Features & Reviews

Der Solist im Kollektiv
Dieter Urbach, Großhügelhaus, Vision: Josef Kaiser, 1971. © Berlinische Galerie.
Features & Reviews

Der Solist im Kollektiv

Josef Kaiser war einer der wichtigsten Architekten der DDR. Die Berlinische Galerie widmet ihm eine aufschlussreiche archivbasierte Retrospektive.

Ein Spaziergang entlang der Karl-Marx-Allee und man hat, bewusst oder unbewusst, eine kleine Geschichte der Architektur der ehemaligen DDR durchwandert: vom Frankfurter Tor bis zum Alexanderplatz reihen sich die gebauten Zeitschichten und wechselnden Paradigmen wie an der Perlenschnur aneinander. Von den Prachtbauten des sozialistischen Klassizismus am Frankfurter Tor bis hin zur schlanken Moderne des Kino International kurz vor dem Alexanderplatz zeigt sich in verdichteter Form, wie nach dem Tode Stalins internationale Tendenzen Einzug hielten, der Plattenbau vorangetrieben wurde und Architekten kreative Freiheit gewannen. Einer dieser Architekten war Josef Kaiser, von dem der Entwurf für das Kino International stammt und der die Architektur der DDR bis zu ihrem Ende mitprägte. 2025 übernahm die Berlinische Galerie den Nachlass Kaisers aus dem Besitz seines Sohnes und zeichnet dessen Karriere in der Ausstellung "Josef Kaiser. Bauen für die DDR" entlang der prägnantesten Bauten nach. Zwischen heute und gestern Den Auftakt zur Ausstellung markiert mit Tracey Snellings fröhlich blinkender Arbeit "Großhügelhaus" (2026) eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit Kaisers unrealisiert gebliebener Vision einer sozialistischen Musterstadt. Snellings Modell, bevölkert von fiktiven Einwohner*innen und mit Klängen des alltäglichen Lebens unterlegt, räumt damit gleich zu Beginn mit der Vorstellung von der ausschließlich grauen und tristen DDR auf. Betritt man im Anschluss den eigentlichen Ausstellungsraum, muss man sich aber zunächst zeitlich neu orientieren, denn hier beginnt der Rundgang in der Frühphase der DDR, kurz nach Gründung des sozialistischen Staats: noch ganz der Doktrin des sozialistischen Klassizismus entsprechend, entwarf Kaiser als Mitarbeiter in Hanns Hopps Meisterwerkstatt 1951 das Kulturhaus Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn. Mit dem klassizistischen Bau, den die Ausstellung in Zeichnungen, Fotos und einem Modell dokumentiert, knüpfte Kaiser nahtlos an seine Arbeit im NS-Regime an. Links: Schnepp Renou, Kulturhaus Maxhütte, 2026. Entwurf: Hanns Hopp und Josef Kaiser. © Schnepp Renou. Rechts: Schnepp Renou, Wohnkomplex II in Eisenhüttenstadt, 2026. Entwurf: Josef Kaiser und Joachim Schrader. © Schnepp Renou. Hierzu zunächst ein kurzer biografischer Exkurs: Josef Kaiser wurde im heute slowenischen Celje geboren und studierte bis 1935 Architektur an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag. Seine ersten Schritte als Architekt machte er somit zur Zeit des Nationalsozialismus und wusste sich dessen System ziemlich erfolgreich anzupassen: seit 1936 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste, heuerte Kaiser im Weimarer Büro des konservativ-modernen Architekten Ernst Flemming an. Sein erstes Projekt war dort die Mitarbeit am Wettbewerb für das NSDAP-Kreishaus in Weimar, das die Ausstellung ebenfalls mittels Zeichnungen belegt. In den Folgejahren entwarf Kaiser dann, u.a. im Zentralen Architekturbüro der Deutschen Arbeitsfront, Wohnungs- und Repräsentationsbauten, die sich dem vereinfachten Klassizismus der NS-Architektur anschlossen und dessen Ordnungssystem er auch in der frühen DDR verwenden konnte. DDR-Moderne und der Blick gen Westen Nachdem Josef Stalin 1953 gestorben war, wandelten sich die Vorzeichen auch im Bereich der Architektur: sein Nachfolger Nikita Chruschtschow verbannte den Klassizismus und setzte ganz auf die Rationalisierung und Modernisierung des Bauens. Von diesen Vorgaben profitierten auch die Architekten in der DDR, die sich nun einer zeitgemäßen, modernen Formensprache bedienen durften. Aus dieser Zeit stammen Josef Kaisers prägnanteste Bauten, die heute das Bild von der DDR-Moderne prägen und den Übergang zu Leichtigkeit und Transparenz dokumentieren. Ausgehend vom Kino Kosmos (1956) präsentiert die Ausstellung u.a. die bis 1968 realisierten Schlüsselbauten auf der Karl-Marx-Allee. Doch während das Kino Kosmos noch von einer repräsentativen Schwere geprägt ist, verlieh Kaiser dem Kino International und dem heutige Café Moskau mit der angrenzenden Mokka-Milch-Eisbar eine transparente Leichtigkeit: mit ihren großflächig verglasten Fassaden schlossen die Stahlskelettbauten an die internationalen Entwicklungen der Nachkriegsmoderne an und zeigten, dass die DDR mit der Bundesrepublik auf Augenhöhe konkurrieren konnte. Dabei waren Kaisers Bauten keinesfalls isolierte Solitäre, sondern fügten sich in als Teil einer umfassenden städtebaulichen Planung in das Gefüge Ost-Berlins ein. Als Teil des zweiten Bauabschnitts der damals noch Stalin-Allee heißenden Karl-Marx-Allee repräsentierten sie die Kultur innerhalb einer funktional gegliederten Ordnung, die Kaiser zusammen mit Werner Dutschke und Edmund Collein nach internationalem Vorbild entwickelt hatte. Links: Dieter Urbach, Die Plattenbauten Alexanderstraße, Collage, um 1965. © Berlinische Galerie. Digitalisat: A. E. Witte. Mitte: Fotograf*in unbekannt, Restaurant Moskau mit Strausberger Platz, um 1965. Entwurf: Josef Kaiser und Horst Bauer. © Berlinische Galerie. Digitalisat: A. E. Witte. Rechts: Dieter Urbach, Hotel Berolina und Kino