William Kentridge, "Self-Portrait as a Coffee-Pot", 2024, Filmreihe in neun Teilen, HD-Video, Filmstill aus Episode 4, Finding One’s Fate, 31 Min. 2 Sek., Abb.: Courtesy Kentridge Studio, © William Kentridge, 2025.

William Kentridge mit großer Geburtstagsschau in Dresden und Essen

Teil 2: Von Gold in Johannesburg und Kohle in Essen.

Es flüstert, rauscht, knistert, klopft und ruft. Im Folkwang Museum in Essen scheinen zahlreiche Megafone, Lautsprecher auf dreibeinigem Gestell, ein nicht genau definierbares, fernes Echo zu erzeugen. Ist das Echo von Dresden bis nach Essen vorgedrungen? Denn anlässlich des 70. Geburtstags des südafrikanischen Künstlers William Kentridge verbindet eine große Kooperationsausstellung die beiden deutschen Städte in Ost und West. Im Herbst 2024 erhielt der Künstler den renommierten Folkwang-Preis für seine Verdienste bezüglich Kunstvermittlung sowie Förderung junger Künstler:innen aus Südafrika. Die kooperative Ausstellung entstand daran anknüpfend parallel auf Initiative der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, konzentriert sich je nach Standort zwar auf einen individuellen thematischen Schwerpunkt und basierte mehr auf einer losen Zusammenarbeit, lässt jedoch auch inhaltliche Überschneidungen zu. Der zur Ausstellung erschienene Katalog wurde dagegen gemeinschaftlich produziert, teilt sich nicht nach Städten auf.

Anknüpfend an die bereits veröffentlichte Besprechung der Ausstellungen in Dresden richtet sich unser Blick nun in die wechselnd schwarz und weiß gehaltenen Ausstellungsräume mit insgesamt 160 Exponaten aus fünf Jahrzehnten im Folkwang Museum. Nur manchmal unterbrechen farblich gestaltete Figuren die monochrome Umgebung. Als besonders eindrucksvoll erweist sich, wie schon mit "More Sweetly Play the Dance" in Dresden, eine weitere monumentale Filminstallation: die vier parallel ablaufenden Filme der Reihe "Drawings for Projection". Sie scheinen miteinander zu interagieren, aufeinander zu reagieren und einander gegenseitig zu bekräftigen.

Dunkelheit unter und über Tage

Zu dramatisch anschwellenden Klängen von Dvořáks Cellokonzert Nr. 1 entwickelt sich im ersten Film "Mine" aus dem Jahr 1991 ein Sog aus silbrigen Farbtönen, zieht es das Publikum in die Tiefe der mit Kohle gezeichneten Erde hinab. Schwarze Arbeiter sind winzig, strömen wie Ameisen aus Bergwerken, schlafen in engen Baracken oder waschen sich in Duschverschlägen. Arbeit und Freizeit fließen ineinander, sind kaum mehr unterscheidbar. Die beklemmenden Baracken muten selbst wie unter Tage befindlich an, bilden untertunnelte Wirklichkeit ab. Dunkle, enge Schächte finden sich oberhalb wie unterhalb der Erdoberfläche. Der schwere Atem der Arbeiter legt sich über die Musik, ist deutlich vernehmbar. Der weiße Minenbesitzer hat es sich dagegen in seinem Bett gemütlich gemacht. Den Kopf auf weiche Kissen gebettet, steuert er die Vorgänge in der Mine von der Ferne aus. Dabei drückt er das Filtersieb seiner Kaffeekanne so stark herunter, dass dieses durch den Fußboden stößt, sich in einen schmalen Bohrer verwandelt und in die Tiefe des Schachts hinabfährt.

Unbarmherzig frisst sich das umfunktionierte Sieb durch die Schlafkammern und Duschen, wird nur unterbrochen vom funkenschlagenden Werkzeugeinsatz und verwandelt sich schließlich in die Darstellung eines Sklavenschiffs. Währenddessen klingelt unaufhörlich die Kasse des Minenbesitzers. Die Arbeiter verharren dagegen in Abraumhalden wie lebendig eingesperrt in Sarkophage. Irgendwann kehrt der Aufzug zurück an die Oberfläche, steigt ein Rhinozeros aus, welches sich stellvertretend für den afrikanischen Kontinent lesen ließe und vom Minenbesitzer wie ein Spielzeug behandelt wird. Das Rhinozeros findet sich auch in der frühen, an Otto Dix erinnernden Arbeit "The Conservation’s Ball" von Kentridge, welche motivisch im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt ist und die weiße gehobene Gesellschaft zeigt. Immer wieder finden sich Bezüge zu kunsthistorischen Vorbildern, werden Kentridges Werke wie in Dresden solchen aus der Sammlung des Museums, insbesondere Künstler:innen des Ersten Weltkrieges, gegenübergestellt.

