O.M. Ungers, Haus Glashütte, Eifel 1986–1988. Foto: Stefan Müller.
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Ordnung ist das ganze Leben

Als Oswald Mathias Ungers 2007 im Alter von 81 Jahren starb, widmeten Fachzeitschriften, Tageszeitungen und Rundfunk zahlreiche Nachrufe: das Baunetz nannte ihn den „womöglich einflussreichsten deutscher Architekten der Gegenwart“, in der Deutschen Bauzeitung widmete ihm der Bauhistoriker Wolfgang Pehnt einen langen und ungemein einfühlsamen Artikel und der Deutschlandfunk charakterisierte ihn schlicht als den „Meister des Quadrats“. Dieses Jahr hätte Ungers seinen 100. Geburtstag gefeiert, doch um den zu Lebzeiten einflussreichen wie streitbaren Architekten ist es merkwürdig still geworden. Zwar finden sich hie und da kleinere Artikel, doch ein großer Geburtstagsreigen, wie ihm Ungers‘ Zeit- und Stadtgenossen Gottfried Böhm zuteil wurde, sucht man vergebens. Lediglich das Museum für Angewandte Kunst in Köln (MAKK) widmet dem großen Sohn der Stadt, der zwar im rheinland-pfälzischen Kaisersesch geboren wurde, aber den Großteil seines Lebens in Köln verbrachte, eine Ausstellung. In der Halle des Museums spürt „O.M. Ungers – Architektur als Idee“ seiner Architekturauffassung anhand sechs seiner Bauten, seinen Möbelentwürfen sowie Stücken aus seiner umfangreichen Kunstsammlung nach.

Vom Brutalismus zur Abstraktion

Gleich zu Beginn stehen drei der insgesamt zwölf antik anmutenden Köpfe des schottischen Künstlers und Literaten Ian Hamilton Finlay Spalier: sie zieren normalerweise die Brüstung des Bibliothekskubus, den Ungers in den späten 1980er Jahren neben sein Wohnhaus in Köln-Müngersdorf setzte und führen die Besucher:innen zum Lebensmittelpunkt des Architekten. Großformatige Fotos, ein Modell und ein Schaukasten voller kleinerer Fotos und Zeichnungen zeigen das Haus als Ort des Lebens und Arbeitens, dessen Architektur wenig mit der des späteren „Meisters des Quadrats“ zu tun hat. Gebaut zwischen 1958 und 1959 ist Ungers‘ Wohnhaus Ausdruck seiner früheren Beschäftigung mit expressionistischer Architektur und der Rezeption des zeitgenössischen Brutalismus. Über die Jahre entwickelte sich das Haus, in dem er gemeinsam mit seiner Frau Liselotte wohnte und das heute das Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA) beherbergt, zu einem Kosmos seines Denkens und Wirkens. Hier umgab er sich mit Kunst und Büchern, arbeitete an seinen Projekten und nutzte das eigene Haus zur Erprobung räumlicher Möglichkeiten. Mit dem Bibliothekskubus schuf sich Ungers ein Refugium, das seiner Liebe zum Quadrat Ausdruck verlieh und seiner 12.000 Bände umfassenden architekturtheoretischen Bibliothek ein angemessenes Zuhause bot. Gleichzeitig verkörpert das Wohnhaus wie kein zweites Gebäude die Entwicklung seiner Architektursprache und die darin eingeschriebene Rückbindung an die Geschichte der Architektur.

In der Ausstellung fungiert das Müngersdorfer Haus als Vermittler zwischen Frühwerk und dem gereiften Ungers, der nach intensiver architekturtheoretischer Reflexion das Quadrat als universelle Basis seiner Architektur wählte. So leitet die kubische Perfektion der Bibliothek zu Ungers‘ wohl extremsten Bau über: das Haus ohne Eigenschaften, gelegen in unmittelbarer Nähe zu Müngersdorfer Haus und Bibliothek, ist eine Übung in radikaler Reduktion, die das Haus auf seine reine umhüllende Form zurückbringt und Architektur maximal abstrahiert. Als Manifest der eigenen Architekturauffassung verweist das 1995 fertiggestellte Haus auf die Architektur des italienischen Rationalismus, die Kunst Donald Judds oder auch einfach auf Ungers‘ eigene Gedankenwelt, die um Raum, Körper, Proportion, Maß und Zahl kreiste. Deshalb stören auch keine technischen Anlagen oder Treppen die pure Perfektion der nach klassisch antikem Schema angelegten Innenräume: sie hat Ungers konsequent in die Wände des Hauses verbannt und so die Abstraktion der Architektur perfektioniert.

Die Architekturgeschichte als Inspirationsquelle

Solchermaßen eingeführt in die Polarität der Ungers’schen Architektur, öffnet die Ausstellung den Blick auf vier weitere zentrale Bauten seines architektonischen Schaffens: die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe (1983–1991), die Villa Glashütte (1986-88), Ungers‘ Wochenend- und Ferienhaus in der Eifelgemeinde Utscheid, die Residenz des deutschen Botschafters in Washington D.C. (1987–1994) sowie die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank (1988–1991) auf der Königsallee in Düsseldorf. Sie alle vereint ein hoher Abstraktionsgrad und das ihnen zugrundliegende quadratische Raster, das Ungers gleichermaßen berühmt wie berüchtigt machte: im Falle der Botschafterresidenz in Washington D.C. sah sich Ungers mit Vorwürfen der Nähe zu NS-Bauten wie dem Münchner Haus der Kunst konfrontiert, andere nannten den Bau schlicht „Teutonenklotz“. Der damalige Botschafter Immo Stabreit beklagte sich über die „eiskalte Atmosphäre“ der Repräsentations- und die zu kleinen Wohnräume. Im Interview mit dem Spiegel konterte Ungers mit spitzer Zunge und wies die Vorwürfe mit Verweis auf Bezüge zu Schloß Sanssouci, den griechisch inspirierten Stil der amerikanischen Südstaaten und den schlechten Geschmack des Botschafters und seiner Gattin zurück.

Gerade die Bezüge zur Architekturgeschichte werden in seinem Spätwerk immer relevanter, auch wenn sie außerhalb der Architekturszene von kaum eine*r Betrachter*in bzw. Besucher*in als solche identifiziert werden können. So entsteht die Badische Landesbibliothek in Auseinandersetzung mit den Karlsruher Bauten Friedrich Weinbrenners (1766-1826) als Hommage an das Erbe des klassizistischen Baumeisters. In der Ausstellung zeigt dies eindrucksvoll das Modell der Kuppel des zentralen Lesesaals, die wiederum die Kuppel der neben der Bibliothek gelegenen Kirche St. Stephanus zitiert. Diese wiederum war bis vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ein direktes Zitat der Kuppel des Pantheons in Rom.

Ungers‘ Denken in Referenzen und die Jahrhunderte überspannenden architektonischen Formen und Figuren jedoch zeigt sich wohl kaum idyllischer als in der Villa Glashütte in der Eifel: sie zitiert mit Andrea Palladios Villa Rotonda eine Inkunabel der italienischen Renaissancearchitektur und überführt die Symmetrie Palladios, gereinigt von allem Bauschmuck, in Ungers‘ reduzierte Architektursprache. Die im Ausstellungsraum präsentierten Fotografien Stefan Müllers zeigen das Haus als hellen Solitär inmitten der grünen Eifellandschaft, umgeben von gekiesten Halbkreisen und sorgsam gestutzten Hecken, die einmal mehr vor Augen führen, dass Ungers nichts dem Zufall überließ und jedes Detail bestimmte. Im Gegensatz zu beispielsweise Frank Lloyd Wright, der die Detaillierung seiner Möbelentwürfe schon mal den Handwerkern überließ, zeigt sich Ungers in der Ausstellung als ganzheitlicher Gestalter: neben den von ihm für fünf der sechs vorgestellten Gebäude entworfenen kubischen Sitzmöbeln und Tischen wird ebenso ein von Rosemarie Trockel für die Washingtoner Botschaftsresidenz entworfenes Service gezeigt. Im Zusammenspiel mit Werken aus der Kunstsammlung Ungers‘, u. a. von Sol Lewitt und Josef Albers, entsteht so der Eindruck eines Architekten, in dessen Leben und Arbeiten Praxis und Theorie, Architektur und Kunst ineinandergriffen und sich gegenseitig beeinflussten. Ein leider verlorenes, aber ungemein anschauliches Beispiel für diesen Grundsatz war die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank in Düsseldorf: ausgestattet mit auf die Architektur bezogenen Möbeln des Architekten, Kunstwerken von Gerhard Richter, von Sol Lewitt gestalteten Boden- und Deckengestaltungen und wiederum von Ungers entworfenen Geldautomaten, war das mittlerweile abgerissene Gebäude ein echtes Gesamtkunstwerk.

Eine Idee, die vage bleibt

Doch trotz der zahlreich im Ausstellungsraum versammelten Fotos, Zeichnungen, Modelle, Möbel und Kunstwerke bleibt Ungers‘ Konzept von Architektur als Idee, die über einen ganzheitlichen Gestaltungsanspruch hinausgeht, vage. Kein Katalog, keine erläuternden Texttafeln, lediglich ein Ausstellungsflyer begleiten die Ausstellung und lassen Besucher*innen ohne tiefere Kenntnis des Werkes Oswald Mathias Ungers vermutlich etwas hilflos zurück. Dabei bedarf gerade seine so tief in Theorie und Geschichte verwurzelte Architektur der Erläuterung, war sie doch nie leichtfertig mit lockerer Hand entworfen, sondern, und das zeigt die Ausstellung dank der Vielzahl von Zeichnungen, Resultat eines oft langen und immer intensiven Entwurfsprozesses. Ungers war mehr als ein „Meister des Quadrats“, zu dessen Lebenslauf integral seine Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Berlin und der Cornell University in Ithaca, USA, zwischen 1964 und 1973 gehört. In der Ausstellung ungenannt, erklärt diese auch, warum in diesem Zeitraum statt Bauten vor allem theoretische Schriften entstanden sind. Letztere sind zwar zu Beginn der Ausstellung zusammen mit Ungers‘ Werkmonografien in Auswahl ausgelegt, hätten jedoch als Hintergrund für seine Architektur gewinnbringender eingebracht werden können. So hinterlässt die von Sophia Ungers und Anja Siebers-Albers vom Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA) kuratierte Ausstellung einen etwas unfertigen Eindruck. Angesichts der Tatsache, dass sie auch die einzige Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten ist, ist es jedoch leicht über diesen Umstand hinwegzusehen. Und so ist zu hoffen, dass die Ausstellung die Besuchenden mindestens zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem ungemein reichen gebauten wie theoretischen Werk Oswald Mathias Ungers verleitet, und sie sich im Sinne des Architekten auf eine Entdeckungsreise begeben:

„Architektur heißt nicht Erfinden, sondern Entdecken, ein immer wieder neues Interpretieren bekannter Begriffe, die Welt mit anderen Augen sehen, neu erleben, wiederfinden und mit ungewohnten Inhalten beleben.“ (O.M. Ungers)


O.M. Ungers, Architektur als Idee, Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK)