Ausstellungsansicht, F.C. Gundlach, You'll Never Watch Alone. Bucerius Kunst Forum. 8.5. - 16.8.2026. Foto: Ulrich Perrey.

Fotografie entsteht im Miteinander

Ein Blick auf die 9. Triennale der Photographie Hamburg

Eine rote Glühbirne hängt von der Decke herab und führt über ihr gedimmtes Licht in die Black Box: Der Raum ist tiefschwarz, seine Konturen durch das aufflackernde 16-mm-Filmbild nur schematisch zu erkennen. Denn auch der hier projizierte Film zeigt Räume, die mit nur wenigen Lichtquellen ausgestattet sind. Nischen, in denen punktuell gesetzte Lampen rot leuchten; Gänge und lange Flure, die in einen Orange-Schimmer getaucht sind. Dröhnendes Rauschen durchzieht die Innenräume der Fabrik, innerhalb der sich Menschen durch Raumfluchten bewegen, Maschinen bedienen oder hinter verglasten Büroräumen telefonieren. Glänzende transparente Flächen, die kilometerlang durch Walzen und in Schleifen über Rollen fließen, reflektieren in Blau, Rot oder Violett und durchlaufen einen Prozess, der endlos wirkt. Zwei Männer ummanteln dann eine der meterdicken Rollen, die mechanisch gehalten wird, mit Folie. Sie machen den in der Fabrik produzierten Zelluloidfilm zur Weiterverarbeitung transportfertig.

Für ihren Film Kodak (2006) hat Tacita Dean (*1965) die Filmproduktionsanlage von Kodak im französischen Salon-sur-Saône und die darin vollzogene Arbeit gefilmt, nachdem sie erfuhr, dass das Werk schließen würde. Ihr eigenes filmisches und fotografisches Arbeiten war davon berührt und der Wandel von Film zu digitalen Bildaufzeichnungstechniken wurde ihr bewusst, als sie selbst keinen handelsüblichen 16-mm-Schwarzweißfilm mehr erwerben konnte. Zuvor waren im Kodak-Werk keine Kameras zu filmischen Zwecken zugelassen worden; Dean erhielt nun aber eine Genehmigung, die Filmherstellung im Werk zu dokumentieren. Ihr Film, der im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg in der Hamburger Kunsthalle in der Ausstellung Aber Ich | Die Welt | Ich sehe | Dich* gezeigt wird, erinnert an den Zelluloidfilm, der Fotografie und Film jahrzehntelang als bildgebendes Medium formte.

Welche Bedeutung hat Fotografie heute?

Doch welche Bedeutung hat Fotografie heute? Das fragt der künstlerische Leiter dieser Triennale, Mark Sealy, und verweist in seinem Konzept mit dem Titel Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other auf die Möglichkeiten der Fotografie, Menschen miteinander zu verbinden und zum Nachdenken über Gerechtigkeit, Verantwortung und Menschlichkeit anzuregen. Dieser zentrale Aspekt wird zum Leitfaden der insgesamt elf Ausstellungen, die in den Deichtorhallen Hamburg mit der Halle für aktuelle Kunst, dem PHOXXI – Haus der Photographie Temporär, der Sammlung F.C. Gundlach und der Sammlung Falckenberg; dem Bucerius Kunst Forum; der Hamburger Kunsthalle; dem Kunsthaus Hamburg; dem Kunstverein in Hamburg; dem MARKK – Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt; dem Museum der Arbeit sowie dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg gezeigt werden. Das Spektrum der größtenteils von den Häusern selbst ausgerichteten Schauen ist weit gefächert und u.as. mit Künstler*innen wie Jasmina Cibic, Hannah Darabi, Mónica de Miranda, Arlene Gottfried, Melike Kara, On Kawara, Randa Mirza, Tyler Mitchell, Santu Mofokeng, Nina Porter, Jo Ractliffe, Franki Raffles, Sara Sallam, Alina Szapocznikow, Lara Tabet oder Nil Yalter.

