Lotty Rosenfeld in der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck.
Es braucht im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck nur wenige Momente, um zu verstehen, dass sich Lotty Rosenfeld: Esta Línea Es Mi Arma (dt. Diese Linie ist meine Waffe) in ihrem Ansatz von vielen bisherigen Ausstellungen der Konzeptkünstlerin unterscheidet, denn sie begreift und vermittelt ihr Werk aus Rosenfelds Familien- und Lebensgeschichte. Mit Ausstellungen wie im Museum of Modern Art in New York, im Hammer Museum in Los Angeles, auf der 56. Venedig-Biennale oder auf der Documenta 12 in Kassel hat die 1943 in Santiago de Chile geborene und dort 2020 verstorbene Lotty Rosenfeld internationale Bekanntheit erlangt. Im Fokus stand bislang ihr videografisches Werk der 1970er- und 1980er-Jahre, mit dem Rosenfeld ihre Aktionen im öffentlichen Raum dokumentierte, bei denen sie vorhandene Fahrbahnmarkierungen mit weißen Linien als Zeichen des Widerstands gegen die chilenische Pinochet-Diktatur kreuzte.
Paula Kommoss, die seit dem vergangenen Jahr die Leitung der Overbeck-Gesellschaft Kunstverein Lübeck übernommen hat, rückt nun erstmals in der von ihr kuratierten Schau den Blick auf die Anfänge und Hintergründe von Lotty Rosenfelds künstlerischem Schaffen. Mit frühen Arbeiten und Archivalien, die zum Teil bislang nie gezeigt wurden und die in enger Zusammenarbeit mit Lotty Rosenfelds Tochter und Nachlassverwalterin Alejandra Coz Rosenfeld ausgewählt wurden, verbindet die Ausstellung Lotty Rosenfelds Linie als Form und politische Geste mit jener ihrer familiären Herkunft als Teil kollektiver Geschichte.


Filmbilder als Zeugnis des (Über-)Lebens
Rosenfelds Familiengeschichte, die von antisemitischer Vertreibung, Inhaftierung, Tod sowie Flucht und Überleben geprägt ist, erschließt sich durch erstmals veröffentlichte Dokumente, Briefe und Objekte im Kern der Ausstellung sowie durch eine umfangreiche Begleitbroschüre. Für die Besucher:innen ist es wichtig, gleich zu Beginn von ihr zu erfahren. Denn den Auftakt der Schau bildet eine Videosammlung von digitalisierten 8- und 16-mm-Filmen von Ernst Rosenfeld, dem Vater der Künstlerin, aus den Jahren 1949 bis 1978. Die auf fünf Monitoren präsentierten Filme, die in verschiedene Richtungen des Ausstellungspavillons der Overbeck-Gesellschaft ausgestrahlt werden, zeigen private Aufnahmen der Rosenfelds, die Teil des Archivs der Fundación Lotty Rosenfeld sind: Lotty Rosenfeld in ihrem Atelier 1978, den Geburtstag ihrer zweijährigen Tochter Alejandra, die Familie Rosenfeld beim Spielen, Aufnahmen von Lotty Rosenfeld als Schulkind 1949. Zunächst auf Schwarz-Weiß-Film, dann in Farbe, dokumentierte Ernst Rosenfeld über fast dreißig Jahre alltägliche Momente und familiäre Rituale, Situationen, die von Freude begleitet sind, die gemeinsames Leben und ihr Überleben zeigen und erinnern lassen.
Linien, um Grenzübschreitungen zu zeigen
Die Praxis des Dokumentierens durch Fotografie und Film wird für Lotty Rosenfeld prägend. Die Erfahrungen des Holocaust sind durch den Aufbau eines neuen Lebens in Chile in ihrer Familie präsent. Bereits in einer frühen Arbeit Lotty Rosenfelds wird dies evident. Das zeigt eine fotografische Reihe ohne Titel aus dem Jahr 1978, die in der Overbeck-Gesellschaft zum ersten Mal ausgestellt wird: In einer bauchhohen Vitrine, die für die Präsentation angefertigt worden ist, liegen drei Bilder, die eine Massenverhaftung 1941 auf dem Jonas Daniël Meijerplein in Amsterdam zeigen. Entstanden sind die Aufnahmen während einer durch die Polizeikräfte der Nazis verübten Razzia, bei der etwa 400 jüdische Männer festgenommen und dann deportiert wurden. Die verschwommenen, unscharfen fotografischen Reproduktionen zeigen einen einzigen Moment, von dem durch die Veränderung der Ausschnitte von Bild zu Bild mehr vom Geschehen des ursprünglichen Fotos sichtbar wird. Zu sehen sind nebeneinander aufgereihte Männer, Uniformierte und ein Mann, der rennt, der versucht, zu fliehen. Lotty Rosenfeld hat diesen Bildern aufgeklebte, gezeichnete und perforierte Linien hinzugefügt. Dadurch rahmt sie die Blickrichtungen oder hebt durch grafische Markierungen Körperpositionen und Handlungen hervor. Ihre Geste ist subtil und zugleich radikal, vergegenwärtigt sie doch durch nur wenige gestalterische Eingriffe die Gewalt, der die gefangengenommenen Juden ausgesetzt waren.

In diesen frühen Bildmanipulationen wird das Markieren durch die Linie erstmals zu Lotty Rosenfelds künstlerischem Verfahren. 1979 wird Rosenfeld Mitbegründerin der Gruppe Colectivo Acciones de Arte (CADA) und beginnt, Kunst als soziale Intervention zu denken. In ihren folgenden Aktionen im öffentlichen Raum in Chile, die sie filmisch dokumentiert, greift sie die weiße Linie erneut auf: ihre Verwendung wird nun zu einem Zeichen für den Widerstand gegen die das Land beherrschende Pinochet-Diktatur.
Lotty Rosenfeld wählte die Straße, die Fahrbahn für Kraftfahrzeuge, als Ort für einen stillen Protest gegen die politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen, die ab 1973 mit dem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte, sozialistische chilenische Regierung unter Präsident Salvador Allende, der von General Augusto Pinochet angeführt wurde, einhergingen. Öffentliche Proteste waren unter Pinochet verboten, die Medien unterlagen der Zensur. Der Film Una Milla De Cruces Sobre el Pavimento (dt. Eine Meile Kreuze auf dem Asphalt) (1979) war der Beginn von Rosenfelds bekannter Werkserie, und er ist aus diesem Grund auch ein wichtiger Teil der Lübecker Ausstellung. Er zeigt eine während einer Autofahrt abgefilmte Straße mit regulärer Fahrbahnmarkierung, gefolgt von Lotty Rosenfelds Aktion, wie sie ein weißes Band quer über einen der Fahrbahnmarkierungsmittelstreifen klebt. Das von ihr auf den Asphalt aufgebrachte Band hat dieselbe Länge wie der Mittelstreifen und formt dadurch aus der Linie ein Kreuz, aus dem Minuszeichen ein Pluszeichen – und stellt symbolisch einer systematischen Regelung einen Akt der Widersetzung entgegen. Indem Rosenfeld ihre Handlung dann über eine Meile hinweg wiederholte, entstand eine Reihung an Kreuzen, die sie in ihrem Verlauf erneut abfilmte. Nach dieser Vorgehensweise markierte sie später auch Straßenabschnitte vor zum Beispiel dem Regierungsgebäude Palacio La Moneda in Santiago de Chile oder vor dem Weißen Haus in Washington D.C. In der Lübecker Ausstellung folgt auf Rosenfelds ikonischen Film dann auf derselben Projektionswand der für die Ausstellung titelbringende Film Esta Línea Es Mi Arma (1985). Darin führen Rosenfelds Körperbewegung und eigener Schatten zu einer Überkreuzung der weißen Linie – sie lassen die Künstlerin noch expliziter zum Teil der Linie und die Linie zu ihrem Werkzeug werden, zu einer konzeptuellen Waffe, die sie in ihrem gesamten Werk gebrauchte.
Als ihr Vater Ernst Rosenfeld 1935 aus Breslau über Hamburg mit dem Schiff in die chilenische Hafenstadt Valparaíso flieht, unterliegt die jüdisch-deutsche Familie Rosenfeld bereits seit einiger Zeit den Repressalien der Nationalsozialisten. 1922 hatten Lotty Rosenfelds Großeltern Rudolf und Charlotte Rosenfeld in Breslau das "Hotel Rom" erworben, das über Einkaufsmöglichkeiten und möblierte Zimmer für Gäste verfügte. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 entstand in direkter Nähe der Sitz der Gauleitung der NSDAP, das "Braune Haus". Und Rosenfelds Hotelbetrieb, der sich als renommierte Adresse in Breslau etabliert hatte, wurde zunächst boykottiert, dann beschlagnahmt, die Familie aus dem Haus vertrieben und auseinandergerissen. Rudolf und Charlotte überlebten in Sibirien, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg ihrem Sohn Ernst nach Chile folgen, der inzwischen in Santiago de Chile eine Familie gegründet hatte. Auch Ernst’ Schwester Frida überlebte, seine zweite Schwester Steffi hingegen wurde im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet.
