In der Ausstellung "Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly" spannt die Kunsthalle Bremen einen weiten Bogen von der römischen Antike bis zum Urban Sprawl unserer Tage.
Wellig ausgelegter Kunstrasen voller Stolperfallen, dahinter ein Fußballtor und ein Flutlichtmast sowie einer dieser Swimmingpools, die man zu Beginn der Saison an geeigneter Stelle aufbaut, um sie am Ende des Sommers wieder einzumotten: Diese Fotografie eines kleinen Sportplatzes in der römischen Peripherie mit dem Titel "Via del Quadraro (1)" wäre an Banalität kaum zu überbieten, wäre da nicht ein diagonal den Bildraum zerschneidendes Aquädukt aus antiker Zeit. Der 1961 geborene Berliner Fotokünstler Hans-Christian Schink hat diese Aufnahme im Jahr 2014 während eines Stipendiums in der Villa Massimo in Rom gemacht. Sie ist Teil seiner Serie "Aqua Claudia". Schink dokumentiert darin die Überbleibsel der gleichnamigen antiken Wasserleitung, die im Jahr 52 n. Chr. unter Kaiser Claudius eingeweiht wurde. Die imposanten Ruinen dieses einst 69 Kilometer langen Bauwerks werden heute vielerorts von gesichtslosen Zweckbauten, Stromtrassen und Verkehrsanlagen bedrängt. Schinks mit der analogen Großbildkamera aufgenommene Fotografien zeigen die unkontrollierte Zersiedelung und Zerstörung von Natur- und Kulturlandschaften in der Umgebung der italienischen Hauptstadt, kurzum das, was in der Geografie als Urban Sprawl bezeichnet wird. Die stets menschenleeren Aufnahmen entstanden kurz vor Sonnenaufgang mit langen Belichtungszeiten.


Wiederentdeckung eines deutschen Romantikers
Dieser C-Print mit den imposanten Maßen 178 x 211 cm und eine ganze Reihe weiterer Aufnahmen von Schink sind jetzt in einer sehr besonderen Ausstellung zu sehen, die eigentlich einem viel älteren Künstler gewidmet ist: dem deutschen Romantiker Friedrich Nerly (1807-1878). Die Schau "Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom" in der Kunsthalle Bremen versammelt rund 160 Arbeiten, darunter Gemälde, Ölstudien, Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien. Neben Werken von Nerly sind auch Arbeiten seiner Zeitgenossen wie etwa Carl Blechen, Johann Wilhelm Schirmer und Carl Spitzweg zu sehen.
Die Ausstellung konzentriert sich auf die sechs prägenden Jahre, die Nerly zu Beginn seiner dauerhaften Übersiedlung von Deutschland nach Italien in Rom verbracht hat. Von hier jedoch stieß er auch zu zahlreichen anderen markanten Orten vor, um diese künstlerisch, zunächst in Form von Zeichnungen und Aquarellen, zu erfassen. Dieses umfangreiche Material diente ihm schließlich zur Ausformulierung teils außerordentlich erfindungsreicher, aus vielen unterschiedlichen Landschaftselementen und Perspektiven zusammengesetzter Gemälde. Neben den von Rom nicht allzu weit entfernten Zielen Tivoli und Olevano reiste Nerly auch weiter südlich die Küste entlang bis nach Neapel und Sizilien.
Von der Depotleiche zur Ikone
Im Zentrum der Ausstellung in der Kunsthalle Bremen steht das 1836 entstandene und erst vor wenigen Jahren frisch restaurierte Gemälde "Campagnalandschaft mit Aqua Claudia". Darauf zu sehen ist ein Motiv, das lange Zeit kaum als bildwürdig betrachtet wurde: nämlich die relativ einsam in der Landschaft stehenden Überreste dieser gigantischen Wasserleitung aus römischer Zeit, mithin also weder ein Tempel noch ein Palast oder eine Kirche, sondern ein Bauwerk der Daseinsvorsorge. Im heutigen Sprachgebrauch würde man gar von "kritischer Infrastruktur" sprechen.
