Ausschnitt aus: Ludwig Münstermann, Maskenartiger Konsolkopf einer Frau, um 1635. Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg. Foto: Sven Adelaide.

Ausdruck, der das Groteske streift

Ludwig Münstermann im Augusteum, Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg

Im Oldenburger Land gibt es etliche Gotteshäuser, in denen man auch heute noch die Werke des norddeutschen Bildhauers und -schnitzers Ludwig Münstermann (um 1575–1637/38) bewundern kann. In den Sakralbauten der Stadt selbst trifft man allerdings nicht auf seine Werke.
Ein Besuch Oldenburgs lohnt derzeit aber allemal. Im Bahnhof künden bereits Fragmente von Wandmosaiken, die ehemals dessen Wartehallen zierten, von der Eleganz, mit der das Großherzogtum Oldenburg in früheren Zeiten Reisende empfing. 1867, noch vor dem Bau des repräsentativen Bahnhofs, ist Oldenburg an den Eisenbahnverkehr angeschlossen worden. Im selben Jahr entstand am Rande des Schlossparks mit dem Augusteum ein erster Museumsbau, der – im Stil eines Renaissance-Palazzo – als Großherzogliche Gemäldegalerie diente. Das Haus zählt zu den ältesten Museen in Norddeutschland und ist seit 1981 Teil des Landesmuseums für Kunst & Kultur Oldenburg, das in den 1920er-Jahren im Oldenburger Schloss gegründet wurde. Das Gebäude-Ensemble des Museums, zu dem heute auch das Prinzenpalais gehört, hat eine besondere Lage: Umschlossen von zahlreichen Gewässern, bildet es eine ansehnliche Insel inmitten der Binnenhafenstadt Oldenburg, die rings um die Altstadt von vielbefahrenen Ausfallstraßen durchzogen wird. Hier nun, im Augusteum, zeigt zurzeit eine Ausstellung die Werke des fast vergessenen Ludwig Münstermann, denn zur Sammlung des Landesmuseums zählt der umfangreichste Werkbestand des Künstlers. Er wurde in diesem Umfang bislang noch nie präsentiert.

Von der Kirche ins Museum

Ludwig Münstermann, vermutlich um 1575 in Bremen geboren, ist bis heute mit seinen Altären, Kanzeln und Taufen, die in den Kirchen des Oldenburger Lands noch immer in Gebrauch sind, präsent. Nur wenige Dokumente zum Leben des Künstlers sind jedoch überliefert, und so ist eine eingehende Betrachtung seiner Werke in der Kunstgeschichte für lange Zeit ausgeblieben. Der Kunsthistoriker Dietmar J. Ponert und der Theologe Rolf Schäfer haben 2016 erstmals ein Werkverzeichnis zu Münstermann vorgelegt, auf das die Oldenburger Ausstellung Münstermann aufbaut. Anhand von rund 35 Werken des Bildhauers, die größtenteils aus den Beständen des Landesmuseums stammen und durch Leihgaben aus dem Berliner Bode-Museum und dem Bremer Focke-Museum ergänzt werden (die drei einzigen Institutionen, die seine Arbeiten gesammelt haben), spannt die von der kommissarischen Direktorin des Landesmuseums Anna Heinze und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Hannes Eckstein kuratierte Schau ein Panorama auf, das Münstermanns künstlerischen Ausdruck in den Blick nimmt wie auch die Bedeutung seiner theologischen Bildprogramme darlegt.

Da sich Münstermanns Hauptwerke und weitere seiner Arbeiten in insgesamt zwanzig Kirchen von Oldenburg bis zur Nordsee befinden, präsentiert die Ausstellung vor allem skulpturale Fragmente, die ehemals Teil von profaner Architektur oder von Kirchenausstattungen gewesen sind. Expressive Gestik, Mimik und Posen seiner Figuren, die sich typisch für den Stil des Manierismus als figura serpentinata schlängelnd in die Höhe winden, finden sich in all seinen Werkgruppen. Die aus Eichen- und Lindenholz, mitunter auch aus Elfenbein und Sandstein gefertigten Objekte wie Konsolköpfe, Kanzelträger oder Taufsteindeckel werden durch Bildwerke seiner Zeitgenossen wie von den niederländischen Malern Hendrick Goltzius, Bartholomäus Spranger und Hans Vredeman de Vries oder von dem Bautheoretiker Wendel Dietterlin durch Radierungen zur architektonischen Gestaltung ergänzt. Dadurch werden etwa Münstermanns aus Holz gefertigter Epitaph-Rahmen, ein Teil einer Empore (norddeutsch: Prieche) oder freistehende Figuren, die seinerzeit von Fassmalern farbig gefasst wurden und die heute noch Farbspuren aufweisen, greifbar für ein Verstehen ihrer räumlichen Einbettung und Funktion. Doch weshalb blicken die von den Wänden herabschauenden Putti, Narren und die vier auf Stelen aufgereihten Evangelisten gleichermaßen mit verzerrten Augen und Mündern aus fratzenhaften Gesichtern?

