Josef Heinrich Darchinger, Kabinettssitzung im Park des Palais Schaumburg, 6. Juli 1967. © J.H. Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung.

"Demokratie braucht Bekenner"

Jupp Darchinger: Das Auge der Republik, Rheinisches Landesmuseum Bonn, 12. Juni bis 14. September

Im Bundestag, Bonn 1973: Männerarme recken sich in Reihe in die Höhe. Aus den Ärmeln ragen weiße Manschetten, an den Fingern Eheringe. Die Gesichter der in dunkles Tuch gekleideten Männer sind durch den Arm des jeweiligen Vordermanns verdeckt. Hier und da zeigt sich aus dieser Seitenansicht der Ansatz eines leicht geöffneten Mundes, sticht das sauber gekämmte Haar am Hinterkopf hervor, man sieht Falten auf einer Stirn. Die CDU-Abgeordneten bei der Abstimmung zur Reform des Sexualstrafrechts, das auf den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung abzielt, bleiben unkenntlich in der Fotografie von Jupp Darchinger – ihr "Dagegen" jedoch bestimmt noch heute in satten Schwarz-Weiß-Kontrasten das Bild.

Die Aufnahme des Fotojournalisten Josef Heinrich Darchinger (1925-2013) ist Teil der Ausstellung "Jupp Darchinger: Das Auge der Republik", die das LVR-Landesmuseum Bonn zusammen mit dem Archiv der sozialen Demokratie (AdSD) der Friedrich-Ebert-Stiftung ausrichtet: Anlass für die von Adelheid Komenda, Klara Niemann und Thorsten Valk kuratierte Ausstellung ist das Erinnern an den Bonner Fotografen, der in diesem Sommer 100 Jahre alt geworden wäre und der die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland vom Wirtschaftswunder bis zur Wiedervereinigung visuell begleitet hat. Zuletzt 1997 im LVR-Landesmuseum mit einer Retrospektive geehrt, eröffnet die aktuelle Schau ausgehend von Darchingers Nachlass, den er 2008 an die Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben hat, ganz neue Blickwinkel auf die Fotografenlegende und sein Familienunternehmen, das mit Darchingers analoger Fotografie über fünf Jahrzehnte deutsche Geschichte in allen großen Medien der BRD unterbringen konnte.

Das "Auge von Bonn"

Josef "Jupp" Heinrich Darchingers Fotografenkarriere begann 1952 mit seinem Eintritt in die SPD, für deren Parteizeitung Neuer Vorwärts er erste Aufträge übernahm, Wahlkampfporträts anfertigte und Farbbildaufnahmen umsetzte, die – damals noch ungewohnt – besonders gut den wirtschaftlichen Aufbruch der Bundesrepublik zeigten. Noch heute wird der Fotograf in Verbindung zur Sozialdemokratischen Partei gesehen. Dass Darchinger, der als junger Mann eine Landwirtschaftslehre absolvierte, von 1943 bis Kriegsende in der 1. SS-Panzer-Division Leibstandarte SS Adolf Hitler Kriegsdienst leistete, ist bislang nicht thematisiert worden. Die aktuelle Bonner Ausstellung ändert dies und weist gleich zu Beginn in einer illustrierten biografischen Schauwand auf Darchingers frühen Werdegang und seine Rolle im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg hin, die noch nicht vollends erforscht ist.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft schulte Darchinger 1948 in Bonn in der Umkehrentwicklungsanstalt Tempo GmbH, die aus dem Unternehmen Agfa hervorging, zum Fotolaboranten um. Dort lernte er Ruth Hofedank kennen, die als gelernte Fotolaborantin die Abteilung Großfotografie leitete und die ihn nach ihrer Heirat mit ihrer Expertise unterstützte.