"Gemeinsam sehen" ("Seeing Together") ist ein leitender Gedanke der diesjährigen Ausgabe des internationalen Fotofestivals, das Mark Sealy zusammen mit Bettina Freimann und Cale Garrido erarbeitet hat und das von einem umfangreichen Programm sowie von Satellitenausstellungen begleitet wird. Sealys Triennale-Konzept bezieht sich auf den Song Nature Boy, der von Eden Ahbez (1908–1995) geschrieben und von Nat King Cole (1919–1965) interpretiert wurde, welcher damit 1948 einen Nummer-Eins-Hit landete. Zahlreiche weitere Musiker*innen versuchten sich an dem Stück, so zum Beispiel Frank Sinatra, Sarah Vaughan, David Bowie, Massive Attack oder Lady Gaga. Nun dient Sealy das Lied mit der Kernbotschaft "The greatest thing you’ll ever learn / is just to love and be loved in return" als "spirituelle Grundlage" der Triennale und verwebt es mit den humanistischen Theorien des Philosophen Emmanuel Lévinas (1906–1995) und dem handlungsgeprägten Liebesbegriff der schwarz-feministischen Autorin und Aktivistin bell hooks (1952–2021). Diese drei Bezugspunkte werden allerdings nur sehr verkürzt dargestellt, ihre Inhalte etwa im Triennale-Guide kaum erläutert. Stattdessen bilden die Worte Alliance, Infinity und Love als frei zu assoziierende Gedankenbilder den Kitt für das Fotofestival Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other. Unter dem gleichen Titel läuft die von Sealy kuratierte Ausstellung in der Halle für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen: Diese möchte etwa neben dem im Titel formulierten Anliegen der Anerkennung des Anderen auch "zum Nachdenken über die Vertrautheit der 'Wesensart' von Fotografie einladen." Doch was ist damit gemeint?

You’ll Never Watch Alone

1999 initiierte F.C. Gundlach die Triennale der Photographie in Hamburg, die seither als stadtweites Kollaborationsprojekt stattfand. Anlässlich des 100. Geburtstags des international sowie für die Hamburger Fotografie-Kultur bedeutenden Fotografen, Galeristen, Sammlers, Unternehmers und Netzwerkers, richtet das Bucerius Kunst Forum im Rahmen der nun 9. Triennale mit F.C. Gundlach: You’ll Never Watch Alone eine Schau aus, die das einflussreiche Wirken von F.C. Gundlach (1926–2021) in den Blick nimmt (bis 16. August 2026).

Bekannt geworden ist Franz Christian Gundlach durch seine Modefotografien, für deren Produktion er die ganze Welt bereiste. Nach einer Ausbildung zum Fotografen an der Privaten Lehranstalt für Moderne Lichtbildkunst bei Rolf W. Nehrdich in Kassel, wirkte der im hessischen Heinebach geborene Gundlach, dessen Eltern eine Gastwirtschaft mit Kino betrieben, als Operateur in den Hollywood-Studios in Wiesbaden, assistierte bei der Modefotografin Ingeborg Hoppe in Stuttgart und bei Harry Meerson in Paris. Bereits ab 1949 veröffentlichte F.C. Gundlach seine Fotografien in Funk- und Fernsehzeitschriften sowie Illustrierten, für die er Starporträts, Reportagen und Modeberichte umsetzte. Allein bis 1966 setze er mehr als 100 Titelbilder und über 2500 Seiten im redaktionellen Modeteil der Film und Frau um, gefolgt und begleitet von Zusammenarbeiten wie jener mit der Brigitte, für die er bis 1986 rund 180 Titelbilder und über 5500 Seiten des redaktionellen Modeteils fotografierte. Grundlach realisierte unzählige Kampagnen. Und seine Inszenierungen von Mode lieferten Vorbilder für Millionen von Frauen – deren Stil und Erscheinungsbild aber nicht selten von homosexuellen Modeschöpfer*innen und Fotograf*innen geprägt wurde.

1955 begann Gundlach eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Lufthansa anlässlich des Eröffnungsflugs der Nordamerika-Linie – und er sicherte sich damit zugleich (durch die Entlohnung in Flugmeilen statt eines Honorars) den Freiflug in die Welt.

Wie die von Sebastian Lux, Franziska Mecklenburg und Sophie-Charlotte Opitz kuratierte Schau zeigt, waren es neben Gundlachs Lebensjahren in Paris vor allem die Metropole New York und ihre Kunstszene, die das Bildverständnis und die Produktionsansprüche des Fotografen nachhaltig prägten. Die Professionalität, mit der zum Beispiel Richard Avedon sein Studio führte, oder die Infrastruktur, die es Fotograf*innen ermöglichte, Arbeitsschritte der Postproduktion an Dritte zu übergeben, regte F.C. Gundlach, der ab 1956 in Hamburg lebte, dazu an, eine eigene Firma zu gründen. 1967 rief er die CC – Creative Color GmbH im Hamburger Hochbunker am Heiligengeistfeld ins Leben und schuf damit eine Infrastruktur für die fotografische Bildproduktion, die internationalen Standards gerecht wurde und die Fotoszene Hamburgs bis heute prägt. Gundlach warb mit dem Spruch "Sie photographieren, wir erledigen den Rest", womit er sich auf den Kodak-Werbeslogan "You press the button, be do the rest" bezog. Das Angebot umfasste etwa die Filmentwicklung, professionelle Retusche sowie die Umsetzung von Farbdrucken im hochwertigen Dye-Transfer-Verfahren. Der gute Ruf der Dye-Transfer-Produktion strahlte aus, sodass Fotograf*innen wie Irving Penn oder William Eggleston nun ihre Bilder bei CC produzieren ließen.

