Martin Parr, New Brighton, England, 1983-85. Fotografie: Martin Parr, Magnum Photos.

(K)eine Pause - Wenn Ruhe zum Luxus wird

Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, 11. Juli bis 5. Oktober 2025.

Wie fühlt sich echte Ruhe heute noch an - und wer kann sie sich leisten? Ab dem 11. Juli 2025 widmet sich die Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, mit der Ausstellung "(K)eine Pause -Ausruhen im digitalen Zeitalter" einem der drängendsten Themen unserer Zeit: dem Verlust von Ruhemomenten in einer beschleunigten, durchdigitalisierten Lebenswelt. Die Gruppenausstellung vereint elf internationale künstlerische Positionen, die sich mit Fragen nach Entschleunigung, sozialer Ungleichheit und digitalen Routinen auseinandersetzen. Mit Beiträgen von Caline Aoun, Patrizio Di Massimo, Jeppe Hein, Judith Hopf, Moritz Jekat, Anna Jermolaewa, Thomas Liu Le Lann, Martin Parr, Sophie Utikal, Bill Viola und Wiktoria entsteht ein kraftvoller Parcours zwischen gesellschaftskritischem Diskurs und erfahrbarer Achtsamkeit.

Zwei konzeptionelle Ansätze stehen im Zentrum der Ausstellung: Einerseits sind digitale Technologien wie Gesundheits-Apps, soziale Medien und ständige Erreichbarkeit zu permanenten Begleitern geworden, die unsere Aufmerksamkeit rund um die Uhr fordern. Andererseits zeigt sich, dass Ausruhen kein allgemein verfügbares Gut ist. Vielmehr ist es ein soziales Privileg, das von finanziellen Ressourcen, gesellschaftlicher Sicherheit und dem Zugang zu geschützten Räumen abhängt. Die Ausstellung macht deutlich: Innehalten ist nicht nur ein individueller Akt der Selbstsorge, sondern auch eine gesellschaftspolitische Haltung.

Die Künstler:innen der Ausstellung machen dies auf sehr unterschiedliche Weise erfahrbar. Die libanesische Künstlerin Caline Aoun verwandelt die permanente digitale Datenflut in eine stille, meditative Installation. Ihre Arbeit "Infinite Energy, Finite Time" besteht aus vier mit Druckerfarbe gefüllten Brunnen in den Farben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz, die ein eigenes Netzwerk bilden und auf die ständige Informationsübertragung verweisen. Patrizio di Massimo zeigt in seinen Gemälden ruhende, schlafende Figuren in häuslicher Intimität. Dabei spielt er mit Symbolen von Care-Arbeit und sozialen Strukturen. Die Malerei selbst wird von ihm als entschleunigter Gegenentwurf zur digitalen Beschleunigung verstanden. Jeppe Hein bringt mit "Breathe With Me" den Atem der Besucher:innen auf die Wand. Mit jedem blauen Pinselstrich entsteht ein kollektives Atemtagebuch, das die Verbindung zwischen Innenwelt und Umwelt, zwischen Individuum und Gemeinschaft sichtbar macht. Judith Hopfs Smartphone-vertiefte Skulpturen stellen die Frage: Wie präsent sind wir in unserer Umwelt, wenn unsere Aufmerksamkeit von Displays bestimmt wird? Ihre Figuren laden zur Selbstreflexion ein und thematisieren Alltagsroutinen, Machtverhältnisse und unsere Beziehung zur digitalen Welt. Moritz Jekat wiederum schafft mit seiner immersiven Installation "Wetlands of Pharmacology" einen interaktiven Erfahrungsraum an der Grenze zwischen digitalem Spiel und emotionaler Intimität. Ein Wasserbett, Soft-Skulpturen und Avatare thematisieren Empathie, Identität und Gastfreundschaft in einer hybriden Welt. Anna Jermolaewa stellt in ihrer Videoarbeit "Research for Sleeping Positions" das Thema defensive Architektur ins Zentrum. Sie greift eigene biografische Erfahrungen auf, um zu zeigen, wie Gestaltung im öffentlichen Raum marginalisierte Gruppen systematisch ausschließt und ihnen Orte der Erholung verwehrt. Auch Thomas Liu Le Lanns poetisch-düstere Videoarbeit "Les puissants: ete 2023" untersucht Erschöpfung und Verletzlichkeit in einem sportlichen Kontext. Kindheitserinnerungen, Musik und eine isolierte Fechterfigur verschmelzen zu einem eindringlichen Bild des Scheiterns und der Selbstbehauptung. Mit scharfem Blick dokumentiert Martin Parr die Ambivalenz des modernen Massentourismus. Seine humorvollen Fotografien überfüllter Strände thematisieren den Urlaub als stressbelastetes Ritual und hinterfragen unsere Vorstellungen von Erholung. Sophie Utikal nutzt textilkünstlerische Mittel, um ihren Körper in emotionalen Zuständen zu zeigen, für die Sprache nicht mehr ausreicht. Ihre großformartigen Werke sind intime Erkundungen von Selbstwert, Verletzlichkeit und gesellschaftlichen Tabus rund um Körperbilder. Bill Violas Videoinstallation "The Reflecting Pool" konfrontiert Besucher:innen mit der Verbindung zwischen Körper und Geist, zwischen Bewegung und Meditation. Seine ruhigen Bildsequenzen fordern zur Kontemplation heraus und erinnern daran, dass Ruhe ein existenzielles Grundbedürfnis ist. Wiktorias interaktive Skulpturen "Mobile Stones" imitieren Smartphones in Haptik und Gewicht. Sie ersetzen für einen Moment das echte Gerät und machen die Beziehung zu unseren digitalen Begleitern erfahrbar. Besucher:innen sind eingeladen, für die Dauer des Ausstellungsbesuchs das eigene Handy gegen einen Mobile Stone zu tauschen.


Zur Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen: Ausstellungen, 11. Juli bis 05. Oktober 2025