Hal Busse, Bild 58 Rot, 1958. Öl auf Leinwand. Besitz und © Sammlung Städtische Museen Heilbronn. Foto: Andreas Keck / gruppe sepia, Heilbronn.

Hal Busse zum 100. Geburtstag

Die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn widmet der 2018 verstorbenen Künstlerin eine Retrospektive.

1957 begann Hal Busse Nagelbilder anzufertigen: zur selben Zeit wie Günther Uecker. Im folgenden Jahr war sie an der siebten Abendausstellung im Atelier von Heinz Mack und Otto Piene in Düsseldorf beteiligt, mit der sich, mit der gleichnamigen Zeitschrift, die Gruppe Zero vorstellte. 45 Künstler:innen hatten Piene und Mack eingeladen, jeweils ein rotes Bild einzureichen. Kurz danach hatte Busse eine Einzelausstellung in der Galerie im Hause Behr, die Anton Stankowski, der die Logos von IBM und der Deutschen Bank entworfen hat, im Vorjahr im Möbelhaus gegenüber dem Stuttgarter Hauptbahnhof eingerichtet hatte. Schon an der Eröffnungsausstellung war sie beteiligt gewesen. Kannte sie Ueckers Arbeiten? Uecker, vier Jahre jünger als sie, nahm ebenfalls an der siebten Abendausstellung in Düsseldorf teil, wurde jedoch erst 1961 Mitglied der Gruppe, nach seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Schmela im Vorjahr.

Die Frage, wer die Nagelbilder erfand, ist müßig. Bereits der nach Norwegen emigrierte Maler Rolf Nesch fertigte 1942 mit Nägeln und Drahtgaze einen derzeit im Kunstmuseum Stuttgart ausgestellten Flötenspieler an. Interessanter sind die Unterschiede. Ueckers Arbeiten sind in aller Regel weiß. Nägel treten an die Stelle der Farbe. Sie wurden sein Markenzeichen. Busse arbeitet dagegen fast immer mit Farbe. Mal ist alles rot, einschließlich der Nägel, mal nur die Nagelköpfe in verschiedenen Farben bemalt. Wenn alles rot ist, dominiert die Farbe. Auch auf einigen Leinwänden der aktuellen Ausstellung der Kunsthalle Vogelmann, zum 100. Geburtstag der Künstlerin, scheinen rote Punkte vor dem roten Grund zu schweben.

Frauen und Zero

"Frauen in der Zero-Gruppe? Die gab es nicht." So überschreibt Barbara Könches, Direktorin der Zero Foundation, einen Artikel im Zero ABC unter W wie Women, nur um fortzufahren: "Ein weit verbreiteter und hartnäckiger Irrglaube". Drei Künstlerinnen waren 1958 an der siebten Abendausstellung beteiligt, darunter Hal Busse. Wie kam sie dazu? Die Avantgarde war ihr nicht in die Wiege gelegt, wohl aber die Malerei. Ihr Vater, Hermann Busse, aus einem brandenburgischen Dorf stammend, hatte sich von einer Malerlehre ausgehend den Traum erfüllt, Kunst zu studieren, zog dann aber in der Inflationszeit nach Jagstfeld bei Heilbronn, wo die Familie seiner Frau einen Gasthof betrieb. Dort ist Hal Busse aufgewachsen. Mit ihrem Vater, der ihr die Techniken der Malerei beibrachte, zog sie hinaus in die Natur und reiste mit ihm nach Berlin. Als sie 1946 im ersten Nachkriegsjahrgang ihr Studium an der Stuttgarter Kunstakademie begann, konnte sie von ihm nichts mehr lernen.

In Stuttgart saugte sie alles auf, was ihr an aktuellen Tendenzen begegnete. Von ihren Lehrern Fritz Steisslinger und Manfred Henninger übernahm sie eine spätimpressionistische Malweise. Henninger, der 1933 emigriert war, war sich jedoch bewusst, dass dies nicht der neueste Stand war und ging mit seiner Klasse zur Korrektur bei Willi Baumeister. Nach und nach vereinfachte sich ihre Malweise zu großflächigen Formen in wenigen Farben, wie eine Obsternte samt Vorzeichnung in der Ausstellung zeigt, vermutlich eine Vorarbeit für ein Wandbild im Max-Kade-Haus, einem neu gebauten Studentenwohnheim. 1951 reiste sie mit zwei Kommilitoninnen nach Paris, wo sie die damals aktuelle Kunst kennenlernte, unter anderem Fernand Léger, den sie sehr bewunderte, und das Informel. In der Düsseldorfer Ausstellung hingen ein quadratisches rotes Nagelrelief ähnlich dem, das nun in Heilbronn ausgestellt ist, und eine abstrakte Leinwand aus roten Punkten. Sie selbst war allerdings nicht in Düsseldorf. Persönlich ist sie Piene und Mack erst später begegnet. Zero kam erst 1959 nach Stuttgart: mit einer Einzelausstellung von Mack in der Galerie Behr.

Von 1952 an besuchte Hal Busse aber auch die Vorlesungen von Max Bense. Als Einlage im ersten Heft seiner Zeitschrift Augenblick fertigte sie eine Tuschzeichnung zu einem Text von Francis Ponge. Ein Supplement zur dritten Ausgabe enthielt Ponges Einführung in den Kieselstein, übersetzt von Elisabeth Walther, mit weiteren Zeichnungen von Busse. Bense lehrte auch an der 1953 gegründeten Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm, wo Almir Mavignier studierte: der brasilianische Künstler, der als erster in seiner Galerie an der Gänsheide ausstellte, 1957 eingerichtet direkt über Baumeisters Atelier, der zwei Jahre vorher verstorben war. Kaum denkbar, dass Busse diese Ausstellung nicht sah. Mavigniers flimmernde Raster aus leuchtenden Punkten – er gehörte bald darauf zu den Pionieren der Gruppe Neue Tendenzen und der Op Art – stehen ihren Arbeiten sehr nahe. Der Unterschied: Seine sind geometrisch exakt, getreu dem Prinzip einer Verwissenschaftlichung der Künste, wie es an der Ulmer Hochschule Tomás Maldonado vertrat, ihre dagegen freihändig: eine Art abstrakter Pointilismus, der ihre Erfahrungen von ihrem Studium bis zum Informel und dem Bense-Kreis zusammenfasst.

Von Heilbronn nach Hamburg

Ungefähr 15 Aufträge für Kunst am Bau, ihre erste Einzelausstellung 1952 in Paris, zwei Kunstpreise im selben Jahr, also noch im Studium, Ausstellungsbeteiligungen bis nach Montreal in Kanada: Hal Busse schienen in den 1950er-Jahren alle Wege offen zu stehen. Nach dem Ende ihres Studiums zog sie in das neue, von Grit Bauer-Revellio erbaute Atelierhaus der Stuttgarter Gedok, ein Paradebeispiel der Ausstellung Frau Architekt 2018 im Deutschen Architekturmuseum. 1956 heiratete sie Klaus Bendixen, einen Meisterschüler Baumeisters, der 1961 eine Professur in Hamburg bekam. Dort lebten sie in einer hochherrschaftlichen Villa an der Elbchaussee: derselben, in der Wim Wenders später einige Szenen seines Films Der amerikanische Freund drehte. Sie war nun Mutter, ihre Töchter sind 1959 und 1962 geboren, und Professorengattin. Doch sie hat auch selber nie aufgehört zu malen. Auch nicht, als sie Anfang der 1980er-Jahre wieder nach Heilbronn zurückkehrte, um ihre Mutter zu pflegen. Zwei Dinge waren ihr immer gleich wichtig: Kunst; und Familie.

Nur fehlten ihr in Hamburg die Kontakte. Ihr Mann stand im Mittelpunkt. Langsam ging die Zahl der Aufträge und Ausstellungen zurück. Heute gibt es zwei Galerien, in Berlin und Düsseldorf, die ihre Arbeiten vertreten. Allerdings steht immer die Zero-Periode im Mittelpunkt. Dabei betrachtete sie selbst die abstrakten Arbeiten als Experiment und hörte nie auf, figürlich und gegenständlich zu denken. Anlass zu ihrem ersten Nagelbild, so Jana Noritsch, die im Auftrag der Tochter Johanna Bendixen seit 2020 das Werkverzeichnis erstellt, bot ein Weinberg im winterlichen Sonnenlicht. Ein anderes stellt eine Menschenmenge auf dem Markusplatz in Venedig dar. Die Ausstellung zeigt, wie sie vom Thema der Badenden, ein bevorzugtes Sujet ihres Lehrers Henninger, durch schrittweise Reduktion zu Trauben von Punkten gelangt.

