Ausstellungsansicht Albertinum Dresden: William Kentridge, Projektionen "More Sweetly Play The Dance", 2014. © William Kentridge.

William Kentridge mit großer Geburtstagsschau in Dresden und Essen

Teil 1: Die Prozession der Besiegten und der Dresdner Fürstenzug.


Ein langer Zug von Menschen mäandert durch den großen Ausstellungsraum im ersten Stock des Albertinums in Dresden. Die Prozession ist Teil der ersten von gleich drei Ausstellungen an verschiedenen Austragungsorten anlässlich des 70. Geburtstags des südafrikanischen Künstlers William Kentridge in der sächsischen Landeshauptstadt. Die Musik einer Brassband dröhnt durch vier Megafone mit Lautsprechern. Ein Fahnenträger schreitet voran. Es folgen Menschen diverser Professionen wie Beamte, Arbeiter, Politiker, aber auch Kranke, Besiegte, Strauchelnde, die sich in scheinbar unaufhörlichem Strom über eine Länge von fast 40 Metern fortbewegen. Das mit leuchtenden Gesichtern vor den sieben, mehrere Meter hohen Leinwänden stehende Publikum weiß nicht, warum sich die Menschen auf den Weg gemacht haben oder wohin sie gehen werden. Immersiv umfangen weiß es nur, dass etwas in Bewegung geraten ist. Schreitend, vorwärtstastend, marschierend oder tanzend bahnen sich die Fußgänger:innen in wechselndem Tempo ihren Weg. Manche werden auf Bahren gezogen, andere tragen schwere Last auf dem Rücken. Auf einzelne Personen oder Gruppen, sogar Skelette in Tradition des Totentanzes, folgen immer wieder Lücken, finden gegenläufige Bewegungen statt, wird mit dem Verständnis von unaufhörlich fortschreitender Zeit gebrochen. Der Hintergrund lässt den Blick in die weite Landschaft schweifen, zeigt in steter Veränderung begriffene Bäume, Sträucher, Äste. Davor flirren die schwarzen Silhouetten der Figuren wie unscharfe Erinnerungen ohne feste Konturen.

Der gleichgerichtete Marsch zu Fuß gilt als Ausdruck einer gemeinsamen Haltung, kann u.a. Völkerwanderungen, Demonstrationen, Trauermärsche oder Paraden umfassen. Der Marsch knüpft auch an die eigentümliche Geschichte Dresdens an, ließ sich schon August der Starke bei prachtvollen Aufzügen durch die Stadt feiern. Gegenüber der eingangs beschriebenen monumentalen Filmprojektion "More Sweetly Play the Dance" aus dem Jahr 2015, ursprünglich in Reaktion auf die Ebola-Epidemie in Westafrika entstanden, finden sich die historischen Entwürfe für den Dresdner Fürstenzug. Erstmals nach aufwändiger Restaurierung sind die zwischen 1869 und 1876 entstandenen Vorzeichnungen von Wilhelm Walther wieder öffentlich sichtbar. In ihnen näherte sich Walther der Gestaltung der über 100 Meter langen Fassade des Residenzschlosses an, die später erst das finale Sgraffito und ab 1904 Porzellanfliesen zieren sollten.


Filmprojektion und Fürstenzug basieren zwar beide auf mit Kohle auf Papier aufgebrachter Zeichnung, auf einen Bannerträger folgen beim Fürstenzug jedoch in genealogischer Abfolge die 35 sächsischen Herrscher aus acht Jahrhunderten samt ihrer Begleitpersonen. Die triumphierenden sächsischen Fürsten auf den vier, maßstabsgleichen "Kartons" sind spiegelbildlich zu Kentridges Prozession der Besiegten und Elendigen angelegt. Statt still ihr Leid zu beklagen, ist "More Sweetly Play the Dance" mehr trotzige Selbstbehauptung, demonstriert die wenig repräsentierte Kehrseite von Ruhm und Macht. Auch in der neueren Geschichte der Stadt spielten Prozessionen, Demonstrationen und Aufmärsche eine große Rolle: im Kampf um Bürgerrechte im 19. Jahrhundert, als friedliche Demonstrationen 1989 oder jüngst als Pegida-Aufmärsche.

