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Portraits. Edel sei der Mensch

Braunsfelder, Köln, 3. September – 26. October 2025.

In der stilvoll sanierten ehemaligen Werkshalle im Kölner Stadtteil Ehrenfeld herrscht eine geradezu wohnliche Atmosphäre. Tageslicht fällt durch die Glasfront, die Straßenseite schirmen weiße Vorhänge ab und auf einer bunten Sitzlandschaft kann man sich mit einem der Kunstbücher aus der beeindruckenden Bibliothek niederlassen.

Ursprünglich sollte hier die Braunsfelder Family Collection einziehen, die seit etwa dreißig Jahren vor allem durch zeitgenössische Arbeiten auf Leinwand und Papier sowie plastische Werke erweitert wird. Dazu gehören etablierte Positionen wie Andreas Schulze, Elizabeth Peyton, Thomas Scheibitz oder die Brüder Gert und Uwe Tobias, und Werke vieler weiterer Talente, beispielsweise von Behrang Karimi, David Ostrowski oder Kemang Wa Lehulere.

Doch schnell war klar, dass ein öffentlicher Ausstellungsraum ein noch spannenderes und vor allem kommunikativeres Projekt werden könnte. Ende 2017 entstand Braunsfelder, wie auch diese Unternehmung sich in Anlehnung an die Familiengeschichte nennt. Seitdem hat Georg Jacobi mit den von ihm eingeladenen Kurator:innen in über dreißig experimentellen Ausstellungen aktuelle Kunst aus dem Rheinland und der internationalen Kunstwelt vorgestellt. Mitunter wechselt daraus auch etwas in die private Sammlung, die im Programm aber nur selten eine Rolle spielt.

Kommunikationsplattform für die Kunst

Braunsfelder ist ein Ausstellungsraum, betont Jacobi, eine Plattform für die meist noch jungen Künstlerinnen und Künstler. Die sehen sich in Gruppenausstellungen auch schon mal Positionen gegenübergestellt, die bereits zum Kanon der Kunstgeschichte gehören. Die Arbeiten, die ihm die Kunstschaffenden und Galerien für die Ausstellungen zur Verfügung stellen, sind in der Regel verkäuflich. Der promovierte Volkswirt nennt das eine ökonomische Mischkalkulation, die ihm unter anderem den Druck von Ausstellungskatalogen ermöglicht, den die Künstler:innen sehr schätzen. Er selbst schätzt die intensive Auseinandersetzung mit der Kunst, die Gespräche mit den Kreativen, den Kurator:innen und den anderen Fachleuten und Kunstliebhaber:innen. Wer den Ausstellungsraum besucht, wird von ihm persönlich empfangen.

In der aktuellen Gruppenausstellung „Portraits. Edel sei der Mensch,“ kann das Publikum nicht nur den Werken, sondern, wenn man so will, auch den Künstler:innen selbst begegnen. Denn es ist nicht zuletzt ihr Blick auf den Menschen, eine andere Person oder sich selbst, der in den Porträts sichtbar wird. Georg Jacobi, der ausnahmsweise selbst als Kurator agierte, hat zum Thema beinahe fünfzig Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, von Annabelle Agbo Godeau (*1995) über Alberto Giacometti (1901-1966), Anne Imhof (*1978), Else Lasker-Schüler (1869-1945), Mimmo Paladino (*1948) und Thomas Schütte (*1954) bis zu dem Renaissancekünstler Michael Wolgemut (1434-1519).

Überraschendes Angebot

So erlebt man bei Braunsfelder diesmal eine ungewohnte Fülle: In einer einzigen Reihe, in- und um alle Ecken herumgeführt, hängen dicht an dicht weit über hundert Kunstwerke an den Wänden. Hinzu kommen noch einige Plastiken und Bücher, die im Raum platziert sind. Georg Jacobi vergleicht die lineare Hängung mit einem Perlenband. Den Besucher:innen verlangt er damit etwas ab, sie müssen sich Zeit nehmen. Diese Ausstellung ist nicht auf einen Blick zu konsumieren. Aber man kann an den Wänden entlangwandern und sich all diesen Figuren und Gesichtern nähern.

Beispielsweise jenen von Michele Cesaratto. Der hat sich für seine kleinen, mit Eitempera auf Kirschholz oder Walnussholz gemalten Porträts offensichtlich mit Bildnissen der italienischen Frührenaissance beschäftigt und raffinierte Statements zur Gegenwart daraus entwickelt.

Zwischen die farbigen Leinwandarbeiten „Zwiebel-Look“ von Max Mucha, „Milostki (Crashs)“ von Agata Slowak und „An evening far II“ von Cécile Lempert hat Georg Jacobi ein bekanntes Motiv aus Hugo Steiner-Prags (1880-1945) s-w Illustration des 1915 erschienenen Romans „Der Golem“ von Gustav Meyrink und eines der 1986 von Anna Blume (1936-2020) mit weißer Kreide auf schwarzem Papier gezeichneten „Traumbilder“ gehängt. So unterschiedlich in Intention und Ausführung die Bilder der jungen Maler:innen auch sind, ist ihnen ein unterschwelliger Ausdruck von Unsicherheit und Überforderung gemeinsam, den die beiden älteren Werke auf interessante Weise konkretisieren.

Historische Eckpfeiler

Zu den historischen, die Ausstellung als Eckpfeiler begleitenden Werken, gehören zwei Bände des Theologen Johann Caspar Lavater, dem die großen Meister sozusagen zu einer konzeptuellen Verwertung dienten. Die Studien zu seiner Enzyklopädie „Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe“ (1775–1978), in denen er aus der Physiognomie eines Menschen dessen Charakter deutete, hatte er nicht an Lebewesen, sondern an Zeichnungen und grafischen Kopien von Kunstwerken durchgeführt. Wer will, kann die ausliegenden Ergebnisse überprüfen.

Lavaters seinerzeit höchst populärem Werk hatte auch Johann Wolfgang von Goethe mit Textbeiträgen zugearbeitet, bevor er zum Wissenschaftler und Weimarer Klassiker wurde. Wie dieser hatte er daran geglaubt, dass Gott sich in der Schönheit der Natur und im vernünftigen Handeln der Menschen selbst zu erkennen gebe. Die erste Zeile aus seinem Gedicht „Das Göttliche“ verleiht der Ausstellung ihren klangvollen Titel. Vor Ort ist das nachzulesen in einer 1785 erschienenen Publikation des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, in der es seine Erstveröffentlichung fand. Jawohl, der ist ein Vorfahre des Hausherrn.

Die „Stunde Null“ des Selbstporträts, präsentiert sich den Besucher:innen gewissermaßen in der von Michael Wolgemut illustrierten sogenannten „Schedelschen Weltchronik“ von 1493, die mit der biblischen Erzählung von der Erschaffung der Welt beginnt. Die aufgeschlagene Doppelseite beschreibt, wie Gott nach seiner eigenen Gestalt die ersten beiden Menschen formte – und sie nach ihrer Verfehlung ins Elend dieser Welt vertrieb. Da waren sie Dank der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis übrigens schon in der Lage, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Tradition und Gegenwart

Ein zeitgenössisches „Autoportrait à la chemniée“ von Cédric Rivrain wirkt dagegen seltsam widersprüchlich. Der Künstler begegnet uns auf dem schmalen Hochformat als Halbakt in einem über einem Kamin hängenden gerahmten Spiegel. In der linken Hand hält er das Smartphone, mit dem er die Szene wohl festgehalten hat. Ausgeführt ist sie allerdings in Öl auf Leinwand. Rivrain scheint das Selfie als digital optimierte Variante des Repräsentationsbildnisses in Frage zu stellen.

Man kann darüber spekulieren, ob sich mit der Auswahl dieses Bildes womöglich auch eine gewisse Skepsis Georg Jacobis gegenüber neueren künstlerischen Techniken offenbart. In den Ausstellungen bei Braunsfelder sind beinahe ausschließlich Kunstwerke zu finden, die man – zumindest gedanklich – auch in ihrer haptischen Wirkung erleben kann. Die klassischen Bildkünste, Malerei, Zeichnung und Grafik, sowie Plastiken und Objekte in jeder Form.

Auf diesem Feld beweist der Betreiber allerdings nicht nur ein gutes Auge, sondern auch ein Gespür für die Aktualität eines künstlerischen Werks und ein gutes Netzwerk. Den bislang nur in Frankreich bekannten Cédric Rivrain hat er in einer Pariser Ausstellung aufgespürt, Nika Kutateladze, mit seinen eigenartig surrealen kleinen Malereien, unter den Newcomern der Art Basel, und Cécile Lempert, die sich dem fragil wirkenden Personal auf ihren Gemälden mit Zeichnungen annähert, hat ihm sein Sohn vorgestellt, der seit drei Jahren eine Galerie in Berlin betreibt.

Bleibende Werte

An Künstler:innen, die er wertschätzt, hält Georg Jacobi fest. Lukas Schmenger, der am Selbstporträt existenzielle Fragestellungen erforscht, hat er schon früh bei Braunsfelder gezeigt und einige seiner Werke fanden Eingang in die Familiensammlung. In der Ausstellung ist unter anderem ein silbrig glänzendes, plastisches „Portrait Of The Artist As The Moon Over Geldernstraße“ von ihm zu sehen.

Nicht jedes der Bildnisse kann sich in der dichten Abfolge ideal behaupten, und das Werk der mehrfach vertretenen Künstler:innen hätte sich in benachbarter Hängung möglicherweise aufschlussreicher dargestellt. Aber es ist keine Museumsausstellung. So geht es bei der Konfrontation von Alt und Neu auch nicht darum, eine Entwicklungsgeschichte des Porträts zu illustrieren. Georg Jacobi versteht die Ausstellung als ein Angebot, all diese Kunstschaffenden und Arbeiten bei Braunsfelder kennenzulernen und von diesem oder jenem Bild vielleicht zu einer intensiveren Auseinandersetzung herausgefordert zu werden.

Von Oliver Osborne waren bei Braunsfelder vor fünf Jahren verschiedene Ansichten eines Gummibaums zu sehen. In dem Ölbild „Untitled (Grund und Figur II)“ inszenieren zwei seiner Blattspitzen ein Brustbild im Profil, das aus der roten Bildfläche auszubrechen scheint. Für diese Bildfigur diente sein Sohn als Modell, ein Werk von Paul Cezanne hat ihn darauf gebracht. Osbornes Radierung „Portrait of a Fat Man (after the Master of Flémalle)“ zeigt eine amüsante formale Übereinstimmung mit der Grafitzeichnung „Die Präsidentin der Instrumentalität“ von Torsten Slama an ihrer Seite. Aus Slamas Nachlass ist eine ganze Anzahl von Werken in der Ausstellung verteilt.

Den Geistern begegnen

Ob seines enormen Gewichts in einer Ecke platziert, ist ein recht wild blickender „Dante“ von Jean-Marie Appriou. Ein Hauptwerk der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts, die „Dantebarke“ von Eugène Delacroix (1822), fungiert dem Bildhauer dafür als Referenz. Es sind einige Künstler:innen in dieser Ausstellung, die in irgendeiner Weise Bezug auf die Kunst- und Kulturgeschichte nehmen. Rebekka Kümmerer hingegen wagt den Nahblick auf ein weibliches Modell. Ihre großformatige Leinwandarbeit „nacken (jul.)“ ist Georg Jacobi beim letzten Rundgang der Düsseldorfer Kunstakademie aufgefallen.

Was den anfangs erwähnten Blick der zeitgenössischen Künstler:innen auf den Menschen angeht, fällt auf, dass einem auf nur wenigen der Darstellungen ein Gesicht entgegensieht. Mitunter wirkt es so, als ob diese Wesen ihre Umgebung überhaupt nicht wahrnehmen und vielmehr mit sich selbst beschäftigt sind. Auf einer großformatigen Leinwand von Fatma Güdü identifiziert man zunächst einen Kopf. Erst bei näherem Betrachten wird in der diffus angelegten Malerei eine gewaltvolle Szene sichtbar, die jedoch letztlich uneindeutig bleibt. Es sind die „Geister der Gegenwart“, die unter den jungen Kunstschaffenden anscheinend nicht nur sie wahrnimmt. Schwierige Zeiten für Goethes vertrauensvollen Appell.


Portraits. Edel sei der Mensch,
Ausstellung bei Braunsfelder, Köln, 3. September bis 26. Oktober 2025.
Nach den Vernissagen sind die Ausstellungen bei Braunsfelder auf Verabredung zu besichtigen.


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