Da sein Betrieb in der Verlagshauptstadt Hamburg zunehmend florierte, erweiterte Gundlach ihn 1971 mit der Gründung der Firma PPS. Professional Photo Service als ein noch umfangreicheres Dienstleistungsunternehmen für Fotograf*innen: PPS. verfügte über Schwarzweiß- und Farblabore, Mietstudios, einen Ausleihservice für Foto-Equipment sowie eine Fachbuchhandlung. 1975 folgte in Hamburg die Gründung der PPS. Galerie F.C. Gundlach, die er 1977 in Düsseldorf um die CCD Galerie erweiterte und in denen er bis 1992 rund 200 Fotoausstellungen ausrichtete, darunter etwa mit Bildern von Richard Avedon oder Robert Frank, deren Arbeiten zuvor noch nicht in Deutschland gezeigt worden waren. Die Fachzeitschrift PPS. News, die zwischen 1980 und 1986 erschien, informierte unter anderem über Fotoausstellungen oder Kamera- und Aufnahmetechniken und diskutierte bereits zu dieser Zeit die damals neue digitale Fotografie und die Zukunft der "Photos ohne Filme".

Cocktail Prolongé

Parallel zu seiner modefotografischen Tätigkeit, begann F.C. Gundlach Mitte der 1960er-Jahre Fotografien zu sammeln. Die Werke von Avedon, der Modefotografie und künstlerische Fotografie in seiner Arbeit verband, spielten eine wichtige Rolle für ihn. Eine bislang noch nie gezeigte Facette aus seiner über die Jahrzehnte gewachsenen Sammlung wird nun im Rahmen der Triennale mit der Ausstellung Cocktail Prolongé: F.C. Gundlach Special in den Deichtorhallen – Sammlung F.C. Gundlach vorgestellt (bis 22. September 2026).

Die von Sabine Schnakenberg kuratierte Schau zeigt ein Menschenbild, das in Gundlachs Werbefotografien nie vorkam: diverse Formen von unangepasster, provokanter, sexueller oder queerer Körperlichkeit. So zum Beispiel eine Bildserie von Wilhelm von Gloeden, der um die Jahrhundertwende junge männliche Akte in Rom inszenierte; eine Fotografie von Lisette Model, die 1945 in New York entstanden ist und ein*e Drag-Performer*in zeigt; ein Selbstporträt von Robert Mapplethorpe aus den 1970er-Jahren mit Peitsche, die aus seinem Anus ragt; Körperinszenierungen von Cindy Sherman, die den weiblichen Leib dekonstruieren; oder eine Reihe von Jenny Holzer, die 1993/94 in Reaktion auf die Vergewaltigungen von Frauen im Jugoslawienkrieg entstanden. Es sind Bilder, die den schmalen Grat zwischen Lust und Grauen verhandeln.

Die nun von der Sammlungskuratorin Schnakenberg für die Schau ausgewählten Fotografien befinden sich seit den 1970er-Jahren in Gundlachs Sammlung und umfassen ein breites fototechnisches Spektrum. Dass Gundlach sich nicht einzig für Motive, sondern für den Körper von Fotografien interessierte und damit für ihre materiale und technische Umsetzung, wird in dieser Präsentation deutlich und unterstreicht Gundlachs Vorliebe, Bilder freihängend im Rahmen zu präsentieren, um deren eigene körperliche Präsenz zu betonen.

Um über Bilder zu diskutieren, veranstaltete F.C. Gundlach regelmäßig Abendveranstaltungen mit Getränken unter dem Titel Cocktail Prolongé, im Rahmen welcher er mit Freund*innen oder Bekannten Werke seiner Sammlung gemeinsam ins Auge nahm. Jenes zuvor erwähnte Bild von Mapplethorpe teilte er aber wohl nicht so gerne mit anderen Augenpaaren.