Bonn, das 1949 provisorischer Regierungssitz wurde, ist nun zentraler Schauplatz für Darchingers fotojournalistisches Arbeiten im bundespolitischen Kontext. Von hier aus fotografiert er ab 1964 für die Wochenzeitungen Der Spiegel und Die Zeit, bewegte sich zwischen Bundeskanzleramt, Landesvertretungen, Parteizentralen und Pressekonferenzen. Seine Interview-Porträts wie die "Spiegel-Gespräche", für die er Exklusivrechte beim Spiegel besaß, mit dem er über vier Jahrzehnte zusammenarbeitete und in dieser Zeit mehr als eintausend Spiegel-Gespräche mit seiner Kamera begleitete, gaben seinem Fotografieren ein eigenes Gesicht. Denn oftmals wirken Darchingers Bilder, als säße er mit den von ihm fotografierten Politikern direkt an einem Tisch: mit Willy Brandt, dem Darchinger über die Schulter oder seitlich auf das von Falten gegerbte Gesicht schaut; mit Helmut Schmidt, der bei einer SPD-Sitzung an seinem Platz einen Brief öffnet; mit Richard von Weizsäcker, der mit einer türkischen "Gastarbeiterfamilie" im Berliner Tiergarten frühstückt; oder mit dem in einer Unterhaltung gestikulierenden Oskar Lafontaine. Auch auf größere politische Runden wie die Kabinettsitzung im Park des Palais Schaumburg am 6. Juli 1967 trifft dies zu. Darchinger wählt gezielt eine Perspektive von einem am Sitzungstisch unbesetzten Stuhl aus, um Nähe zwischen den abgelichteten und den das Bild betrachtenden Menschen zu suggerieren. Wenngleich er auch Politikerinnen fotografierte – die politischen Stühle sind fast ausschließlich maskulin besetzt.

Ob unter freiem Himmel, in dicht gedrängten Innenräumen, bei Kundgebungen auf offener Straße oder in einem kleinen Zimmer, in dem die Abgeordneten rauchend zusammensaßen: Jupp Darchinger fotografierte stets ohne den Einsatz von Licht. Dass seine Bilder nur unter Tageslicht oder den vorhandenen Lichtquellen entstanden sind, lässt sie so authentisch wie magisch zugleich wirken. Gestärkt wird diese Wirkung durch Darchingers Blick für das Situative, zeigen seine Bilder die von ihm fotografierten Menschen inmitten von Handlungsabläufen – in Gesprächen und beim Gedankenaustausch, beim Sinnieren neben meterlangen Akten, beim Reinigen des Plenarsaals, beim Ausrollen eines roten Teppichs in Vorbereitung eines Staatsbesuchs, beim Gestikulieren während einer Rede, bei einem Trauerzug, beim Lachen im Miteinandersein.

Die "Marke" Darchinger

Dass die Firma J. H. Darchinger von Anbeginn ein Familienunternehmen war, macht "Jupp Darchinger: Das Auge der Republik" durch einen eigenen Ausstellungsbereich deutlich, der durch fotografische Dokumentation und Arbeitsmaterialien die Prozesse der Arbeitsteilung im Hause Darchinger vergegenständlicht. Während Jupp Darchinger bei einem Termin mit drei Nikon-Kameras mit unterschiedlichen Brennweiten fotografierte, um differenzierte Bezugnahmen zum Geschehen zu erzielen, übernahm Ruth Darchinger im Büro Retusche-Arbeiten, Beschriftungen sowie die Archivierung der Aufnahmen. Ab 1977 unterstützte Sohn Frank als Fotograf, ab 1984 Sohn Marc ebenfalls. So arbeiteten die Darchingers in Akkordarbeit, wie Frank Darchinger in einem für die Bonner Ausstellung mit Frank und Marc Darchinger produzierten Interview-Film berichtet: Nach den Fototerminen, für die die Darchingers auch weite Wegstrecken mit dem Auto zurücklegten, wurden die Filme im Familienhaus mit Studio in Bonn-Endenich entwickelt, zuvor am Negativ ausgewählte Bildausschnitte in der Dunkelkammer vergrößert, dann beschriftet, mit dem Firmenstempel mit Kontodaten versehen und noch in derselben Nacht versandfertig zur Post am Bonner Bahnhof oder zum Eilboten gebracht, um die Bilder pünktlich in den Redaktionen in Hamburg, München oder den USA zu wissen. Ihre Aktualität und Verlässlichkeit hatte Erfolg und brachte einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Die Darchingers belieferten neben den zuvor genannten Blättern beispielsweise auch Welt, Stern, Wirtschaftswoche, Handelsblatt, Bunte oder Quick.

Josef Darchinger publiziert Bildbände wie über den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, den er 1974 in privaten Momenten ablichtete, etwa auf einer sommerlichen Segelpartie, und den er im Winter 1981 im Rahmen des deutsch-deutschen Gipfeltreffens in Güstrow begleitete, wo Erich Honecker Schmidt zum Abschied am Bahnhof ein Hustenbonbon übergab. Darchingers Warten in der Kälte lohnte sich, die Szene am Zugfenster der durch ein Bonbon verbundenen Politikerhände – als Ausdruck einer Hoffnung nach Normalität? – wurde legendär. Doch nicht nur in die Deutsche Demokratische Republik durfte Darchinger mit den Politikern, die er ablichtete, reisen. Seine Wege führten ihn bis in die Volksrepublik China, wohin er 1979 den damaligen Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, als einer von acht Pressevertretern begleitete.

