Im kleinen Wedeler Ernst-Barlach-Museum breiten Rosa Loy und Neo Rauch die private Sammlung ihrer Lieblingsbilder aus. Auf ihnen scheint die Zeit stillzustehen.
95 Prozent Calciumcarbonat, fünf Prozent organische Substanz - eigentlich ist Perlmutt nicht viel mehr als ein Verbundmaterial. Weichtiere scheiden es im Muschelinneren ab, Plättchen um Plättchen wächst ein Panzer aus Chitin und Proteinen. Bei Lichteinfall beginnt das Komposit zu schillern. Dass das Künstler:innen-Paar Neo Rauch und Rosa Loy die private Sammlung ihrer eigenen Bilder nach diesem Symbol benannt hat, wundert nicht: Perlmutt steht für changierende Schönheit, aber auch für den Rückzug in das splendide Innere. Das beliebte Requisit von Wunderkammern funkelt wie die Währung einer versunkenen Welt. In genau diese unbestimmbare Epoche führt die Ausstellung einer Auswahl von über 50 Werken dieser privaten Sammlung von zwei der markantesten und berühmtesten deutschen Künstler:innen, die derzeit ausgerechnet im kleinen Barlach Kunstmuseum in Wedel zu sehen ist.
Wenn Neo Rauch davon spricht, dass in dem "Perlmutt"-Portfolio alles versammelt sei, was sich die beiden Künstler in den vergangenen Jahren geschenkt oder bewusst zurückgehalten hätten, wird man die Schau, die in anderer Variante zu Beginn des Jahres im Zwickauer Kunstverein zu sehen war, als eine Art Glutkern ihres malerischen Kosmos sehen dürfen. Das erklärt womöglich die entlegene Standortwahl an der Peripherie Hamburgs. Die Künstler:innen gelten eher als Spätabkömmlinge des Surrealismus denn des Realismus und Expressionismus Barlach’scher Prägung. Ihr Auftritt in den Tiefen der deutschen Provinz, wirkt wie eine Absage an die metropolitanen Hotspots des Kunstbetriebs, der ihnen wegen ihrer konservativen politischen Äußerungen inzwischen auch reserviert begegnet. Womöglich fühlen sie eine Seelenverwandtschaft zu dem Künstler, der sich selbst als unpolitisch verstand und während der NS-Gewaltherrschaft zwischen die Fronten geriet und bis zu seinem Tod 1938 Anfeindungen und Ausgrenzungen erfuhr.

Skeptiker:innen kommen in der Ausstellung jedenfalls auf ihre Kosten, so sehr konzentriert sich die "Perlmutt"-Kollektion auf die altertümliche Motivik, die zumindest in Rauchs Werk überhand nimmt. Beispiele seines faszinierenden Frühwerks mit seinen Anleihen bei der (sozialistischen) Plakatmalerei, dem Comic und der Werbegrafik, seiner bizarren Kreuzung der Ding- und Gedankenwelt aus Ost- und Westdeutschland, in denen erstarrte Gestalten, grell koloriert, in einem zerbrochenen Zeit-Raum-Kontinuum rätselhaften Tätigkeiten nachgingen, das Prozessuale des Malvorgangs, fehlen darin vollständig. Stattdessen dominiert das Nostalgische, Mythische und Vormoderne einer nach außen abgeschlossenen, unwirklichen Vor- und Gegenwelt: Rauchs Gnome und Bartträger mit Rock und Pfeife und Loys mythische Allegorien. Ob es nun das überlebensgroße Ehepaar in Biedermeier-Kleidern ist, das auf Rauchs Bild "Zustrom" (2016) auf eine Gebäude-Kulisse der DDR der 70er Jahre herabschaut, in die sich auch eine Figur von Johannes dem Täufer verirrt hat. Oder ob es die, zwei menschliche Kinder vor ihrer Brust haltende Wolfsgestalt mit Hirschgeweih ist, die in Rosa Loys Bild "Abend" (2007) im ultramarinblauen Abendlicht vor einer Hollywood-Schaukel sitzt.
Nur darauf lassen sich diese Arbeiten nicht reduzieren. Gelegentlich tauchen Kontrapunkte auf. Wie das rätselhafte Dreieck in "Werkhof" (2018), das mit seiner Spitze auf einen mittelalterlichen Wehrturm hernieder fällt. Die an Brâncușis "Endlose Säule" erinnernde Skulptur, die aus der im Abendlicht versunkenen Kleinstadt in "Ankunft" (2013) aufragt. In einer Sprechblase auf einem Amboss in "Der kleine Schmied" (2014) prangt ein Ausrufezeichen.
In dieser Auswahl wird aber ein konzeptuell ungebrochener Kosmos aufgefächert, der, auf Zeitlosigkeit aus, in der Sackgasse einer seltsam statischen Vorzeit gelandet ist. Rauchs schon früh begonnenes Langzeitprojekt der "rigorosen Aussonderung des Dynamischen aus unseren Lebensprozessen" korrespondiert mit der zeitgenössischen politischen Sehnsucht nach Entschleunigung und dem Wunsch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. "Echo" ist die Ausstellung nicht grundlos übertitelt. Denn sie weist auf einen Künstler:innen-Dialog, der ob der langen Fokussierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf den globalen Star Rauch lange verdeckt blieb. Und der sich markant von den "Kollaborationen", die derzeit im zeitgenössischen Kunstfeld grassieren, unterscheidet. Rauch und Loy arbeiten nämlich, glaubt man ihren Selbstaussagen, nicht bei Bildinhalten zusammen, sondern tauschen sich über Farbkombinationen und Perspektiven aus. Das einzige, gemeinsam gemalte Werk "Anlage" (2020) zeigt die Künstler- als Gärtner:innen. Beide stehen wie Spitzweg-Gestalten vor einer gemeinsam gestalteten Grünanlage.
Ein paradoxer Spin-Off-Effekt dieses demonstrativen Zeichens geteilter, gleichberechtigter Autor:innenschaft ist die Genderbinarität, in die das Oeuvre der beiden dann doch wieder verfällt. Männer malen in diesem dialogischen Langzeitprojekt Geschichte, Maschinen, Arbeiter. Frauen sind für Weiblichkeit, Intimität und Natur zuständig. Zwar fällt der Unterschied zwischen Rauchs statuarisch-düsterer und Loys beschwingter Bildsprache mit ihren lebensbejahenden, selbstbewussten Frauengestalten ins Auge. Loys Werk "Kreisel" (1999), auf dem zwei Frauen in leuchtend roter Kleidung mit dem titelgebenden Spielzeug spielen, wirkt nachgerade wie ein feministisches Symbolbild. Doch warum überhöht das Museum diese ästhetische Entscheidung zu den biologischen Essentialismen von der "weiblichen, organischen, verwandelnden Kraft" und der "historischen, traumartigen und erinnernden Energie" von Männern?


