Porträt Andrea Pichl. Foto: Roman März.
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„Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen“

Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung – als erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR.

Von einer Parkbank aus beobachtete ich den Platz vor dem Eingang des Kunstraums Kreuzberg/Bethanien in Berlin. Ich war hier mit Andrea Pichl verabredet. Als ich sie vor den schweren Holztüren des Bethanien erspähte – gleichfalls nach mir Ausschau haltend – ging ich auf sie zu und winkte. „Ich weiß ja nicht, wie du aussiehst“, warf sie mir entgegen und hob fragend und leicht vorwurfsvoll die Schultern. Sie hatte höchstens zehn Sekunden auf mich warten müssen … Aber dann folgte ein energetisches „Hallo!“, ein herzliches Lächeln und ein fester Händedruck.

Der erste Eindruck Andrea Pichls offenbarte mir typische Arten einer ostdeutsch-sozialisierten Frau; herzlich, aber unverblümt und zuweilen ungeduldig. Durch ihre Gedanken laufen immer mehrere Aufgaben gleichzeitig, weil die Arbeit die verfügbare Zeit einfach immer überrundet. Pichl entschuldigte sich vor dem Einstieg ins Gespräch dafür, parallel E-Mails lesen zu müssen, weil sie viel zu tun hat. Und essen müsse sie auch noch. Ihre eigene Art spricht sie direkt an: „Inzwischen finden mich manche sicher ätzend, weil ich sehr straight bin.“ Warum Pichl so straight ist, lässt sich auch aus ihren Erfahrungen ableiten. Mittlerweile ist sie dank ihrer Zielstrebigkeit und Eigensinnigkeit nicht nur eine gefragte Künstlerin, sondern hat auch kuratiert und publiziert.

Andrea Pichls Kunst – Geld, Wohnen, Werte

Als dritte Ostdeutsche und erste Frau aus der DDR überhaupt stellt Andrea Pichl im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart solo aus. Pichls Kunst ist seit der Wende öffentlich sichtbar und umfasst vor allem Objekte, Skulpturen, Installationen und auch Zeichnungen. Sie war bereits in einer Sammlungspräsentation im Hamburger Bahnhof vertreten, international konnte sie ihre Arbeiten im Irish Museum of Modern Art und Museum of Contemporary Art Antwerp zeigen. Permanente Skulpturen von ihr finden sich mittlerweile im Garten der Kunsthalle Rostock und auf dem Campus Nord der Humboldt Universität zu Berlin. Einen unerwarteten Durchbruch bildete Pichls Kuration einer Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien im Jahr 2022. In Worin unsere Stärke besteht – 50 Künstlerinnen der DDR führte sie drei Generationen von Künstlerinnen aus der DDR zusammen. Die Schau erzeugte international Resonanz und verschob den Kunstdiskurs zugunsten weiblicher Künstlerinnen aus der DDR – die vorher wenig sichtbar waren. Derzeit arbeitet Pichl an einer permanenten Installation für das Bundesfinanzministerium.

Im Hamburger Bahnhof wird Pichl unter dem Titel Wertewirtschaft vom 8. November 2024 bis 4. Mai 2025 neue Arbeiten zeigen, die den ökonomischen Austausch zwischen der ehemaligen DDR und BRD verhandeln. In ihren raumgreifenden Skulpturen macht sie mittels rekonstruierter baulicher Strukturen, restaurierter Materialien, historischer Fotografien und Projektionen mehrere geschichtliche Vergangenheiten sichtbar. Die installativen Architekturen zeichnen raum- und gesellschaftspsychologische Bezugssysteme auf. Sie stellen eine Vermessung vergangener Wirklichkeitserfahrung dar – Wohnformen, Kapitalflüsse oder staatliche Eingriffe ins Private. Andrea Pichl hat die Mauer „physisch und psychisch erlebt“, wie sie sagt. Sie war 25 Jahre alt als sie fiel. Ihre Arbeiten beleuchten die sichtbaren, aber auch unsichtbaren oder verdrängten ökonomischen und sozio-politischen Verwerfungen des Systemwechsels und des DDR-Regimes. Weshalb das notwendig ist und immer dringlicher zu werden scheint, wird an Pichls Biografie deutlich.