Aushalten von Ambivalenzen

Die Projektion wechselt nach 15 Minuten und zeigt die fiktionale Videoarbeit "Oh To Believe in Another World" aus dem Jahr 2022, die Filmausschnitte mit Textpassagen, Reproduktionen von Bildern und Skulpturen sowie historischen Dokumenten collagiert. Das Werk basiert auf einem gleichnamigen Film, den Kentridge als Auftragsarbeit zur 10. Sinfonie des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch anfertigte. Die Sinfonie war nach Stalins Tod Schostakowitschs Art der Abrechnung mit dem Diktator, aufgrund dessen er zuvor ein Dasein zwischen Anpassung und künstlerischer Selbstbehauptung fristete. Kentridge verarbeitet in "Oh To Believe in Another World" nicht nur Musik und Lebensgeschichte des Komponisten, sondern spannt den Bogen von Lenins Tod über Majakowskis Selbstmord und die Ermordung Trotzkys bis zum Tod Stalins. Die lose Erzählung, die keiner stringenten Chronologie folgt, adressiert Aufbruchsstimmung, enttäuschte Hoffnungen und gescheiterte Utopien. Solche, die samt ihrer Protagonist:innen vergehen, allein von der Kunst überdauert werden. Vor wechselnden Orten finden sich vielgesichtige Figuren und poetische Tänzerinnen, die an Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett" erinnern und sich Collage- und Montagetechniken des russischen Konstruktivismus bedienen. Mit einer speziellen Miniaturkamera in Stop-Motion-Technik gefilmt, entspinnt sich ein fragmentarisch anmutendes Drama, welches ähnlich der Sinfonie ein nicht eindeutig interpretierbares Bild der Sowjetischen Gesellschaft zeichnet und zugleich Allgemeingültigkeit bezüglich des Scheiterns von Utopien besitzt.

Politische Kunst scheint dem Künstler in die Wiege gelegt worden zu sein: William Kentridge wurde 1955 in das von Apartheid geprägte südafrikanische Johannesburg in eine Familie mit jüdisch-litauischen Wurzeln geboren. Seine Eltern traten als Anwälte für die Rechte der unterdrückten Schwarzen Bevölkerung auf, verteidigten zum Beispiel Nelson Mandela. Schon früh mit den Gräueltaten des Apartheidsregimes konfrontiert, studierte Kentridge Politik- und Afrikawissenschaften, später Kunst an der Johannesburg Art Foundation und schließlich Schauspiel an der École Internationale de Théâtre Jacques Lecoq in Paris. Diese Interdisziplinarität sollte später kennzeichnend für sein künstlerisches Schaffen werden. Ausgehend von Kohlezeichnungen erlangte er Bekanntheit vor allem mit seinen Animationen, welche den Arbeitsprozess aus Übermalen, Ausradieren und Wiederholen sichtbar machen. Sein medienübergreifendes Werk weist dabei ganz unterschiedliche Berührungspunkte mit der Geschichte Südafrikas auf, beschäftigte sich schon früh mit Themen von Rassismus, Ausbeutung und Ungerechtigkeit, aber ohne je moralisierend oder aktivistisch zu sein. Immerzu lassen seine Arbeiten Brüche, Ambivalenzen und Widersprüche zu, führen diese sogar bewusst herbei. Die Ausstellungskooperation zwischen Dresden und Essen, zwischen Ost und West, initiiert von den Staatlichen Kunstsammlungen, ist mit Prozessionen in Dresden und Bergbau in Essen zwar spezifisch auf den jeweiligen Austragungsort abgestimmt und weist doch immer wieder Bezüge zur südafrikanischen Geschichte auf.

Kentridge als Druckgrafiker

Die zweite Dresdner Ausstellung befindet sich unmittelbar hinter dem Dresdner Fürstenzug, erstreckt sich über die Räume des Kupferstichkabinetts im historischen Residenzschloss. In einem labyrinthartigen Parcours durch die Ausstellungsräume fächert sich Kentridges druckgrafisches Schaffen auf, wird historischen Positionen wie Jacques Callot, Albrecht Dürer oder Hans Holbein gegenübergestellt. Im Zentrum stehen passend zum Thema der Prozession großformatige Holzschnitte und Radierungen aus der Serie "Triumphs and Laments", die in Reaktion auf die Flüchtlingskrise 2015 entstand und Figuren aus 2.000 Jahren Kunst- und Bildgeschichte in einem Menschenzug vereint. Besonders eindrücklich ist zudem die frühe Werkgruppe "The Pit" aus dem Jahr 1979, bei der es sich um unikale Monotypien handelt. Von vollständig mit schwarzer Farbe bedeckten Plexiglasscheiben entfernte Kentridge mit den Fingern und weiteren Hilfsmitteln wie Schwämmen die Farbe, um mittels Leerstellen Figuren zu erschaffen. Auf den Monotypien finden sich hinter hohen Wänden wie auf einer dreiseitig umschlossenen Bühne verschiedenartige Figuren wie der Künstler selbst, seine spätere Partnerin Anne Stanwix, Akteur:innen europäischer Kunstgeschichte sowie Referenzen aus eigenen Werken.

