Barbara Loftus in ihrem Atelier in Brighton/UK vor einem Selbstporträt zusammen mit ihrer Mutter Hildegard und ihrer Großmutter Herta (2025). Foto: Polly Eltes, 2025.

Barbara Loftus, Eine Enterbung / A Disinheritance

Austellung im Haus am Lützowplatz (HaL), Berlin, 27. März – 25. Mai 2026.

Seit mehr als drei Jahrzehnten setzt sich die britische Malerin und Filmemacherin Barbara Loftus künstlerisch mit der frühen Lebensgeschichte ihrer deutsch-jüdischen Mutter Hildegard Basch auseinander, die von 1915 bis 2007 lebte. Die Ausstellung "Eine Enterbung" im Haus am Lützowplatz (HaL) ist das Ergebnis dieses intensiven Recherche- und Kunstprojekts.

Schritt für Schritt tastete sich Loftus in die mütterliche Vergangenheit vor, von der ihr nur Bruchstücke bekannt waren. Da war das Berlin-Schöneberg der 1920er-Jahre, die großbürgerliche Wohnung in der Lutherstraße 51, später Keithstraße 14, in der Hildegard Basch mit ihren Eltern Sigismund und Herta aufwuchs. Und da waren die Erschütterungen der Zeit: Aufgrund von Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise stürzte die Familie in finanzielle Schwierigkeiten, während die ab 1933 einsetzende systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zu Verfolgung, Deportation und Vernichtung ihrer Familie führte. Die Großeltern und der Onkel der Künstlerin wurden 1942 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet; die Mutter emigrierte 1939 als junge Frau nach England. Wie in vielen vergleichbaren Fällen waren diese schmerzlichen Erfahrungen unter dem Mantel eines traumabedingten Schweigens verborgen und für die Nachgeborenen lange unzugänglich.

Erst im Alter von 79 Jahren begann die Mutter aus einer zufälligen Situation heraus über diese Vergangenheit zu sprechen. Sie berichtete von einer Beschlagnahmung infolge der nach den Novemberpogromen 1938 erzwungenen sogenannten "Judenvermögensabgabe". Hildegard Basch erinnerte sich insbesondere an das Detail, wie uniformierte Männer mit großer Vorsicht die Porzellansammlung der Eltern aus den Schränken entnahmen und einpackten. Für diese erste Bildserie "A Confiscation of Porcelain" (1995/96) kleidete Loftus Schauspieler in SA-Uniformen, um die von ihrer Mutter geschilderte Szene nachzustellen. 1998 begann die Künstlerin die zweite Bildserie "German Landscape with Wandervogel". Ihre Mutter war 1927, wie viele vollständig assimilierte und patriotische junge deutsche Jüdinnen und Juden ihrer Generation, der Wandervogelbewegung beigetreten – eine von 1896 bis 1901 in Berlin-Steglitz (damals eine eigenständige Gemeinde, seit 1920 ein Bezirk von Groß-Berlin) existierende, einflussreiche Jugendbewegung, die als Gegenreaktion auf die wilhelminische Industriegesellschaft und die bürgerlich-autoritäre Erziehung ein naturverbundenes, selbstbestimmtes Leben suchte.

Barbara Loftus studierte von 1962 bis 1964 in England an der Harrow School of Art und anschließend von 1964 bis 1968 am Brighton College of Art. Nach mehreren Ausstellungen und Lehrtätigkeiten wurden die ab 1994 zugänglichen Erinnerungen ihrer Mutter zum Katalysator neuer künstlerischer Verfahren – etwa der archivbasierten Forschung oder des Dokumentarfilms – und zugleich zum Zentrum der bis heute fortgeführten Werkserie. Neben auf Tonband aufgezeichneten Gesprächen waren 17 kleine Fotografien im britischen Exil erhalten geblieben – die einzigen visuellen Zeugnisse von Vater, Mutter, Bruder und der eigenen Jugend. Dieses spärliche Material war der Ausgangspunkt für umfassende Recherchen in Berliner Archiven und für eine beinahe detektivische Rekonstruktion der Lebensumstände der Familie Basch.

Berlin hatte die Künstlerin erstmals 1983 mit ihren Eltern besucht. Für den Vater, einen irischstämmigen Kommunisten aus dem Arbeitermilieu, der den Völkermord an den europäischen Juden innerhalb der Familie systematisch ausblendete, war vor allem das sozialistische Ost-Berlin interessant. Bei einem zweiten Besuch 1996 suchte Loftus zum ersten Mal das Haus in der Keithstraße auf. Es war kriegsbeschädigt und stark verändert, aber im Unterschied zu anderen erinnerungskulturell relevanten Orten noch vorhanden. Wenige Jahre später gelang es ihr dann, die Wohnung ihrer Großeltern zu betreten. In Archiven entdeckte Loftus die Bauakte des Gebäudes und die Vermögensaufstellung ihrer Familie, die kurz vor der Deportation angefertigt und unterzeichnet worden war. Wie die konfiszierten Gegenstände und Möbel konkret aussahen, erschloss sich Loftus aus anderen Quellen.

Die erste Ausstellung mit "Erinnerungsbildern" der Künstlerin fand 2007 im Regency Town House im englischen Brighton unter dem Titel "Exile & Memory: A Conversation with My Mother" statt. Kurz danach verstarb Hildegard Loftus; ihre Demenzerkrankung hatte Gespräche bereits zuvor unmöglich gemacht. 2011 folgte eine Einzelausstellung mit weiteren Arbeiten der Serie im Londoner Freud Museum. 2013/14 war ein bedeutender Teil von Loftus' Werken im Themenjahr "Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938–1945" im Ephraim-Palais ausgestellt. Diese Arbeiten erwarb Berlin anschließend für die Sammlung des Stadtmuseums. Eine Auswahl bildet nun den Grundstock der Schau, ergänzt um zahlreiche aktuelle Werke, einen 2018 entstandenen Film sowie eine neue Publikation. Die Nähe zur Keithstraße sowie der Umstand, dass die Ausstellungsräume am Lützowplatz zu einem Wohnhaus gehören, das sich bis 1938 in jüdischem Besitz befand, bilden die tragenden Motive für die zweite große Präsentation von Loftus' Arbeiten in Berlin.


Barbara Loftus. Eine Enterbung, bis 25. Mai 2026.
Kurator: Dr. Marc Wellmann

Haus am Lützowplatz (HaL)
Fördererkreis Kulturzentrum Berlin e.V.
Lützowplatz 9 / 10785 Berlin
hal-berlin.de