Eröffnungsveranstaltung "ANTIFASCISM: NOW.". Foto: Pablo Lauf.

Vernetzen, verhandeln, widersprechen

Mit "ANTIFASCISM: NOW." präsentiert die Lothringer 13 in München den Auftakt eines weitgreifenden, transnationalen Projekts.

Wir leben in Zeiten, in denen bestimmte Fragestellungen eine Dringlichkeit bekommen haben, die uns fast unheimlich erscheint. Das globale politische Klima ist zunehmend von autoritären Tendenzen geprägt, revisionistische Narrative führen zu gesellschaftlicher Polarisierung und Kriege finden an Orten statt, die erschreckend nahe sind. Tiefgreifende Verwerfungen scheinen sich anzubahnen und der technologische Fortschritt in Form digitaler Großkonzerne und deren künstlicher Intelligenzen wirkt zudem als Brandbeschleuniger. Die Gründe für diese Entwicklungen sind komplex und vielschichtig, die Antworten vermeintlich starker politischer Führer dafür umso einfacher und brutaler.

Antifaschismus als offenes System

Hier setzt das Ausstellungsprojekt "ANTIFASCISM: NOW." in der städtischen Kunsthalle Lothringer 13 in München an und versucht eben diesen Komplexitäten und Dringlichkeiten gerecht zu werden. Das transnationale Projekt, das sich über mehrere Jahre und geografische Kontexte entfalten soll, versteht sich als eine künstlerische Intervention, die analytisch, diskursiv und handlungsorientiert kulturelle Produktion, Kunst und politisches Handeln verbinden will. Die Idee des Antifaschismus soll hier nicht historisch betrachtet werden, sondern als gegenwärtige, offene Praxis verstanden und verhandelt werden. Kalas Liebfried, der Direktor der Lothringer 13 und Kurator des Gesamtprojekts beschreibt den Ansatz als offenes System: "Wir haben keinen vorgefertigten Antifaschismus-Begriff. Aber es gibt den zentralen Anreiz, eine gemeinsame neue Haltung zu finden, die sich gegen Faschismus richtet. Antifaschismus soll rehabilitierbar, normalisierbar und entdämonisierbar werden. Dabei bedingen sich zwei Fragen gegenseitig: Da ist die Frage, was ist Antifaschismus? Und die andere Frage, was ist Faschismus und wie zeigt er sich? Unsere grundlegende Prämisse ist, dass antifaschistische Kulturarbeit immer demokratische Arbeit ist. Sobald du keinen Faschismus möchtest, solltest du antifaschistisch handeln."

Dieser offene Ansatz zeigt sich auch in der Bandbreite der in München gezeigten Arbeiten. In den Ausstellungräume gibt es keine lineare Narration, vielmehr ergänzen sich unterschiedliche Positionen mit unterschiedlichen Ansätzen. Zu sehen sind Videos, Skulpturen und Bilder, forschungsbasierte Arbeiten wie von der Recherche-Gruppe Forensic Architecture und performative Interventionen bis hin zu aktivistischen Formaten, die bewusst an der Grenze zur gemeinsamen sozialen Praxis operieren. Eine Reihe von Fahnen dominiert den Eingang zur Ausstellungshalle, auf allen zu sehen sind moderne Versionen eines antifaschistischen Zeichens: Die Drei Pfeile sind ein Symbol, das 1931 von Sergei Chakhotin und Carlo Mierendorff für die antifaschistische Organisation Eiserne Front entworfen wurde, die der deutschen Sozialdemokratie nahestand. Die Urheber gaben an, ihre Inspiration sei ein durchgestrichenes Hakenkreuz gewesen. Im Jahr 2019 entwarf eine selbstorganisierte Gruppe von Künstler*innen und Aktivist*innen nach einem öffentlichen Aufruf, anlässlich des polnischen Unabhängigkeitstags eigene Versionen des Symbols. Die aktualisierten drei Pfeile sollen für die zentralen zeitgenössischen Werte, Solidarität, Empathie und Fürsorge stehen. Die Aktion wurde zu einem Protest gegen Fake News und Post-Truth, zu einem Zeichen der Unterstützung für die LGBTQI+ Community sowie zu einer Geste der Solidarität mit dem Planeten. In München wurde sie um einen Beitrag des lokalen Künstlers Alexander Scharf erweitert.