Soviel Wert Nerly auf die sorgfältige malerische Inszenierung des überwiegend aus lokalem Tuffstein zusammengefügten Bauwerks legt, so sehr ist ihm offenbar auch bewusst, dass er dem Publikum etwas mehr narratives Futter bieten muss, um dessen Aufmerksamkeit zu erheischen. Er macht das in Form einer Genredarstellung. Wie die Ausstellung anhand einer Reihe älterer Bleistiftstudien eindrucksvoll unter Beweis stellt, hat Nerly schon in den Jahren zuvor Hirten und mit langen Lanzen bewaffnete Stierjäger in der römischen Campagna gezeichnet. Aber auch architektonische Details, wie einen Mosaikfußboden mit floralen Verschlingungen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, all diese Elemente in ein großes Gemälde zu integrieren. Zu sehen sind denn auch im Zentrum des Bildes zwei recht wild dreinblickende Gesellen, die aus dem Pferdesattel heraus mit langen Lanzen zwei Stiere gefügig machen. Unterstützt werden sie dabei von zwei zähnefletschenden Jagdhunden. Nerly nimmt sich aber noch eine weitere Freiheit, indem er unterschiedliche Perspektiven aus denen heraus er die Wasserleitung gesehen hat, zu einem harmonischen Gesamteindruck amalgamiert.


Restauratorische Meisterleistung
Das Gemälde befindet sich seit dem Jahr 1953 in der Sammlung der Kunsthalle Bremen. Die vom Keilrahmen abgespannte Leinwand lag aufgerollt im Depot. Auf Grund seines desolaten Zustandes wurde das Bild seit mindestens 150 Jahren nicht mehr ausgestellt. In die Sammlung des Bremer Museums gelangte das Werk durch einen Ankauf, den der damalige Direktor der Kunsthalle aus dem Besitz der Ururgroßnichte des Künstlers tätigte. Unter den erworbenen 550 Zeichnungen und Aquarellen Nerlys befand sich eben auch die aufgerollte Leinwand der Campagnalandschaft. Besonders die Oberfläche war stark beschädigt. Allein die Gesamtlänge der Risse betrug 3,5 Meter. Erst in den Jahren 2017/18 wurde das Bild dann in der Werkstatt des Düsseldorfer Restaurators Börries Brakebusch in mehr als 300 Arbeitsstunden aufwendig restauriert und zurück in den Originalzustand versetzt.
Die Genese eines populären Bildsujets
Die Idee, rund um dieses außergewöhnliche Gemälde eine Ausstellung zu entwickeln, ist Dorothee Hansen, der stellvertretenden Direktorin der Kunsthalle Bremen und Kuratorin der Schau, dann im Jahr 2019 während eines Studienaufenthalts in Rom gekommen. Hansen gelingt mit der wissenschaftlich hochpräzise untermauerten Ausstellung dreierlei. Einerseits rückt sie die Bedeutung eines bisher selten ausgestellten Deutsch-Römers in den Fokus der Aufmerksamkeit, was für die Fachwelt und das breite Publikum eine kleine Sensation darstellt. Andererseits untersucht sie – ausgehend von Nerly – die Genese eines seit den späten 1820er Jahren populären Bildsujets. Dabei beschränkt sie sich keineswegs nur auf Nerly und Zeitgenossen, sondern spürt dem Motiv und seiner Rezeptionsgeschichte bis in die popkulturelle Gegenwart einer Netflix-Serie nach. Im letzten Raum der Schau ist eine kurze Videosequenz aus der Serie „Ripley“ (2024) zu sehen, in welcher der Protagonist Tom Ripley ein Mordopfer unterhalb der Aqua Claudia deponiert. Und drittens erzeugt Dorothee Hansen mit der Schau Aufmerksamkeit für ein gerade in Zeiten des Klimawandels und der Erderwärmung virulentes Thema. Sinkende Grundwasserspiegel und die gleichzeitig zu beobachtende Strategie multinationaler Lebensmittelkonzerne wie zum Beispiel Nestlé, den Zugriff auf die lebenswichtige Ressource Wasser zu privatisieren und kommerziell auszubeuten, erzeugen einen schwer zu durchbrechenden Teufelskreis, der dem Menschenrecht auf sauberes und bezahlbares Wasser zuwiderläuft.


