Ramazan Can und Serena Ferrario in der Villa Merkel, 2. März bis 9. Juni 2025
Am 1. März eröffnet die Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, zwei Einzel-Ausstellungen mit Arbeiten der beiden Künstler:innen Ramazan Can und Serena Ferrario.
Serena Ferrario: "Hungry Ghosts"
In den Rauminstallationen von Serena Ferrario (*1986 in Crema bei Mailand) verbinden sich Zeichnungen, Videoarbeiten, Gegenstände und gebaute Szenografie zu immersiven räumlichen Kompositionen. In zehn Räumen eröffnet sie in der Villa Merkel einen vielschichtigen Parcours. Sie behandelt dabei persönliche Themen wie Herkunft, Erinnerung, Familie, Freundschaft und verknüpft diese mit gesellschaftspolitischen Themen.


"Ciao Bella"
Ferrario wurde als Tochter einer rumänischen Mutter und eines italienischen Vaters geboren und wuchs in Deutschland und Italien auf. In ihren Arbeiten thematisiert sie diese interkulturelle Prägung. Eindrücklich wird dies zum Beispiel in den beiden Videos der Reihe "Ciao Bella". Hier führt sie Gespräche mit einer italienischen Freundin, filmt mit der Handkamera den Strand samt Müllbergen, besucht eine Prozession und fängt immer wieder Straßenszenen und Menschen ein. Begleitet werden die Bilder von einem Sound der zwischen elektronischer Musik, Alltagsgeräuschen und Gesprächen changiert. Die Künstlerin schafft es, die Lebenswelt jenseits von Klischees einzufangen und die gesellschaftlichen Zustände der Menschen darzustellen, denen sie begegnet. Ferrario selbst bleibt nie außen vor, sondern ist Teil der künstlerischen Auseinandersetzung. Dies spiegelt sich auch in ihrer Arbeitsweise. In Situ entstehen installative Ensembles, in denen neue und bereits bestehende Werke verschmelzen.
Innere Stimmen und interkulturelle Begegnungen
In ihren Arbeiten verbindet Serena Ferrario persönliche Erlebnisse mit universellen Fragestellungen, die tief in ihren Erfahrungen und Prägungen verwurzelt sind. Ihre Zeichnungen und Soundcollagen greifen die inneren Dialoge auf, die in uns allen stattfinden: mahnende, motivierende, zweifelnde und destruktive Gedanken. Diese inneren Stimmen sind Ausdruck der Konflikte, mit denen man im Alltag ständig konfrontiert wird - von Entscheidungen, die oft im Moment getroffen werden, bis hin zu Glaubenssätzen, die Menschen seit der Kindheit prägen. Ferrario macht diese inneren "Diskussionen" sichtbar und lädt dazu ein, die eigene Auseinandersetzung mit diesen Themen zu reflektieren.
In ihrer Videoarbeit "We did this for thousand years" verknüpft Ferrario Eindrücke aus Italien, Rumänien und Deutschland, um Fragen von Zugehörigkeit und Fremdheit zu thematisieren. Inspiriert von ihrer Suche nach den Wurzeln in Rumänien - dem Heimatland ihrer Mutter- dokumentiert sie Begegnungen und Momente, die Nähe und Distanz zugleich erlebbar machen. Hinter der Kamera gelingt es ihr, einen besonderen Blick auf diese Erfahrungen zu entwickeln und eine assoziative Erzählweise zu schaffen, die von eigenen Zeichnungen und atmosphärischen Klängen begleitet wird.
Ferrarios Kunst eröffnet einen poetischen Raum, der universelle Themen wie Angst, Einsamkeit, Fremdheit und Gemeinschaft erfahrbar macht, während er gleichzeitig ihre persönliche Perspektive lebendig werden lässt. Sie lädt die Betrachter:innen dazu ein, sich in diesen Spannungsfeldern selbst wiederzufinden und neue Perspektiven auf ihre eigene Welt zu entwickeln.
Ramazan Can: "Where is my Place in this World?"
Die Ausstellung "Where is my Place in this World?" von Ramazan Can (*1988 in Manisa, lebt in Ankara) in der Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, ist mit der parallel im Gustav Lübcke-Museum in Hamm stattfindenden Ausstellung, die erste museale Einzelausstellung des türkischen Künstlers weltweit. Im Mittelpunkt stehen Werkserien, die sich mit politischen, kulturellen und spirituellen Fragestellungen seiner Sozialisation, Herkunft und Identität befassen. Can verbindet indigene und kunsthandwerkliche Einflüsse aus Anatolien mit Schamanismus, Sufismus, westlicher Kunstgeschichte und Philosophie.

Der Titel verweist auf einen seit 2016 andauernden Rechercheprozess zu seiner Familiengeschichte. Als Angehöriger der nomadisch lebenden Ethnie der Yörük aus Anatolien beschäftigt sich Can mit der erzwungenen Sesshaftigkeit dieser Volksgruppe im 19. Jahrhundert. Ab 2018, angestoßen durch einen Zeitungsartikel, reiste Can häufig nach Anatolien und recherchierte zu seinen Wurzeln. Er dokumentierte die Aufenthalte in Tonaufnahmen, Fotos und Videos.
Verbindung von Tradition und Moderne
Ramazan Can begann ausgehend von seinen Reisen auch die Teppiche der Yörük, die aus seinem eigenen Familienbesitz stammen oder von anderen Yörük gefertigt wurden, in seine Arbeiten zu integrieren. Can leistet so einen Beitrag dazu, deren Wissen, Lebensweise und Gemeinschaft wieder sichtbarer zu machen. Oft kombiniert er die verwandten Teppiche mit Betonelementen. Anhand dieser Verbindung wird ein zentrales Konzept in Cans Kunst klar, welches auf den Philosophen Jacques Derrida Bezug nimmt: die Dichotomie - die Verbindung von Gegensätzen zu einem neuen Ganzen. Durch die Gegenüberstellung von traditionellem Textil und modernem Baumaterial spricht Can die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart an.
Schamanismus und Spiritualität
Einen bedeutsamen Einfluss findet Ramazan Can neben der westlichen Philosophie im Schamanismus, was wiederum auf seine Kindheit zurück geht. Als er im Alter von zehn Jahren erkrankte und die Schulmedizin nicht helfen konnte, wandten sich seine Eltern an einen Schamanen, dem es gelang, ihn zu heilen. Diese Erfahrung führte zu einer anhaltenden Verbindung zum Schamanismus, der eine zentrale Rolle in seiner Kunst einnimmt. Darüber hinaus interessiert er sich für die Verbindung zwischen den Ursprüngen von monotheistischen Religionen und Mythologie.
Ramazan Can setzt westliche Kunstgeschichte, anatolisches Kunsthandwerk sowie politische und spirituelle Recherchen in Beziehung. Er schafft ein Miteinander von vertrauten und ungewohnten Ästhetiken, in dem sich neue Perspektiven und ein Diskurs zwischen indigener und urbaner Lebenswelt eröffnen.
Zur Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen: Ausstellungen, 2. März bis 9. Juni 2025.