Berlinde de Bruyckere, Courtyard Tales, 2017-18, Foto: on art

Totentänze

Berlinde de Bruyckere im Bahnhof Rolandseck.

Während ich mich dem Gebäude vom Rheinufer aus nähere, gehen mir Bilder der Arbeiten Berlinde de Bruyckeres durch den Kopf, fotografische Abbildungen, die ich irgendwann irgendwo gesehen habe. Einigermaßen deutlich steht "Kreupelhout" vor meinen Augen, die Installation, mit der die Künstlerin ihr Heimatland Belgien 2013 bei der Biennale in Venedig vertrat. In situ sind mir ihre Arbeiten noch nie begegnet. Auf den Fotografien in meinem Kopf zeigen sie sich sorgsam in Szene gesetzt, häufig treten sie als bleicher Blickfang aus der Dunkelheit hervor, die sie umgibt. So wie es sich in meiner Erinnerung abbildet, ist dieses Dunkel das natürliche Habitat ihrer Werke. In diesem Augenblick bin ich mir noch relativ sicher, dass das Zusammenspiel von Licht und Dunkel im Kalkül der Künstlerin eine herausragende Rolle spielt.

Wenn man Richard Meiers Bau an der Bahnlinie zwischen Bonn und Koblenz durch den langen Zugangstunnel betritt und dann mit dem Aufzug nach oben gleitet, ahnt man langsam, dass man an diesem Ort in ganz anderer Weise mit der Künstlerin konfrontiert wird. Genau diesen Punkt greift Jutta Mattern auf, die uns als Kuratorin wenige Minuten später durch die Ausstellung führen wird. Es fällt das Stichwort White Cube. Mit diesem Hinweis unterstreicht sie, dass der Raum dank seiner weißen Wände und des Kunstlichts nicht nur strahlend hell ist, sondern zusätzlich die Berücksichtigung des über die bodentiefen Fensterfronten wandernden Tageslichts erzwingt. Das kommt auch andernorts vor, hier stellt es die Ausstellung vor eine besondere Aufgabe: So oder so müssen Berlinde de Bruyckeres Arbeiten im Arp Museum ohne das Claire-obscur auskommen, das sie häufig wie Weihrauch umgibt.

Die Exponate selbst, 34 Arbeiten insgesamt, sind gut gewählt, denn sie erschließen de Bruyckeres Werk systematisch: Gezeigt werden relevante Stationen ihres Schaffens ebenso wie die verschiedenen Gattungen, die in ihrem Werk vertreten sind. Ins Auge springen sofort Teile des menschlichen Körpers, kopflose Torsi oder deformierte Gliedmaßen, unter Glasstürzen oder in Vitrinen reliquienartig zur Schau gestellt, mit Textilien verhängt. Daneben an Pferdeleiber erinnernde Kadaverformen, mit lappenden Fellen aufgebahrt auf eisernen Stellagen. Mensch und Tier sind gesichtslos, jeder Versuch einer Individualisierung wird so verhindert. Womit auch die Möglichkeit einer versöhnenden Eingrenzung ausgeschlossen ist. Denn wider den ersten Anschein geht es nicht um Konkretion, sondern Universalität. De Bruyckeres Artefakte begleitet dabei ein Arsenal mitwirkender Gegenstände, Geäst, Geweihe, Knochen oder Textilien etwa, denen der Anschein des Vergessenen, Liegengebliebenen, Ergrauten oder Verwesenden anhaftet. Es sind Reste, wie man sie erwarten müsste, wenn zum Beispiel eine Gruft geöffnet wird.

Das Licht nun ist an diesem bewölkten Tag zwar nicht weniger hell als an anderen Tagen, dafür aber eher grau. Man kann von einer nüchternen Atmosphäre sprechen, deren Helligkeit laborhaft und gleichmäßig über de Bruyckeres Arbeiten streut. Es ist also alles ganz anders als in der Vorstellung, mit der ich eingetreten bin. Das kühle Setting überrascht zwar, kann aber de Bruyckeres Installationen nichts anhaben. Denn die Sachlichkeit des Lichts ist uns bestens vertraut, sie ist ein typisches Kennzeichen von Räumlichkeiten, die wir nur mit Scheu betreten, weil es in ihnen um Krankheit und Tod geht. Ohne Zweifel passt das. Berlinde de Bruyckeres Zugriff auf ihren Stoff wirkt in dieser Atmosphäre direkt, auch brutal, und ist doch nicht ohne Zartgefühl. Denn zum Wachs, ihrem Material, gehört dessen zarter Schmelz, was dem Inkarnat der deformierten und leichenhaften Körperteile, die uns gezeigt werden, auch in klinischem Licht zugute kommt.

Die Erläuterungen der uns durch die Ausstellung führenden Kuratorin lenken bei allem, was sie sagt, unseren Blick immer wieder in die Tiefen der Kunstgeschichte. Zum Beispiel sind es Bezüge auf Cranach oder Zurbarán, denen ihr Vortrag nachspürt. Auch die Künstlerin, die uns bei unserem Rundgang freundlicherweise begleitet und, den Impulsen der Kuratorin folgend, über ihre Arbeiten, ihre Arbeitsweise und ihre Beweggründe Auskunft gibt, bestätigt immer wieder die Verankerung ihres Schaffens in der Kunstgeschichte. Und noch etwas weiter geht der Blick zurück, als die Bedeutung der Metamorphosen Ovids für de Bruyckeres Schaffen ins Spiel gebracht wird.

