Belgien feiert James Ensor anlässlich seines 75. Todesjahres
Ostende präsentiert sich an diesem Winternachmittag nicht gerade als "liebes buntes Blümchen", wie der Maler James Ensor seine Heimatstadt an der flämischen Nordseeküste einst nannte. Tiefschwarz hängen die Wolken über dem Sandstrand, der sich zwischen der niederländischen Grenze im Osten zur französischen Grenze im Westen erstreckt. Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg galt Ostende als "Königin der Seebäder". Heute ist der Küstenstreifen mit Ferienappartementhäusern zugebaut. Hier, im einst mondänen Badeort, lebte der Maler James Ensor von seiner Geburt am 13. April 1860 bis zu seinem Tod am 19. November 1949 mit nur wenigen Unterbrechungen – wie einem dreijährigen Kunststudium im rund 100 Kilometer entfernten Brüssel.
Ensors Wohnhaus steht in zweiter Reihe. Im Souvenirladen im Erdgeschoss verkaufte seine Mutter ein Arsenal kurioser Dinge: ausgestopfte Krokodile, Waffen aus der Kolonialzeit, schillernde Muscheln oder Karnevalsmasken. Diese authentisch restaurierte Wunderkammer ist eine der Hauptattraktionen des Hauses von James Ensor, das vor drei Jahren um ein Gebäude erweitert und als Museum wiedereröffnet wurde.
Ensors Inspirationen
Der Rundgang führt vorbei an Reproduktionen seiner wichtigsten Werke und in den Blauen Salon, der Ensor auch als Atelier diente. Eine perfekte Einführung in das Leben des radikalen Exzentrikers, der in Ostende mit seiner Mutter, seiner Tante und seiner Schwester unter einem Dach lebte. Die Familie lebte von den Einnahmen ihrer Souvenirläden, von denen es in Ostende sechs gab. Drei davon gehörten den Ensors. Diese Souvenirläden dienten James Ensor als Inspirationsquelle. Genauso wie die Tradition des Ostender Karnevals. Dass der Maler 1898 einen philanthropischen Masken- und Kostümball ins Leben rief, hinterlässt bis heute Spuren: Der "Ball der toten Ratte" findet jedes Jahr Anfang März statt.


Manchmal scheinen die Grenzen zu verwischen, und man fragt sich: Was ist wahrer – der Karneval oder die Realität? Ensors Bildrepertoire von Skeletten, Marionetten, Totenköpfen oder makabren Karnevalsmasken, die er in aller Schärfe festhielt, ist ebenso erfinderisch wie legendär. Obwohl Ensor Atheist war, nahm er in seinen Bildern häufig Bezug auf die Passion Christi. Sein Opus Magnum, das 4 Meter hohe und 2,50 Meter breite Gemälde "Der Einzug Christi in Brüssel", hängt als Reproduktion im Ensor-Haus. Da die Leinwand nicht in seine Mansarde hineinpasste, musste er sie auf dem Boden ausrollen und das Gemälde in Etappen herstellen. Mal stand er dabei auf einem Stuhl, mal kniete er. Es soll sogar auf das Bild geregnet haben. Dass er von der Religion nicht viel hielt, demonstrierte Ensor darin in jedem Zentimeter: Das Gemälde mischt Karnevalsumzug, Militärparade und politische Kundgebung zu einer Karikatur auf die belgische Gesellschaft, in der sich Ensor selbst als Erlöser inszeniert. Unter dem roten Banner, das die Sozialisten feiert, lässt er sich auf dem Esel reitend als König von Brüssel bejubeln. Die Menschen versteckt er hinter grotesk verzerrten Masken oder Uniformen. Gerade die Vielzahl der Themen und Genrebezüge macht dieses Gemälde zu einem Werk eines Künstlers, der die Welt neu erschaffen will.
Hätte sich Ensor nicht wie eine Muschel in sein Gehäuse in Ostende zurückgezogen, wäre sein Ruhm ein anderer, da ist sich Xavier Tricot, Kurator des Ensor-Hauses in Ostende, sicher: "Ensor war ein Exzentriker, der immer mit zwei kleinen Hunden an der Leine und einem gelben Regenmantel herumlief. Die Leute schauten den auffallend groß gewachsenen Maler schief an."
1883 trat Ensor für kurze Zeit der Brüsseler Künstlerorganisation Société des Vingt, kurz Les XX, bei. Einige der Mitglieder feierten seinen Antiakademismus, andere verhöhnten ihn. Auch die eigene Familie war wenig begeistert von seiner Kunst, da sie keinen finanziellen Gewinn abwarf. Auch als Verkaufsartikel im familiären Souvenirladen taugten die Bilder nicht. Die Mutter forderte ihn auf, sich eine erträgliche Arbeit zu suchen. Ensor war frustriert und blickte zynisch auf sich und seine Zeitgenossen zurück, wie in dem Wimmelbild "Die Badenden von Ostende" von 1889, das als interaktive Replik im Eingangsbereich des Ensor-Hauses hängt und wie eine Karikatur auf die Freizeitsucht der Sommerfrischler am Strand wirkt. Inspiriert von Karikaturen und Wandkritzeleien, schuf Ensor dieses Panorama voller verklemmter und enthemmter Vergnügungen am Strand – Hunde kopulieren, Badende knutschen, ein Spanner beobachtet das Bordell: eine Umkleidekabine, in der sich der ewig keusche Ensor als Voyeur selbst mit Fernglas porträtiert, trug einst die schlüpfrige Nummer 69, ein Erkennungszeichen eines Bordells, bevor die Endziffer zu einer 8 geändert wurde.

Die unbekannten Stillleben
Die Gegenstände des elterlichen Souvenirladens tauchen von Anfang an als Motive in seinen Bildern auf – auch in seinen Stillleben, wie die Ausstellung "Rose, Rose, Rose à mes yeux. James Ensor und das belgische Stillleben von 1830 bis 1930" zeigt, die das Jubiläumsjahr in Ostende einläutet. Das Museum Mu.Zee, nur wenige Straßen von Ensors Wohnhaus entfernt, präsentiert erstmals 50 Stillleben Ensors im Kontext seiner belgischen Zeitgenossen.
"Ensor ist ein Maßstab für das, was andere machen – man kann die Qualität vergleichen und gleichzeitig zeigen, wie Ensors Umfeld arbeitete", sagt der Philosoph Bart Vershaffel, der zusammen mit der Kunsthistorikerin Sabine Taevernier diese sehr sehenswerte Ausstellung kuratiert hat. Sie gibt erstmals einen Überblick über die wenig bekannte belgische Stilllebenmalerei zwischen 1830 und 1930, in der die Überzeichnung ins Groteske als typisch belgische Eigenart erkennbar wird. In den Stillleben von Louise de Hem oder Hubert Bellis tauchen grimassierende Puppen, zugeklappte Fächer, schillernde Muscheln und zerrissene Karnevalsmasken als Motive der Vergänglichkeit auf. Doch an die morbide Fantasie von James Ensor reichen sie nicht heran.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte Ensor seine Farbpalette. Er verwendete nun reine Farben – Rot, Gelb, Blau – und mischte sie mit Weiß. Ensor interessierte sich nicht für die naturgetreue Wiedergabe, sondern er erfand das Genre des Stilllebens neu. Voller Lust an der Satire malte er Blumensträuße in grellem Rosa, Skelette, die sich hämisch grinsend aneinander wärmen, oder Totenköpfe mit Zigarette im Mund.
Fische faszinierten Ensor wegen ihrer Eigenschaft, nach dem Tod die Augen nicht zu schließen. So scheinen die Stillleben zurückzublicken. Ein grandioses Motiv ist das Porträt eines flirtenden Rochens in fleischigem Rosa: Wie ein erschlaffter Penis nach dem Geschlechtsakt streckt der Fisch sein Unterteil dem Betrachter entgegen. Die rosa schimmernde Muschel daneben verstärkt den Eindruck sexueller Fantasie.
Ensor, der bis zu seinem Tod mit seiner Schwester unter einem Dach wohnte, hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Frauen. Sein Beziehungsleben ging nicht über platonische Liebschaften hinaus. Das Bürgertum Ostendes reagierte entsetzt auf seine gewagten und provokativen Bilder, auch die Kunstkritiker rieten ihm, "zur Tradition zurückzukehren", erzählt Xavier Tricot.
Zunächst wollte niemand die Werke kaufen, deren Einfluss die Ausstellung bis zu den Stillleben von René Magritte verfolgt. Irgendwann in den 1920er-Jahren erhielt Ensor, inzwischen über 60 Jahre alt, die Anerkennung, die er verdiente. Unter den Künstlern galt er längst als Leitstern: Wassily Kandinsky, Édouard Vuillard, Erich Heckel, Guiseppe Ungaretti und viele andere reisten nach Ostende, um Ensor persönlich in seinem Refugium an der Küste zu besuchen.



Die Ausstellung, die den Auftakt zum Ensor-Jubiläum in Belgien bildet, zeichnet den Weg dieser künstlerischen Entwicklung nach, immer im direkten Vergleich mit der Kunst seiner Zeitgenossen, die dem raffinierten Maler aus Ostende nur selten das Wasser reichen konnten.
- Ostende, Mu.Zee: "Rose, Rose, Rose, à mes yeux", bis 14. April 2024
- Brüssel, Bozar/Palast der schönen Künste: "Ensors Brüsseler Jahre", 22. Februar bis 23. Juni 2024
- Antwerpen, FOMU–Fotomuseum/Königliches Museum der schönen Künste/MoMu – Modemuseum/Museum Plantin-Moretus: vier Ausstellungen, 28. September 2024 bis 19. Januar 2025