Die Linie
Heidi Horten Collection, Wien, 19.9.2025 – 8.3.2026
Die Linie ist in der bildenden Kunst allgegenwärtig: Sie definiert Form, gliedert Flächen, schafft Konturen und Strukturen, trennt und verbindet, dokumentiert Zeit und Raum und erfasst das Imaginäre. Ausgehend von Paul Klees poetischer Metapher der „eindrucksvollen kleinen Reise“ der Linie über das Zeichenblatt entfaltet die Ausstellung Die Linie (19.9.25-8.3.26) ein Panorama ihrer Möglichkeiten: von der persönlichen Handschrift bis zur konstruktiven Präzision, von der Zeichnung auf Papier bis zur räumlichen Intervention. Die von Véronique Abpurg kuratierte Schau versammelt rund 120 Werke – darunter zahlreiche hochkarätige Leihgaben – und präsentiert zudem Neuankäufe der Sammlung sowie ortsspezifische Interventionen. Sie lädt dazu ein, in fünf thematischen Kapiteln zu entdecken, wie Linien in Bewegung geraten, in den Raum treten und zum Instrument werden, um die Welt, in der wir leben zu beschreiben und zu hinterfragen. Zugleich markiert die Ausstellung den Abschluss der Direktion von Gründungsdirektorin Agnes Husslein-Arco, die das Museum in den ersten drei Jahren maßgeblich programmatisch geprägt und ausgerichtet hat.



Form und Kontur
Die Linie als Ursprung – als Umriss, der Figur und Gegenstand erkennbar macht und zugleich ihre Auflösung vorbereitet. Egon Schieles markante Konturen modellieren psychologisch aufgeladene Körper; Alfred Kubins expressive Linien entwerfen Traum- und Schattenwelten. Bei Paul Klee wird die Linie zur gedanklichen Spur, die sich dem Imaginären öffnet. Constantin Luser übersetzt dichte Geflechte aus Ideen und Erinnerungen vom Blatt in skulpturale Drahtzeichnungen – Zeichnung wird Raum. Birgit Jürgenssen reflektiert die kunsthistorische linea serpentinata und kontrastiert freie mit regulierten Linien. Der Übergang zur Abstraktion zeigt sich exemplarisch bei Alexej Jawlensky, dessen „Abstrakter Kopf“ Kontur aus Farbflächen heraus entstehen lässt, und bei Wassily Kandinsky, dessen Linien als autonome Setzungen auftreten. In der Pop Art verdichten Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Keith Haring die Linie zu plakativen Konturen; Karel Appel löst Farbe und Kontur voneinander, Sigmar Polke skizziert auf Streublumenstoff ein reduziertes Porträt. In Antony Gormleys Quantum Cloud XXXVII formiert sich aus unzähligen Stäben eine offene, fragmentierte Körperkontur und lässt eine Gestalt aus dem Zusammenspiel vieler Linien im Raum entstehen.
Zwischen Schrift und Bild
Die Linie als Trägerin von Sprache. Cy Twombly verbindet skripturale Zeichen mit gestischen Linien; Jean-Michel Basquiat montiert Textfragmente und Symbole zu codierten Bildsystemen. Fred Eerdekens und Brigitte Kowanz machen Bedeutung im Wechselspiel von Licht und Schatten lesbar. Joseph Kosuths Neonarbeit Language must speak for itself verweist auf die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins und verschränkt Sprache und Sinn. Franz West transformiert Wittgensteins „Sinnlos-Schleife“ in humorvolle, benutzbare Skulpturen. Zilvinas Kempinas lässt Magnetbandringe den Schreibakt verselbstständigen; Angela Bullochs Drawing Machines ziehen Linien zwischen Kalkül und Zufall. Als Pionierin der Computerkunst generiert Vera Molnár mit Algorithmen abstrakte Kompositionen zwischen menschlicher und maschineller Schrift.


Die Linie in Bewegung
Wie Dynamik zur Form wird: Jackson Pollocks Drippings machen die Entstehungsbewegung der Linie unmittelbar erfahrbar – Farbe fällt und trifft als Spur, als Linie auf die Leinwand. Marcel Duchamps Rotoreliefs kreisen zwischen Bild und Apparat; in der Kinetik der 1960er-Jahre geraten Linien wortwörtlich in Schwingung: François Morellets Reflets dans l’eau déformés par le spectateur und Dieter Roths Dreh-Rasterbilder binden die Betrachtenden ein; Marc Adrian und Helga Philipp lassen Linien optisch springen. Beim französisch-italienischen
Künstlerkollektiv Marie Cool Fabio Balducci tastet ein Faden einen Schreibtisch ab, setzt Wasser minimal in Bewegung – eine poetische Geste, die zugleich kritisch neoliberale Arbeitsverhältnisse adressiert. Die Choreografin Sonia Sanoja schreibt in ihrer Installation mit dem Körper Linien in den Raum; im Dialog mit Werken von Jesús Rafael Soto und Gego entsteht eine Poetik der Bewegung.
