Beate Kicherer – Malerei
Retrospektive in der Galerie Mutare, Berlin, vom 23. August – 26. Oktober 2024
„Sie kommen auf High Heels und im aufreizenden Minikleid daher, sie rauchen mit rot geschminkten Lippen in Netzstrümpfen an der Bar oder vollziehen einen Striptease ohne Zuschauer. Beate Kicherer warf einen Blick in das Berliner Rotlichmilieu …“, so schreibt der Tagesspiegel am 5. September 2024 über die Ausstellung.
Beate Kicherer war im Wesentlichen eine Autodidaktin, die erst spät zur Kunst fand. Ihr figuratives Werk umfasst eine nur kurze Schaffensperiode von knapp 20 Jahren Frühe Inspirationen kamen vom schwäbischen Barock ihrer Heimat, dessen sinnliche Überschwänglichkeit sie wohl beeindruckt hat. Beeinflusst wurde sie vor allem hinsichtlich ihrer Frauendarstellungen und Straßenszenen von ihrem Mentor Reinhard Stangl, dem sie als eine seiner begabtesten Schülerinnen in Erinnerung blieb. In ihrem Werk finden sich Anklänge an den deutschen Expressionismus wie etwa die frühen Akt- und Straßenszenen der Dresdner Gruppe „Die Brücke“, an die französische Grafik des späten 19. Jahrhunderts wie auch an den japanischen Farbholzschnitt.
Kicherers wichtigstes Thema waren Frauen. Begeistert von jungen Damen, wie sie ihr auf Boulevards begegneten, zeichnete sie diese Großstadtbewohnerinnen stilisiert und selbstbewusst in ihrem modischen Schick. Prostituierte aus dem Rotlichtmilieu, auf High Heels, im Minirock oder in enger Korsage, fand sie vor allem auf dem Berliner Straßenstrich an der Potsdamer- und Kurfürstenstraße wie in den dortigen einschlägigen Lokalen, etwa im legendären Café Einstein. Hier soll sie ihren Modellen gelegentlich ein Frühstück spendiert haben, damit sie länger saßen. Auch konnte es vorkommen, dass sie den Finger in den Kaffee tauchte, um eine gerade angefertigte Zeichnung schnell zu kolorieren. Zu Kicherers Motiven gehören ebenso Milieuschilderungen aus Bars und Restaurants, in denen sie ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht durch rasche Striche andeutete. Zunächst in unzähligen Skizzen festgehalten, wurden sie in farbenfrohe Tuschzeichnungen, in Aquarelle und auf Leinwänden in Mischtechnik übertragen. Manches entstand allein aus der Fantasie heraus, wobei sich stets eine expressive Linie mit der Freude an der Sinnlichkeit des Augenblicks paart.



Szenen aus dem Rotlichtmilieu sind in der deutschen weiblichen Kunst des 20. Jahrhunderts vor allem von Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940) und Jeanne Mammen (1890- 1976) bekannt, angesiedelt in Hamburg bzw. Berlin während der Weimarer Republik. Kicherer erneuerte dieses Motiv auf ihre Weise, indem sie den anonym gebliebenen Frauen, die sie in diversen Posen festhielt, mittels sensibler Zeichnung und Farbgebung zu ihrer eigenen Charakteristik verhalf, den Kunden und Zuhälter dabei aussparte. Wie bei Jeanne Mammen wurde die Zigarette bei Kicherer in ihren Frauenbildern zum Symbol für weibliches Selbstbewusstsein und weiblicher Sexualität in all ihren Facetten. Einige ihrer Werke betitelte Beate Kicherer mit „Huren“. Dies mag aus dem damals aktuellen Jargon herrühren oder wurde beeinflussst von Reinhard Stangl bzw. Jeanne Mammen, die entsprechenden Darstellungen auch den Titel „Nutten“ verlieh.
Beate Kicherer wurde 1946 in Baden-Württemberg geboren. Von 1967 bis 1975 studierte sie Germanistik in München und Geographie und Stadtplanung an der TU West-Berlin, wo sie von 1975 bis 1980 Assistentin an der Fakultät Planen-Bauen-Umwelt war. Von 1986 bis 1991 nahm sie Malunterricht in Berlin bei Reinhard Stangl und Strawalde alias Jürgen Böttcher. Ihre Werke wurden seit 1984 in Gruppen- und seit 1990 in Einzelausstellungen gezeigt. Seit 1990 war sie als freischaffende Künstlerin in Berlin tätig. 1998/99 lehrte sie an der Sommerakademie Biberbach in Baden-Württemberg und beteiligte sich hier 2000 an der Aktion „Kunst im Wald“. Mehrfach stiftete sie ihre Arbeiten gemeinnützigen sozialen Zwecken. Reisen führten sie u. a. nach Lugano, Vaduz, Florenz, Pisa, Padua, Mailand, Linz und Paris. Beate Kicherer starb am 13. September 2004 in ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg unter tragischen Umständen. Kicherers Werke befinden sich heute in deutschen privaten und öffentlichen Sammlungen; sie wurden zum Geheimtipp für Kunstliebhaber.
Die Galerie Mutare vertritt Kicherer seit 2014. Die Ausstellung zum zwanzigsten Todestag der Künstlerin soll ein posthumer Meilenstein für Kicherer werden und wird von einem Katalog begleitet.
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