Aufwachsen in Ostberlin, Ostplatte und die Stasi-Akten

Andrea Pichl wurde in Haldensleben in Sachsen-Anhalt, ehemalige DDR, geboren und wuchs in Moskau und Ostberlin auf. Zum Studium der Bildhauerei an der Weißensee Kunsthochschule Berlin wurde sie mehrfach abgelehnt. Die vorgebliche Begründung war, sie sei körperlich nicht dazu in der Lage. Der eigentliche Grund war ein Disziplinarverfahren gegen ihren Vater, aber das wurde erst mit Öffnung der Stasi-Akten bekannt. Das Pädagogikstudium brach Pichl ab – die Enge des Denkens und die Enge des Studentenwohnheims waren für sie nicht auszuhalten. Im Land des Arbeitskräftemangels waren Freigeister und Taugenichtse nicht vorgesehen. Aber Pichl hatte bereits das Ostberliner Künstlerleben für sich entdeckt. Lohnarbeit, Fremdbestimmung, Ostplatte und Schrankwände – Pichl verspürte bei diesem Lebensausblick ein unerträgliches „Unwohlsein“. Sie wohnte in besetzten Wohnungen und jobbte unter anderem als Erzieherin, Kinderfrau, Bibliotheks- und Fabrikarbeiterin. Was sie sonst in diesem Leben fand, waren Freundschaften und auch ein „Bildungsprogramm“, wie sie es nennt, mit anderen Büchern, anderen Gesprächen und vor allem anderen Träumen – dem nicht-konformen Leben in einem Staat, dessen Funktionieren auf Konformität beruhte.

Die DDR und die Wende

Was für Außenstehende nach gelebter Utopie klingen mag, konnte sich für Menschen in der DDR schnell zur Dystopie verkehren. Der Staat wies seinen Bürgerinnen und Bürgern Studien-, Arbeits-, Wohn- und sogar Urlaubsplätze zu. Wer sich aus diesem vorgeplanten Leben herauswagte, musste es nicht nur selbst gestalten können, sondern lebte immer auch mit der Gefahr kriminalisiert zu werden. Pichl musste in diesem Kontext Zielstrebigkeit entwickeln, um ihr Leben in größerer Freiheit zu ermöglichen, als es die Mehrheit der Gesellschaft erlebte. Erst nach der Wende konnte Pichl Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee studieren. Da war sie bereits 27 Jahre alt.

Es fiel ostdeutschen Künstlerinnen nach der Wende vielfach schwer, Stipendien zu erhalten und ihre Kunst am westlichen Kunstmarkt sichtbar zu machen. Aber Pichls sachliche, Recherche-basierte Arbeit zu Themen wie Geld, Politik und Wohnen hob ihre Kunst heraus aus den in Ost und West so unterschiedlich gewachsenen sozialen Perspektiven auf ideologisch-moralische Fragen oder Geschlecht. Bis 2019 – als sich Pichl in Leipzig in einer Ausstellung über ostdeutsche Kunst wiederfand und kaum weibliche Künstlerinnen ausgestellt sah, da sagte sie sich: „Ich mache das jetzt selbst!“ 98 Prozent der angefragten Künstlerinnen sagten auf Anhieb zu für eine Ausstellung von ausschließlich weiblichen Künstlerinnen aus der ehemaligen DDR mit modernen und zeitgenössischen Werken. Die Ausstellung Worin unsere Stärke besteht zeigte: „Wir leben, es gibt uns.“ Und das zahlreich – daran konnte ab da kein Zweifel mehr bestehen. Pichls Erwartungen waren gering, die öffentliche Resonanz riesig und Pichl ist unter der Arbeit „zusammengekracht“, erzählt sie. Die Resonanz seitens der mitwirkenden Künstlerinnen blieb oftmals aus. Warum? „Keine Ahnung“, sagt sie.

Die Erfahrung Pichls ist keine individuelle, sondern verweist auf immer noch tief eingeschriebene Ausgrenzungserfahrungen von Künstlerinnen aus dem Osten, sei es durch mangelnde Professionalität in der Selbstvermarktung oder schlicht aus mangelndem Interesse nach jahrelanger Unsichtbarmachung durch männliche Kollegen und Entscheidungsträger. Glamourös findet Pichl ihre Rolle als „Ostkünstlerin“ nicht. Sie findet es „skandalös“ die erste ostdeutsche Künstlerin mit Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof zu sein.

Gegen Verharmlosung und Ostalgie

Dabei liefert gerade die gelebte Erfahrung der Geschichte wichtige Beiträge in Zeiten von Populismus und Polarisierung. Kunstschaffende und Kreative wagen es eher, unverstellte Wahrheiten zu vertreten – ihre Kunst erprobt, wie geduldet oder erwünscht diese sind. „Es war einfach eine Diktatur und allerorten findet eine Verharmlosung statt“, sagt Pichl. Geschichtsrelativismus ist mit ihr nicht zu haben. Als Nonkonforme wurde ihr die Ungerechtigkeit des DDR-Regimes bewusst und Ostalgie in jedweder Form lehnt sie ab. Auf die Frage, ob es in der Rückschau auch positive Seiten an der DDR gab, antwortet sie straight: „Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen.“


Weitere Beiträge aus unserer Reihe „West-Ost-Begegnungen“ finden Sie hier:

Teil 1: Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten – Eine niederländische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989
Teil 2: Christoph Tannert: Zeit war reichlich vorhaben – Die Brüder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR
Teil 3: Wolfgang Ullrich: Überraschende Verwandtschaften – Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der Rückschau
Teil 4: Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst – Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle für die ostdeutsche Kunst
Teil 6: Ingeborg Ruthe: Endlager oder Fundgrube. Das Kunstarchiv Beeskow im Museum für Utopie und Alltag bewahrt Kunst der früheren DDR



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