Kunst im Auftrag der Grafschaft

Als Mitarbeiter eines Bremer Meisters nahm Ludwig Münstermann seinen Beruf als Steinmetz auf. 1599 wurde Münstermann als Meister des Drechsleramtes in Hamburg verzeichnet, wo er eine eigene Werkstatt mit seinen Söhnen führte. Doch sind in Hamburg keine seiner Werke verblieben. Münstermanns wichtigste Auftraggeber waren zunächst Herzog Philipp Sigismund von Braunschweig-Wolfenbüttel, zugleich Bischof von Osnabrück und Verden, und Graf Anton II. von Oldenburg-Delmenhorst und dessen Frau Sibylla Elisabeth, für die er in der Grafschaft Oldenburg sowohl religiöse wie auch profane Werke verwirklichte, zum Beispiel in den Schlössern Delmenhorst und Oldenburg. Pastoren und Kirchengemeinden schlossen sich als Auftraggebende an. Die Vorgaben zur theologischen Programmatik erfolgten vermutlich durch die Auftraggebenden. Die virtuose Ausführung der Bildprogramme, die der Künstler mit Bezug auf die Kirchenräume konzipierte, und die Ästhetik seiner Figuren, die Hannes Eckstein als "transgressiv" beschreibt, ist jedoch Münstermann und seiner Werkstatt zuzurechnen.

Münstermanns ältestes erhaltenes profanes Werk Herkules (um 1610), das als Tragefigur aus Sandstein ehemals Teil eines Kamins in Schloss Delmenhorst gewesen ist, bildet den Auftakt der Schau. Es ist eine der wenigen Arbeiten aus dem Themenkreis der griechischen Mythologie, die Münstermann verwirklicht hat. So auch der aus Eichenholz geschnitzte Apollo (1615/16), der als Element eines Orgelprospekts für die Kirchengemeinde zu Varel entstand und der den Schlusspunkt der Ausstellung setzt – begleitet von Zeichnungen von Markus Lüpertz, zu denen er von der Apollo-Figur inspiriert wurde und die Münstermanns Wirkung bis ins Heute illustrieren sollen. Dazwischen entfaltet sich über den Großteil der Ausstellung die weitaus interessantere Betrachtung von Münstermanns sakralen Bildthemen, die mit einer wandfüllenden fotografischen Reproduktion des 1629 umgesetzten Altars der St. Matthäus-Kirche in Rodenkirchen stellvertretend angeführt wird: Denn an diesem sechs Meter hohen Altar, der als einer der Höhepunkte im Schaffen des Bildhauers gilt, wird Münstermanns intermediales Komponieren deutlich. Die Überwältigung der Betrachtenden durch den Altar steht dabei im Vordergrund. Etwa, indem er den Altar in Bezug zu der dahinter liegenden Apsis im Kirchenschiff dachte und die Lichtführung der Architektur in den Altar mit mehreren Stockwerken einbezog. Ölbildtafeln ergänzen halb- und vollplastische Figuren. Glänzende Oberflächen sind durch die Technik der Lüsterung erzeugt, indem eine dünne Farbschicht mit Metallfolie zusammengebracht wurde und so einzelne aus Holz geschnitzte Ornamente wie Edelsteine funkeln lassen. Auf einem Wappen, das von zwei Putten gehalten wird, sind Ludwig Münstermanns Initialen als Verweis auf seine bildhauerische Tätigkeit hinterlegt.

Prospekte der Reformation

Mehrfach zieren Münstermanns Altäre Bildnisse der beiden Wittenberger Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, so in Form von Alabasterreliefs in der Schlosskirche St. Petri in Varel, in der sich der mit zehn Metern Höhe größte erhaltene Altar Münstermanns befindet (1614), oder als Malereien auf der Altarretabel in der St. Sixtus und Sinicus-Kirche in Hohenkirchen (1620). Die beiden Bildnisse verweisen auf die protestantische Reformation und Luthers Schuld- und Erlösungslehre von "Gesetz und Gnade", nach der die Gnade Gottes durch den Glauben an Jesus Christus erlangt werde, nicht einzig durch Gottes mittels der Gebote überbrachten Gesetzte. Die lutherische Bildidee von "Gesetz und Gnade" ist erstmals mit dem Vareler-Altar zum Bildthema in Münstermanns Aufträgen geworden; dieses Thema und die Taufe kennzeichnen das Bildprogramm vieler seiner darauffolgenden Werke. Als ein beeindruckendes Beispiel zeigt sich das an vier Fragmenten eines Taufsteindeckels der St. Nikolai-Kirche in Stollhamm, die 1628 als Halbplastiken aus Lindenholz geschnitzt wurden: In der Ausstellung auf Wandsockeln aufgereiht, zeigen sie Episoden aus dem Leben Christi, die mit der Kindstaufe verbunden sind und durch die nach Luther bereits Gottes Gnade gegeben wird. Ein weiteres Fragment eines Taufsteindeckels aus derselben Kirche verbildlicht Tod und Teufel und hierbei wird deutlich, dass Münstermanns protestantische Bildprogramme auch von unerwarteten künstlerischen Setzungen begleitet werden. Zwei kleine Holzfiguren, die Adam und Eva darstellen, waren einst in einen Taufstein eingearbeitet, der aus Sandstein und Eichenholz für die St. Dionysius-Kirche in Holle gefertigt wurde (1622–1626) und der in der Schau in seiner Gänze zu sehen ist. Apostel und Groteskenmasken mit übersteigerten Formen verzieren ihn. Augenfällig ist nun bei den in einer Vitrine ausgestellten Figuren Adam und Eva, dass die Scham der beiden nicht verdeckt, sondern vielmehr von Münstermann detailliert ausgearbeitet wurde. Und auch hier überrascht der Bildhauer: Der Geflügelte Teufel (1631) aus dem Altar der St. Bartholomäus-Kirche in Tossens präsentiert sich mit Ziegenbeinen, spitzen Ohren, Brüsten und einem noch erhaltenen Fledermausflügel. Wenngleich Münstermann zeitlebens das Bild eines Meisters der Schnitzkunst hinterließ, indem er seinen repräsentativsten Werken wie den kirchlichen Prinzipalien seine Signatur einschrieb und dabei auch auf seine Gehilfen verwies, so zeigt die Figur des Teufels, die wenige Jahre vor Münstermanns Tod 1637/38 entstanden ist, allein durch die Abstraktion der Formfindung die Selbstrepräsentation seiner Kunstfertigkeit.

Mehr Münstermann

Eine als Wandbild in der Ausstellung angebrachte Landkarte verzeichnet all jene Orte, Kirchen und Schlösser, in denen sich heute noch Ludwig Münstermanns Werke entdecken lassen. Dabei wird deutlich: Die Schau Münstermann im Augusteum bildet erst den Auftakt einer intensiven Auseinandersetzung mit Ludwig Münstermanns Schaffen. Sie wurde bisher begleitet von einem Symposion mit Vertreter:innen aus Religion und Kunst sowie von Konzerten und Gottesdiensten in jenen Kirchen, die Münstermanns sakrale Bildplastiken beherbergen. Zu den historischen Standorten Münstermanns hat Dietmar J. Ponert 2022 ein Buch vorgelegt, das entlang der "Ludwig-Münstermann-Straße" führt und mithilfe dessen sich Münstermanns Werke in situ erkunden lassen. Anlässlich der Ausstellung ist außerdem eine umfangreiche Publikation erschienen, die einzelne Werke Münstermanns und deren Ikonografie detailliert in den Blick nimmt. Auf viele Fragen, die sich beim Betrachten der Ausstellung im Angesicht von Münstermanns Skulpturen wie seinen Konsolköpfen stellen, die humorvoll schmunzeln, übersteigert lachen oder ihre Augen verdrehen, finden sich (noch) keine Antworten: bis auf weiteres sind viele von ihnen unbestimmbar in ihrer Bedeutung. Gleichwohl aber regen sie durch vielerlei Details wie präzise gesetzte Lachfalten, Stirnrunzeln oder die Position der Hände und Fingerspitzen dazu an, den Figuren des norddeutschen Bildhauers und Bildschnitzers in ihren ursprünglichen dramaturgischen Zusammenhängen zu begegnen: in den sakralen Räumen, für die er sie geschaffen hat.


Die Ausstellung "Münstermann" ist noch bis zum 30. November 2025 im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg am Standort Augusteum zu sehen, geöffnet Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr. Die Finissage am letzten Ausstellungstag wird begleitet von einem Gespräch zwischen Markus Lüpertz und Stefan Trinks, 11.30 Uhr im Schlosssaal im Schloss Oldenburg.