Das dargestellte Publikum blickt in "The Pit" von oben auf das Geschehen in den Gruben herab, bleibt teils hinter Gittern ausgesperrt. Die Serie ließe sich als Anspielung auf Platons Höhlengleichnis lesen, nur dass Kentridge die Kunst als Abbilder erzeugendes Medium in die Höhle versetzt und das gefangene Publikum im Außenraum belässt. Mit dieser Serie trat Kentridge zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung, präsentierte 1979 die 25 Monotypien in der Produzentengalerie "Market Gallery" in Johannesburg. Die Ausstellung im Kupferstichkabinett zeigt neben Radierungen, Lithografien und Holzschnitten aber auch weitere Filme von Kentridge wie die experimentelle Kurzfilm-Animation seiner Grafikserie "Ubu Tells the Truth" von 1996/97. Sie basiert auf Alfred Jarrys absurdem Theaterstück "Ubu Roi" und verbindet verschiedene druckgrafische Verfahren: Ätzradierung, Aquatinta, Kaltnadel, Hart- und Weichgrundätzung. Die Schau erweitert sich zusätzlich auf den Studiensaal, in welchem zwei Filme animierter Kohlezeichnungen aus der Folge der "Drawings for Projection" (1989–2020) zu sehen sind.

Kentridge als Puppenspieler

Die dritte Dresdner Ausstellung liegt etwas abseits, ist auf dem Gelände des Kraftwerks Mitte beheimatet. Die dort ansässige Puppentheatersammlung tritt innerhalb ihrer Jahresschau in den Dialog mit dem von Kentridge und Künstlerin Bronwyn Lace 2016 gegründeten "Centre for the Less Good Idea". Der Name des Kollektivs basiert auf dem afrikanischen Sprichwort "If the good doctor can´t cure you, find the less good doctor", was für Kentridge wichtige Aspekte der Kollaboration und des Experiments in den Fokus rückt. Für die Puppentheatersammlung entwickelte das Künstlerkollektiv aus Johannesburg fünf Schaukästen unter Zuhilfenahme einer alten Theatertricktechnik namens "Pepper’s Ghost". Auf hölzernen Bühnen, die echte Requisiten in sich bergen, finden sich semitransparente, schräggestellte Glasscheiben. Auf diese Scheiben werden geisterhafte Bilder projiziert, sodass der reale Bühnenraum mit den Projektionen zu verschmelzen scheint. Die fünf Theaterstücke innerhalb der Miniatur-Dioramen sind zwar dem Leben in Südafrika entlehnt, nehmen jedoch auch direkten Bezug auf die historische Puppentheatersammlung und bedienen sich beispielsweise ihrem Schattentheaterbestand.

Darüber hinaus war das Centre maßgeblich für die anlässlich der Eröffnung der Ausstellungen aufgeführte Prozession "Foot Power" verantwortlich. Dem Leitthema der Prozession entsprechend zogen gigantische Schattenfiguren, Tänzer:innen und Musiker:innen durch die Altstadt, waren die Dresdner eingeladen teilzunehmen. Den Endpunkt bildete der Künstler selbst als lebensgroße Figur auf einem Holzpferd. Das Moment aktiver Teilhabe ist auch innerhalb der Ausstellungen verankert, wenn zum Beispiel in der Puppentheatersammlung mittels Schattenspiel aktiv in einen der Filme eingegriffen werden darf. Das passt zum Titel des großen Kentridge-Ausstellungsfestivals "Listen to the Echo", da der Schatten auch als visuelles Echo des Körpers gesehen werden kann. Es ist ein Versuch, sowohl in Dresden als auch in Essen Resonanzräume zu schaffen, die zur unvoreingenommenen Rezeption anregen und das Publikum gedanklich in Bewegung versetzen sollen. Ganz grundsätzlich zieht Kunst im besten Fall ein visuelles Echo nach sich, das im Gegenüber räsoniert und den gesamten Körper zum Schwingen bringt. In Dresden gelingt das, gelingt es auch in Essen?


Zur Website von William Kentridge: https://www.kentridge.studio/

William Kentridge im Albertinum in Dresden in Essen: https://www.skd.museum/ausstellungen/william-kentridge/

William Kentridge im Folkwang Museum in Essen: https://www.museum-folkwang.de/de/ausstellung/william-kentridge

William Kentridge mit großer Geburtstagsschau in Dresden und Essen, Teil 2: Teil 2: Von Gold in Johannesburg und Kohle in Essen.