Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Foto: Mick Vinzenz.

Zukunftsprogramm an der Rheinischen Riviera

Ein Besuch im Arp Museum Bahnhof Rolandseck bei Dr. Julia Wallner

Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck wirbt in seinen ausgeschriebenen Stellenanzeigen mit dem schönsten Arbeitsplatz. Das könnte stimmen, befinden sich doch der ehemalige Bahnhof Rolandseck und der gläserne Neubau des amerikanischen Stararchitekten Richard Meier eingebettet zwischen Rheinpanorama und Waldkulisse. Nach einem Besuch im Museumscafé, welches Aussicht auf das den Rhein hinterfangende Siebengebirge bietet, führt ein verglaster Aufzug auf eine Höhe von 40 Meter über dem Strom, sodass die lichtgefluteten Ausstellungshallen den Blick unmittelbar ins Grüne schweifen lassen. An die "Rheinische Riviera" hat es vor drei Jahren auch Direktorin Dr. Julia Wallner gezogen. Sie promovierte zu Jenny Holzer, war zunächst als Volontärin und später als Kuratorin im Kunstmuseum Wolfsburg tätig und leitete anschließend knapp zehn Jahre lang das Georg Kolbe Museum in Berlin.

Vom Netzwerk profitieren

Wallner erzählt aus ihrer Zeit am Kolbe Museum: "Das ist ein Gebäude-Ensemble aus den 1920er-Jahren, welches sich im Schwerpunkt der Skulptur widmet. Ich habe dieses Haus aus einem sehr unbekannten Status am Rande der Stadt neu aktivieren können, auch für ein jüngeres Publikum." In Berlin realisierte sie zeitgenössische Ausstellungen von Thomas Schütte und Mona Hatoum, setzte aber auch klassische Themen aus den 1920er-Jahren um. Bereits 2016 verantwortete Wallner dort eine Ausstellung zu Hans Arp. Wallner: "Kolbe und Arp Museum sind gemeinsam vernetzt in der AG Bildhauer Museen. Die Kollegin Astrid von Asten, welche die aktuelle Ausstellung zur Künstlergruppe
Abstraction-Création
vorbereitet hat, war damals auch in die Berliner Ausstellung zu Hans Arp involviert."

Wallner erzählt, dass dieser Netzwerkgedanke ausschlaggebend für ihren Wechsel ins Arp Museum gewesen sei. Arp und auch seine Frau Sophie Taeuber-Arp waren in vielen einflussreichen modernen Künstlergruppen aktiv: Dada, Surrealismus und Abstraktion. Sowohl die Arbeit im Netzwerk als auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit des Künstlerpaars faszinierten sie. Dazu Wallner: "Wir kennen viele Künstlerpaare, wo das nicht der Fall ist. Meistens ist der Mann sehr viel bekannter als die Frau. Sophie Taeuber-Arp war zu ihren Lebzeiten aber eine außerordentlich erfolgreiche und gut vernetzte Künstlerin mit einem Lehrstuhl in Zürich, die verkauft und publiziert hat. Das Besondere an Hans Arp wiederum ist, dass er der erste Herausgeber ihres Werkverzeichnisses war, ihr Werk gesehen und als ebenbürtig empfunden hat. Das gab es in dieser Generation kaum." Dazu kommt, dass beide Museen sich in ihrem Schwerpunkt der Skulptur widmen, auch wenn Kolbe mit seiner figürlichen Ausrichtung laut Wallner eher den Endpunkt einer Entwicklung beschreibt. Die zukunftsweisenden Werke der Arps wirkten hingegen bis ins Heute hinein.