International, 1966. © Berlinische Galerie. Digitalisat: A. E. Witte. In die Zeit der post-stalinistischen Lockerungen fallen auch Kaisers Bemühungen um eine freiberufliche Tätigkeit: zwar war er zwischen 1956 und 1968 eng mit einem festen Kollektiv verbunden, versuchte sich aber auch immer wieder als Solist. So fand sich im Nachlass sein Wettbewerbsentwurf für die Bonner Beethovenhalle, den er dank Genehmigung zum internationalen Wettbewerb 1954 einreichen durfte, sowie Wohnhausprojekte in Essen, Mannheim und West-Berlin. Darüber hinaus arbeitete das sogenannte Kollektiv Kaiser ab 1959 an einem echten Prestigeprojekt der DDR, dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheit, einem der wichtigsten Regierungsgebäude im politischen Gefüge der DDR. 1964 erhalten Kaiser und Kollegen den Auftrag zur Realisierung an architekturhistorisch bedeutender Stelle: in direkter Nachbarschaft zu Karl Friedrich Schinkels Friedrichswerderscher Kirche und auf dem Grundstück der eigens abgerissenen Schinkel'schen Bauakademie, erhob sich ein streng gerasterter Block über einem erhöhten Sockelgeschoss und formulierte baulich den Anspruch der DDR auf internationale Anerkennung. Im Ausstellungsraum dokumentiert eine großformatige Fotografie von Gerd Danigel neben einer Präsentationszeichnung die prominente räumliche Beziehung zu Schinkels Kirche. 1967 fertiggestellt, war das Ministerium auch Kaisers letztes großes Projekt in Ost-Berlin. Man darf davon ausgehen, dass die Arbeit im Kollektiv für Kaiser nicht eben einfach gewesen ist, denn sein Hang zum Individualismus stieß bei Kollegen, vor allem aber bei seinem Vorgesetzten Hermann Henselmann auf starke Kritik: dieser störte sich an dessen eigenständiger Arbeitsweise und mangelnder Kooperationsbereitschaft. Möglicherweise waren dies auch Gründe für seine Entlassung als Chefarchitekt beim VEB Berlin-Projekt 1968 und seinen anschließenden Umzug nach Dresden. Endlich allein? Nach dem Ende seiner Tätigkeit in Berlin wird Kaiser 1969 Professor am Weiterbildungsinstitut für Städtebau und Architektur in Naumburg und widmete sich vor allem theoretischen Überlegungen zur Architektur. Aus diesen entstand das Projekt "Großhügelhaus", das Tracey Snellings in ihrer gleichnamigen Arbeit thematisiert und das u.a. in zwei fantastischen bunten Illustrationen im Ausstellungsraum präsent ist. Mit diesem Projekt nahm Kaiser zeitgenössische Diskussionen rund um das Thema hochverdichtetes Wohnen in Megastrukturen auf. Ab 1973 kehrt er dann auch zumindest zeitweise nach Berlin zurück und wirkt als Berater Erhardt Gißkes, dem Direktor der Aufbauleitung für Sonderbauvorhaben Berlin, an großen Projekten wie dem Palast der Republik, dem Friedrichstadtpalast oder auch dem Chirurgischen Zentrum der Charité mit. Nachdem auch diese Aufgaben abgeschlossen sind, zieht Kaiser sich nach 1984 ins Private zurück und überlebt die Wiedervereinigung lediglich um rund ein Jahr: am 5. November stirbt er bei einem Autounfall nahe Altenburg in Thüringen. Links: Rolf Vetter, Karl-Marx-Allee zwischen Alexanderplatz und Strausberger Platz, 1970. © IRS Erkner. Foto: Rolf Vetter. Rechts: Lothar Willmann, Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, undatiert. Entwurf: Kollektiv Josef Kaiser. © IRS Erkner, Bestand Lothar Willmann. Das bauliche Erbe der DDR Neben der verdienstvollen und wunderbar klar gegliederten Präsentation der Haupt- und Nebenwerke Josef Kaisers wirft die Ausstellung in der Berlinischen Galerie aber auch Fragen bezüglich des Umgangs mit der Architektur der DDR auf: Kaisers Hauptwerke auf der Karl-Marx-Allee zwar heute in frisch restauriertem Glanz, andere, wie das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, sind aber bereits seit den 1990er Jahren Geschichte. Überhastet machte das wiedervereinigte Deutschland kurzen Prozess mit den auf verschiedenen Ebenen als Belastung empfundenen Bauten der DDR: das Außenministerium musste dem Wunsch nach Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses weichen. An seiner Statt soll seit langem schon eine Rekonstruktion der Schinkel'schen Bauakademie als Zirkelschluss der Geschichte entstehen. Dem gleichen Prinzip musste auch der Palast der Republik weichen, dessen Abriss mit Beschluss des Bundestags 2003 besiegelt wurde. Ihm hatte schon in der DDR die Ruine des barocken Berliner Schlosses weichen müssen, das dann wiederum nach Abriss des Palastes der Republik durch eine Teilrekonstruktion eben dieses Schlosses ersetzt wurde. Diese Rekonstruktionskapriolen sind in der Retrospektive und im Angesicht der in der Ausstellung präsentierten architektonischen Qualität mehr als kritisch zu betrachten. Zu lange verstellten Vorurteile den Blick und dominierte der triste Plattenbau das Image der DDR-Architektur. Streift man nun durch den Ausstellungsraum, entlang der Pläne und Zeichnungen, den sich wandelnden stilistischen Paradigmen und gesellschaftlichen Vorstellungen, entsteht ein differenzierteres Bild der deutsch-deutschen Baugeschichte: Visionen und Träume wurden beiderseits des Eisernen Vorhangs verfolgt und architektonische Qualität war kein Privileg des vermeintlich ideologiefreien Westens. Das zeigt exemplarisch Josef Kaisers Oeuvre und es ist zu hoffen, dass auch in Zukunft noch weitere Architekt*innen aus dem Dickicht der ostdeutschen Planungskollektive so gewinnbringend herausgelöst werden, wie derzeit in Berlin. Berlinische Galerie, Josef Kaiser, Bauen für die DDR, 28. August 2026 – 1. Februar 2027.

Text: Phillip Ost

Features & Reviews

Open Art Munich Gallery Weekend

Die Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst veranstaltete auch dieses Jahr wieder das seit 1989 fest verankerte Kunstwochenende.

Text: Quirin Brunnmeier

8 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Mut zur Lücke

Zum 50. Geburtstag widmet sich das Museum Ludwig in der Ausstellung "Along the Color Line" dem Fehlen afroamerikanischer Modernisten.

Text: Daniel Kothenschulte

Winold Reiss, Miss Zora Neale Hurston, 1925. (Reproduktion). Pastell auf Whatman-Karton. Courtesy Fisk University Galleries. © Fisk University Galleries.
9 Min. Lesezeit
Anzeige
Features & Reviews

Wenn Statuen sprechen könnten

In ihrer ersten deutschen Einzelausstellung durchleuchtet Sara Sallam die ägyptischen Sammlungen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe.

Text: Dietrich Heißenbüttel

8 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Symbol der Endlichkeit

Zum Auftakt der Berlin Art Week kam es in der Italienischen Botschaft in Berlin zu einer denkwürdigen Begegnung von Berlinde De Bruyckere und Caravaggio.

Text: Ingo Arend

7 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Arrow of Time

Emilija Škarnulytė im Kunstmuseum St.Gallen Lokremise, 22. August bis 8. November 2026.

Text: Aoife Rosenmeyer

5 Min. Lesezeit
Features & Reviews

The Architect & The Housewife

Das Groninger Museum startet unter Roos Gortzak ein neues Kapitel.

Text: Christina Irrgang

Alessandro Mendini, Tea & coffee piazza, 1983. Groninger Museum. Foto: John Stoel.
10 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Apertura Madrid

Bereits zum 17. Mal eröffnete das Galeriewochenende Apertura Madrid die kulturelle Saison in der spanischen Hauptstadt. Zu sehen sind die mannigfaltigen Ausstellungen noch bis Ende Oktober.

Text: Quirin Brunnmeier

9 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Charles Rays Rückkehr nach Kassel

Jahre nach seinem documenta-Auftritt zeigt das Fridericianum die erste institutionelle Einzelausstellung des Bildhauers in Deutschland.

Text: Linda Sandrock

8 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Crossing Currents

Die Hamburg Art Week feierte Premiere und brillierte.

Text: Christina Irrgang

10 Min. Lesezeit
Features & Reviews

Reduziert auf die Attitüde, die bloße Geste

Mediengeschichte im ZKM: Die Ausstellung Der Fernseher als Galerie präsentiert die Fernseh- und die Videogalerie von Gerry Schum und Ursula Wevers.

Text: Dietrich Heißenbüttel

12 Min. Lesezeit