Jupp Darchinger erhielt für seine Arbeit Preise und Ehrungen, darunter 1987 den Dr. Erich Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie, der nach dem in Auschwitz ermordeten Bildjournalisten benannt worden ist, oder 1989 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, da Josef Heinrich Darchinger nunmehr als bedeutender und einflussreicher Chronist der Zeitgeschichte galt. Mit Umzug des Bundestags von Bonn nach Berlin im Sommer 1999 zog sich Josef Darchinger als Fotograf aus dem politischen Tagesgeschehen zurück.

Perspektiven aus Darchingers Archiv

Das Bildarchiv Josef Darchingers, im Archiv der sozialen Demokratie als "Fotoarchiv Jupp Darchinger" geführt, ist neben den Sammlungsbeständen des LVR-Landesmuseums sowie den Leihgaben der Darchinger-Söhne von entscheidender Bedeutung für diese Ausstellung – und für die weiterführende Fotografie- und Politikforschung. Dies macht das kuratorische Konzept, das dem Thema Archiv eine eigene Ausstellungsarchitektur mit Archivboxen und Archivalien widmet, deutlich.

Darchingers Bildarchiv umfasst etwa 1,6 Millionen Negative, 60.000 Abzüge, 30.000 Dias und zahlreiche Bildtonfolgen. Aus diesem Konvolut macht die Ausstellung "Jupp Darchinger: Das Auge der Republik" erstmals einige der Bestände zugänglich, ergänzt von weiteren Objekten aus Darchingers Nachlass. Dazu zählen die vom Familienunternehmen handschriftlich geführten Findbücher, in denen für den Zeitraum von 1953 bis 1998 den Negativnummern entsprechende Daten, Anlässe und Personen zugeordnet sind; oder eine alphabetisch sortierte Sachkartei. Letztere hat den Ausstellungsmacher:innen Anlass gegeben, Darchingers Rubrik des "Themenbildes" einen ganzen Raum zu widmen. Denn das Unternehmen J. H. Darchinger sortierte seine Fotografien neben einer Personenkartei auch nach Schlagworten, um den Redaktionen unabhängig von tagespolitischen Ereignissen Bildmaterial anbieten zu können. Die Bonner Ausstellung zeigt hierfür anhand ausgewählter Themenbilder Beispiele wie "Alternative Energien", "Umgang mit der Umwelt", "Gastarbeiter", "Sicherheit, Kontrolle", "Krankenhauskosten" oder "Frauenarbeitsplätze" und kontextualisiert seine – auch rückseitig sichtbar gemachten – Fotografien unter anderem mit Büchern oder Plakaten der jeweiligen Zeit, die in Vitrinen präsentiert werden. Dabei verweist die Ausstellung auf Darchingers wachen Blick für die Zeichen der Zeit, gruppierte er in seiner Bildsammlung Aspekte, die heute noch immer hohe Relevanz haben, wie die Suche nach neuen Energiequellen, die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung, Migration oder das Gender Pay Gap.

Ganz im Sinne Jupp Darchingers, der in dem in der Ausstellung gezeigten Dokumentarfilm von Hilde Heim "Jupp Darchinger: Das Auge der Nation" (1996) bemerkt, "Demokratie braucht Bekenner", regt die Ausstellung die weiterführende Arbeit am Nachlass an, die durch das Digitalisieren der Bestände durch das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung ermöglicht wird. So verweist zum Beispiel ein in der Besucherbroschüre abgedruckter QR-Code auf die Möglichkeit, in den online verfügbaren Beständen zu recherchieren. Einen Ausstellungsbesuch sollte diese Option aber nicht ersetzen. Denn Darchingers Aufnahmen sind fast durchgängig als Silbergelatine-Abzüge zu sehen: dies wird durch das Betrachten seiner Bilder am Monitor oder in alten Printmedien kaum ersetzt.

Äußerst sorgfältig aufbereitet gibt die Ausstellung "Jupp Darchinger: Das Auge der Republik" einen gebündelten Einblick in das Spektrum seines Lebenswerks, das als visuelles Gedächtnis der Bonner Republik viele Ansätze aus dem politischen und alltäglichen Leben bietet, um die Zeit, in der wir leben, ein Stück weit besser zu begreifen.


Die Ausstellung ist noch bis zum 14. September 2025 im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen, geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr.

Weiterführende Online-Recherche im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung.