Das große Kunstprojekt "im Tal", ins Leben gerufen vom Bildhauer Erwin Wortelkamp. Ein Gespräch mit Sabine Oelze.
Bereits in den 1970er Jahren erwarb Erwin Wortelkamp gemeinsam mit seiner Frau Ulla ein ehemaliges Schulgebäude in der kleinen Gemeinde Hasselbach und baute es zu seinem Atelier aus. In der Folge lud er Künstler, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker und Landschaftsarchitekten ein, mit ihm gemeinsam die Landschaft künstlerisch und landschaftsarchitektonisch zu gestalten. Elf Hektar Land, bestehend aus Wiesen, Feldern, Weiden und kleinen Waldstücken, entwickelten sich im Laufe der Jahre zu einer Symbiose aus Kunst und Natur. Mittlerweile sind rund 50 Künstlerinnen und Künstler seiner - und seit 2006 auch der Einladung des Sohnes Kim - gefolgt und haben ein stetig wachsendes Areal geschaffen für Kunst im Landschaftsraum.
Zwischen zwei Friedhöfen, Viehunterständen und Heulagern, Streuobstwiesen und gemähten Wiesen tauchen wie beiläufig die Kunstwerke auf, ohne den natürlichen Verlauf der Landschaft zu unterbrechen. Erwin Wortelkamp und seine Familie haben sich der Natur rund um dieses außergewöhnliche Kunstprojekt mit großer Sorgfalt angenommen. Über 1000 Bäume und Sträucher wurden im Rahmen der Landschaftsgestaltung gepflanzt. Ergänzend zum natürlichen Bachlauf sind mehrere Teiche und Feuchtwiesen entstanden, die in ihrer naturnahen Gestaltung ein harmonisches Gesamtbild ergeben und darüber hinaus zahlreichen Arten aus Flora und Fauna eine neue Heimat bieten.
Herr Wortelkamp, "im Tal" ist ein Landschaftsraum im Westerwald, der von landwirtschaftlich genutzten Flächen durchzogen ist. Wie kam es zu der Entscheidung, hier Kunst zu zeigen?
Erwin Wortelkamp: Ich stamme aus dieser Gegend, mein Elternhaus in Hamm an der Sieg - übrigens das Geburtshaus von dem Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen - befindet sich nur wenige Kilometer entfernt. Wir waren auf der Suche nach einem Grundstück, das wir mit überschaubarem Kapital erwerben konnten. Als wir erfuhren, dass in Hasselbach das alte Schulhaus zum Verkauf steht, haben wir nicht lange überlegt und es erworben.



Wie lange hat es gedauert, bis Sie das "Tal" eröffnen konnten?
Erwin Wortelkamp: Wir sind 1974 hierhergekommen. Meine älteste Skulptur "Vielleicht ein Baum" oberhalb des Friedhofs stammt aus dem Jahr 1978. Als ich sie installierte, hatte ich noch nicht daran gedacht, dass es das "Tal" in dieser Form jemals geben würde.
Sie haben mit ein paar Wiesen begonnen, inzwischen misst das "Tal" elf Hektar…
Erwin Wortelkamp: Zuerst hatten wir Weideflächen für die Pferde gepachtet, auf die wir zurückgreifen konnten. Der weitere Flächenerwerb lief von Anfang an so, dass ich immer nur etwas haben wollte, was optisch eine Einheit bildet. Wir haben also Flächen gepachtet und die Bauern standen mit ihrem Vieh dazwischen. Ohne zu wissen, dass ihre Flächen später wesentliche Gestaltungselemente sein würden, folgten wir mit der Anlage der Tradition des Englischen Gartens, denn auch wir haben die Landwirtschaft integriert.

Circa 50 Künstlerinnen und Künstler wurden bis heute eingeladen. Was war Ihre Vorgabe?
Erwin Wortelkamp: Die Vorgabe war, keine Atelierarbeit zu zeigen, sondern eine neue ortsbezogene Arbeit zu schaffen. Die größte Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass niemand der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler Vorerfahrungen hatte, im direkten Dialog mit der Landschaft künstlerisch zu arbeiten. Der 2008 verstorbene Ludger Gerdes, der in den 90er Jahren dazukam, war lange der einzige, der sich wirklich mit dem Thema Kunst und Landschaft auskannte und der internationale Künstler, Wissenschaftler und Philosophen ins Tal führte.
Ihre Skulptur oben auf dem Hügel hat den Grundstein gelegt. Wie ging es dann weiter?
Erwin Wortelkamp: Mit dem Künstler Ansgar Nierhoff stand ich irgendwann hier in der Schule im obersten Geschoss an einem "Panorama-Fenster", wir schauten in die Landschaft und er sagte eher beiläufig: Da würde ich gerne eine Skulptur hinstellen. Dann ging alles ganz schnell. Ein halbes Jahr später trafen wir uns hier mit acht Leuten. Ansgar Nierhoff hatte Kazuo Katase mitgebracht. Lutz Fritsch war auch dabei. Seine Skulptur "im Tal" ist seine erste Arbeit im öffentlichen Raum. Christoph Brockhaus, der damalige Direktor des Lehmbruck Museums, war auch dabei und hatte die Idee, einen Antrag an den damals neu gegründeten Kunstfonds zu stellen. So haben wir 1986 40.000 Mark Förderung bekommen.
Fritz Schwegler, von dem hier auch zwei Skulpturen stehen, sah darin einen Ritterschlag, denn der Kurator Kaspar König wurde bei seiner zweiten Skulpturenausstellung in Münster mit einer Summe in gleicher Höhe gefördert.
Mit diesem Geld haben wir die ersten acht Werke finanziert, da die Kollegen fast alle auf ein Honorar verzichteten.


Kazuo Katase, Bildstock (Der Namenslose Gott), 1987. Fotos: Albrecht Fuchs.
Es gibt gute und schlechte Beispiele für Skulpturenparks und Skulpturengärten. Ein Skulpturenpark, der fast zeitgleich entstanden ist, ist die Museumsinsel Hombroich, in dem man damals die vorgefundene Landschaft abgetragen, sozusagen tabula rasa gemacht hat, um eine Auenlandschaft neu zu gestalten. Wie sind Sie vorgegangen?
Erwin Wortelkamp: Das stimmt, wir haben gleichzeitig angefangen. Der Gründer Karl-Heinrich Müller (1936-2007) hatte natürlich ganz andere finanzielle Möglichkeiten. Eine wichtige Figur für die Entstehung des "Tals" war Carola Schnug-Börgerding, eine Landschaftsarchitektin, die bei dem allerersten Treffen dabei war und die wesentlichen raumbildenden Maßnahmen einleitete. Dazu gehören u. a. großangelegte Pflanzungen, die das Nachbardorf Werkhausen aus der vordergründigen Wahrnehmung herausnehmen und schließlich später zu einer Überraschung werden lassen sowie zahlreiche Solitärbäume, die Bezug nehmen zu denen auf den umliegenden Höhen (frühere Hütebäume).
Insgesamt trug dies mit dazu bei, das gesamte Tal heute wie eine integrierte Oase in der topographisch großen Konkave mit dem Bachlauf des Mehrbachs wirken zu lassen.
Sie brachte Ihr Wissen um Englische Gärten mit, auf die wir uns insgesamt beziehen. Zu deren Gestaltungsrepertoire gehören z. B. Blickachsen, Brücken, Treppen. Die größten Arbeiten (Heinrich Brummack, Claus Bury, Ansgar Nierhoff) wurden in die Landschaft hinein nivelliert. Pflanzungen wie Sträucher und Hecken halfen, für die Bildwerke Verweilräume zu schaffen. Im Gegensatz dazu beansprucht z. B. James Reineking ein offenes Umfeld, sodass ich auch gerne von Passageräumen rede.
In die gesamte Anlage führen gemähte Wege, die den Höhenlinien der Topographie folgen. Auf denen begegnen die nicht wenigen Besucher den einzelnen Werken, die sich nur aus der Nähe vollends erschließen lassen.
Unschwer aber ist zu erkennen, dass sich die Arbeiten verschiedener Generationen in ihren Gestaltungsmitteln wesentlich unterscheiden, alle sich in ihrer Besonderheit zu behaupten wissen und nicht selten über weite Entfernungen ihre Dialogfähigkeit zeigen. Wir können von einer Addition der Autonomien reden.
In dem großen umgestalteten Naturraum fühlen sich seit Jahren sechzig Vogelarten wieder heimisch und die Pflanzungen bieten Nahrung für Insekten und Schmetterlinge.
Konnten die Künstler den Platz frei auswählen?
Erwin Wortelkamp: Jeder Künstler hat seinen Platz gesucht und ausnahmslos jeder hat ihn gefunden. Voraussetzung ist, dass man sich vorher intensiv mit dem Werk des Eingeladenen auseinandersetzt und genau weiß: Von dem brauchen wir einen Beitrag. Dann klappt es und man muss nicht eingreifen. Und dann kann man sich auch auf die Eigenliebe der Eingeladenen verlassen. Jeder schaut schon von sich aus, ob der Ort für die Arbeit geeignet ist und seinem Selbstanspruch entspricht.
Zum "Tal" gehört auch das "Haus für August Sander" mit Fotos von August Sander, die den Westerwald und seine Bewohner zeigen.Wie kam es dazu, dass Sie dem Fotografen der "Menschen des 20. Jahrhunderts", der nur wenige Kilometer entfernt in Kuchhausen gelebt hat, dieses kleine Museum gewidmet haben?
Erwin Wortelkamp: Das "Sander-Haus" bildet einen Schwerpunkt in der Anlage. Ich habe mich mit August Sander, der eine starke Verbindung zu den Menschen im Westerwald hatte, stark identifiziert und seine Fotos gesammelt. Teilweise habe ich sie hier auf den Dachböden der Häuser in den umliegenden Dörfern gefunden. 1986 habe ich mich auf einer Fahrt nach Italien mit dem Südtiroler Freund und Architekten Hanspeter Demetz getroffen. Ich war überrascht, dass er August Sander und seine Fotos kannte. Innerhalb eines Jahres haben wir das "Sander-Haus" entwickelt.


Wie geht es weiter mit dem "Tal"? Wie wollen Sie den Park in Zukunft weiterführen?
Erwin Wortelkamp: Kim Wortelkamp, mein Sohn, beteiligte sich von Beginn an bei der Realisierung der Arbeiten "im Tal" und wurde Freund der damals jungen Künstler, die Orientierung bedeuteten.
In den vergangenen Jahrzehnten ist sein Engagement für die sich weiter entwickelnde Anlage gewachsen. Seine beruflichen Qualifikationen als Architekt und Landschaftsarchitekt ließen sich als eine logische Folge sehen. Immer mehr beteiligte er sich auch an der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler, übernahm die übergreifende Sorge für das, was wächst und vergeht, implantierte im wahrsten Sinne des Wortes mit von ihm ins Leben gerufene Baumaktionen, zahlreiche Pflanzungen von Solitären bis zu Kriechgewächsen. Ihm ist zu verdanken, dass sich die Fauna neben der immer üppiger werdenden Flora bei jedem Gang erleben lässt und dass der anspruchsvolle Begriff einer "Oase" mittlerweile zutrifft.
Welche Rolle spielt das interdisziplinäre Begleitprogramm für "im Tal"?
Erwin Wortelkamp: Im Jahr 2001 begann eine Veranstaltungsreihe immer am 21. Juni. Zu der gehörte als Schwerpunkt ein Symposion. Dadurch fanden viele Wissenschaftler, Schriftsteller, Philosophen, Künstler aller Disziplinen ins Tal. Zu denen gehört auch unsere Tochter Isa, die als Theaterwissenschaftlerin zwei dieser Symposien nicht nur organisiert hat.
Erwähnt sei, dass "Welche Landschaft wollen wir?" der Arbeitstitel des ersten Symposions war.
Unser Sohn Kim hat bisher schon dreimal die Idee der Symposien aufgegriffen, in denen die Referenten zwischen mehrgängigen Mahlzeiten Kurzreferate halten. Seine gelebte Lust am Essen und am Zubereiten von Speisen hat eine überzeugende Form gefunden.
Ansonsten führt er das "Tal" bereits in die Zukunft. Auf den Wiesen, auf denen keine Kunst steht, machen befreundete Bauern Heu. Glanrinder beweiden nicht nur die Restflächen, sondern sind als Allesfresser "Pfleger" in seinem landwirtschaftlichem Betrieb.
In nächster Zukunft ist von Kim ein "Sander-Weg" geplant. Das ist ein Wanderweg von Kuchhausen, wo August Sander gewohnt hat, zum Sander-Haus hier im "Tal" in Hasselbach. Bis dahin sollen weitere Veranstaltungen durch das von Laura und Janek Bernstetter geleitete Team als "Künstlerische Assistenz im Tal" für Kinder und Jugendliche stattfinden.