Partizipation und Austausch

Ebenfalls sehr im Ausstellungsraum präsent sind die Wandarbeiten des Projekts Error 417 Expectation Failed. Unter dem Titel "13 Scores Against Tech Fascism" geben sie unterschiedliche Anleitungen für humorvolle Formen von Widerstand, Verweigerung und Subversion im Kontext digitaler Überwachung. Charakteristisch ist die Verschränkung von künstlerischer Produktion und konkreten Handlungsanweisungen. Das Projekt operiert bewusst an der Schnittstelle von Kunst und Aktionismus, es ist kein abgeschlossenes Werk, vielmehr präsentiert es nutzbare "Hacks", die von den Besucher*innen tatsächlich als Werkzeuge genutzt werden können. Diese Verschiebung vom Objekt zum Prozess, vom ausgestellten Werk zur umzusetzenden Praxis, durchzieht die Ausstellung in unterschiedlichen Ausprägungen. Die Kunst wird hier weniger als Repräsentation verstanden, sondern eher als Raum für erweiterte Handlungsspielräume und Ort für Austausch und Diskurs.

Sobald man die zentrale Ausstellungshalle betritt, erkennt man einen tatsächlichen Ort des Diskurses, der räumlich wie konzeptuell im Zentrum der Ausstellung positioniert und wesentliches Element der Ausstellung ist, das sogenannte Assembly. "Das Assembly war von Anfang an, bevor irgendwelche Werke feststanden, das Erste und Wichtigste im Konzept. Dieses Set-Up, eine Versammlungsstätte für Vorträge oder ein Plenum, ist bewusst in der Mitte der Ausstellung platziert. Es ist Teil der kuratorischen Idee, dass Beiträge zu einem Projekt, die meistens als begleitend dargestellt werden, in die Mitte platziert werden. Der Kern ist aktiv und auch eine Art geschützter Raum. Wenn man so will, ist eigentlich die Ausstellung eher begleitend und kontextgebend", bekräftigt Kalas Liebfried. Das Assembly fungiert nicht nur als Ort der Vermittlung, sondern als performativer Raum, in dem sich die Ausstellung kontinuierlich aktualisieren und erweitern kann. Panels, Workshops, Performances und kollektive Formate transformieren den Ausstellungsraum in eine temporäre Öffentlichkeit, die sich durch Partizipation und Austausch konstituiert. Der Kunstraum wird zum Safe-Space, zum Experimentierfeld für Formen des Zusammenkommens, die über seine eigenen institutionellen Grenzen hinausweisen.

Vernetzung als Strategie

Die gesamte Ausstellung in München ist nicht als eine in sich geschlossene Episode zu verstehen, sondern als Auftakt eines internationalen Diskurses, der sich mit dem Goethe-Institut als Hauptpartner in unterschiedlichen lokalen Kontexten in Südosteuropa und Zentraleuropa weiterentwickeln wird. Kalas Liebfried: "Die Ausstellung ist das initiale Kapitel eines größeren Projektes, das sich den Ausprägungen antifaschistischer künstlerischer Strategien widmet, eines transnationalen Projekts, das sich bis Ende 2028 dezentral in bis zu 14 Städten weiterentwickeln wird. Dabei ist die Idee, dass wir nicht wie andere Institutionen agieren und zunächst drei Jahre Research machen, um dann eine Schau zu präsentieren. Wir denken und zeigen das Projekt in der Entwicklung, offen, prozessual und sichtbar."

Gerade vor dem Hintergrund aktueller globaler politischer Entwicklungen, von rechtspopulistischen Bewegungen bis hin zu digitalen Radikalisierungsprozessen, wird die Notwendigkeit deutlich, den Begriff und die Idee des Antifaschismus neu zu denken, gemeinsam zu verhandeln und positiv zu besetzen. Einige der gezeigten Arbeiten greifen diese Dynamiken direkt auf, andere Beiträge setzen auf subtile Formen der Intervention, etwa durch soziale Interaktion, kollektive Praktiken oder die Reaktivierung historischer Narrative. Das gesamte Projekt legt dabei nicht den Fokus auf einzelne Positionen, sondern auf deren dezentrales Zusammenspiel und auf eine langfristige und nachhaltige Vernetzung. Gleichzeitig steht die Frage nach der Wirksamkeit eines solchen Formats im Raum. Inwiefern kann künstlerische Praxis tatsächlich in gesellschaftliche Prozesse eingreifen, ohne in symbolischen Gesten verhaftet zu bleiben. Die Ausstellung versucht gar nicht, diese Frage abschließend zu beantworten, stattdessen will sie mögliche Utopien skizzieren, wie eine positive, solidarische und resiliente Zusammenarbeit aussehen kann, aller aktueller Widrigkeiten zum Trotz.


ANTIFASCISM: NOW., 30. Januar – 31. Juli 2026
Lothringer 13 Halle, Ein Kunstraum der Stadt München
Lothringer Straße 13, 81667 München
Reguläre Öffnungszeiten:
Mi–Fr, 12–20 Uhr, Sa, So und Feiertag, 10–18 Uhr, Mo und Di, geschlossen
Eintritt frei!