Die Linie im Raum
Wenn die Linie die Fläche verlässt. Lucio Fontanas Concetto Spaziale öffnet mit präzisen Einschnitten den Bildraum in den realen Raum. Die Minimal Art zeigt die Linie als serielles, raumschaffendes und -strukturierendes Prinzip: Donald Judd rhythmisiert Volumen; Dan Flavin lädt mit Leuchtstoffröhren Räume neu auf; Fred Sandback spannt mit Acrylfäden fragile, prägnante Raumzeichnungen. Rosemarie Castoro vermisst mit Aluminiumklebeband Atelier, Stadt und Galerie – und hinterfragt so räumliche wie gesellschaftliche Ordnungen. In konzeptueller Zuspitzung wird die Linie Trägerin von Idee und Aktion: Piero Manzonis in Röhren verpackte Linie entziehen sich dem Blick. Edward Krasiński wiederum ringt in J’AI PERDU LA FIN!!! mit einem Kabel, dessen Ende sich entzieht – eine ironische Parabel auf die Unendlichkeit der Linie.
Grenze, Transition und Verbindung
Die ambivalente Rolle der Linie im Sozialen. Giulia Piscitellis fragiles Netz erinnert an beschädigte Zäune und ist somit gleichsam Symbol für Kontrolle und Widerstand. Kiluanji Kia Henda überzieht Fotografien des Mittelmeers mit Gitterlinien und macht das Meer als Grenze und Raum der Angst sichtbar. Kader Attia zeigt Reparaturlinien auf einem geklebten Keramikteller und reflektiert koloniales Erbe. Reena Saini Kallats Woven Chronicle verknüpft politische Grenzen und Migrationsrouten zu einem bewegten Weltbild. Carola Dertnig zieht mit einer roten Strumpfhose eine temporäre Barriere durch den öffentlichen Raum und initiiert Interaktion. Brigitte Kowanz’ Relations formuliert aus Licht, Morsezeichen, und Spiegelungen ein Bild der Vernetzung und Verbundenheit. Ein kollektives Momentum bildet Chiharu Shiotas ortsspezifische Installation Letters of Thanks: Hunderte zuvor von den Museumsbesucher:innen verfasste Dankesbriefe schweben, von roten Fäden verwoben, als Geflecht aus Erinnerungen und Emotionen in einem der Lufträume des Museums. Die Ausstellung zeigt die enorme Spannweite eines vermeintlich einfachen Mittels – in der Fortsetzung ihrer „Reise“ wandelt die Linie ihre Materialität und Funktionen und wird zum Medium von Idee, Haltung und Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft.
Künstler:innen
Pierre Alechinsky, Marc Adrian, Karel Appel, Kader Attia, Jean-Michel Basquiat, Pierre Bismuth, Angela Bulloch, Rosemarie Castoro, Christo und Jeanne Claude, Marie Cool & Fabio Balducci, Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Fred Eerdekens, Amy Feldmann, Dan Flavin, Lucio Fontana, Günther Förg, Lucian Freud, Gego (Gertrud Goldschmidt), Antony Gormley, Keith Haring, Kiluanji Kia Henda, Alexej Jawlensky, Donald Judd, Birgit Jürgenssen, Reena Saini Kallat, Žilvinas Kempinas, Paul Klee, Gustav Klimt, Edgar Knoop, Joseph Kosuth, Brigitte Kowanz, Alfred Kubin, Edward Krasiński, Constantin Luser, Piero Manzoni, Agnes Martin, Henri Matisse, Vera Molnár, François Morellet, Nick Oberthaler, Pablo Picasso, Giulia Piscitelli, Jackson Pollock, Sigmar Polke, Helga Philipp, Sonia Sanoja, Fred Sandback, Egon Schiele, Chiharu Shiota, Cy Twombly, Andy Warhol, Franz West.
Heidi Horten Collection
Hanuschgasse 3, 1010 Wien
info@hortencollection.com
www.hortencollection.com
Öffnungszeiten:
Täglich außer Dienstag 11 bis 19 UHR, Donnerstags 11 bis 21 UHR
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