Zwischen Abstraktion und Figur

Für Marc Gundel, den Direktor der Städtischen Museen Heilbronn, ist Hal Busse nicht nur eine der wichtigsten Heilbronner Künstlerinnen, sondern generell der Nachkriegszeit. Die Ausstellung konzentriert sich in der unteren Etage auf ihre Anfänge, einschließlich einiger Werke ihres Vaters, ihres Mannes Klaus Bendixen und einer beeindruckend expressiven schwarzen Bronze-Büste, die sie Ende der 1970er-Jahre von ihm angefertigt hat. Während die informellen Arbeiten und die Nagelreliefs in der oberen Etage ausgestellt sind, bleibt in der Mitte Platz für spätere Werke, vom abstrakten Rasterbild bis zur sommerlichen Terrasse ihres Heilbronner Hauses. Hat sie nicht zu einem eigenen Stil gefunden? Man kann es auch anders sehen: Sie wusste, was sie konnte, und war selbstbewusst genug, um sich nicht auf einen Wettstreit mit den Männern einzulassen. "Es ging ehrgeizig zu, ein bisschen verbissen", so beschreibt sie die Korrektursitzungen bei Baumeister. "Studentinnen wurden vergrault." Sie fühlte sich frei, zu machen, was sie wollte, bis hin zu einem Soldaten zwischen Länderflaggen im Stil der Pop Art, mit einem roten X durchgestrichen. So reagierte sie auf die Studentenproteste, die sie 1968 in Paris erlebte – ganz auf der Höhe der Zeit.

Die Kunsthalle Vogelmann kann den Kosmos Busse – so der Titel der Ausstellung –keineswegs umfassend ausbreiten. Sie lässt die Kunst am Bau ebenso weg wie die Hamburger Zeit und konzentriert sich neben der Periode, in der sie im Rampenlicht stand, auf ihre frühe und späte Heilbronner Zeit. Und doch zeigen einige bemerkenswerte Arbeiten, dass sie immer für eine Überraschung gut war. Noch vor dem Studium stellt sie sich in einem knapp angeschnittenen Selbstporträt zugleich im Profil und frontal im Spiegel dar: eine beachtliche Leistung für eine Zwanzigjährige. Ein beweglicher, flimmernder Würfel aus roten Alu-Plättchen an Nylonfäden vertritt ihre abstrakten dreidimensionalen Arbeiten, von Op Art und kinetischer Kunst nicht weit entfernt. Ein kleiner Springer, der drei blaue Ringe durchstößt, ist im Treppenhaus ausgestellt. Manche Heilbronner könnten ihn wiedererkennen: Es handelt sich um einen Bozzetto für ein Werk in einem Freibad des Stadtteils Kirchhausen.

Eine der letzten Arbeiten der Ausstellung besteht aus 180 Quadraten mit angedeuteten Szenen in Schwarzweiß. Erinnerungen – ungemalte Bilder lautet der Titel. Hal Busse hätte noch viel mehr malen können, wenn sie mehr Zeit gehabt hätte. In Hamburg, als sie sich um Kinder und Haushalt kümmern musste, machte sie sich Tagespläne, um jeden Tag malen zu können, sagt Jana Noritsch – und schlief dann doch erschöpft ein. Ihre Biografie zeigt, was Künstlerinnen in der Nachkriegszeit im besten Fall erreichen konnten und wo sie an Grenzen stießen. Schon das Namenskürzel Hal Busse – statt des bürgerlichen Namens Hannelore Bendixen-Busse – ist als Strategie zu verstehen, um nicht sofort als Frau oder gar Anhängsel ihres Mannes eingestuft zu werden. Hal Busse machte sich einen eigenen Namen. Und war eine vielseitige Künstlerin – die sich wiederzuentdecken lohnt.


Die Ausstellung läuft bis zum 29. März, Öffnungszeiten und weitere Informationen hier: https://museen.heilbronn.de/kunsthalle-vogelmann.html

Biografie und Ausstellungen: https://hannelore-bendixen-busse.jimdosite.com