Lothar Osterburg, Entering Yesterday’s City of Tomorrow, 2011. © Lothar Osterburg.

Alternative Wirklichkeiten

Lothar Osterburgs Kosmos im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig.


12 Jahre hat es gedauert: von der ersten Idee bis zur Eröffnung der Ausstellung. Und man spürt, wie sorgfältig sie für genau diesen Ort, das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig, der Geburtsstadt des Künstlers, vorbereitet wurde. Für Lothar Osterburg, der bereits seit 39 Jahren in den USA lebt – die ersten sieben Jahre in San Francisco, ab 1994 in New York –, schließt sich hier ein Kreis. Unweit des HAUM in der Moltkestraße aufgewachsen, war es das erste Museum, das er je besuchte und das ihn überdies für Kunst begeisterte. Auch seine künstlerische Laufbahn startete mit dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Heute, im HAUM ausgestellt und in dessen Sammlung vertreten, symbolisiert dieser Ort, so sagt er, seinen Erfolg als Künstler. Ein beharrlich verfolgtes Ziel ist erreicht. Die Ausstellung Cabinet of Wonders. Back from Brooklyn erzählt vom langen Weg zum etablierten Künstler und führt mit zentralen Arbeiten in Lothar Osterburgs beeindruckenden Kosmos ein.

Bridge over Brooklyn I

Den Auftakt in die Ausstellung macht ein Schlüsselwerk: Bridge over Brooklyn. Es zeigt einen durch eine Häuserschlucht vom Licht beschienen Straßenzug, gesäumt von Brownstone-Reihenhäusern, wie sie typisch für viele Bezirke Brooklyns sind. Irritierend und zugleich entrückt wirkt die Szenerie, liegt doch der Fluchtpunkt des Bildes in einer Ebene der Unschärfe. Was sich hinter diesem Schleier befindet, ist mehr zu erahnen denn zu erkennen, und mutet wie ein Relikt einer einst Zukunft und Fortschritt verheißenden, nun jedoch eingeholten Epoche an: Eine rauchende Dampflock überquert ein Viadukt. Tatsächlich führt seit 1939 die bei New Yorkern wenig beliebte und mittlerweile baufällig gewordene Hochstraße des Gowanus Expressway durch Brooklyn. Was hat es also mit diesem Bild, das an die Episode eines Traums erinnert, in dem Ungleichzeitiges und Disparates verschmelzen und dessen Fluchtpunkt und Zentrum sich im Unklaren verlieren, auf sich?

Modellbauer, Fotograf und Meisterdrucker

Zunächst: Es handelt sich bei dieser Arbeit wie bei allen Arbeiten von Lothar Osterburg nicht um die bearbeitete oder collagierte Fotografie eines real Vorgefundenen. Fotografie ist nur ein Schritt im Arbeitsprozess des Künstlers; und der beginnt mit dem Bau eines Miniaturmodells, das zum Gegenstand und zur Bühne einer Fotografie oder auch eines Films wird. Die Modelle erwachsen aus der Erinnerung, aus im Gedächtnis eingeschriebenen Vor-Bildern, sei es Erlebtes, Geträumtes, ein Bild, das im kollektiven Gedächtnis verankert ist, eine Fotografie, die Szene eines Spielfilms oder ein beim Lesen hervorgerufenes Vorstellungsbild. Aufgelesene, entdeckte oder leicht verfügbare Materialien – Fundholz, Seife, Styropor, Toilettenpapier, Gips, die Seiten eines Buchs, Grashalme u.v.m. – dienen als Baustoff. Lothar Osterburg reizt das Unperfekte dieser Materialien, die eine Vorgeschichte und damit ein Eigenleben besitzen. "If you build a model that is perfect, it looks like a model. Once it gets worn, then there is life in the piece", so der Künstler.

Um seine Architekturen, Räume, Objekte und Stadtlandschaften in einem nächsten Schritt in fotografische Bildwelten zu übersetzen, leuchtet Lothar Osterburg die Modelle aus, lässt Rauch- und Nebelschwaden über sie hinwegziehen, befüllt sie mit Wasser, setzt Lichtakzente, nutzt Ausschnitt und Perspektive und fotografiert mit vergrößernden oder verzerrenden Linsen. Schließlich werden ausgewählte Fotografien mittels Diapositiven als Heliogravüren gedruckt. Die Heliogravüre ist Lothar Osterburgs meisterlich beherrschtes Leitmedium. Erste Erfahrungen mit dem Mitte des 19. Jahrhunderts von Henry Fox Talbot entwickelten fotografischen Edeldruckverfahren sammelte er als Angestellter der renommierten Druckwerkstatt Crown Point Press in San Francisco Anfang der 1990er Jahre. Es war ein Auftrag von Christian Boltanski zur Umsetzung von 24 Heliogravüren, der ihn dort mit der Technik, die Fotografie und Aquatinta-Radierung verbindet, in Kontakt brachte. Seither hat er sich als Meisterdrucker hervorgetan, mit namhaften Künstler:innen wie Dawoud Bey, James Turrell, Kiki Smith, William Kentridge, Shirin Neshat, Ida Applebroog und vielen weiteren zusammengearbeitet, am Bard College, der Cooper Union und der Columbia University in New York unterrichtet und als Einzelunternehmer mit der Druckerei Lothar Osterburg Photogravure seinen Lebensunterhalt verdient.

Heliogravüren zeichnen sich durch ein tiefes, sattes Schwarz in den Schattenbereichen und sehr dünne Farbschichten in den Mitteltönen und Lichtern aus. Dadurch, so Lothar Osterburg, entstehe ein viel dynamischeres und breiteres Feld von Hell zu Dunkel als es bei herkömmlicheren fotografischen Verfahren der Fall sei. Die Fotografie erhält eine taktile Qualität, das Abgedruckte scheint physisch präsent. Diese Eigenschaft prädestiniert die Technik für die Darstellung der surrealen Welten des Künstlers. Das Unmögliche dünkt seltsam real. Für den Dichter und Kunstkritiker John Yau besitzt Lothar Osterburg die außergewöhnliche Fähigkeit, eine überzeugende fiktionale Realität zu erschaffen: "Despite the absurdity of these realities, there is also something deeply believable about their existence in a photogravure, and our innate belief that photographs tell the truth."

Bridge over Brooklyn II

Ein Zitat aus W. G. Sebalds Schwindel. Gefühle. begleitet die in die Ausstellung einführende Arbeit Bridge over Brooklyn: "Es sei [...], für ihn eine schwere Enttäuschung gewesen, als er vor einigen Jahren bei der Durchsicht alter Papiere auf eine [...] Gravure gestoßen sei und sich habe eingestehen müssen, dass sein Erinnerungsbild von der im Abendlicht liegenden Stadt nichts anderes vorstellte als eine Kopie von eben dieser Gravure." Wesentlich illustriert die Passage die Fragilität und Mediatisierung von Erinnerung, ihre mediale Vorformung, Durchdringung und Überschreibung, ihre Unbeständigkeit. Das vermeintlich mit allen Sinnen und am eigentlichen Ort Erlebte basiert in Wirklichkeit auf einer Abbildung. Ein desillusionierender Moment für den Protagonisten der Erzählung, ein Aha-Moment für Lothar Osterburg, dem erst später bewusst wurde, dass Bridge over Brooklyn von einer Fotografie des Avantgardisten André Kertész inspiriert war.

Vertraut, aber uneindeutig

Lothar Osterburgs Bilder leben von der Spannung zwischen Erfundenem und Vertrautem. Vielfach enthalten sie Referenzen auf Fotografien, Filme und Kunstwerke, denen man – kann man sie auch nicht eindeutig benennen oder zuordnen – schon einmal in der ein oder anderen Form begegnet ist. So spielt Library Dreams auf René Magrittes ikonisches Gemälde Die durchbohrte Zeit von 1938 an. The Living Room hat in André Kertész‘ Aufnahme Chez Mondrian ein verwandtes Vorbild. Grand Central Library erinnert mit den Sonnenstrahlen, die durch die Oberlichter fallen, an Hal Moreys 1930 entstandene und weithin bekannte Fotografien der Grand Central Station. Und Pieter Bruegels Bildvarianten des Turmbaus zu Babel sind Vorlage für Lothar Osterburgs Modellversion, die in den Heliogravüren der Werkgruppe The Great Tower wieder auftaucht. Metropolis als Titel einer der Heliogravüren verweist auf Parallelen zu Fritz Langs monumentalem Stummfilm und der Bildästhetik des Expressionismus. Luftschiffe, die sowohl die nebelverhangenen Stadtlandschaften der Bildserie The Great Tower durchziehen, als auch in einer alternativen Grand Central Station andocken, gemahnen an einen einst visionären Traum. Nicht ganz klar ist, ob diese Vision sich hier als Utopie oder Dystopie verwirklicht hat. "Each of my pieces has a personal background story that inspired them. But they don’t have a fixed meaning, and I invite my audience to explore my world, find connections, and let their own imagination complete the implied stories", fasst Lothar Osterburg seinen Ansatz zusammen.

