Open Art Munich Gallery Weekend
Die Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst veranstaltete auch dieses Jahr wieder das seit 1989 fest verankerte Kunstwochenende.
Dass die Kunst unseren Blick auf die Wirklichkeit schon immer beeinflusst hat, und es den neutralen Blick in komponierten Bildern nicht geben kann, wussten wir schon vor dem Aufkommen digitaler Technologien und künstlicher Bild-Intelligenzen. Da diese Technologien aber wie Benzin im Wahrnehmungs-Feuer wirken, lohnen sich tiefere Reflexionen. Die Ausstellung "Constructed Realities" in der Galerie Klüser, wo wir unseren Rundgang beginnen, ist eine solche Reflexion. In den eleganten Altbauräumen in der Georgenstraße sind Arbeiten vom US-amerikanischen Künstlerduo Nix/Gerber und der amerikanischen Künstlerin Isca Greenfield-Sanders zu sehen, die sich ausgesprochen gut ergänzen. Die präsentierten Arbeiten sind im Spannungsfeld von Fotografie, Konstruktion und Repräsentation verortet, verfolgen dabei jedoch unterschiedliche Strategien: Lori Nix und Kathleen Gerber arbeiten primär mit dem Medium der Fotografie. Sie konstruieren aufwendig gebaute, detailreiche und dystopische Miniaturwelten in ihrem Studio. Erst durch die fotografische Aufnahme bekommen diese Modelle einen quasi-realen Charakter, wobei sie immer die Inszenierung einer künstlich geschaffenen Realität bleiben. Isca Greenfield-Sanders verbindet malerische und druckgrafische Techniken mit gefundenen Motiven. Ihre künstlerische Strategie bewegt sich zwischen Fotografie, digitaler Bearbeitung, Druckgrafik und Malerei. Im Fokus steht dabei die Transformation von Erinnerung und Wahrnehmung durch den digitalen und malerischen Prozess.


Wir verlassen die komplexe und dicht gehängte Ausstellung über konstruierte Realitäten, in der die einzelnen Besucher ein bisschen verloren wirken, und betreten den realen Stadtraum. Der Herbst zeigt an diesem Freitagabend seine milde und sonnige Seite. In den Straßen der Maxvorstadt starten Kunst- wie Amüsier-Interessierte gleichermaßen ins Wochenende, das auch das "Gallery Weekend" ist, das von der Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst organisiert wird. Die 1988 gegründete Initiative ist ein Zusammenschluss einiger Münchner Galerien mit dem Schwerpunkt zeitgenössischer Kunst. Einmal im Jahr wird das "Open Art Munich Gallery Weekend" veranstaltet, bei dem die künstlerische Vielfalt der Galerien präsentiert werden soll. In diesem Jahr findet das Kunstwochenende vom 16. bis 18. Oktober statt, wie schon 2025 zeitgleich mit der Kunstmesse Munich Highlights, die vom 15. bis 18. Oktober in der Münchner Residenz ihre Türen öffnet. Zudem gibt es Kooperationen mit einigen Museen, Kunsträumen und Institutionen. Die Kunstlandschaft in München ist facettenreich und immer in Bewegung. Seit einiger Zeit gibt es die Galerie-Initiative "Various Others", die im Frühling ihr jährliches internationales Kunstfestival veranstaltet und deren Galerien nicht am Gallery Weekend teilnehmen. Dass es Überschneidungen zwischen beiden Initiativen gibt, zeigt die Fluidität der Münchner Kunstlandschaft.



Auch in Bezug auf die Örtlichkeiten sind die Galerien in München mobil. Seit einiger Zeit konzentrieren sich viele der Galerien für zeitgenössische Kunst in den Straßen der Maxvorstadt und im angrenzenden Kunstareal. So auch die Galerie Ping Rodach contemporary, die ein ehemaliges Antiquariat in der Schellingstraße bezogen hat. "Wir sind mit der Galerie von der Maximilianstraße in die Schellingstraße gezogen, und das war eine gute Entscheidung", bestätigt Johannes Rodach: "Hier im Kunstareal haben wir deutlich mehr Frequenz, und zwar gerade auch Kunstpublikum. Uns ist wichtig, niedrigschwellig zu sein und allen ein Kunsterlebnis zu ermöglichen, auch Besucher*innen, die nicht gleich ein Werk kaufen." Aktuell zeigt die Galerie unter dem Titel "vis-à-vis" eine Duo-Ausstellung der beiden jungen Künstler Ramiro Oller und Andreas Zagler. Oller, ein argentinischer Künstler, der 1982 geboren wurde, zeigt Metallskulpturen, die hart und weich gleichzeitig wirken. Ihre organischen Formen und zarten Farben stehen im Kontrast zur Dichte ihres Materials. Im Raum und auf Podesten platziert treten sie in einen Dialog mit den abstrakten Bildern von Andreas Zagler, der 1996 in Bozen geboren ist. Er schichtet Farblagen übereinander und schafft so Bildräume, in denen sich Formen auflösen und dennoch eine atmosphärische Dichte entsteht. Bei der Art Cologne 2026 wird er im renommierten Förderprogramm "New Positions" in einer eigenen Förderkoje gezeigt. Was die Szene in München angeht, zeigt sich Galerist Johannes Rodach optimistisch: "München hat als Kulturstandort eine lange Tradition. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Stadt mit Malerfürsten wie Franz von Lenbach und Franz von Stuck eine der führenden Kunststädte Europas. Daraus sind die großartigen Sammlungen entstanden, für die München bis heute steht. Kaum eine andere Stadt hat so herausragende institutionelle Sammlungen, und darauf sollte man aufbauen. In den letzten Jahren hat sich die Kulturszene spürbar verdichtet und vom Niveau her enorm entwickelt. In München findet man heute wieder zeitgenössische Kunst von internationalem Rang."



Einen herzhaften Optimismus versprüht auch Walter Storms: "München ist eine Stadt, die immer positiv gestimmt ist. Wir hatten gerade Oktoberfest mit einer Rekordbeteiligung an Leuten. Das Wetter ist gut. Was soll denn in München schlecht sein? Die Eisbachwelle läuft. Nur die Museen haben zu wenig Geld. Der Staat, die Städte müssen reduzieren. Die öffentliche Hand schwächelt, aber die Privatkundschaft, die hilft uns aus der Patsche wieder raus", konstatiert der Galerist in seinem warmen rheinischen Singsang und das dichte Gedränge vor und in seiner Galerie an diesem Abend scheint ihm recht zu geben. In den 1970er-Jahren kam er aus dem Westen der Republik nach München, seine Galerie hat sich seitdem zu einem internationalen Fixpunkt entwickelt, seit 2025 gibt es zudem eine Dependance in Berlin. In München ist die Galerie zu einem Mini-Cluster geworden. Aktuell sind in den großen Räumen drei aktuelle Werkgruppen von Gerold Miller zu sehen, der 1961 in Altshausen geboren ist. Der konzeptuelle Bildhauer und Objektkünstler zeigt minimalistische Wandarbeiten aus Edelstahl und Aluminium, deren Oberflächen durch mehrere Farbschichten akribisch aufgebaut sind. Seine Werke bewegen sich zwischen Malerei, Relief und Skulptur und hinterfragen das Zusammenspiel von Form, Oberfläche, Licht und Raum. In einem Nebenraum hat der Galeriedirektor Daniel S. M. Pizarro den Ausstellungsraum NONPLACE ins Leben gerufen. Organisatorisch an die Galerie gekoppelt, inhaltlich aber frei, zeigt er dort aktuell eine konzentrierte Auswahl der abstrakten Bilder von Anna Nero, die 1988 in Moskau geboren wurde. Gleich neben der Galerie Walter Storms findet sich der non-profit Space EYES ONLY, ein nicht begehbares Schaufenster, in dem die Künstlerin Caro Jost ein internationales Programm zeigt. Aktuell wird dort das Interview-Buch "Was ich sah, war die freie Welt" des Publizisten, Journalisten, Fotografen und Grafikers Max Dax präsentiert.



Am Fenster von EYES ONLY vorbei geht es wieder auf die fast schon überfüllte Schellingstraße hinaus, die Johannes Rodach nur halb-ironisch als den "Broadway von München" bezeichnet hatte. Gesäumt von vollen Cafés, Bars und Spätis begeben wir uns in die etwas ruhigere Augustenstraße. Auch wenn es jetzt schon dunkel ist, umso mehr leuchten die Papierarbeiten von Zhuang Hong Yi im kalten Licht des White Cubes in der Galerie für zeitgenössische Kunst SMUDAJESCHECK. Die aufwändig komponierten Wandobjekte aus Reispapier, Tusche und Acryllack erscheinen schon im Vorbeigehen in verschiedensten leuchtenden Farbverläufen. Sie wirken mit ihrer Intensität höchst zeitgenössisch, haben einen fast proto-digitalen Charakter. Der 1962 in China geborene Künstler verbindet chinesische Ästhetik und Philosophie mit europäischen Einflüssen. Inspiriert wurde er bei seinen Reisen zwischen Peking und den Niederlanden, wo ihn die sich ständig wandelnden Farben der niederländischen Tulpenfelder beeindruckten. Die Arbeiten in der Ausstellung "In the Mood for Color" sind expressiv, delikat und bedienen sich der Schönheit der Natur.


Um unseren domestizierten Umgang mit Natur geht es auch in der Ausstellung im Tiger Room. Die Galerie, die sich in einem ruhigen, postindustriellen Hinterhof befindet, wurde im Oktober 2023 von Lu Zhang gegründet: "Ich fühle mich als junge Galeristin in München sehr wohl. Viele Kolleg*innen in der Stadt haben mich unterstützt. Es war von Anfang an gedacht, aufstrebende, junge Künstler, und vor allem Künstlerinnen zu zeigen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Der Fokus war auch immer auf internationalen Positionen. Ich komme selbst aus China, das hat sicher einen Einfluss auf das Programm." Zum Galerien-Wochenende zeigt sie eine Einzelausstellung von Sophia Mainka, die 1990 in München geboren ist und in Paris lebt und arbeitet. In ihrer Präsentation "where things stay too long" verbindet sie konzeptuelle Recherchen mit experimentellen Materialprozessen. In der Galerie hängt ein überdimensionierter Meisenknödel von der Decke, der mit Tierköpfen aus Pappe anstatt Vogelfutter gefüllt ist. Im Zentrum steht eine Bank, die aus unterschiedlichen Materialien gefertigt ist und auf die man sich setzen darf. Mainka spielt mit häuslichen Motiven und greift die Idee einer undefinierten Vorgartenidylle auf, nur um sie materiell wie konzeptuell durch eine leichte Verschiebung des Blickwinkels auszuhebeln. Galeristin Lu Zhang ist sich sicher, dass die OPEN ART bei der Vermittlung der Kunst in ihrer Galerie hilfreich sein kann: "Ich halte OPEN ART für eine gute Plattform, die den Zugang zur zeitgenössischen Kunst erleichtert. Anlässlich des Kunstwochenendes werden auch geführte Touren durch die Galerien angeboten, für die man sich anmelden kann. So können auch Menschen, die zwar ein Interesse, aber vielleicht sonst keinen einfachen Zugang zu zeitgenössischer Kunst haben, sich einen guten Eindruck verschaffen."
August Sander – zum 150. Geburtstag
Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn.
Farbe! Farbe!
Der Skulpturenpark Waldfrieden zeigt die Lackarbeiten des Wuppertaler Arbeitskreises.
Christo und Jeanne-Claude: un|realisiert
Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland unrealisierte Projektes des Künstlerduos. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, 4. April – 28. Juni 2026.