Cindy Sherman, Untitled #275, 1993. © the artist, Courtesy Sammlung Goetz, München.

Konstruktionen des Selbst

Im "Schaufenster" der Sammlung Goetz in München wird eine konzentrierte Auswahl des vielschichtigen Werks von Cindy Sherman gezeigt.

Mit einem unheimlichen Lächeln blicken die drei Clowns den Betrachter an. Sie tragen rote Nasen, die Lippen, übergroß und blau gefärbt, ziehen sich über das gesamte fratzenhafte Gesicht. Die Haare sind ebenfalls blau und verwuschelt. Es ist dreimal das gleiche Gesicht, das digital vor einem abstrakten Hintergrund positioniert wurde und den Betrachter hämisch ansieht. Trotz des Lächelns ist nicht klar, wie diese ambivalente Maskerade gemeint ist, ob es sich um harmlose lustige Auguste handelt, oder ob man doch von bösartigen Horrorclowns taxiert wird. Diese ambivalenten Clownfiguren bleiben ungreifbar, ihre Maske schwebend zwischen Rolle, Klischee und Idee. Und auch die Frage steht im Raum, wer und mit welcher Absicht genau sich gern als Clown verkleidet? In diesem Fall ist es die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman.

Das temporäre "Schaufenster" der Sammlung Goetz

Das Bild Clown-Bild "Untitled #417" aus dem Jahr 2004 ist Teil einer Auswahl von Arbeiten der Künstlerin, die aktuell im temporären "Schaufenster" der Sammlung Goetz gezeigt werden. Zu sehen ist ein kondensierter Überblick über zentrale Aspekte der künstlerischen Strategien einer der einflussreichsten Fotografinnen der Gegenwart. Kuratiert wurde die Ausstellung von Karsten Löckemann, dem Hauptkurator der Sammlung Goetz, und Anna Reimnitz. Die dicht gehängte Präsentation erhebt dabei aber keinerlei Anspruch auf eine retrospektive Vollständigkeit, vielmehr ermöglicht die Auswahl einen Einblick in Shermans unterschiedliche Ansätze von Maskeraden sowie der medialen Überformung und der Dekonstruktion von weiblichen Rollen.

Die Ausstellung findet im temporären Ausstellungsraum der Sammlung Goetz statt, der sich in einer Ladenzeile der Neuen Maxburg, einem Fünfziger-Jahre-Architektur-Juwel von Sep Ruf in der Münchner Innenstadt, befindet. Es ist die zweite Ausstellung, die während der Schließung des Stammhauses in Oberföhring in dieser Zwischennutzung stattfindet. Der neue Ort soll die Funktion eines Schaufensters haben, durch das die Sammlung während des Umbaus sichtbar bleibt. Daher bezieht sich der  Name "Schaufenster" sowohl auf die Lage des neuen Ausstellungsraumes als auch auf das kuratorische Konzept: So sollen wichtige künstlerische Positionen aus dem Bestand in kuratierten Wechselausstellungen präsentiert werden. Laut dem Team wird der Ort von den Kunstinteressierten gut aufgenommen, es sind weitere Ausstellungen geplant, die auch durch begleitendes Programm ergänzt werden.

Identität durch Bilder

Der Kontext einer innerstädtischen Ladenzeile passt gut zu einer Künstlerin, die sich auch intensiv mit den Bildkulturen der Mode und Werbung auseinandersetzt und sich als Künstlerin in deren Bild-Ökonomien bewegt hat. Shermans künstlerische Strategie widmet sich seit den späten 1970er-Jahren konsequent der Frage, wie Identität durch Bilder produziert wird. Ihre fotografischen Selbstinszenierungen sind dabei nicht einfache Selbstporträts. Vielmehr sind sie komplexe fotografische Kompositionen, in denen sie als Modell, Inszenatorin, Maskenbildnerin und Fotografin zugleich agiert. Schon in ihrer bekannten, frühen Serie "Untitled Film Stills", in der sie stereotype Frauenfiguren aus fiktiven Filmszenen der 1950er- und 1960er-Jahre verkörpert, ging es primär nicht um eine individuelle Subjektivität, sondern um die Analyse  kulturell konstruierter Stereotypen. In späteren Werkgruppen verschieben sich die fokalen Punkte: Die Figuren scheinen zunehmend artifizieller, grotesker, sie entziehen sich eindeutigen Zuschreibungen, scheinen bisweilen ungreifbar, wie die Clowns vom Anfang dieses Textes.

Schnittstellen zwischen Kunst und Kommerz

Die Sammlung Goetz besitzt umfangreiche Konvolute aus nahezu allen Phasen des mehr als 50-jährigen Schaffens der Künstlerin. Ein Fokus der aktuellen Ausstellung im "Schaufenster" konzentriert sich auf zwischen 1983 und 1994 entstandene Bilder, die sich explizit der Bildsprache der Modewelt widmen und sich an den Schnittstellen zwischen Kunst und kommerzieller Bildproduktion verorten lassen. Neben ihren eigenen künstlerischen Werken zum Thema Mode hat Sherman mehrfach Fotografien außerhalb des Kunstkontextes veröffentlicht und Bildstrecken für Modemagazine und unterschiedliche Marken wie Comme des Garçons oder MAC Cosmetics geschaffen. Doch auch hier schützt sie ihre künstlerische Autonomie. Anstatt sich den Erwartungen der Auftraggeber anzupassen, unterläuft sie deren visuelle Logiken. 

Shermans Bilder reproduzieren nicht die kommerziellen Codes von Glamour und Begehrlichkeit, sondern überzeichnen und deformieren sie. Die Figuren irritieren, Proportionen scheinen verschoben, Posen kippen ins Unnatürliche, Blicke bleiben leer oder wirken expressiv überdreht. Die Kleidung, die im Modediskurs üblicherweise als Träger von Eleganz oder Begehrlichkeit fungiert, erscheint hier wie eine fremde Hülle, die dem Körper nicht mehr entspricht, sondern ihn deformiert oder überlagert. Der dafür oft verwendete  Begriff der "Anti-Fashion" beschreibt diese Strategie aber eigentlich nur unzureichend. Es sind weniger Gegenbilder zur Mode, eher spiegelt, invertiert und überzeichnet Sherman die Mechanismen der Modeindustrie in einer Art kritischem Mimikry oder subversiver Unterwanderung.

Irritationen im System

Ergänzend zu den fotografischen Arbeiten wird im letzten Raum der Ausstellung auch ein Dokumentarfilm gezeigt. Man sieht Sherman im Studio, bei der Auswahl von Kostümen, beim Schminken, beim Arrangieren der Szenen. In diesem Film kann man eine Künstlerin beobachten, die Identität als etwas begreift, das angelegt, verändert und wieder abgelegt werden kann. Sie hat dabei die totale Autonomie über ihre performative Inszenierung und die Bilder ihrer selbst.

In einer Gegenwart, die von schnell zirkulierenden Bildern und von der permanenten Selbstinszenierung in sozialen Medien durchdrungen ist, erscheinen Shermans Fotografien aktueller denn je. Sie können als ein geeignetes analytisches Instrument gesehen werden, das die Mechanismen, Wirkungsweisen und Bedingungen visueller Kulturen aufzeigt und irritiert. So wie ein Clown Regeln und Machtsysteme erst sichtbar macht, indem er sie bricht und ins Lächerliche oder Absurde steigert, untergräbt Cindy Sherman mit ihren Inszenierungen des Selbst als immanente Störung die Wirkungsweisen bestehender Rollen- und ​​Bildlogiken.


Sammlung Goetz / Schaufenster, Oberföhringer Straße 103, München
Cindy Sherman, 17. März – 27. Juni 2026