Die ständige Hinterfragung der Malerei, die Reflexion auf ihre "post-medium-condition", wie sie Rauchs (ostdeutscher) Landsmann Gerhard Richter auszeichnet, sucht man in diesem Konvolut vergebens. Trotz der meist somnambul, metaphernhaft erstarrten Szenerien versucht Malerei hier Lebendigkeit zu triggern und zelebriert eine, von allen (post-)modernen Zweifel unangefochtene Kunstgattung mit geheimnisvoller Überkraft.
Seit Rauchs umstrittenen Äußerungen zu Sicherheit und Ordnung, Flüchtenden und einer angeblichen Illiberalität in der neuen Bundesrepublik, seit der Kontroverse 2019 mit dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich über die Verlagerung des künstlerischen Autonomiepostulats in das neurechte politische Lager hat sich das Paar mit politischen Kommentaren bewusst zurückgehalten. Um, wie die beiden sagen, die Rezeption ihres Werks nicht politisch zu überlagern. Die "endgültige" Absage an die politische Kunst, die Rauch in dem, die Ausstellung begleitenden Dokumentarfilm "Gefährten und Begleiter" der Regisseurin Nicola Graeff von 2016 mit Bezug auf die verordnete Politizität der Kunst in der DDR so apodiktisch formuliert, ist natürlich eine Illusion. Weil auch die Verschlüsselung ins Surreale und die Abschottung der Ikonologie und Motivik beider Künstler:innen von Außenwelt und Zeitgeschichte eine politische Aussage ist.

Ganz des aktuellen politischen Kommentars kann sich Rauch dann doch nicht enthalten. Die gemäßigte Variante des umstrittenen, mit der von Ernst-Jünger geprägten Vokabel "Anbräuner" betitelten Werk, auf dem Rauch 2019 den Kritiker Ullrich als Mann auf einem Nachttopf zeigt, der mit Fäkalien ein Bild malt, auf dem Initialen wie "W.U." und ein Hitler-Gruß zu sehen sind, ist das Werk "Der Hörer" ein Jahr später. Der junge Mann am Holztisch, der sich die Ohren zuhält und neben dem Gendarmen in Uniformen des 19. Jahrhunderts aus dem Wald kommende, bärtige Gestalten mit Brillen dazu anhalten, ihre lilafarbenen Megafone in einer Feuerstelle zu verbrennen, ist eine, kaum verschlüsselte Absage an die diskursiven Zumutungen der Political Correctness, deren Überhandnehmen Rauch einst beklagte. Auch der Lärm der Welt wird manchmal zu Perlmutt.
Echo. Neo Rauch, Rosa Loy. Aus der Sammlung Perlmutt. Barlach Kunstmuseum Wedel. Noch bis zum 27. September 2026.