Das Museum als Dritter Ort

Das Arp Museum zeichnet eine bewegte Geschichte aus. 1858 als klassizistisches Bahnhofsgebäude fertiggestellt, etablierte es sich während des Kaiserreichs und bis zum Zweiten Weltkrieg zum Treffpunkt der bürgerlichen Gesellschaft. Der Bonner Galerist Johannes Wasmuth rettete das Gebäude 1964 vor dem Abriss und 2007 wurde das Museum – nicht ohne begleitende Skandale – eröffnet. Wallner versucht nun das Museum zu neuer Blüte zu führen. Einen ersten Schritt bildet die Neugestaltung des Foyers. Die Ausschreibung konnte die Kölner Innenarchitektin Nicole Miller für sich entscheiden. In ihrem Entwurf treffen Pastelltöne auf Polstermöbel sowie eine neue Raumaufteilung, um mehr Möglichkeiten zum Verweilen und Diskutieren zu schaffen. Wird hier bald die Zukunft des Museums verhandelt? "Früher waren die Häuser teilweise stolz, dass sie als unnahbare Orte galten. Heute sehen wir uns angesichts einer veränderten Gesellschaft in einer anderen Verantwortung", erzählt Wallner. Zumal das Arp Museum ein öffentliches, mit Landesmitteln gefördertes Haus ist. So sei das Museum als sogenannter dritter Ort zu verstehen, als Aufenthaltsort nach dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. Die Direktorin erläutert: "Wir sind zwar ein unterhaltender Ort, aber wir haben auch einen Bildungsauftrag sowie einen politisch-gesellschaftlichen Auftrag, der sich über die Generationen hinweg vermitteln muss."

Nicht ganz einfach umzusetzen, angesichts der geografischen Randlage. Fernab des Zentrums gibt es im Arp Museum kein Zufallspublikum. Stattdessen reisen die Besucher:innen mit dem gezielten Wunsch eines Museumsbesuchs an. In einer erst kürzlich durchgeführten Publikumsbefragung in Kooperation mit der FH Remagen zeigte sich, dass etwa 60 Prozent der Besucher:innen aus dem Rheinland kommen. Diese werden von Besucher:innen aus den direkten regionalen Einzugsgebieten an der Rheinschiene sowie von einem überregionalen touristischen Publikum ergänzt. Wallner hebt zudem die Schul- und Kindergartenkooperationen hervor, wofür Klassen und Gruppen aus der gesamten Region den Weg nach Rolandseck finden. In offenen Werkstätten wie dem Arp Labor im ersten Stockwerk nähern sich die Kinder auf praktische Weise der Kunst. Wallner: "Das Tun über die Hand bietet einen ganz anderen Zugang zur Welt und zur Kunst, gerade in einer zunehmend digital erfahrbaren Welt. Das macht Spaß und bildet eine universelle Möglichkeit der Kommunikation."

Mit den Arps in die Zukunft

Wallner glaubt, dass der gesellschaftliche Auftrag von Museen eher wächst. Ausgehend vom Objekt könnten Museen einen anderen Blick auf Geschichte ermöglichen. Die Arps würden diesbezüglich idealen Nährboden bieten. Wallner: "Die Arps haben viele Themen vorausgedacht, die heute relevant sind." Für Wallner lassen sich diese Themen auf drei Schlagworte bringen: Ökologie, Pazifismus und Emanzipation. Themen, an welche sich sowohl gesellschaftlich als auch innerhalb zeitgenössischer Kunst gut anknüpfen ließe. Trotzdem dürfe der historische Hintergrund nicht außer Acht gelassen werden. Die Direktorin führt Beispiele für spannende Fragen an: "Was heißt es im Ersten Weltkrieg, den Kriegsdienst zu verweigern? Was bedeutet es im Jahr 1922, eine Professur als Frau anzutreten?" Die Maßstäbe gesellschaftlicher Relevanz legt Wallner auch an zeitgenössische Kunst an: "Kunst kann vielleicht keine Antworten geben, aber sie verhandelt Fragen in ihrer eigenen Sprache. Sie kann eigene Sichten einbringen, die nur in der Kunst möglich sind und die Perspektive erweitern."

