Gruppenausstellung der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen mit Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang und Lukas Zerbst.
Diese Ausstellung widmet sich einem Zustand, der uns allen vertraut ist und doch selten unsere volle Aufmerksamkeit erhält: dem Dazwischen. Jenen Momenten und Räumen, in denen das Vertraute seine Selbstverständlichkeit verliert und das Kommende noch keine feste Kontur angenommen hat. Es sind Schwellenzustände – fragile Passagen –, in denen Ordnungen ins Gleiten geraten und Bedeutungen neu verhandelt werden.
Der Begriff der Liminalität, abgeleitet vom lateinischen limen, der Schwelle, entstammt der Anthropologie des frühen 20. Jahrhunderts. Er bezeichnet Übergangsphasen innerhalb sozialer, kultureller oder individueller Prozesse – jene Zwischenzeiten, in denen geltende Normen, Rollen und Strukturen außer Kraft gesetzt, verschoben oder transformiert werden. Liminale Zustände gehören weder eindeutig dem Alten noch dem Neuen an. Sie sind von Ambivalenz und Offenheit geprägt, von Unsicherheit ebenso wie von einem besonderen Potenzial zur Veränderung.


In der Gegenwart gewinnt dieses Konzept eine kaum zu überschätzende Aktualität. Wir leben in einer Epoche tiefgreifender Umbrüche – gesellschaftlich, politisch, technologisch und kulturell. Gewohnte Gewissheiten erodieren, während neue Möglichkeitsräume sich auftun, ohne bereits klare Konturen zu besitzen. Zwischen analog und digital, lokal und global, individueller Erfahrung und kollektiver Verantwortung entstehen Übergangszonen, die sich stabilen Kategorien entziehen. Liminalität erscheint so nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern als grundlegende Erfahrungsform unserer Zeit.
Entsprechend vielfältig sind die Felder, in denen das Konzept produktiv wird – von Anthropologie, Soziologie und Psychologie über Architektur und Internetästhetik bis hin zu Literatur, Musik und bildender Kunst. Gerade die Kunst erweist sich dabei als besonders geeignetes Medium, um Schwellenzustände sichtbar und erfahrbar zu machen. Sie ist nicht an eindeutige Antworten gebunden; sie operiert selbst im Modus des Übergangs – zwischen Material und Bedeutung, Wahrnehmung und Interpretation, Gegenwart und Imagination. Künstlerische Arbeiten vermögen Unbestimmtheit auszuhalten, Mehrdeutigkeit zuzulassen und Räume zu eröffnen, in denen Denken, Fühlen und Sehen in neue Konstellationen treten.
Die in dieser Ausstellung versammelten Werke international tätiger Künstlerinnen und Künstler – Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang und Lukas Zerbst – entfalten ein vielstimmiges Panorama liminaler Erfahrungen. Mit Film, Fotografie, Skulptur und Installation bedienen sie sich unterschiedlicher Medien und ästhetischer Strategien, um das Dazwischen in seinen materiellen, virtuellen und sozialen Dimensionen auszuloten.
Einige Arbeiten thematisieren physische Übergangsräume: Grenzen, Schwellen, Transitzonen, Orte des Wartens. Andere erkunden mediale Zwischenwelten, in denen Realität und Fiktion, Körper und Digitalität ineinander übergehen. Wieder andere richten den Blick nach innen – auf Momente der Desorientierung, des Innehaltens, der Neujustierung des Selbst. Auch gesellschaftliche und politische Schwellen geraten ins Visier: Situationen, in denen Narrative, Machtverhältnisse und kollektive Selbstbilder ins Wanken geraten.
Dabei folgt die Ausstellung keiner linearen Dramaturgie und keiner eindeutigen Lesart. Ihre bewusst offene, atmosphärisch verdichtete Szenografie entfaltet ein Geflecht von Erfahrungsräumen, das Verbindungen ebenso zulässt wie Brüche. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich darin zu bewegen, Irritationen nicht als Störung, sondern als Erkenntnismoment zu begreifen und eigene Perspektiven zu entwickeln. Orientierungslosigkeit erscheint hier nicht als Defizit, sondern als produktiver Zustand – als Voraussetzung dafür, eingefahrene Wahrnehmungs- und Denkmuster zu hinterfragen.
"Liminalität – Räume im Übergang" versteht das Schwellenhafte nicht als bloßes Durchgangsstadium, das es möglichst rasch zu überwinden gilt. Vielmehr wird der Übergang selbst als eigenständiger Erfahrungs- und Erkenntnisraum ernst genommen. Das Werden, das Unabgeschlossene, das Prozesshafte tritt als permanentes Moment hervor. Stabilität erscheint als Momentaufnahme, Veränderung als konstitutives Prinzip.
So lädt die Ausstellung dazu ein, das Ungewisse nicht vorschnell zu schließen. Sie macht das Potenzial jener Schwellen sichtbar, an denen Bedeutungen neu ausgehandelt, Perspektiven verschoben und Zukünfte denkbar werden. Im Dazwischen, so zeigt sie, liegt nicht nur Verunsicherung – sondern die Möglichkeit eines Anfangs.
Liminalität, Räume im Übergang, 08. Feb. - 10. Mai 2026. Die Ausstellung wird kuratiert von Alejandro Perdomo Daniels.
Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, Friedrich-Ebert-Str. 35, 78054 Villingen-Schwenningen.
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