Neues zum Thema Queerness
Die Ausstellung „5 Freunde“, zurzeit noch zu sehen im Museum Brandhorst, ab Oktober im Museum Ludwig.
Wenn man reinkommt, ist man ohne viel Federlesen gleich mitten drin. Das liegt nicht nur daran, dass es vom Gebäudeeingang des Museums Brandhorst bis zu der von selbst aufschwingenden Glastür, die in die Ausstellungsräume führt, nur wenige Schritte sind. Gleich dahinter schweben hoch über dem Eingangsbereich in einer Fluchtlinie aufgereiht drei Kleidungsstücke: Ein Stück elfenbeinfarbener Stoff, in Volants gerafft, wahrscheinlich so etwas wie ein Rock. In der Mitte ein warmbrauner Pelzmantel, ganz hinten ein sich nach innen wölbendes Gebilde aus schwarzem Organza. Vermutlich sind es Kostüme Merce Cunninghams, das wird sich zeigen.
Aus der Tiefe der Räumlichkeiten erklingen helle Stimmen, immer wieder übertönt von einzelnen Anschlägen eines Konzertflügels. Eine Schulklasse wahrscheinlich und die Musik, das wird John Cage sein. Draußen wurde es langsam heiß, hier drinnen ist es angenehm kühl.
Tatsächlich steht dann im ersten Raum des Rundgangs eine Schulklasse: ausgerechnet vor Robert Rauschenbergs „White Painting“ aus dem Jahr 1951. Was hier denn nun eigentlich zu sehen sei, will die Pädagogin, die ihr jugendliches Publikum hierhin geführt hat, nach ein paar einleitenden Sätzen wissen. Das zu verlangen, scheint angesichts der weißen Leinwand mutig, wird aber wider Erwarten rasch gelöst: Einer der Jungen verweist handwedelnd auf den Schatten, den er auf der Leinwand erzeugt, was andere – nun ebenfalls handwedelnd – sofort nachahmen. So ist zufriedenstellend dargelegt, dass des Museums Funktion nur im bereitwilligen Zusammenwirken von Werk, Vermittler und Betrachter realisiert werden kann.

Das Projekt
Fünf Freunde, das sind John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly. Wem diese Namen etwas sagen, der weiß, es geht hier nicht nur um Malerei und Skulptur, sondern auch um Musik und Tanz und an der Schnittstelle zwischen den Disziplinen um performative Aspekte der bildenden Kunst. Die Ausstellung fokussiert auf die Zeit ab den 1950er-Jahren, auch wenn die Zusammenarbeit zwischen John Cage und Merce Cunningham bereits Anfang der 40er-Jahre begann. Es ist, allein wenn es um die Zahl der Exponate geht, eine große interdisziplinäre Schau, für die sich das Museum Brandhorst und das Museum Ludwig in Köln zusammengeschlossen haben – mit mehr als einhundertachtzig Kunstwerken sowie Partituren, Filmaufnahmen und Fotografien, Plakaten, Bühnenrequisiten und Kostümen.
Dank dieser Kooperation kommen die Potenziale beider Häuser in vollem Umfang zur Geltung: Neben der kuratorischen Leistung können sie sich auf die besonderen Schwerpunkte ihrer Sammlungen stützen: Aus Köln kommen Arbeiten von Robert Rauschenberg und Jaspar Johns, während sich das Münchner Haus durch seine besonders enge Beziehung zu Cy Twombly auszeichnet. Und wo das, was aus den Beständen der beiden Häuser kommt, nicht ausreicht, treten bedeutsame Leihgaben hinzu.
Wenn man das als Besucher so will, kann Twomblys Lepanto-Zyklus aus dem Jahr 2001 der fulminante Abschluss des Rundgangs sein. Er gehört zwar nicht zur Ausstellung, wird aber im Obergeschoss des Hauses in einem eigenen Saal gezeigt. Den kann man so nur in München sehen.
Queerness und die Ordnung der Schau
Dass „5 Freunde“ von bestimmten Stichworten getragen wird, deren Herkunft sich aus den „Kollabiografie(n)“ der Künstler herleitet, erschließt das Thema der Ausstellung auf leicht nachvollziehbaren Wegen: Es geht um die Freundschaft von fünf Künstlern, die die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgebend beeinflussen konnten, wobei es ihnen wohl um nichts weniger als diese Position ging.
So tauchen in der Ausstellung zum Beispiel ordnend die Namen von Orten auf. Natürlich der des Black Mountain College, dessen interdisziplinärer Ansatz Möglichkeiten der Zusammenarbeit für Rauschenberg, Cage und Cunningham anbot. Oder die New Yorker Ateliers von Rauschenberg und auch von Johns, in denen Kunst und Leben zusammenfallen konnten. Oder, später dann, Captiva Island in Florida, das zu einem Fluchtpunkt wurde, weil dort Ansprüche des Kunstmarktes zurücktreten konnten und die Konzentration auf künstlerische Fragen aufs Neue möglich wurde. Es ist eine aus heutiger Sicht vielleicht sogar eher komische Randnotiz, die wir dem Katalogbeitrag von Deborah Solomon verdanken, dass die Künstler ihre New Yorker Ateliers auch bewohnten, was Ihnen, weil diese Ateliers als Gewerbeflächen ausgewiesen waren, wie vielen anderen New Yorker Künstlern auch, den Status der Illegalität verlieh und sie polizeilicher Verfolgung aussetzte. Neben den Orten hantiert die Ausstellung aber auch mit diffuseren Faktoren, etwa Strömungen wie dem Zen-Buddhismus, die sich nicht nur in den Texten der Beat Generation bemerkbar machen, sondern eben auch in den frühen Arbeiten von Rauschenberg und Twombly oder Cage und Cunningham Spuren hinterlassen.