Piranesi

Lothar Osterburgs Arbeiten sind nicht abgeschlossen. Während des Werkprozesses, aber auch in späteren Rückgriffen laufen seine Miniaturmodelle und Druckplatten fortwährend Gefahr, verändert, über- und umgearbeitet zu werden. Insbesondere die Piranesi-Serie, eine Hommage an Giovanni Battista Piranesis 16 Radierungen der Carceri d’invenzione, gibt von dieser Arbeitsweise einen guten Eindruck. Als Stop-Motion-Animation hat der Künstler den Entstehungsprozess von der Skizze über das Modell bis zu den Druckplatten und Heliogravüren festgehalten, mehr noch, er hat seine Idee des Kerkers zum Leben erweckt. Wie von Geisterhand wachsen im Film die Architekturen, öffnen und schließen sich Zugbrücken, drehen sich Seilwinde und gleiten Schachfiguren die Treppen auf und ab. Begleitet wird das Geschehen von gespenstischen Klängen, die Lothar Osterburgs Frau Elizabeth Brown komponierte. Eine klare Empfehlung, sich die Videoarbeiten anzuschauen! Neben dem Film sind in der Ausstellung verschiedene Zustandsdrucke präsentiert, d.h. Drucke einer wiederholt überarbeiteten Kupferplatte. Eine Bildschöpfung geht aus der nächsten hervor.

Mein Traum vom HAUM

Ein Highlight der Ausstellung ist zweifelsohne die Werkgruppe Mein Traum vom HAUM mit einem Modell des Museums aus Papiermaché, das auf der Rückseite in sein Inneres blicken lässt. Dioramen im Sockel erweitern das Ganze – sozusagen die unterirdischen Geschosse des Museums. Auch diese Skulptur ist ein Konglomerat aus Erinnertem, Imaginiertem und Autobiografischem. Er habe all seine Ängste und Träume mit in seine Vision des Museums hineingebaut, sagt der Künstler. So referiert ein Interieur auf die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule, ein anderes auf Ausstellungs- und Stipendienbewerbungen. Ebenso gibt es Verweise auf Werke in der Sammlung des HAUM. Ein geöffnetes Buntglasfenster gewährt Einsicht in ein Zimmer mit Obstteller, Kanne und Weinglas auf einem Tisch ­– eine Anspielung auf Vermeers Mädchen mit dem Weinglas. Eine karge Studierstube ist Rembrandts Radierung Der Hl. Hieronymus in einer dunklen Kammer entlehnt. Im Verlauf der Ausstellung begegnet man einzelnen der Interieurs in Heliogravüren wieder, unter anderem in der Serie Long Way In, mit der Lothar Osterburg Erinnerungen an seine zahlreichen wechselnden Künstlerateliers, vom Bastelkeller bis zu seinem aktuellen Studio in Red Hook, sowie an Schlüsselmomente seiner künstlerischen Laufbahn verarbeitet. Neben dem Modell aus Papiermaché fertigte der Künstler eine Negativform der Fassade des HAUM an und errichtete damit vergängliche Skulpturen aus Sand, Schnee und Eis. Diese wiederum verwandelte er per Heliogravüre in unheimliche Nachbilder des 1754 aus dem herzoglichen Kunst- und Naturalienkabinett hervorgegangenen Museums.

Um Mein Traum vom HAUM und weitere Skulpturen für die Ausstellung zu realisieren, verbrachte der Künstler drei Sommer in einem Scheunenatelier in Warmse, ca. 30 km nördlich von Braunschweig. Die investierte Zeit hat sich ausgezahlt. Eine absolut sehenswerte Schau ist entstanden. Es ist zudem das letzte von Thomas Döring, dem langjährigen Leiter der Kupferstichsammlung des Museums, verantwortete und kuratierte Projekt.


Cabinet of Wonders. Lothar Osterburg back from Brooklyn, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, verlängert bis 4. Oktober 2026.