Ausdrucksmittel auf Augenhöhe
Unter dem Titel „Trouble and Appearance“ präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Dana Schutz.
Ein Museumsbesuch, wie auch ein Besuch im Kino, hat im Hochsommer eine besondere Qualität. Man lässt Hitze, die gleißende Sonne und das sommerliche Treiben hinter sich und betritt einen wohl temperierten und ruhigen Raum, der ganz auf die gezeigte Kunst abgestimmt ist. Und wenn diese Werke auch noch eine spezielle Kraft und Intensität entfalten, wird der Kontrast nur noch verstärkt und man taucht in eine eigene Welt ein. Genau das bewirken die Bilder, Zeichnungen und Skulpturen von Dana Schutz, die aktuell in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München zu sehen sind.
Die liegende Frau scheint zunächst ruhig und in sich versunken. Aber ihr Umfeld wirkt turbulent und bedrohlich. Der Hintergrund ist dunkel, wie in sturmhafter Bewegung. Um den Akt herum sind unterschiedliche Vögel positioniert, Eulen und Raben etwa. Ein Vogel sitzt auf dem Hals der Frau, seine Augen sind geschlossen, sein langer Schnabel scheint wie eine scharfe Schere, bedrohlich nah an der Kehle der Frau. In der rechten Hand hat sie scheinbar einen Apfel. Man denkt an den armen Titan Prometheus, den Zeus als Strafe dafür, dass er den Menschen das Feuer gab, an einen Fels kettete, wo ihm ein Adler immer fort die täglich nachwachsende Leber herauspicken sollte. Die monumentale Kohlezeichnung „The Catcher“ aus dem Jahr 2026 misst mehr als fünf Meter in der Breite und erreicht damit eine Dimension, die den Begriff der Zeichnung beinahe sprengt. Sie ist Teil einer Serie, die an die Wandgemälde der amerikanischen abstrakten Expressionisten erinnert und nun erstmals in München zu sehen ist. Schutz nutzt das Zeichenmedium Kohle hier äußerst gekonnt, Linien verdichten sich zu Flächen, Körper und Schatten ergänzen sich und die Figuren entwickeln eine geradezu körperliche Qualität.


Expressive und allegorische Gemälde und Zeichnungen
Unter dem Titel „Trouble and Appearance“ präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München, als eine der vier Institutionen, die in der Pinakothek der Moderne verortet sind, erstmals eine Ausstellung von Dana Schutz. Neben den großformatigen Kohlezeichnungen zeigt die Künstlerin Skulpturen, Gemälde, Druckgrafiken, Monotypien und Skizzen zu ihren Gemälden, die bislang noch nie zu sehen waren. Etliche ihrer Arbeiten sind speziell im Hinblick auf ihre erste Münchener Präsentation entstanden. Kuratiert ist die Ausstellung von Michael Hering, dem Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung, der einen zentralen Aspekt der künstlerischen Strategie von Dana Schutz, die ja eigentlich als Malerin bekannt ist, in den Fokus stellt: ihren zeichnerischen Ansatz.
Das Werk der Künstlerin zählt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den interessantesten Positionen der jüngeren Malerei aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Ihre oft großformatigen, expressiven und allegorischen Gemälde sind dicht komponiert und verbinden abstrakte und figurative Ebenen. Schutz wurde 1976 in Livonia, Michigan, geboren, studierte am Cleveland Institute of Art und an der Columbia University in New York. Heute lebt und arbeitet sie in Brooklyn. 2023 wurde ihr Werk im Louisiana Museum für Moderne Kunst nördlich von Kopenhagen und anschließend im Musée d’Art Moderne de Paris umfassend vorgestellt. Neben dieser institutionellen Anerkennung agiert sie auch erfolgreich auf dem Kunstmarkt, international wird sie von der Mega-Galerie David Zwirner vertreten, in Deutschland von der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin.
Kontroversen und Kunstmarkt
Einem breiteren Publikum wurde sie 2017 bekannt, als eines ihrer Gemälde Auslöser einer Debatte um Repräsentation und kulturelle Aneignung war. Ihr Bild „Open Casket“, das sie 2017 bei der Whitney Bienniale in New York präsentierte, stellt den verstümmelten Körper von Emmett Till dar, einem 14-jährigen afroamerikanischen Jungen, der 1955 in Mississippi aus rassistischen Gründen ermordet wurde. Er wurde zu einer wichtigen Figur der Bürgerrechtsbewegung, Fotografien seines geschundenen Körpers im offenen Sarg wurden zu erschütternden und mahnenden Ikonen. Seine Mutter Mamie Till-Mobley gestattete diese Fotos, um das Leid ihres Sohnes publik zu machen. Das Bild von Schutz, das die Fotos zitiert, löste Proteste aus. Im Zentrum stand die Frage, ob und wie eine weiße Künstlerin das Leid eines schwarzen Opfers darstellen darf.
Abgesehen solcher gesellschaftspolitischer Debatten sind explizite Körperlichkeit, Erfahrungen von Gewalt und katastrophale Erlebnisse wiederkehrende Motive im Werk von Dana Schutz. In ihren Bildern und Zeichnungen komponiert sie vielschichtige Gefüge aus Charakteren und Situationen. Ihre Malerei kennzeichnet oft einen eruptiven Farbgestus, die Bilder sind verdichtet, chaotisch und anarchisch, tragisch und bisweilen durchaus komisch. Ihre künstlerische Position ist fest in der Geschichte der Malerei verankert, man erkennt die Verbindungen zum Expressionismus oder Surrealismus. Dennoch hat sie für sich einen eigenen Platz im kunsthistorischen Bezugssystem gefunden, der über bloße Referenzen hinausgeht. Sie setzt Komposition und Technik präzise ein und kombiniert dies in ihrer Malerei mit einem virtuosem Umgang mit Farbe.


Zeichnung als existenzielle Ausdrucksform
Im Hauptraum der Ausstellung in der Pinakothek tritt diese Malerei in einen unmittelbaren Dialog mit Skulptur, Druckgrafik und Kohlezeichnungen in unterschiedlichen Formaten. Was die Kohlezeichnungen, aufgrund ihres Mediums, an farblicher Kraft vermissen lassen, kompensieren sie durch ihre klare Verdichtung, einen präzisen Rhythmus und starke Kontraste. Die Zeichnungen sind expressiv, fast expressionistisch, grotesk, die Figuren von einer absurden Körperlichkeit. Wo Schutz in ihrer Malerei Farben, Figuren und Formen schichtet, nutzt sie in ihren Kohlezeichnungen die ganze Bandbreite des Mediums. Sie baut dunkle Flächen mit kräftigen Zügen auf und überlagert sie. Sie nutzt präzise Konturen, die sich wiederum ins Diffuse auflösen.
Die Staatliche Graphische Sammlung in München sieht es als ihre Aufgabe, zum wiederholten Mal die Frage nach dem Stellenwert der Zeichenkunst im 21. Jahrhundert zu erörtern und ihre Rolle als existenzielle Ausdrucksform menschlichen Intellekts und seiner Schöpfungskraft zu thematisieren. In der Ausstellung „Trouble and Appearance“ wird das breite Werk von Dana Schutz so präsentiert, dass sich die Arbeiten in unterschiedlichen Medien gegenseitig ergänzen und dabei den Blick auf sie erweitern. Die Zeichnung wird hier nicht lediglich als Vorstufe zur Malerei präsentiert, vielmehr ist sie ein eigenständiges Ausdrucksmittel auf Augenhöhe, das aus der Praxis und Perspektive der Künstlerin heraus entsteht.
Dana Schutz, Trouble and Appearance, 10. Juli bis 14. Oktober 2026, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne.
Liminalität – Räume im Übergang
Gruppenausstellung der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen mit Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang und Lukas Zerbst.
Christo und Jeanne-Claude: un|realisiert
Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland unrealisierte Projektes des Künstlerduos. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, 4. April – 28. Juni 2026.
In der Gegenwelt
Im kleinen Wedeler Ernst Barlach Museum breiten Rosa Loy und Neo Rauch die private Sammlung ihrer Lieblingsbilder aus. Auf ihnen scheint die Zeit stillzustehen.