Das Arp Museum möchte also Diskursraum sein, was sich innerhalb der Architektur, der Programme und Ausstellungen widerspiegeln soll. Wallner: "Es gibt aus meiner Sicht nicht mehr so viele Orte, wo sich Gesellschaft trifft und verhandelt. Das Gute an Kunst ist, dass sie viele Gesprächsanlässe bietet und zur Begegnung einlädt." Es gebe zudem zahlreiche Herausforderungen der Zeit, welche sich innerhalb des Museums adressieren ließen. Ein gesellschaftlich viel diskutiertes Thema sei zum Beispiel Einsamkeit, würde man sich doch bei einem Museumsbesuch ohne Begleitung keineswegs einsam fühlen. Zugleich könne man auch am vielfältigen Programmangebot teilnehmen, um Gleichgesinnte zu finden. Nicht umsonst belegen Studien, dass Kunst heilsam für die Seele ist. Wallner adressiert auch eine andere gesamtgesellschaftliche Herausforderung: "Wir sind auf dem Weg in die Klimaneutralität." Auch wenn man das Arp Museum intuitiv zu NRW zählt, handelt es sich um das besucherstärkste Kunstmuseum in Rheinland-Pfalz. Das Ziel sei es daher, über Landes- und Bundesmittel vor 2035 klimaneutral zu werden. Wallner geht im Gespräch auch auf die politische Lage in Deutschland ein. Die Direktorin bekennt: "Ich bin sehr viel international unterwegs und werde oft auf die scheinbar schwindende Meinungsfreiheit in Deutschland angesprochen. Ich glaube hingegen, dass es in Deutschland kollektiv ein sehr hohes Bewusstsein für die Freiheit gibt. Zudem haben wir einen vergleichsweise hohen Grad an Kunst- und Kulturförderung. Wir sind an vielen Stellen besser, als wir manchmal befürchten und zugleich gilt es ganz sicher, diese Freiheit zu verteidigen."

Kompromisse finden

Kurz vor dem Interview erregte eine Äußerung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Aufsehen. Er empfiehlt ein Genderverbot für
öffentliche Institutionen wie Stiftungen und Museen, um eine "nachvollziehbare Sprache" zu gewährleisten. Wallner: "Ich habe mich immer als Feministin verstanden und emanzipatorische Themen sind eine Grundlage meines Arbeitens. Das Museum ist kein Ort der Ideologie, sondern der offenen und freien wissenschaftlichen und vermittelnden Arbeit, die in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext steht. Sprache muss inklusiv und diskriminierungsfrei bleiben und sie verändert sich. Wir werden weiter gendern, wo es angemessen ist und zugleich arbeiten wir daran Texte zu schreiben, die jeder und jede versteht. Unsere Aufgabe ist es, einen guten Weg der klaren, offenen, freundlichen Kommunikation zu finden."

Was zeichnet das Museum abschließend auf besondere Weise aus? Wallner: "Die Architektur im Zusammenspiel mit der Natur und
die tiefe und konzentrierte Auseinandersetzung mit relevanten Themen aus der Geschichte, die sich mit unserer Gegenwart verzahnen." Vielfach böten sich zudem Anknüpfungspunkte für europäische Kooperationen. So freut sich die Direktorin auf die Zusammenarbeit mit der belgischen Sammlung Phoebus Collection im Herbst. Neben den Arps bildet zudem die Sammlung Rau eine Besonderheit. Sie befindet sich seit 2009 als langfristige Leihgabe im Arp Museum und legt das Fundament für regelmäßige, meist thematische Wechselausstellungen. Sie wurde von Rau an UNICEF vererbt, damit nach Ende des Leihvertrages die Sammlung dazu genutzt wird, um ein von Rau gegründetes Krankenhaus im Kongo weiterzubetreiben. Wallner: "Nächstes Jahr im Sommer läuft der Vertrag aus. Wir sind im Moment in Verhandlung mit UNICEF bezüglicher eine Verlängerung." Da die Sammlung vom Mittelalter bis zur klassischen Moderne reicht, würde sie einen großen Publikumskreis ansprechen und eine große Bereicherung für das Arp Museum bilden.