Hans Ticha: Vox Populi, 2024. Öl auf Leinwand. Besitz des Künstlers. VG Bild-Kunst, Bonn 2025.
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Der immerwährende Künstler

Hans Ticha in der Kunsthalle Rostock, 14.12.2025-15.03.2026.

Es ist bis heute sein Herzensprojekt, die Illustrationen des zum Kultbuch avancierten Romans Der Krieg mit den Molchen. 1936 erschien erstmals das bahnbrechende Werk des tschechischen und viel zu früh verstorbenen Autors Karel Čapek (1890-1938). Der Künstler Hans Ticha bereicherte mit seinen visuellen Zutaten das Buch auf außergewöhnliche Weise. Für sein grafisches Können ist der in der DDR gefragte Buchgrafiker mehrfach ausgezeichnet worden. 2022 erhielt er auf der Frankfurter Buchmesse den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk. Das Deutsche Schrift- und Buchmuseum Leipzig erwarb im letzten Jahr seinen grafischen Vorlass.

Doch der 1940 in Bodenbach, dem heutigen Děčín (Tschechien) geborene Hans Ticha ist mehr als ein begnadeter Buchillustrator, der ursprünglich Malerei studierte. In den vergangenen Jahren wurde sein malerisches Oeuvre zunehmend entdeckt. Den 85. Geburtstag des Künstlers nimmt die Kunsthalle Rostock nun zum Anlass, erstmalig ausschließlich seine Malerei in den Fokus der bisher größten Werkschau zu stellen. Die umfangreiche Retrospektive präsentiert mehr als 120 Leihgaben aus namenhaften Museen unter anderem der Neuen Nationalgalerie Berlin, dem Deutschen Historischen Museum Berlin, dem Haus der Geschichte in Bonn, dem Sportmuseum Leipzig sowie noch nie ausgestellten Werken aus Privatsammlungen. Insbesondere Johannes Zielke und Astrid Hiepe von der Galerie LÄKEMÄKER engagierten sich für das Zustandekommen der Ausstellung und unterstützten die Kunstwissenschaftlerin Antje Schunke von der Kunsthalle Rostock, die die Retrospektive kuratierte.

Ticha besticht in seinen Bildern durch feinsinnige Ironie und eine präzise Malweise. In einer Vielzahl von Themen setzt er sich bis heute mit Gesellschaft, Politik, Sport und Unterhaltung kritisch als auch humorvoll auseinander.

Die Ausstellung beginnt mit seinem Frühwerk. Seine Bezüge auf die Malerei der klassischen Moderne sind deutlich sichtbar und waren von der DDR-Kulturpolitik nicht gewollt. Während des Studiums der Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee wechselt er zur Gebrauchsgrafik, wo mehr künstlerische Freiheit herrschte. Dies geschieht aus Protest und zum Selbstschutz. Es entstehen ab Ende der 1960er-Jahre zahlreichen Motive von Fischern auf der Insel Rügen oder Menschen am Ostseestrand, die deutlich auf kubistische und konstruktivistische Vorbilder verweisen. Darauf folgen die berühmten Sportbilder mit dem Skandalwerk Mannschaft von 1975, das in der Kunstausstellung der DDR weggehängt wurde, damit der Staatschef Erich Honecker sich nicht daran störte. Nur wenige Jahre später malt Ticha seine großformatigen Politbilder im Verborgenen. Sie thematisieren das Leben in der DDR mit seinen erstarrten Ritualen und sinnentleerten Handlungen und Zwängen. Ticha spricht in diesem Zusammenhang von der „Verbeulung von Menschen“. Diese kritischen Werke kann der Künstler nicht ausstellen. Er muss sie verstecken. Erst nach der Wende finden sie ein öffentliches und staunendes Publikum, erstmals 1990 auf der Biennale in Venedig. In dem Jahr verlässt Ticha Ost-Berlin und zieht nach Mainz. Dort entstehen kapitalismuskritische Werke, aber auch eine Reihe von Musikinstrumenten-Bildern. Bis heute künden seine Malereien von einem kritischen Zeitgenossen. Seine aktuellen Bilder tragen Titel wie Wutbürger oder Wir sind jetzt das Volk.

Längst ist Hans Ticha zu einem deutsch-deutschen Maler geworden. Um so erfreulicher ist die Kooperation mit dem Neuen Museum Nürnberg, wo die Retrospektive dann ab dem 27. März 2026 gezeigt wird. Zur aktuellen Ausstellung bis zum 15. März 2026 in der Kunsthalle Rostock gibt es einen umfangreichen Katalog, der erstmalig neue Gemälde aus den 2020er Jahren berücksichtigt. Gerade im aktuellen Werk zeigt sich der immerwährende Künstler Hans Ticha.


Hans Ticha, Kunsthalle Rostock, 14.12.2025-15.03.2026.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, 272 Seiten mit 268 Abbildung, mit Texten von Daniel Zamani, Felice Fey und Antje Schunke.
Ein Interview des Deutschlandradio Kultur:
„Hans-Ticha-Werkschau in Rostock: Agitpop statt Popart in der DDR“

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