Vor diesem Hintergrund sind es queere Aspekte und damit korrespondierend, die auch damals schon aggressive Homophobie, die gern zur Abgrenzung gegenüber dem Abstrakten Expressionismus herangezogen werden. Dem muss man so nicht unbedingt folgen, zumal Rauschenbergs oder Johns’ Auseinandersetzung mit heteronormativen Haltungen und/oder abstraktem Expressionismus alles andere als zurückhaltend sind. Kurz sei hier der von „Robert Rauschenberg radierte Willem de Kooning“ erwähnt. Man kann daher ebenso gut wie an Abgrenzung auch an Weiterentwicklung denken. Schon 1966 schrieb Lucy R. Lippard, eher eine Abgrenzung zur Pop Art intendierend, Rauschenbergs Bedeutung bestehe darin, „dass auch bei Verwendung völlig realistischer deskriptiver Elemente abstrakte Lösungen möglich sind“. Ohnehin sind Abgrenzungen allein nicht unbedingt weiterführend, zumal Rauschenberg, Twombly und Johns mit zurückliegenden Strömungen wie dem Abstrakten Expressionismus, aber auch mit parallelen Entwicklungen wie Nouveau Réalisme und Art Brut das Interesse an der Frage verbindet, wie das Kunstwerk als solches eigentlich funktioniert.
Konkret schwul
„5 Freunde“ zeigt fünf amerikanische Künstler, die in der langen Geschichte ihres Jahrzehnte zurückreichenden Wirkens eher jeweils für sich präsentiert und entsprechend wahrgenommen wurden. Zum Beispiel gab es bereits 1978 eine exklusiv Jasper Johns gewidmete Ausstellung in der damals noch bestehenden Kunsthalle Köln. Von Homosexualität war da nicht die Rede, weil sie dem Bereich des Privaten zugeordnet wurde.



Das war falsch – auch damals schon. Denn „5 Freunde“ zeigt deutlich, es gibt in dieser Ausstellung nicht nur ein Exponat, das auf die homosexuellen Aspekte der Beziehungen ihrer Schöpfer oder auf Homosexualität als solche anspielt. Homosexualität manifestierte sich also auch damals schon und zeigte sich mehr oder weniger deutlich. Rauschenbergs „Bed“ aus dem Jahr 1955 ist eben nicht nur der Verweis auf ein Wohnmöbel in seinem Atelier, sondern auch auf das Bett als Schauplatz seines Geschlechtslebens.
Rückblickend kann man sagen, dass bis vor einigen Jahren die sexuelle Orientierung von Kunstschaffenden in der Betrachtung ihres Werks bestenfalls eine anekdotische, darüber hinaus aber keine Rolle spielte. Das hat sich geändert, Queerness ist inzwischen ein ästhetisches, politisches und identitätsbezogenes Konzept in der Kunst der Gegenwart. Als solches kann es auch in der Kunstbetrachtung nicht übergangen werden. Dass Queerness nicht nur als künstlerische Strategie, sondern darüber hinaus auch als kunstwissenschaftlicher Aspekt eine hohe Relevanz besitzt, zeigt „5 Freunde“ – vielleicht zum ersten Mal in größerem Rahmen. Über die besonderen Probleme, die diese Veränderung mit sich bringt, hat sich Kenneth E. Silver im Katalog zur Ausstellung geäußert. Bezogen auf Jasper Johns schreibt er: „Ich interessierte mich für Johns’ Kunst, nicht für sein Privatleben, und doch waren beide untrennbar miteinander verbunden. Ich konnte schlecht seine Malerei und Skulptur aus der Perspektive eines schwulen Mannes analysieren, ohne zwangsläufig von seiner homosexuellen Situation auszugehen …“
„5 Freunde“ ist ein großartiges Beispiel für die Leistungsfähigkeit, die unsere Museen auszeichnet, wenn sie das tun, was sie wirklich können müssen: Kunst zeigen. Dem Museum Brandhorst, das „5 Freunde“ in München noch bis zum 17. August, und dem Museum Ludwig, das dieselbe Ausstellung in Köln ab dem 3. Oktober zeigen wird, ist im Zusammenwirken darüber hinaus ein doppelter, wichtiger Nachweis gelungen: Zunächst dass die zurzeit auf jeder zweiten Vernissage hinter vorgehaltener Hand geäußerte Meinung, Kuratoren-Ausstellungen nähmen überhand und seien nervig, gelegentlich zutreffen mag, aber hier ganz sicher nicht den Punkt trifft. Nachgewiesen wurde außerdem, dass die konservative, heteronormative Sicht falsch ist, die uns weismachen will, Queerness sei ein Aspekt, der in der Kunstbetrachtung nichts zu suchen habe.


5 Freunde – John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly. Museum Brandhorst, 10. April 2025 bis 17. August 2025.
5 Freunde – John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly. Museum Ludwig, Oktober 2025 – 11. Januar 2026.
5 Freunde. John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly
Museum Brandhorst, 10. April 2025 bis 17. August 2025.
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