorf. Foto: Kunstpalast \u2013 LVRZMB \u2013 Joshua Esthers. <strong>Right<\/strong>: Neal Slavin, Capitol Wrestling Corporation, Washington, D.C., 1972\u201375. Chromogener Farbabzug, Kunstpalst, D\u00fcsseldorf. Foto: Neal Slavin.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: Linda, als ich inmitten des Lesens Deines Buches war, in dem erstmals erforscht wird, wie die Praxis des Fotografierens bei Festen in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus &#8222;Einschluss zelebriert und Ausschluss unsichtbar macht&#8220;, erfuhr ich von der von Dir verantworteten Ausstellung <em>Community. Fotografie und Gemeinschaft<\/em> im Kunstpalast D\u00fcsseldorf. Wie wurde die Publikation ein Ansto\u00df f\u00fcr die Ausstellung?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: In meinem Buch, in dem ich das Verh\u00e4ltnis von Fotografie und Gemeinschaft in Bezug zum Nationalsozialismus betrachte, gehe ich der Frage nach, wie sich in dieser Zeit die Alltagsfotografie entwickelt hat, wie sie sich an die Ideologie der &#8222;neuen&#8220; nationalsozialistischen Gemeinschaft anpasste oder sie adaptierte. W\u00e4hrend der Arbeit an dem Buch wurde mir zunehmend bewusst, dass diese Frage <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">eigentlich<\/mark> eine grundlegende ist, die bis in die Gegenwart reicht und dass es sich lohnen k\u00f6nnte, sie in einer Ausstellung aufzugreifen und breiter <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">anzulegen<\/mark>. Motiviert hat mich unter anderem das Projekt <em>Being There<\/em> von Lee Shulman und Omar Victor Diop. W\u00e4hrend es in den Privatfotos aus der NS-Zeit, die ich in meinem Buch betrachte, viel darum geht, welche Menschen dazugeh\u00f6ren, aber wenig darum, wer fehlt, greifen in <em>Being There<\/em> An- und Abwesenheit ineinander. Diese Arbeit ist <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">daher<\/mark> ein zentrales Werk in <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">unserer<\/mark> Schau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: Die Ausstellung ist in neun Kapitel gegliedert. Was hat Dich und Miriam Homer zu diesen Kapiteln mit \u00dcberschriften wie &#8222;Das sind wir! Gemeinschaft zur Schau stellen&#8220;, &#8222;Wer geh\u00f6rt dazu? An Gemeinschaft herumbasteln&#8220; oder &#8222;Zu eng: Gemeinschaft als Zumutung&#8220; gef\u00fchrt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: Uns war wichtig, Fotografie nicht nur als Medium zu thematisieren, das Gemeinschaft zeigt und repr\u00e4sentiert, sondern darzustellen, dass die Praxis des Fotografierens selbst einen gro\u00dfen Einfluss darauf nimmt, wie sich das Soziale formiert. Wir wollten au\u00dferdem vergegenw\u00e4rtigen, dass Gemeinschaft nicht nur ein positiv codierter Begriff ist. Wir beziehen deshalb bewusst Arbeiten in die Ausstellung ein die zeigen, dass Gemeinschaft auch Anstrengung bedeuten kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"632\" height=\"1024\" data-id=\"2077\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Unbekannt-Postkarte-mit-Festgesellschaft-ca.-1900OCo1919-Silbergelatineabzug-136-\u251cu-85-cm-Kunstpalast-Duesseldorf-Foto-Kunstpalast-OCo-LVRZMB-OCo-Joshua-Esthers-632x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2077\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Unbekannt-Postkarte-mit-Festgesellschaft-ca.-1900OCo1919-Silbergelatineabzug-136-\u251cu-85-cm-Kunstpalast-Duesseldorf-Foto-Kunstpalast-OCo-LVRZMB-OCo-Joshua-Esthers-632x1024.jpg 632w, 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sizes=\"(max-width: 608px) 100vw, 608px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Unbekannt, Postkarte mit Festgesellschaft, ca. 1900\u20131919. Silbergelatineabzug, 13,6 \u00d7 8,5 cm, Kunstpalast, D\u00fcsseldorf. Foto: Kunstpalast \u2013 LVR ZMB \u2013 Joshua Esthers. <strong>Middle<\/strong>: Unbekannt, Fotorand, ca. 1950er-Jahre. Silbergelatineabzug, 10,2 \u00d7 4,2 cm, Kunstpalast, D\u00fcsseldorf. Foto: Kunstpalast \u2013 LVRZMB \u2013 Joshua Esthers. <strong>Right<\/strong>: Dolf Siebert, 1949, Menschenmassen bei einem Spiel der Fortuna. Silbergelatineabzug, 22,5 \u00d7 13 cm, Stadtarchiv D\u00fcsseldorf.