Das wird in der Reihe Valparaíso (1985) durch Schwarz-Weiß-Fotografien auf berührende Weise verdeutlicht: Entstanden sind die Bilder im Zusammenhang einer ihrer Videoarbeiten an der Küste der chilenische Hafenstadt Valparaíso, in der Rosenfelds vor den Nationalsozialisten geflohener Vater und weitere Familienangehörige mit dem Schiff Chile erreichten. Lotty Rosenfeld suchte Jahrzehnte später diesen Ort auf, überführte einen Fahrbahnstreifen durch Setzung der weißen Linie in ein Kreuz und stellte sich auf die Schnittstelle der Linien. Hinter ihrem Körper sind Bahngleise und das Meer sichtbar. Eine weitere Aufnahme zeigt verrottete Eisenbahnwaggons, ein halb versunkenes Objekt im Hafenwasser, dahinter die sich am Hang erstreckende Stadtlandschaft. Ein drittes Bild gibt den Blick auf Rosenfelds markierten Asphaltabschnitt und auf ein dahinter vorüberziehendes Schiff auf dem Meer frei. Hier erinnerte Lotty Rosenfeld nicht nur an die Geschichte ihrer Familie als Teil eines kollektiven Schicksals. Ihre Aktion war auch dem Gedenken Sebastián Acevedos gewidmet, dessen Kinder von der chilenischen Regierung verhaftet wurden und der sich daraufhin öffentlich selbst entzündete. So markierte die Künstlerin mit ihrem Kreuz einen Schnittpunkt von Geschichte inmitten des von Gewalt und Repression geprägten politischen Systems unter Pinochet, das noch bis 1990 andauern sollte.
Hand in Hand
Erstmals zeigt die Schau einen Auszug aus Lotty Rosenfelds 1968 umgesetzter Theoriearbeit Galería Comercial en un Hotel, mit der sie ihr Studium der Angewandten Kunst an der Universidad de Chile abschloss. Darin entwirft sie ein Konzept für ein fiktives Hotel als Ort des kulturellen Austauschs – und knüpft mit der Idee einer Ladenpassage mit Produkten lokaler Herkunft an das gelebte Leben ihrer Familie im Breslauer Hotel Rom an. Den an die Wand gebrachten Auszügen dieser Arbeit liegen direkt gegenüber im Ausstellungsraum Archivalien in Vitrinen aus, die auf Rosenfelds Familiengeschichte referieren: Eine historische fotografische Ansicht des Hotel Roms, Besteck, eine Kladde mit Familienrezepten; dann Fotografien der Familie, Pässe, eine eidesstattliche Erklärung der Rosenfelds zwecks eines Anspruchs auf Entschädigung, der 1960 in der Bundesrepublik bewilligt wurde; schließlich ein Brief, den 1940 Lotty Rosenfelds in Auschwitz ermordete Tante Steffi an ihre Mutter verfasste.
Die überlieferten Dokumente ihrer Familie erfahren ein weiteres Mal Widerhall in ihrer Arbeit Revista Bravo aus dem Jahr 1979, für die sie in dem gleichnamigen chilenischen Kulturmagazin eine Seite gestaltete. Dabei nutzte sie Ausweisdokumente als Grundlage ihres Kunstwerks: So zeigt die Collage eine Kopie des Passes ihres Großvaters, der, weil Breslau als Folge des Krieges nun zu Polen gehörte, nach Rudolf Rosenfelds Rückkehr aus Sibirien (und vor der Weiterreise nach Chile) von einer polnischen Behörde ausgestellt worden war, wodurch der Versuch, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, scheiterte. Dieser Pass lagert auf einem Dokument, das Rudolf Rosenfeld und seiner Frau Charlotte ein Aufenthaltsvisum in Chile bescheinigt. Zuoberst zeigt die Collage die Kopie des chilenischen Passes von Lotty Rosenfeld. Begleitet wird das Arrangement durch die Worte: "Status: Jüdisch. Ort: Nazideutschland. Status: Flüchtling. Ort: Chile." Dieser Verweis auf Identität, Vertreibung und Erinnerung ist in Lotty Rosenfelds Werk ihr erster Verweis auf ihre Herkunft.
Es lohnt, der Ausstellung Lotty Rosenfeld: Esta Línea Es Mi Arma mit viel Zeit zu begegnen, denn sie erlaubt ein behutsames Wahrnehmen von Rosenfelds Werk und durch welche biografischen Verbindungslinien sich dieses entwickelt hat. Das Zusammenspiel von Archivalien, historischen Objekten und frühen Arbeiten ist berührend, weil in dieser Konstellation besonders deutlich wird, wie existenziell Lotty Rosenfelds Kunst schon anfangs ist, ja wie eng verflochten Rosenfeld Kunst und Zeitgeschichte dachte. In der klar und sensibel kuratierten Schau ist es der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck eindrücklich gelungen, die Bedeutung des Zusammendenkens von Geschichte und Gegenwart in Lotty Rosenfelds radikaler Konzeptkunst herauszuarbeiten und zu zeigen, dass diese stets Hand in Hand gehen.
Die Ausstellung ist bis zum 25. Januar 2026 in der Overbeck-Gesellschaft Kunstverein Lübeck zu sehen, geöffnet Donnerstag -
Sonntag 12 - 17 Uhr.