Nachlass in seltener Fülle
Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Künstler des 19. Jahrhunderts fast alle seine Zeichnungen und Aquarelle ein Leben lang bei sich behält und im Laufe seiner Karriere immer wieder als Vorlagematerial für Gemälde verwendet. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung seines Werks ist das natürlich ein Geschenk. "Nerly hat sämtliche Vorstufen aufbewahrt, das konnten bekritzelte Zettel, Aquarelle oder Ölstudien sein. So wird sein Arbeitsprozess nachvollziehbar", sagt Dorothee Hansen, die Nerlys Stil als "fragmentierten Realismus" bezeichnet. Die Bremer Ausstellung versammelt denn auch zahlreiche Studienblätter, etwa mit Darstellungen von Wasserfällen, Fels- und Wolkenformationen, Gebirgszügen, Tempelruinen, undefinierbarem Buschwerk oder prächtigen Zypressen. Ebenso interessierte ihn aber auch die Darstellung eher diffuser Erscheinungen wie Moose und Flechten, Gischt und Nebel oder ganz einfach Licht und Schatten. In einer Art Baukastentechnik setzte Nerly erst im Atelier bestimmte, zuvor in der Landschaft gezeichnete Elemente aus Architektur, Topografie und Natur zu idealtypischen Kompositionen zusammen. Die detailverliebte Akkuratesse etwa bei der Darstellung der einzelnen Steinblöcke, aus denen das majestätische Aquädukt zusammengesetzt ist, trifft dabei auf nahezu abstrakt aufgefasste Naturstudien und formt ein harmonisches Ganzes. Dorothee Hansen liefert in der Bremer Ausstellung zahlreiche Beispiele für den Entstehungsprozess der Bilder, indem sie vorbereitende Arbeiten unmittelbar neben den Gemälden präsentiert und so wiederkehrende Elemente sichtbar macht.
Bei Nerly verhält es sich so, dass der ganz überwiegende Teil seines Nachlasses auf nur zwei Orte verteilt ist. Der zweite große Werkkomplex ist im Besitz des Angermuseums in Erfurt, der Stadt, wo der Künstler 1807 als Sohn eines Postsekretärs geboren wurde. Sein Geburtsname lautete Christian Friedrich Nehrlich. Den Nachnamen änderte er erst in Italien.
Erste Lehrjahre
Bereits im Alter von acht Jahren verliert Nerly seinen Vater und wird von seiner Familie getrennt. Ein Netzwerk von Onkeln in Hamburg und Schleswig-Holstein nimmt sich seiner an und legt die Grundlagen dafür, dass er sein schon früh erkanntes zeichnerisches Talent weiter ausbauen kann. In der von seinem Onkel Heinrich Joachim Herterich betriebenen "Hamb. Steindruckerei Speckter & Herterich" absolviert er zunächst eine Ausbildung zum Lithographen.


Illustre Bekanntschaften
Mit 16 Jahren wird Nerly dann zum Zögling von Carl Friedrich von Rumohr (1785-1843), einem bestens vernetzten holsteinischen Adeligen, Kunsthistoriker und Schriftsteller. Dieser unterrichtet ihn unter anderem im Zeichnen und in der Freiluftmalerei. Aber auch im gesellschaftlichen Umgang. Auf gemeinsamen Reisen stellt er ihn so illustren Zeitgenossen wie Johann Wolfgang von Goethe und dem dänischen Kronprinzenpaar vor. Von Rumohr ist es auch, der Friedrich Nerly mit auf eine Reise in die Toskana nimmt. In Siena trennen sich dann im Jahr 1829 ihre Wege. Nerly reist weiter nach Rom, wo er bis 1835 lebt und arbeitet. Nach einem kurzen Intermezzo in Mailand geht er dann 1837 nach Venedig, welches bis zu seinem Tod 1878 sein ständiger Wohnsitz bleiben sollte.
Schnelle Anerkennung in Rom
Angekommen in Rom, hat er das Glück, sofort mit offenen Armen von der dortigen Kunstszene, bestehend aus Künstlern, Gelehrten und vornehmer Gesellschaft, empfangen zu werden. Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählen etwa der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen und die deutschen Maler Friedrich Overbeck und Johann Christian Reinhart. Gerade erst im Januar 1829 in Rom angekommen, wird Nerly bereits am 1. Mai desselben Jahres zum Generalissimus der Ponte-Molle-Gesellschaft gewählt, in der sich deutsche und skandinavische Künstler zusammenfanden. In Rom änderte er dann auch seinen Geburtsnamen Nehrlich in Nerly, da er der Meinung war, das sei im Italienischen klangvoller. Damit erwies er sich als früher Vertreter einer Kulturtechnik, die man heute wohl als Personal Branding bezeichnen würde. Obwohl jetzt dauerhaft in Italien ansässig, gelingt es Nerly, wiederum durch die Vermittlung seines Mentors von Rumohr einen festen Kundenstamm nördlich der Alpen zu etablieren. Dazu zählt nicht nur das dänische Kronprinzenpaar sondern zum Beispiel auch namhafte Hamburger Patrizier wie die Senatoren Martin Johann Jenisch und Carl Godeffroy.

Signature Work mit Breitenwirkung
Dass Nerly bei seiner Karriereplanung durchaus strategisch agierte, beweist auch das ebenfalls in Bremen ausgestellte Gemälde "Büffel ziehen einen Marmorblock" (1832/1833), das Dorothee Hansen als "Signature Work" einordnet. Es zeigt den äußerst mühseligen Transport eines tonnenschweren Marmorblocks vom toskanischen Carrara nach Rom. Das Genrebild beeindruckt im malerischen Sinne durch die dramatisch aufgeladene und detailreiche Darstellung der unter der enormen Last fast zusammenbrechenden schwarzen Büffel als Zugtiere und den Bemühungen der Treiber, sich diese mit Lanzenstichen gefügig zu machen. Die wolkenverhangene Bergkulisse im Hintergrund greift einmal mehr bei Nerly die Urgewalt der Natur auf. Einen äußerst geschickten Schachzug Nerlys stellt aber auch die Tatsache dar, dass in den Marmorblock bereits der Name seines Adressaten hinein gemeißelt wurde: „XXIII/Thorvaldsen/Roma“ ist da zu lesen. Es muss sich also um den Marmorblock handeln, aus dem der in Rom tätige dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) später das Grabmonument für den verstorbenen Papst Pius VII. schaffen sollte. Indem er sich also auf subtile Art und Weise mit der Strahlkraft dieses erfolgreichen Kunst-Unternehmers und unumstrittenen Primus inter pares der deutsch-skandinavischen Künstlerkolonie in Rom verband, erhöhte Nerly die eigene Sichtbarkeit enorm. Während das Originalgemälde von Zar Nikolaus I. erworben wurde, erwarb der offenbar geschmeichelte Thorvaldsen eine zweite Fassung für seine öffentlich zugängliche Privatsammlung.
Späte Jahre in Venedig
Parallel zu der Hauptausstellung wird im Grafischen Kabinett der Kunsthalle Bremen noch die kleine Ausstellung "Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen" gezeigt. Neben zwei Gemälden sind hier vor allem pittoreske Ansichten der Lagunenstadt auf Papier zu sehen, die in den 41 Jahren von Nerlys dortiger – auch kommerziell sehr erfolgreicher – Tätigkeit entstanden sind. Die nur sieben römischen Jahre Nerlys aber gelten als Weichenstellung für die spätere Karriere dieses vom heutigen Ausstellungsbetrieb ein wenig übersehenen Wahl-Italieners. Ihre zentralen Werke werden nun in der Bremer Ausstellung ausführlich gewürdigt. Darüberhinaus macht die Einordnung des Motivs Aquädukt in den Kontext älterer und neuerer Darstellungen, die von Radierungen Giovanni Battista Piranesis aus dem 18. Jahrhundert über Hans-Christian Schinks eingangs erwähnte Fotografien bis hin zu der Netflix-Serie "Ripley" reicht, die Schau auch für ein breiteres und jüngeres Publikum sehr sehenswert.
Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom, Kunsthalle Bremen, bis 5. Juli 2026.
Ein Katalog zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen.
Zeitgleich zu der Ausstellung zu sehen ist die Kabinettausstellung "Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen".