In Mittelfinnland zeigt eine Kunststiftung, wie es gelingen kann, ein Museum für alle zu bauen.
Etwa 300 Kilometer nördlich von Helsinki, in einem Waldstück inmitten der finnischen Seenplatte, befindet sich die Gösta Serlachius Fine Arts Foundation. Die Stiftung in privatem Besitz verwaltet eine der renommiertesten Kunstsammlungen Finnlands und hat sich deren Bewahrung und der Verschönerung der umliegenden Gemeinde Mänttä-Vilppula verschrieben. Die Gemeinde hat eine Bevölkerungsdichte von 17,5 Einwohner:innen pro Quadratkilometer – weniger als halb so viel wie die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Dennoch schafft es die Stiftung nach eigenen Aussagen zwischen 80 und 150 Tausend Besucher:innen jährlich anzuziehen.
An einer Idee wird nachvollziehbar, wie der Stiftung das gelingt, denn die zieht internationales Publikum gleichermaßen an wie kunstfremdes und Einheimische: eine Kunstsauna. Weitgereiste Gäste können hier entspannen, während Einheimische genau das tun, was sie sonst auch tun, aber in preisgekrönter Architektur, umgeben von Kunst und Design. Denn bis zu 90 Prozent der Finninnen und Finnen gehen mindestens einmal pro Woche in die Sauna.




Hitze, Kälte, Kunstrausch – der Kunstsaunapfad
Entworfen wurde die Kunstsauna, auf finnisch "Taidesauna", von den drei spanischen Architekt:innen Héctor Mendoza, Mara Partida und Boris Bežan. Ihr Ansatz: eine phänomenologische Architektur, die Dinge erscheinen und spürbar werden lässt anstatt sie auszustellen. Die Sauna ist kein Museum.
Zur Sauna geht es durch den weitläufigen Skulpturenpark vorbei am ehemaligen Wohnhaus der Familie Serlachius, heute Museum. Vom Uferweg aus ist die große Kunsthalle, von denselben Architekt:innen entworfen, von ihrer Längsseite zu sehen. Die Vertikalstruktur der Holzfassade und die spiegelnden Glaselemente imitieren den Wald und die Umgebung. Die Sauna, am Ende des Parks liegend, greift diese Struktur im Material des Betons wieder auf. Sein hellgrauer Farbton findet sich wieder in den Steinen, dem Wasser und im Himmel.
Nach dem Eintreten in das Saunahaus eröffnet sich ein heller Raum mit Panoramablick auf den See. Davor ist ein langer Banketttisch mit Stühlen von Oscar Tusquets aufgestellt. Im hinteren Teil des Raums schließt sich ein gemütliches wie stylisches Wohnzimmer mit Kamin an, von wo auf den See und die Terrasse geschaut werden kann. Einrichtung und Dekoration sind ausgesucht klassisch bis ikonisch und kombinieren finnisches Design (Alvar Aalto, Ilmari Tapiovaara, Klaus Haapaniemi) mit internationalen Stücken (Patricia Urquiola, Jasper Morrison, Faye Toogood).
Rechter Hand geht es vorbei an einer farbenfrohen Wandmalerei von Satu Rautiainen in die Umkleide- und Duschräume. Die Holztür schmückt eine Wandplastik von Noora Schroderus, in verspielten Formen, die an Geschlechtsteile erinnern, steht da "INTIM" und "INTERIÖR". Nachdem wir uns gereinigt und in Handtücher, gestaltet von Satu Rautiainen, gehüllt haben, treten wir hinaus ins Kühle. Der Blick auf das Gebäude von der Terrasse aus beeindruckt durch klare, aber kühne Formen. Innen und außen spielen hier miteinander. Der eigentliche Saunaraum befindet sich am Ende des Ensembles am Waldrand. Er ist kreisrund, der Ofen ist ebenfalls kreisrund, mächtig und voller schwarzer heißer Steine. Die Hitze des Aufgusses, auf finnisch "Löyly", umarmt wohlig den gesamten Körper. Von drinnen eröffnet ein großes quadratisches Fenster den Blick auf den See und ein poetisches Landart-Werk der finnischen Künstlerin Laura Könönen. Nach dem Saunieren kann man sich in der Außendusche abkühlen, umflossen vom schillernden Lichtspiel eines Fliesenmosaiks von Tuula Lehtinen. Oder man nimmt ein Bad im See. Vom Steg aus fallen dann berührende Skulpturen ins Auge; aus den Findlingen im Steingarten schälen sich kindliche Gesichter – ein Werk der finnischen Künstlerin Anne Koskinen.
Kunst wie ein Naturphänomen
Die Sauna schärft die Sinne und senkt den Blutdruck, macht Hunger und Durst, führt in den Schlaf oder revitalisiert. Sie befriedigt in ihrer übermäßigen Intensität, ihrem Zu-Viel. Vielleicht brauchen wir es zuweilen, über unsere Grenzen zu gehen, die Schwellen unserer Sinnesfelder zu bemerken um unser sinnliches Repertoire wieder gänzlich ausschöpfen zu können. Der Rausch, den der Körper unwillkürlich unter der Einwirkung der Elemente erfährt, macht die Sinne nur noch sensibler für die Atmosphäre, das Licht, die Formen und die Bilder. Im puren Spüren erscheint die Kunst wie ein Naturphänomen. Die Kunstwerke reflektieren das Verhältnis des Menschen zur Natur, seiner Geschichte und sich selbst. Über die Werke und ihre Bedeutungen kann in Publikationen nachgelesen werden. Doch im Saunahaus gibt es keine Wandtitel oder -beschriftungen. Man kann und muss sie fühlen.
Well-Being im Museum
Die Werke in der Kunstsauna stammen alle aus der Sammlung Serlachius. Sie umfasst fast zehntausend Werke aus dem sogenannten "Goldenen Zeitalter" der finnischen Kunst (1880 –1910), aus der frühen Moderne und alte europäische Kunst aus den Niederlanden, Spanien und Italien aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Seit den 2010er Jahren wird die Sammlung auch um zeitgenössische Werke erweitert. Über die Hälfte der Neuzugänge der letzten fünf Jahre sind von Künstlerinnen. Ausgestellt werden diese in Dauer- und Wechselausstellungen im ehemaligen Wohnhaus von Gösta Serlachius und seinem modernen Erweiterungsbau. Im Stiftungssitz im Ortskern wird eine historische Ausstellung zum Ort und der Stiftung gezeigt.
Auch der Museumsbesuch hinterlässt ein Gefühl angenehmer Differenz: Das Repertoire an kostenlosen Service- und Vermittlungsangeboten ist unüberschaubar. Es werden vielfältigste kostenlose Angebote für beeinträchtigte Personen angeboten. Touren werden speziell für diverse Interessengruppen konzipiert. Mit seiner Publikumsarbeit versuche das Museum zum "Well-Being" der Gäste beizutragen durch "materielle und immaterielle" kulturelle Angebote, so die Leiterin der Publikumsentwicklung, Päivi Nieppola. Wanderstöcke, Fahrräder oder Boote lassen sich beispielsweise kostenlos ausleihen. Essen, Saunieren und Naturerfahrungen gehören ebenso ins Museumprogramm wie alte Meister. Speisen werden in Inspiration klassischer Stillleben kreiert und der Wald wird bei einer Klangmeditation begangen. Wissen wird hier weniger hierarchisiert und idealisiert, wodurch sich Vermittlungsformate leichter zugänglich gestalten lassen und mit der Geschichte lebhaft verknüpfen. Durch diese Niedrigschwelligkeit und Zugänglichkeit ist die Stiftung tatsächlich zu dem mutiert, was sich viele Museen bisher nur wünschen können, einem Ort für die Gemeinschaft.

Keith Tyson, "Scholar’s Stone", 2024, Bronze, im Besitz des Künstlers. Teil der Ausstellung "Universal Symphony" im Serlachius Herrenhaus und Skulpturenpark vom 24. Mai bis 26. Oktober 2025. Foto: Serlachius, Sampo Linkoneva.
Vom Industriestandort zur "Art Town"
Manche große Kunstausstellungen und Museumskomplexe erzeugen nicht nur Wohlstand und Wohlgefallen, sondern auch lokale Konflikte. Manches Bauprojekt und Vermittlungskonzept schafft es nicht, auswärtige und lokale Bevölkerungsgruppen gleichermaßen einzubinden. Man sehe etwa nach Venedig zur Biennale, deren Besucherströme die Einheimischen kaum noch verkraften können oder nach Berlin ins Humboldt-Forum, dessen Fassade diesen Monat abgeschlossen sein wird, die Debatte darum aber vermutlich niemals. In Mänttä-Vilppula scheint es anders zu laufen. Die Gemeinde hat sich durch die Stiftung von der Industriesiedlung zur international bekannten "Art Town" entwickelt. Die Stiftung zeigt sieben bis acht Wechselausstellung im Jahr, mitunter zieht sie damit Publikum aus dem Ausland an. Fast täglich finden Events und Vermittlungsangebote statt und jährlich das Mänttä Art Festival, das Mänttä Food Festival und das Mänttä Music Festival. Eine Kunstresidenz gehört ebenso zu den Stiftungsaktivitäten wie Kinder- und Jugendcamps. Die Stiftung hat im ganzen Ort Spuren hinterlassen wie schon Gösta Serlachius, der mit der Kunstsammlung begann. Als Papierfabrikant hat er den Ort in den 1920er Jahren zu einer industriellen Modellsiedlung ausgebaut, um Arbeiter:innen zu finden. Er investierte aber auch in soziale und kulturelle Infrastruktur. Er gab eine Kirche in Auftrag, die für ihre Skulpturen von Hannes Autere, die Glasmalereien von Alvar Cawn und ein Kirchenfenster von Eric Ehrstrom Bekanntheit erlangte. Er unterstützte den Bau eines Entbindungsheims und finanzierte öffentliche Saunen.
Vom "finnischen Pragmatismus"
Bis in die 1950er Jahre waren Saunen in Finnland wichtiger als das Heim. Hier wurde sich nicht nur gereinigt. In der Sauna wurden in Finnland Kinder geboren und die Leichen der Verstorbenen gewaschen. Hier wurden Gäste untergebracht, hier wurde Essen gekocht und haltbar gemacht. Denn die Sauna war ein steriler Ort, leicht zu säubern und aufzuheizen. Die finnische Saunakultur steht seit 2020 auf der "Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit" der UNESCO, weil sie tief mit der finnischen Kultur verwurzelt ist. Noch heute ist die Sauna in Finnland mehr als ein Ort der Entspannung. Sie ist u. a. ein geselliger Ort, an dem geschwatzt und getrunken wird, aber nicht über die Arbeit. In der Sauna sind alle gleich – finanzielle und soziale Unterschiede bleiben draußen.