Tata Ronkholz: Boutique, Köln-Mülheim, Berliner Straße 120, 1980. © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025.

Tata Ronkholz – Gestaltete Welt. Eine Retrospektive.

Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Zusammenarbeit mit VAN HAM Art Estate und dem Stadtmuseum Düsseldorf.

Mit einer ersten Retrospektive ehren wir das Werkschaffen der Photographin, Produktdesignerin und Innenarchitektin Tata Ronkholz (*1940 in Krefeld, †1997 Hürth-Kendenich), geb. Maria Juliana Roswitha Tölle. Sie zählt zu den frühen Studierenden der Klasse von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf. Zu ihren Mitstudierenden zählten u. a. so renommierte KünstlerInnen wie Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Thomas Struth und Petra Wunderlich. Ronkholz' Nachlass, der 2011 von VAN HAM Art Estate, Köln, erworben wurde, bildet neben den Beständen des Stadtmuseum Düsseldorf die Basis der Ausstellung. Auch aus den hauseigenen Beständen der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur sowie von weiteren LeihgeberInnen ist Bemerkenswertes beigesteuert worden. Die Retrospektive findet in der Photographischen Sammlung mit dem hier verorteten Bernd und Hilla Becher Archiv ihren stilistisch passenden Bezugsrahmen. Methodisch, so lässt sich gut nachvollziehen, stehen die Arbeiten von Tata Ronkholz in Tradition der sachlich dokumentarischen Photographie. Mit ihrer Großbildkamera hat sie klar durchgezeichnete und wirklichkeitsgetreue Photographien geschaffen, deren Motive, weniger aber die Handschrift der Bildautorin, zentral im Mittelpunkt stehen. Die Umsetzung ihrer Arbeiten in Schwarz-Weiß überwiegt, obwohl auch Ansichten in Farbe vorkommen, die ihre Ambitionen belegen, Anschluss an die in Deutschland in den 1970er/80er Jahren aufkommende künstlerische Farbphotographie zu finden. Ein Vorhaben, das aus finanziellen Gründen nicht in Erfüllung ging.

Bekannt wurde Tata Ronkholz durch ihre ansprechende Serie von Kiosken und Trinkhallen sowie kleineren Geschäften als typische Momente einer urbanen Alltagskultur. Aufgenommen wurden diese zwischen 1977 und 1985 insbesondere in Stadtteilen von Köln und Düsseldorf, im Ruhrgebiet, ebenso wie in Leverkusen und Krefeld. Dabei ist etwa die Trinkhalle in Köln-Nippes mit Eis- und Zeitungsreklame, mit Kaugummi- und Zigarettenautomaten bei aller schnörkellos nüchtern ins Bild gesetzten Darstellungsweise genauso amüsant und einnehmend anzuschauen wie die Boutique in Köln-Mülheim, Berliner Straße 120, wo es neben Kleidern laut Ladenschild auch ein Angebot an "Dritte Welt-Schallplatten" gab. Viele Details sind in den Ansichten ablesbar, die das eigene Lebensumfeld oder eigene Vorlieben ins Gedächtnis rufen, so vielleicht den Einkauf im türkischen Lebensmittelgeschäft oder den Eisbecher im Eiscafé Fortuna.

Durchaus nehmen uns die von Ronkholz festgehaltenen Ansichten kleiner Geschäfte mit auf eine Zeitreise in die für viele nicht allzu ferne Vergangenheit und lassen anschaulich erfahren, dass sich nicht allein die Warenangebote und die Dimension der Betriebe verändert haben, sondern auch die Art der Dekoration, der Auslagen und der Bewerbung samt den verwendeten Schriften und Emblemen. Allerdings treffen wir auch auf Orte, die nach über 40 Jahren sich selbst treu geblieben sind. Es lohnt sich, den Titelangaben, in denen Tata Ronkholz auch Straßennamen notierte, nachzugehen, um den baulichen und betrieblichen Veränderungen im Vergleich zu heute nachzuspüren.

Dennoch, es war kein sentimentaler Gedanke, der die Photographin zu diesen Aufnahmen antrieb, wie sie 1991 erklärte: "Ausgangspunkt war für mich nicht die Nostalgie, sondern die Gegenwärtigkeit von Dingen, die sich in der unteren Zone der Kaninchenstall-Architektur abspielt. [...] ich fühlte mich zum Alltag hingezogen. Ich wollte das Büdchen um die Ecke in seiner ganzen Liebenswürdigkeit zeigen."1 Es war also gewissermaßen eher die Auseinandersetzung damit, dass sich in der Ausgestaltung der Kioske und Geschäfte immer auch das persönliche Interesse und Geschmacksempfinden der Besitzer spiegelt und so in den städtischen Raum weist. Einerseits sind es also die Ansprüche der Kundschaft, die das Warenangebot bestimmen, andererseits obliegt deren Präsentation über die Zweckmäßigkeit hinaus der individuellen Auffassung der Ladenbesitzer. So gesehen begegnen wir in den Bildern von Tata Ronkholz einer anschaulichen Grundlage für eine soziologische Untersuchung der eigenen Spezies, die auf gesellschaftlich wichtige Fragen zurückgeht: Welche Bedürfnisse hatten und haben wir? Was brauchten und brauchen wir zum Leben? Wie gestalten wir unser Umfeld? Welche Funktion übernehmen Bilder?

Eine weitere eingangs der Ausstellung gezeigte Serie befasst sich mit unterschiedlichen Industrietoren in ihrem gewerblichen Umfeld – ein Motivkreis, der ebenso 1977 begonnen und von 1982 bis 1985 fortgesetzt wurde. Auch die Tore bedeuten im Arbeitsalltag vieler Menschen Normalität, im Bild gefasst, vermögen sie zudem oft übersehene Besonderheiten zur Wirkung zu bringen. Wie verschieden strukturierte Vorhänge hängen sich die Tore gewissermaßen zwischen zwei Lebenswirklichkeiten, zwischen das Drinnen und Draußen und separieren das Dazugehörige und das Ausgeschlossene. Sie schützen und wehren ab. Sie dienen als klare Signale für eine territoriale Abgrenzung, doch zugleich gewähren sie durch ihr Gestänge, ihre Gitter oder stählernen Netzwerke meist den Blick hindurch und lassen den Betrachtenden über das dahinterliegende Areal Mutmaßungen anstellen. Dass Tata Ronkholz für diese Art von Photographien Schwarz-Weiß-Material nutzte, kommt der graphischen Bildwirkung bis fast zur Abstraktion zugute.

Ein weiteres photographisches Projekt gilt dem Rheinhafen Düsseldorf. Im Jahr 1979 begann Ronkholz gemeinsam mit dem Künstler und damaligen Kommilitonen Thomas Struth eine Dokumentation über den historischen Rheinhafen Düsseldorf. Zu ihren Plänen schrieben beide: "Aus Anlass der bevorstehenden Veränderung im Gebiet des Düsseldorfer Hafens entstand Anfang des Jahres der Plan, eine ausführliche photographische Dokumentation dieses Stadtteils anzulegen. Aus stadtgeschichtlichen Gründen erscheint uns diese Arbeit als überaus wichtig. Der Hafen ist in seiner formal und funktional homogenen Situation eines der schönsten Beispiele Düsseldorfer Industriearchitektur. Außerdem liegt nach unserer Kenntnis kein ausführliches Bildmaterial über diese Anlage vor, das in späteren Jahren für eine angemessene Aufarbeitung verwendet werden könnte. In systematischer Weise soll eine umfassende Darstellung der gesamten Hafenanlage, ihrer einzelnen Gebäude in Innen- und Außenansichten und die Vielzahl technischer Geräte und Details gegeben werden."2

Die bevorstehende Umgestaltung des Hafengebiets, die Thomas Struth ausgehend von seinem nah gelegenen Atelier durch beginnende Bauarbeiten täglich zu spüren bekam, gab damals den Impuls zu dieser Werkreihe. Es entstanden einmalige Aufnahmen von historischen Gebäuden, Silos, Bürobauten, Mühlenbetrieben, von im Inneren gelegenen technischen Anlagen oder auch Krankonstruktionen. Insgesamt steht von beiden mit kritischer Haltung erarbeitete Dokumentation über den Düsseldorfer Rheinhafen beispielhaft für die komplexe Thematik städtischer Umgestaltungen auch an anderen Orten.

Eine Überraschung werden zudem Einblicke in frühe Arbeiten von Ronkholz als freischaffende Produktdesignerin sein. Zwischen 1961 und 1965 hatte sie ein Studium an der Werkkunstschule Krefeld mit dem Schwerpunkt Ausbau und Möbelentwurf absolviert und zwischen 1966 und 1977 arbeitete sie als freischaffende Produktdesignerin. Als solche entwarf sie für das Leverkusener Einrichtungshaus habit strenge geometrisch geformte Möbel, seien es Sitzelemente oder Büroausstattungen oder etwa besondere Designer-Leuchten. 1971 entstand beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Künstler Adolf Luther (1912–1990) eine sogenannte Sphärische Leuchte mit konvexem Glaselement. Auch eine präzise Architekturzeichnung für ein Haus für eine Photographin ist erhalten – vermutlich ein Wunschhaus für Tata Ronkholz selbst. Schließlich zeigt die Retrospektive erstmals frühe Photographien von Bauformen, entstanden 1975/76 in Italien und Frankreich. Auch in diesen zeigt sich ihre starke Affinität zu Aspekten der gestalteten Welt in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Zur Ausstellung erscheint das Katalogbuch: "Tata Ronkholz: Gestaltete Welt. Eine Retrospektive" im Schirmer/Mosel Verlag (d/e) mit Texten von Gabriele Conrath-Scholl/Christoph Danelzik-Brüggemann/Renate Goldmann, Stefan Gronert, Barbara Hofmann-Johnson, Cennet Maggiarosa, Julia Reich und Clemens Scheuermann.

Die Ausstellung wird gefördert von der Landeshauptstadt Düsseldorf und von VAN HAM, Köln.


1 Zit. nach Helga Meister: Fotografie in Düsseldorf: Die Szene im Profil, Düsseldorf 1991, S. 193.
2 Dokument VAN HAM Art Estate, Köln



Die SK Stiftung Kultur zeigt die Ausstellung "Tata Ronkholz" vom 14. März bis 13. Juli 2025 (Eröffnung 13. März, 19.00 Uhr).