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: Das wird deutlich sichtbar durch die r\u00e4umliche Enge, in der sich die Personen in der Fotoserie <em>Menschen im Fahrstuhl<\/em> von Heinrich Riebesehl (1969) befinden. Auch gleich zu Beginn der Ausstellung mit der Videoprojektion <em>Leistungsmannschaft des SV Rhenania, Schwimmverein K\u00f6ln<\/em> (2024) von Juliane Herrmann: Beim Betrachten der Schwimmer:innen, die beim Aufstellen f\u00fcrs Gruppenfoto gefilmt wurden, r\u00fccken Teamdenken, Wettbewerb sowie Ein- und Ausschluss stark ins Bewusstsein \u2013 die Vereinsmitgliedschaft oder eben die Nichtaufnahme in einen solchen durch exklusive Gruppenbildung. Was war ausschlaggebend, diese Arbeit der Ausstellung voranzustellen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: Die Programmatik des Kunstpalastes ist es, an die Lebenswelt der Menschen anzukn\u00fcpfen. Mir war in diesem Zusammenhang wichtig zu zeigen, dass fotografische Bildformeln in Bezug auf Gemeinschaft immer flexibler werden. So haben wir gegen\u00fcber von Juliane Herrmanns Projektion zum Beispiel ein Bild aus der Mitte des 19. Jahrhunderts geh\u00e4ngt. Es ist eines der fr\u00fchsten Werke unserer fotografischen Sammlung: ein Gruppenportr\u00e4t, das im Studio aufgenommen wurde und auf dem die Menschen sehr starr posieren. Die Gegen\u00fcberstellung mit dem Gruppenbild der Schwimmer:innen bildet aus meiner Sicht einen wichtigen Auftakt um dar\u00fcber nachzudenken, wie extrem sich die Vorstellungen von Gemeinschaft in den letzten einhundert Jahren ausdifferenziert haben. Heute ist es selbstverst\u00e4ndlich geworden, zu zahlreichen Gemeinschaften gleichzeitig zu geh\u00f6ren. In der Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden diese vor allem aus der Familie oder der Religionsgemeinschaft. Durch die Fotografie aber die eigene Zugeh\u00f6rigkeit zeigen zu k\u00f6nnen, ist etwas, das seit dem Entstehen des Mediums praktiziert wurde \u2013 ob in gerahmten Portr\u00e4ts, arrangiert in Alben oder in den Sozialen Medien. Wir sind mittlerweile mit Menschen verbunden, mit denen wir nicht mehr einen physischen Raum, wohl aber Bilder teilen. Dabei ist das Teilen von Bildern f\u00fcr die Gemeinschaftsstiftung mindestens so wichtig geworden, wie auf den Bildern zu erscheinen. Kommunikation ver\u00e4ndert sich durch Medien und Medien ver\u00e4ndern sich, weil es einen Bedarf nach neuen Formen der Kommunikation gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: Das Ausstellungskapitel &#8222;Ein Dorf: Gemeinschaft begleiten&#8220; beginnt mit einer Bildreihe von Ludwig Schirmer, der in den 1950er-Jahren die landwirtschaftlich gepr\u00e4gte Dorfgemeinschaft in Berka in Th\u00fcringen fotografierte. Schirmer ist der Vater der Fotografin Ute Mahler. 1977 entschied sich ihr Mann Werner Mahler, in Reaktion auf Schirmers Bilder eine Reihe sozialdokumentarischer Fotografie dort anzufertigen. 1998 kehrte Werner Mahler zur\u00fcck, um eine Bildreportage f\u00fcr den <em>Stern<\/em> umzusetzen \u2013 die Nachwendebilder blieben aber zun\u00e4chst unver\u00f6ffentlicht. 2020 fertigte Ute Mahler Portr\u00e4ts im nun vereinsamten \u00f6ffentlichen Raum in Berka an; sie zeigen was passiert, wenn Gemeinschaft verschwindet. In welcher Weise vergegenw\u00e4rtigen diese vier Reihen, die im Kunstpalast zusammen in einem Raum gezeigt werden, das Bildermachen als Konstante?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: An dem Mahler-Projekt finde ich so beeindruckend und wichtig, dass es historische und politische Spezifika transportiert, aber zugleich universal wirkt. Darin bilden sich \u00fcber die verschiedenen Jahrzehnte und die politischen Systeme etwa wiederkehrende Rituale ab, wie der Karnevals- oder Faschingsumzug, das Schlachtfest oder die Jugendweihe. Diese Rituale wurden in einer Weise fotografiert, in der sich einge\u00fcbte Routinen der Lebenspraxis der Abgebildeten spiegeln und die ihr Miteinander strukturieren. Auch Menschen, die in westdeutschen D\u00f6rfern aufgewachsen sind, k\u00f6nnen sich mit den Bildern aus Berka identifizieren.<br>Der Wegfall des \u00f6ffentlichen Raums als Ort der Versammlung, wie dann in Ute Mahlers Fotografien deutlich wird, ist ein Ph\u00e4nomen, das sich in den letzten Jahren umfassender beobachten l\u00e4sst. So schlie\u00dfen wir in dem darauffolgenden Kapitel &#8222;Wo begegnen wir uns? Gemeinschaft in Wartestellung&#8220; mit der Arbeit <em>Too Real<\/em> (2022) von Andreas Langfeld an, mit welcher der K\u00fcnstler \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze in D\u00fcsseldorf w\u00e4hrend der Corona-Pandemie festgehalten hat: menschenleere Pl\u00e4tze, die von Absperrungen und Markierungen gezeichnet sind. Mittlerweile sind wir haupts\u00e4chlich durch das Internet mit Menschen &#8222;connected&#8220;, mit denen wir nicht mehr den gleichen physischen Raum teilen. Die Pandemie hat aber gezeigt, wie elementar wichtig physischer Kontakt ist, und dass sich das eine nicht im anderen aufl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"2079\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ludwig-Schirmer-Ohne-Titel-Aus-der-Serie-Ein-Dorf-1950OCo1960-Tintenstrahldruck-27-\u251cu-395-cm-Courtesy-of-the-Artists-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2079\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ludwig-Schirmer-Ohne-Titel-Aus-der-Serie-Ein-Dorf-1950OCo1960-Tintenstrahldruck-27-\u251cu-395-cm-Courtesy-of-the-Artists-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ludwig-Schirmer-Ohne-Titel-Aus-der-Serie-Ein-Dorf-1950OCo1960-Tintenstrahldruck-27-\u251cu-395-cm-Courtesy-of-the-Artists-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ludwig-Schirmer-Ohne-Titel-Aus-der-Serie-Ein-Dorf-1950OCo1960-Tintenstrahldruck-27-\u251cu-395-cm-Courtesy-of-the-Artists-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ludwig-Schirmer-Ohne-Titel-Aus-der-Serie-Ein-Dorf-1950OCo1960-Tintenstrahldruck-27-\u251cu-395-cm-Courtesy-of-the-Artists-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ludwig-Schirmer-Ohne-Titel-Aus-der-Serie-Ein-Dorf-1950OCo1960-Tintenstrahldruck-27-\u251cu-395-cm-Courtesy-of-the-Artists-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"2080\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/13_Binschtok-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2080\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/13_Binschtok-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/13_Binschtok-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/13_Binschtok-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/13_Binschtok-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/13_Binschtok-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Ludwig Schirmer, Ohne Titel. Aus der Serie Ein Dorf, 1950\u20131960, Tintenstrahldruck, 27 \u00d7 39,5 cm, Courtesy of the Artists. <strong>Right<\/strong>: Viktoria Binschtok, Three People on the Phone #4, 2007 (2004). Siebdruck, 70 \u00d7 100 cm. VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Courtesy of the Artist and Klemm\u2019s, Berlin.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: In Deinem Vorwort zum ausstellungsbegleitenden Katalog schreibst Du: &#8222;Menschen brauchen Bilder, um sich ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu vergewissern und sie anderen vor Augen zu f\u00fchren.&#8220; Auf die Fotografie als Medium der Vergewisserung verweist Du auch in Deinem Buch. Ist diese Vergewisserung entscheidend f\u00fcr gesellschaftliche Teilhabe?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: Ein Ausgangsgedanke der Ausstellung und des Buches ist, dass Gemeinschaft zun\u00e4chst etwas Unsichtbares ist: Sie ist fl\u00fcchtig, ein Gef\u00fchl, ein Wunsch, eine Sehnsucht oder aber ein politisches Versprechen. Eine These der Ausstellung ist: Weil Gemeinschaft so ungegenst\u00e4ndlich ist, braucht sie Bilder, um Bindungskr\u00e4fte zu entfalten \u2013 um diese Vergewisserung, die Du erw\u00e4hnt hast, materiell werden zu lassen. Und ich denke, dass dieser Bedarf der Vergewisserung in Verbindung mit der medientechnischen Entwicklung steht. Wolfgang Kemp hat bereits darauf verwiesen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die aus verschiedenen politischen Lagern hervorgegangene Notwendigkeit, Massen darzustellen, die Entwicklung der Fotografie angekurbelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: In der Ausstellung wird das, was Du beschreibst, durch zahlreiche Archivmaterialien oder Printmedien des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts deutlich. In Fotografien markierte Ausschnitte zur Vergr\u00f6\u00dferung in der Presse, abgerissene Personen auf Privatbildern oder konzeptuelle Kunstwerke wie jenes von Alfredo Jaar, in dem farbige Punkte auf die ungleiche Repr\u00e4sentation von schwarzen und wei\u00dfen Menschen in der amerikanischen Presseberichterstattung rund um den Trauerzug bei der Beerdigung Martin Luther Kings Jr. verweisen: In der Schau entsteht Raum, um \u00fcber die Ambivalenz des Vergemeinschaftenden zu reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: Ja, an vielen Stellen verweisen wir auch auf den spaltenden Aspekt, der Fotografie und Gemeinschaft begleitet. Gleichzeitig machen wir deutlich, wie etwa die Wahl des Bildausschnitts dem Herstellen von Beziehungen dient: In der Serie <em>Three People on the Phone<\/em> (2007) von Viktoria Binschtok ziehen die Fotografien einen Rahmen um Personen, die zuf\u00e4llig zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren, und fassen diese dadurch als tempor\u00e4re Gemeinschaften. Das <em>Black Archive Germany<\/em> von Cate Lartey wiederum b\u00fcndelt pers\u00f6nliche Fotografien afrikanischer Diaspora-Communities in Deutschland. Die K\u00fcnstlerin schafft damit eine Plattform f\u00fcr kollektives Erinnern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"732\" height=\"1024\" data-id=\"2081\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao-732x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2081\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao-732x1024.jpg 732w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao-214x300.jpg 214w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao-768x1075.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao-1097x1536.jpg 1097w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao-1463x2048.jpg 1463w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/219_Ferrao.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 732px) 100vw, 732px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Mayara Ferr\u00e3o, Die Hochzeit VI, 2024. Tintenstrahldruck, 20 x 14,5 cm. Courtesy of the Artist &amp; Verve Gallery.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: Gemeinschaft, so verdeutlichst Du in Deinem Buch und in dieser Ausstellung, bezieht sich nicht nur auf das fotografische Bild selbst, sondern umfasst ein <em>Bildhandeln<\/em>. Wodurch kennzeichnet sich dieses?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: Was passiert, bevor der Ausl\u00f6ser gedr\u00fcckt wird, und was passiert danach? Diese beiden Momente, Zeiten und Handlungskonfigurationen sind wichtig um zu verstehen, was die Einflussnahme des Mediums Fotografie ist. Diese Reihe an Praktiken ist genauso bedeutend wie das Bild selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christina Irrgang<\/em>: Welcher Aspekt ist Dir in der Ausstellung besonders wichtig?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linda Conze<\/em>: Da komme ich zur\u00fcck auf die Arbeit von Lee Shulman und Omar Victor Diop: es ist dieser perfide Positivismus von Gruppenbildern, dessen Vergegenw\u00e4rtigung ich besonders wichtig finde. Das Gruppenbild pr\u00e4sentiert sich als stille Tatsache, die scheinbar keine Fragen offenl\u00e4sst. Wenn man sich aber bewusst macht, dass es immer verschweigt, wer fehlt, dann wird es ein unglaublich wirkm\u00e4chtiges Bildgenre.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><a href=\"https:\/\/www.kunstpalast.de\/de\/event\/community-fotografie-und-gemeinschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Community, Fotografie und Gemeinschaft<\/a><\/em>, 11. Februar \u2013 25. Mai 2026. Kuratiert von Linda Conze und Miriam Homer. Kunstpalast, D\u00fcsseldorf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.wallstein-verlag.de\/9783835356009-die-fotografie-und-das-fest.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Linda Marie Conze, <\/a><em><a href=\"https:\/\/www.wallstein-verlag.de\/9783835356009-die-fotografie-und-das-fest.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Die Fotografie und das Fest<\/a> &#8211; Zur medialen Herstellung von Gemeinschaft zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus<\/em>, 2025. Reihe <em>Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte<\/em>, Bd. 10. Erschienen 2025 im Wallstein-Verlag, G\u00f6ttingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr\u00e4ch mit Linda Conze, Leiterin der Sammlungen Fotografie und Zeitbasierte Medien im Kunstpalast, D\u00fcsseldorf. 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