Die Installation "Fountains of A High Mountain and A Sweet Dream" (2024) in der Ausstellung "Echos der Bruderländer" im Haus der Kulturen der Welt. Foto: Hannes Wiedemann / Haus der Kulturen der Welt.

Die Angst, dass alles aufhört

Zu Besuch bei Minh Duc Pham

Ich öffne die Wohnungstür und sie stockt bei 45 Grad – der Eingangsbereich steht voll mit Kisten. Minh Duc Phams kleine Altbauwohnung füllt sich so schnell wie sein Portfolio und reicht als Studio schon lange nicht mehr aus. "Immer noch nichts Größeres gefunden?", frage ich. "Leider nein. Und in diesem Jahr kommen bestimmt zehn neue Arbeiten dazu."

Im Arbeitszimmer neben der Küche sitzt Pham an seinem Eiermann-Tisch. Gegenüber eine Wand aus unzähligen tropischen Grün- und Blütenpflanzen. Ich setze mich und nachdem ich eine herzliche Begrüßung, Hausschuhe und einen Kaffee bekommen habe, beginnt er sofort, mir von seinen neusten Arbeiten und jüngsten Erfolgen zu berichten: von Ausstellungsanfragen, Stipendienzusagen, Preis-Nominierungen, Einladungen und Bekanntschaften, von Honorarverhandlungen, mal guten und mal schlechten, und vom eigenen Zeitmanagement, das bei all den Aufträgen immer schwieriger wird. Zwei Einzelausstellungen und mindestens fünf Gruppenausstellungen folgen im laufenden Jahr. 2024 stellte er unter anderem im Kunsthaus Dresden, Haus der Kulturen der Welt und im Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum in Berlin aus, wo er in diesem Jahr eine Sonderausstellung kuratieren wird. Wo auch immer es derzeit um die Themen Queerness, Migration und Vertragsarbeit geht, wird Pham als Künstler, Performer oder Gastredner angefragt.

"Wenn ich einmal versage, könnte ich alles verlieren."

Pham, der heute 33 Jahre alt ist, spricht wie aufgezogen, als ob es um eine Hausaufgabe ginge. Es sind Arbeitsberichte; eine Angewohnheit, die mit seinem Aufwachsen zu tun hat. Pham ist der erste Sohn vietnamesischer Vertragsarbeitender aus dem sächsischen Vogtland. Nachdem seine Eltern nach der Wende ihren Aufenthaltsstatus und ihre Anstellung verloren, mussten sie sich selbständig machen, um in Deutschland bleiben zu dürfen, und eröffneten ein kleines Ladengeschäft. Es war eine Zeit, die von offenem Rassismus auf den Straßen und extrem hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. Minh Duc Pham wuchs auf mit den Lehren, "du musst doppelt so gut sein wie die anderen" und "du darfst nicht auffallen" – ein Paradox. Seine Familie war die einzige vietnamesischer Herkunft in ihrer Kleinstadt. Pham war das einzige vietnamesisch aussehende Kind in seiner Schule. Und kein einziger Teenager in seiner Schule war offen queer. Es erschien schlicht "nicht selbstverständlich, überhaupt da zu sein". Pham begleitet dieses Gefühl heute noch, unter anderem in Form einer Angst, "dass alles einfach aufhört". Er befürchte oft, nur eine "Eintagsfliege" zu sein. Dagegen arbeitet er mit den Instrumenten an, die ihm seine Eltern mitgaben: mit übermäßigem Fleiß und Freundlichkeit.

Kunst als Erinnerungsort

Pham studierte Ausstellungsdesign und Szenografie an der HfG Karlsruhe und an der UdK in Berlin. In der bildenden Kunst und Performance fand er schließlich nicht nur einen gesellschaftlich akzeptierten Raum, sich und seinen Körper zu zeigen. Er konnte selbst mitbestimmen, wie dieser gesehen wurde, ein "Versuch, mir meinen Körper wieder zurückzuholen". Seine frühen Arbeiten ab 2016 setzen daher an einer Dekonstruktion des Blickes der anderen an; dem fetischisierenden, exotisierenden oder diskriminierenden Blick. Er schuf queere Kleider, Blumen-Installationen, Stoff-Skulpturen und Aktfotografien.

Anfangs ging es Pham mit seiner Kunst um Selbstakzeptanz. 2018 änderte sich das, weil Pham mehr und mehr den sozialen und politischen Bedingungen auf den Grund ging, unter denen er aufwuchs. Er begann zur vietnamesischen Kultur und (ost-)deutschen Einwanderungsgeschichte zu forschen und bemerkte, dass die Kunst ihm die Möglichkeit gab, selbst schwierige und unausgesprochene Erfahrungen seiner Elterngeneration zu thematisieren. Letztes Jahr zeigte er im HKW in Berlin in der Ausstellung "Echos der Bruderländer" eine Arbeit, die die Zwangsabtreibungen unter vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen in der DDR anspricht: Ein Porzellanbrunnen versprüht Lilienduft, lädt zum Verweilen ein, ein Zwiegespräch zwischen Pham und seinem nie geborenen Bruder ist zu hören. Im Brunnen schwimmen vier handgefertigte, weiße Orchideenblüten aus Keramik. Sie symbolisieren die Erinnerungen der Geschwister. Eine ähnlich intime Arbeit präsentierte Pham bereits im Jahr davor in der Ausstellung "Re-Connect. Kunst und Kampf im Bruderland" im Museum der bildenden Künste Leipzig. Diese Installation bestand aus 56 leeren Grabvasen aus himmelblau-weiß-marmorierter Keramik. Die stille Trauer und fehlende gesellschaftliche Aufarbeitung der erzwungenen Abtreibungen setzte Pham hier in Zusammenhang mit den ungezählten Opfern des Vietnam-Krieges.

Ostdeutsch, vietnamesisch, queer

Minh Duc Phams Arbeiten sind zart, sinnlich und komplex. Sie kritisieren, aber klagen nicht an; sie zeigen auf, aber stellen niemanden bloß. Ihre Oberfläche ist glänzend-glatt, weich oder lieblich, ihre tiefere Bedeutung oft bewegend und schmerzlich. Sie stehen im Kontrast zum Denken in Großinterpretationen und Identitätskategorien – ostdeutsch, vietnamesisch, queer. Seine Arbeiten verdeutlichen, dass solche Kategorien nur wenig über die gelebte Wirklichkeit der Menschen erzählen. Und die ist für ihn nicht nur Material, um daraus künstlerische Produkte zu schaffen. Zu oft war er selbst in dieser Situation; wurde für die Quote oder als Vertreter einer gewünschten Kategorie eingeladen. Pham macht es anders; er fasst die Geschichten der Betroffenen mit viel Fingerspitzengefühl und ohne vorgefasste Erwartungen an.

Im Kontrast dazu gehen heute die Rechten und Rechtsextremen in Sachsen laut und zahlreich auf die Straßen. Ihre Aufmärsche und Parolen auf den Christopher Street Days letztes Jahr sorgten für Angst. Pham war auf einigen von ihnen. Die Gegenproteste der Rechten wurden unter anderem vom "Dritten Weg" organisiert, einer rechtsextremen Partei, die "Ausländerrückführung" fordert und den "drohenden Volkstod" behauptet. Als Pham mir letztes Jahr vom CSD in Görlitz erzählte, war ich besorgt und sagte, er müsse aufpassen, was er anziehe. Er erwiderte: "Nächstes Mal trage ich ein Kleid!"

Das Trojanische Pferd

Pham macht sich auch Sorgen. Anfang des Jahres wurde bekannt, dass der SPD-Abgeordnete Helge Lindh einen Drohbrief erhielt, in dem stand: "Wir werden Dich kriegen, verlass Dich drauf. Nirgends bist Du sicher". Unterzeichnet wurde er mit "NSU 3.0". Pham sagt, "als der Begriff NSU 3.0 auftauchte, war da eine konkrete körperliche Bedrohung. In diesem gesellschaftlichen Klima ist das gar nicht unwahrscheinlich." Aber er ist kämpferisch, will noch sichtbarer werden. Nur, was wenn diese Stimmung in Realpolitik umschlägt? Vietnamesisch und queer dürften dann Kategorien sein, die wieder mehr Raum in Phams Leben einnehmen. Von den Einsparungen im Kunst- und Kulturbereich merkt er noch kaum etwas. Aber manchenorts hält der rechte Diskurs bereits Einzug in die Kulturprogramme; die Kunst soll da wieder unpolitisch und einfach nur "schön" sein. Wie kann man da noch Kunst machen, Minh Duc Pham? "Zurück zur Strategie des Trojanischen Pferdes." Also Kunst, die an ihrer Oberfläche unpolitisch ist, im Inneren aber kritisch. Es ist eine Strategie, die in der DDR weit verbreitet war; gewissermaßen das Kleid unterm Hosenanzug.


https://www.minhducpham.com