Linda Carrara, La prima passeggiata (2021), Detail. Foto: Cosimo Filippini.

Falscher Marmor und glühende Sterne

Carrara mit Gastini, Spagnulo, Zorio. 27. September 2025 – 28. Juni 2026, Kunstmuseum Reutlingen / konkret.

Eine kaleidoskopische Nachbarschaft entlang der Themen Natur, Energie, Mythos und Mimesis entsteht durch die Zusammenführung von vier künstlerischen Positionen aus Norditalien. Werke der renommierten, in der Reutlinger Sammlung konkrete Kunst vertretenen Arte Povera-Künstler Marco Gastini, Giuseppe Spagnulo und Gilberto Zorio treffen dabei auf eine Querschnitts-Präsentation der aufstrebenden Mailänder Künstlerin Linda Carrara.

In jeder der vier Positionen spielen die künstlerische Geste, das den Materialien innewohnende Ausdruckspotenzial sowie elementare Erfahrungen (etwa mit Erde und Wasser, Feuer und Luft, Zeit und Raum) eine große Rolle. Diese poetische Gruppenausstellung spricht mit rund 40 Malereien, Papierarbeiten, Skulpturen und raumgreifenden Installationen Gefühl und Verstand gleichermaßen an und vermittelt so zwischen Anschauung und Begriff.

Die Kunst von Linda Carrara (geb. 1984) ist eine Reflexion über mimetische Dynamiken der Malerei, und in ihren Werken geht es stets um die Hervorrufung immersiver Rezeptionen. Viele erscheinen als direkte Abzüge einer Natur, deren "Material" dadurch erfahrbar wird: Frottagen von Felsen oder Waldböden erzeugen ein All-over von "Welt" und haben zugleich ganz konkrete physische Entsprechungen. Arbeiten mit dem Titel
False Carrara Marble spielen auf unterschiedlichen Ebenen mit der Anmutung und Ästhetik von Marmor, wobei sich die Künstlerin (deren Name rein zufällig den berühmten weißen Marmor aus der Toskana aufruft) stets als Malerin diesem Material nähert.

Die anderen drei Künstler – Marco Gastini (1938–2018), Giuseppe Spagnulo (1936–2016) und Gilberto Zorio (geb. 1944) – kommen aus einer älteren Generation. Alle haben zur selben Zeit in Mailand und Turin gearbeitet und wurden von den politischen und kulturellen Umbrüchen im Italien der 1960er- und 1970er-Jahre geprägt. Auf die Revolte gegen Institutionen, auf Fortschrittseuphorie und Technologieoptimismus folgte dort die vielgestaltige Suche nach einer Neuverortung des Individuums: Die verloren gegangene Einheit von Körper und Geist, Leidenschaft und Intellekt, Kultur und Natur sollte wiederhergestellt werden. "Spannung", "Energie" und "Mythologie" sind zentrale Begriffe und oft gewählte Ausdrücke, um deren künstlerisches Anliegen in Worte zu fassen. Die meisten ihrer in der Ausstellung präsentierten Werke sind zwischen 1967 und 1980 entstanden und reichen somit bis zur schleichenden Verdrängung des Begriffs Arte Povera durch den nachfolgenden einer Transavanguardia.

Seiner Programmatik entsprechend schlägt das Kunstmuseum Reutlingen | konkret mit dieser Ausstellung ein weiteres Mal vor, den vermeintlich historisch gewordenen Begriff "konkrete Kunst" anhand benachbarter Positionen neu zu denken.


Kurator: Holger Kube Ventura

Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog (dt./en.) mit zahlreichen Abbildungen im Wienand Verlag sowie ein kostenloser Kurzführer in vereinfachter Sprache.

Eröffnung: Freitag, 26. September 2025, 19 Uhr
Artist Talk (auf Englisch) mit der Künstlerin Linda Carrara und Holger Kube Ventura: Freitag, 27. Februar 2026, 17 Uhr

Zahlreiche Vermittlungsangebote sowie Begleitveranstaltungen siehe www.kunstmuseum-reutlingen.de/events.