Besonders eindrücklich ist eine Fotografie, die als Auftakt dieser empfehlenswerten Schau hängt: sie zeigt einen Blindenpilgerzug, der sich 1958 in Lourdes traf. Das Bild der Blinden adressiert für uns Beobachtende ein Sehen, das über die Fotografie hinausweist. Denn das Bild geht in Resonanz mit der Frage nach der 'Wesensart' der Fotografie, die Mark Sealy stellt, und der Gedanke des gemeinsamen Sehens, den er für die Triennale anführt, erhält eine tiefere Bedeutung.

You’ll Never Work Alone

Die enge Verwobenheit vom Kollektiven und Individuellen berührt in den Fotografien von Franki Raffles (1955–1994): Die sozialdokumentarischen Bilder der englischen Fotografin zeigen die täglichen Lebens- und Arbeitsrealitäten von Frauen, die Raffles vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren in Schottland und in Ländern Osteuropas und Asiens eingefangen hat. Das Werk der Fotografin wird mit der Ausstellung Franki Raffles: Photography, Activism, Campaign Works im Hamburger Museum der Arbeit erstmals außerhalb des Vereinten Königreichs zugänglich gemacht. Kuratiert wurde die Schau 2024 von Sarah Munro, Emma Dean und Rose McMurray am Baltic Centre of Contemporary Arts in Gateshead und ist durch Mark Sealy als Beitrag der Triennale vom Museum der Arbeit übernommen worden (bis 6. September 2026).

Franki Raffles gebrauchte die Fotografie als ein Medium, um auf Probleme aufmerksam zu machen: auf soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten, auf männliche Gewalt gegenüber Frauen, auf Benachteiligung durch Flucht, Migration und körperlicher sowie geistiger Behinderung. Sie porträtierte Frauen inmitten ihres Arbeitsalltags und führte mit ihren Fotografien Kampagnen für faire Lebensverhältnisse sowie gegen physische und mental Unterdrückung. Ihre Bilder zeigen Frauen mit Würde beim Verrichten ihrer Tätigkeiten, sei es am Fließband beim Verarbeiten von Lebensmitteln, beim Eindrehen von Lockenwicklern im Frisiersalon, beim Einsortieren von Supermarktregalen, beim Nähen von Kleidung, beim Saubermachen eines Raumes, bei der Pflege von Kranken und Bedürftigen, bei der Kindererziehung, beim Arbeiten am Computer, im Labor, oder beim Heumachen auf dem Feld. Raffles beleuchtet die Spektren weiblichen Arbeitens nicht zuletzt im Gefüge von Klasse. Die Geschichten der Frauen, mit denen die Fotografin auch Interviews führte, veröffentlichte sie mit ihren Bildern in Arbeitsberichten oder präsentierte sie in Gemeindezentren, um einen kommunalen Dialog über individuelle und kollektive Lebenssituationen als auch Solidarität zu fördern.

Franki Raffles wurde 1955 in Salford nahe Manchester geboren und studierte Philosophie an der an Schottlands Küste gelegenen University of St Andrews. Dort begann sie, sich in der Frauenbewegung zu engagieren. Ab den frühen 1980er-Jahren lebte sie als freiberufliche Fotografin in Edinburgh, von wo aus sie zahlreiche Reisen unternahm, um auf internationaler Ebene die Ähnlichkeit der Lebenssituationen von Frauen herauszustellen. Bis zu ihrem frühen Tod sind rund 40.000 Aufnahmen entstanden, die erst 2015 an die University of St Andrews übergeben worden sind, wo sich seither Franki Raffles’ Nachlass befindet.

"Bei der Fotografie geht es nicht um individuellen Ausdruck, sondern darum, zusammenzuarbeiten, um Dinge sichtbar zu machen", bemerkte Franki Raffles zu ihrem Arbeiten. Damit liegt sie – trotz größter Kontraste ihrer Motive – gar nicht so fern von einem Verständnis von Fotografie, wie es F.C. Gundlach mit seinem breit gespannten Netzwerk lebte, und wie es sich in Tacita Deans Film im Innenraum der Fotofilmfabrik vergegenwärtigt. Fotografie entsteht erst im Miteinander. Das war wohl schon immer so. Aber heute geht es im Sinne von Mark Sealys Formulierung in the Face of the Other auch darum, dem Angesicht, das sie uns bietet, mit Respekt entgegen zu treten und manches von dem, was sie preisgibt, vielleicht einen Moment länger als gewohnt auszuhalten – um daraus für ein besseres Miteinander zu lernen.