Nun will es der Zufall, dass in weniger als zweihundert Kilometer Entfernung, ebenfalls an einem Berghang, kurze Zeit später eine Ausstellung Anish Kapoors eröffnet wird.1 Einige der dort gezeigten Exponate, so schreibt es eine der professionellen Beobachterinnen, erinnerten an einen "blutigen Leichenberg".2 Auch andere Äußerungen deuten in diese Richtung, so ist zum Beispiel von einem "Schlachthaus" die Rede. Es geht auch hier, zumindest in der Rezeption der Kritiker, um die Deformationen des menschlichen Körpers, seine Überreste, genauer noch um die Anschauung seiner Zerstückelung.

In diesem Zusammenhang drängen sich weitere Vergleiche auf. Zum Beispiel mit den Arbeiten Oda Jaunes, deren letzte Ausstellung bereits im Frühjahr des Jahres bei Templon in Paris zu sehen war. Oda Jaune produziert in erster Linie Malerei, seltener auch Skulpturen. Es heißt, die "traumwandlerische Ästhetik des Abnormen" sei ihr "Markenzeichen"3. Etwas unverblümter könnte man sagen, auch Oda Jaune geht es immer wieder um Deformationen des menschlichen Körpers.

Und wenn man sich für einen Moment auf diesen Aspekt konzentriert, zeigt sich, das Berlinde de Bruyckeres Werk nicht nur in der entfernteren Kunstgeschichte, sondern ebenso in der Gegenwart verankert ist. Den menschlichen Körper in einer naturalistischen Formensprache darzustellen, ist eine Aufgabe, die die bildende Kunst im Großen und Ganzen an die Fotografie abgetreten hat. Berlinde Bruyckeres, Anish Kapoors und Oda Jaunes Arbeiten sind hier Ausnahmen, die, während wir sie betrachten, ihre Bedingtheit mitliefern: Dass nicht nur in der Kunstgeschichte, sondern auch in der Kunst unserer Zeit mit der Vorstellung des menschlichen Daseins und seiner Körperlichkeit Deformation, Verletzlichkeit und Zerstörbarkeit verbunden sind.

So bezeugt Berlinde de Bruyckere, dass das, was sie zeigt, heute eigentlich in keiner anderen Form als der seiner Gefährdung durch seine Endlichkeit gezeigt werden kann. Und ganz offenbar ist es so, dass sie mit dieser künstlerischen, weit ins Metaphysische dringenden Haltung nicht allein dasteht. Beschränkt man den Rundumblick nun auf die bereits genannten Künstler, so zeigen sich allerdings auch Differenzen, die uns weiteren Aufschluss über die Aktualität des bildnerischen Werks de Bruyckeres verschaffen: Anders als de Bruyckere präsentiert Kapoor das Thema Fleisch näher am Ort seiner Schlachtung, denn es ist blutig. Bei Oda Jaune hingegen ist es nicht Blut und auch nicht Blutleere, sondern eine Spannung, bei der es um Geschlechtlichkeit und mit dieser verbundenen Voyeurismus geht. "Ich möchte sehen, ob es noch schön ist", sagt sie im Gespräch mit Kamilla Pfeffer4, als sie gefragt wird, ob sie in ihren eigenen Bildern etwas Obszönes erkennen könne. Aber auch da, wo sich die Differenzen aufzudrängen scheinen, gibt es Verwandtschaftsbeziehungen: Die christliche Bildgeschichte, mit der sich de Bruyckeres Werk auseinandersetzt, ist reich an Beispielen, wo das an sich Obszöne mit dem Nimbus des Heiligen überformt wird.

Diese Bezugnahme auf die Kunstgeschichte hat eine wichtige Funktion: Sie kann ein zeitgenössisches Werk legitimieren, das uns – ohne diese Legitimation – vielleicht einfach nur schaudern ließe. Sie zeigt uns auch, dass nicht nur Cranachs Zeit, sondern auch die unsere ihre Totentänze gestaltet. Wofür es offenbar – mit oder ohne Krieg in der Ukraine – Anlässe größter Verschiedenheit geben kann.


1 Anish Kapoor, Skulpturen, 13. August 2022 bis 1. Januar 2023 im Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal.

2 "Blutbad im Waldfrieden" (Monopol online, 16.08.22, Autorin: Alexandra Wach), "… erinnert an einen blutigen Leichenberg" (Deutschlandfunk, "Non-objects" – Anish Kapoor im Skulpturenpark Wuppertal, 18.08.22, 17:46 Uhr, Autorin: Sabine Oelze), "Sinnbild für alle Krankheiten" (RP online, "Die Dinge sind nicht unschuldig", 11.08.22, https://rp-online.de/kultur/tony-cragg-stellt-werke-von-anish-kapoor-aus_aid-74850365, "Schlachthaus" (Westfälischer Anzeiger, "Der Skulpturenpark Waldfrieden zeigt Monumentales von Anish Kapoor", 19.08.22, https://www.wa.de/kultur/der-skulpturenpark-waldfrieden-zeigt-monumentales-von-anish-kapoor-91735133.html).

3 Stern, "Die abgründig schöne Witwe von Jörg Immendorf", 18.09.2018, https://www.stern.de/kultur/kunst/oda-jaune---die-abgruendig-schoene-witwe-von-joerg-immendorff-8358732.html.

4 "Wer ist Oda Jaune", Dokumentarfilm von Kamilla Pfeffer, Deutschland 2016.