Andreas Gursky, V&R, 2011, © Andreas Gursky, Courtesy Sprüth Magers / VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Tragbare Kunst

Mode von Viktor&Rolf in der Kunsthalle München, Schmuckobjekte von Sigurd Bronger in der Pinakothek der Moderne.

Ist Mode Kunst? Ist Schmuck Kunst? Oder: Wann ist Mode, wann ist Schmuck Kunst? Auch ohne darauf eine grundsätzliche, also kunsttheoretische Antwort zu geben, lässt sich doch feststellen, dass derzeit gleich zwei Münchner Kunst-Ausstellunghäuser diese Fragen buchstäblich in den Raum stellen: Die Kunsthalle, die den Namenszusatz "der Hypo-Kulturstiftung" seit einigen Jahren weglässt, widmet eine Ausstellung dem niederländischen Modeschöpfer-Duo Viktor&Rolf. Und die Pinakothek der Moderne zeigt die erste Einzelausstellung des norwegischen Schmuckdesigners Sigurd Bronger außerhalb seines Heimatlandes.

Als "wearable objects", tragbare Objekte bezeichnet der 1957 geborene Bronger seine Arbeiten. Während „tragbar“ im Deutschen noch andere Bedeutungen hat, meint "wearable" eindeutig, dass etwas am Körper getragen werden kann: etwa an einem Fingerring, als Brosche, als Armreif oder um den Hals. In diesem Sinne ist jedes Schmuckstück ein tragbares Objekt. Was Bronger sagen will, ist dass es sich eigentlich um Objektkunst handelt, die wie ein Schmuckstück getragen werden kann. Objektkunst: das sind Readymades, also gefundene Gegenstände, die als Kunst wahrgenommen oder zur Kunst ernannt werden, oder Assemblagen aus heterogenen Bestandteilen. Genau das trifft auch auf Brongers Objekte zu, nur eben mit der Besonderheit, dass sie klein und leicht genug sind, um, mit einer Fassung versehen, als Schmuck getragen zu werden.

Die rote Keule am Fingerring

Nur sind es in der Regel keine Juwelen, die Bronger da mit der ganzen Kunst des Goldschmieds einfasst, sondern Gänseeier, Kaktusstacheln, Elektronenröhren aus alten Radios, kleine Schraubenpäckchen, Seifenstücke, poppig bunte Radiergummis, das Ausgusssieb einer Spüle, eine Zimtstange, Herzschrittmacher, Blutdruckmessgeräte, Säckchen voll winziger Kügelchen mit einer Lupe davor, damit man sie besser erkennt, eine alte, mechanische Armbanduhr, bei der das Ziffernblatt größtenteils entfernt wurde, sodass man das Räderwerk sieht, ein Pinienzapfen, Kameldung, bis hin zu einem Nierenstein seiner Mutter. Einige der Objekte hat der Künstler selbst aus Hartschaum geformt und in kräftigen Farben lackiert. Manchmal liegt die Besonderheit eher in der kunstvollen Fassung, wie bei einem Hühnerei, das mit Hilfe von zwei überkreuzten kleinen Spiralfedern in Position gehalten wird. Oder umgekehrt, wenn es doch mal ein weißer Topas ist, wird er gehalten von einer groben, baggerartigen Zange.

Sigurd Bronger, Halsschmuck "Camay", 2005. Camay-Seife (Hotelgröße), verchromtes Silber, Baumwollkordel. 4,0 x 3,7 x 1,2 cm. Die neue Sammlung - The Design Museum.

Man kann sie einfach als ästhetische Objekte ansehen oder warten, bis einem der Groschen fällt und man begriffen hat, woraus sie hergestellt sind; oder ein großes Blatt Papier vom Stapel abreißen und nach der Nummer suchen. Das kleine Format bedingt, dass es über 150 Objekte braucht, um den Umgang im zweiten Geschoss der Pinakothek der Moderne zu füllen: Was an Format fehlt, muss die Zahl wettmachen. Das ist vergnüglich, aber auch etwas ermüdend. Kaum ein/e Besucher/in sieht sich alle Objekte genau an. Normalerweise liegen Gold- und Silberschmiedearbeiten nur im Verkaufsraum in einer Vitrine. Eigentlich sind sie dafür gemacht, getragen zu werden. In der Ausstellung muss hier die Fantasie nachhelfen. Ist ein Fahrradventil tatsächlich dazu da, einen Beutel, einen Luftballon aufzupumpen? Eine rot lackierte, etwas schräge Tropfenform auf einem Fingerring mag vielleicht im Gebrauch, am Finger getragen, etwas hinderlich sein, ist dafür aber umso mehr ein Hingucker. Wenn ein solches Objekt dazuhin noch nicht nur mit einem Propeller versehen ist, sondern darüber hinaus mit einem kleinen Elektromotor, ist die Sensation perfekt.

Auf den Kopf gestellt

Auch Mode ist dazu da, getragen zu werden. Während gefasste Nautilusschnecken oder Straußeneier bei Bronger an die Kunst- und Wunderkammern vergangener Zeiten erinnern, vermittelt der erste Eindruck bei Viktor&Rolf in der Kunsthalle barocke Pracht: Reifröcke, Korsette, Dekolletés, sogar die Halskrause, wie sie von Spanien ausgehend um 1600 die Höfe eroberte, kommt vor, wenn auch etwas deformiert. Die Besucher drängen sich in den Räumen, angezogen vom Glamour und Witz des niederländischen Designerduos, dessen Entwürfe Madonna, Lady Gaga und Jennifer Lopez getragen haben. Anfangs dominiert Weiß, wie von Hochzeitskleidern. Und tatsächlich hat Mabel Wisse Smit 2003 ihr Hochzeitskleid für die Heirat mit Friso von Oranien-Nassau, dem Sohn von Königin Beatrix, bei ihnen in Auftrag gegeben. "Ich will nicht irgendetwas Gewöhnliches", erklärte sie, als sie die ersten, noch konventionellen Entwürfe sah, "ich will Viktor&Rolf!" Das Kleid mit 264 Schleifen und einer langen Schleppe ist ausgestellt.

Ausstellungsansicht "Viktor & Rolf - Fashion Statements" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München. Foto: BrauerPhotos, S. Brauer für Kunsthalle München

Was erhoffte sich die Schwiegertochter der Königin? Viktor Horsting und Rolf Snoeren, beide 1969 geboren, haben sich von Anfang an den Ruf erarbeitet, alles etwas anders zu machen. Das illustrieren gleich im Eingangsbereich ihr hellblauer Upside-Down Dress, ein Ballkleid, bei dem der Rock über den Kopf nach oben zu fallen scheint, und ein Foto aus ihrem kurzlebigen Mailänder Upside-Down Store mit dem Parkett an der Decke und Sitzkissen in den umgekehrten Arkadenbögen. An der Arnhemer Kunstakademie lernten sie sich kennen. 1993 nahmen sie in Hyères am einzigen Mode-Wettbewerb teil, den es damals gab: mit weißen Tüllkleidern, die aussehen wie von Motten zerfressen oder als hätte jemand große Löcher hinein gefräst. Sie machten sich keine großen Hoffnungen, wollten aber Kontakte in die Modewelt knüpfen. Doch dann hieß es: "Viktor und Rolf, bitte kommt auf die Bühne!" So entstand ihr Markenname. Sie gewannen die drei ersten Preise.

Wearable Art nennen Viktor&Rolf nun tatsächlich eine 2015 entstandene Kollektion. Die Pointe ist allerdings nicht, dass sie ihre Mode zur Kunst aufwerten wollen, sondern dass sie ihre Models mit Kunst einkleiden, will sagen, mit gerahmten Gemälden. Nun ist ein vergoldeter Bilderrahmen, am Leib getragen, eine etwas sperrige Angelegenheit, und genau das macht den Witz aus: Es kommt hier, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, mehr auf den Rahmen an, der den bemalten Stoff erst zur "Kunst" macht. Andernfalls könnte es sich schlicht um Stoffmuster handeln. Damit die Models die gerahmten Bilder nicht nur vor sich her tragen, sondern sie tragen können wie ein Kleidungsstück, müssen die Rahmen den Körperformen angepasst werden – was natürlich nur begrenzt gelingt: Sie sehen aus wie auseinandergebogen und –gebrochen. Das Projekt verschaffte dem Duo Zugang zum Metropolitan Museum of Modern Art in New York, wo die Kollektion nach der Pariser Herbst/Winter-Modewoche zuerst gezeigt wurde.

Freilich handelt es sich eben weniger um den Versuch, die Modekollektion zu nobilitieren, als vielmehr um einen augenzwinkernden Kommentar. Und um eine Performance. Nachdem nämlich das Model mit der Bilderrahmen-Bekleidung über den Laufsteg gepilgert war, betraten die Designer selbst die Bühne, nahmen ihr das Kleid ab und hängten es an die weiße Wand, wie ein Kunstwerk in einem Museum. Hier zeigt sich die übertragene Bedeutung des Rahmens: Ob die "tragbare Kunst" als Mode wahrgenommen wird oder als Kunst, ist eine Frage des Framing: Auf dem Laufsteg ist sie Mode, an der Wand Kunst.

Wenn man fragt, was an dieser Arbeit die Bezeichnung „Kunst“ verdient, so sind es gerade nicht die unauffälligen Bilder in den aufgebrochenen Rahmen, sondern eher, dass Viktor&Rolf den Modebetrieb kritisch beleuchten. Das zeigt auch ihre Folge-Kollektion Performance of Sculptures: weiße Kleider, die an kubistische Skulpturen erinnern, per se aber im Kunstbetrieb niemals bestehen könnten. Viktor&Rolf arbeiten mit Zitaten und Anspielungen. Eine wandgroße, graue Videoprojektion mit umherirrenden Figuren, aufflatternden Raben, Blitz und Donner verweist auf den Stummfilm Nosferatu von Friedrich Wilhelm Murnau. Die Kollektion Zen Garden präsentierten sie auf einem Teppich, der dem Steingarten des japanischen Tempels Ryōan-ji nachempfunden ist.

Jenseits des Laufstegs

Bei der Präsentation ihrer Kollektionen gehen die beiden Couturiers gern über das Format des Laufstegs hinaus. Im Fall der Kollektion Russian Dolls kleideten sie 1999, auch aus ökonomischen Gründen, nur ein einziges Model ein, in neun Schichten übereinander. Die Ausstellung zeigt davon nicht einfach ein Video, sondern sucht nach eigenen Formen: Neun Puppen mit Porzellanköpfen tragen die verkleinerten Kostüme, dazu steht weiter hinten im Raum ein Model als Hologramm. Ein beträchtlicher Aufwand. Namhafte Fotografinnen und Fotografen, von Herb Ritts über Ellen von Unwerth bis Andreas Gursky, setzen ihre Arbeiten in Szene. Wenn Videos zum Einsatz kommen, füllen sie die ganze Wand.

Oder es wird gleich der ganze Raum zur Bühne, am eindrucksvollsten in einem großen Saal, in dem vier große Kronleuchter von der Decke hängen: Drei Wände sind verspiegelt, eine Fototapete an der vierten zeigt den Spiegelsaal von Versailles. Im Raum stehen lebensgroße Puppen, in deren Kleider, in markantem Kontrast zu diesem royalen Ambiente, Fashion Statements eingearbeitet sind wie "No photos please", "Trust me, I’m a liar", "I’m not shy, I just don’t like you" oder einfach "Go to hell!" Hier zeigt sich am deutlichsten, wie Viktor&Rolf arbeiten: Auf der einen Seite Glamour, höchste Ansprüche, Adelswelt, große Namen, aber konterkariert durch provokative Bilder und Aussagen. Von denen sich niemand angegriffen fühlt. Die Modewelt lechzt danach.

Aber ist das deshalb schon Kunst? Immerhin haben die beiden Modedesigner auch schon zweimal für Robert Wilson gearbeitet, zuletzt 2009 für den Freischütz in Baden-Baden. Für die Kunsthalle München dürfte das nicht der entscheidende Punkt sein. Es hat dort zuvor schon drei Mode-Ausstellungen gegeben. Beim Publikum kommt das an, warum also nicht? Auch im Fall der Pinakothek der Moderne gibt es eine Vorgeschichte. Zum einen sammelt das Museum nicht nur moderne Kunst und Grafik, sondern es gibt, neben dem Architekturmuseum der Moderne, auch Die Neue Sammlung – The Design Museum, eine große Sammlung mit heute 25.000 Objekten, die bereits seit 1925 besteht. In dieser befindet sich seit 2005 auch ein Stück von Sigurd Bronger, der zudem 2016 für das Objekt mit der Nautilusschnecke den Bayrischen Staatspreis erhielt.

Die Frage, wo die Grenzen verlaufen zwischen Kunst und Design – in der älteren Terminologie Kunsthandwerk – ist mindestens so alt wie die Arts&Crafts-Bewegung und der Deutsche Werkbund, der bei der Entstehung der Neuen Sammlung Pate gestanden hat. Entscheidend ist letztlich der Zweck. Man kann sagen Viktor&Rolf produzieren in aller Regel für die Modewelt, wenn auch vielleicht etwas ungewöhnlich, gelegentlich aber auch für künstlerische Formate wie Oper und Tanz. Bei Sigurd Bronger halten sich Schmuckdesign und Kunst die Waage: Er selbst betrachtet seine Fingerringe, Broschen und Ketten jedenfalls nicht als Schmuck, sondern als: tragbare Kunst.


Sigurd Bronger: Wearables, Pinakothek der Moderne, Die Neue Sammlung – The Design Museum, bis 2. Juni

Viktor&Rolf: Fashion Statments, Kunsthalle München, bis 6. Oktober.