Goldgräbersiedlung Johannesburg

Die gesamte Reihe "Drawings for Projection" (1991 bis 2020) erzählt die Geschichte der Gründung von Johannesburg, die sich ganz eindeutig auf den Fund von Bodenschätzen zurückführen lässt. Ein Umstand, der mit der Historie der Stadt Essen und des Ruhrgebiets nahezu parallel verlief. 1886 wurde die besonders ergiebige Goldader "Main Reef" entdeckt. In der Folge entstanden in der Umgebung von Johannesburg zahlreiche Minen und Abraumhalden, die noch heute die hügelige Landschaft prägen. Unter britischer Kolonialherrschaft wuchs die zunächst kleine Goldgräbersiedlung schnell an und zählte bereits nach zehn Jahren über 100.000 Einwohner:innen. Der 1911 gesetzlich in Kraft getretene "Mines and Works Act" nahm zudem das spätere System der Apartheid vorweg, indem höher qualifizierte Tätigkeiten in den Bergwerken ausschließlich weißen Arbeitern vorbehalten blieben. Der Goldbergbau sollte noch bis in die 1950er-Jahre fortdauern und selbst heute wird weiterhin illegal Gold von sog. "Zama zamas" abgebaut. Die ersten beiden Filme von "Drawings for Projection" zeigen entsprechend den nach Profit gierenden Minenbesitzer, der auf Kosten der Schwarzen Arbeiter seinen Reichtum aufbaut. Neben "Mine" lässt auch "Sobriety, Obesity and Growing Old" den Blick über das Reich des Minenbesitzers schweifen, bis sich jedoch Widerstand regt, der folgend in Aufmärsche mündet. Am Ende des Films lässt der Minenbesitzer seinen Firmensitz sogar in die Luft sprengen, damit dieser nicht den Arbeitern zufällt. Daran anknüpfend entspinnt sich in „Other Faces“ aus dem Jahr 2011 eine Collage aus Gesichtern, Straßen und Alltagsszenen. Persönliche Erinnerungen des Künstlers verweben sich mit kollektiven Bilderinnerungen. Zu sehen ist ein zwischen Aufbruch und Stillstand begriffenes Johannesburg. Der Sound des Alltags fügt sich dazu in afrikanische Rhythmen. Der weiße Minenbesitzer wechselt wiederholt seine Gestalt, trägt zuweilen das Gesicht des Künstlers selbst. In diesem Film zeigt sich, dass auch nach dem Ende der Apartheid gesellschaftliche Spannungen fortbestehen. Wie in Dresden sind Kentridges Figuren strauchelnd, schuldig, verletzlich, stetig veränderlich in ihrer Form.

Geborgene Erinnerungen

Kentridges jüngster, der Reihe zugehöriger Film "City Deep" von 2020 schlägt schließlich den Bogen zum Johannesburg der Gegenwart. Der ehemalige Minenbesitzer wandelt durch die Landschaft, blickt in dunkle Gruben, hält sich zumeist in der von Mäzenin und Ehegattin des Minenbesitzers Lionel Phillips gegründeten Johannesburg Art Gallery auf. Im Museumsraum tun sich dunkle Gräben auf, wurzelt es tief. Denn die alten Schächte sind museal geworden, die Arbeiter hängen als Gemälde an den Wänden, haben sich zu darstellungswürdigen "Exponaten" etabliert. Das Werk eines Schwarzen Künstlers, Gerard Sekoto, gelangte allerdings erst 1940 in die Sammlung des Museums. Innerhalb des Films erweist sich jeder Strich von Kentridge wie einem Grabungswerkzeug zugehörig, um verschüttete Erinnerungen zu bergen. Kentridge fördert im Folkwang Museum weitere in Vergessenheit geratene Begebenheiten ans Licht. Das Papiertheaterstück "Black Box / Chambre Noire" (2005) thematisiert zum Beispiel den Völkermord an den Herero und Nama, indem historische Zeugnisse zur Niederschlagung des Herero-Aufstandes 1904 in Deutsch-Südwestafrika mit Klängen der Zauberflöte verknüpft werden. In einem Guckkasten schieben sich in ausgeklügelter Mechanik immer wieder neue Figuren und Pappkulissen auf die Bühne.

Die Dreikanal-Filminstallation "To Cross One More Sea" (2024) setzt sich zudem mit der Flucht von Künstler:innen und Intellektuellen vor dem Naziregime auseinander. Mit dem Schiff ging es im Frühjahr 1941 von Marseille nach Martinique, befand sich u. a. André Breton unter den Flüchtenden. In der passend gestalteten schiffsartigen Rauminstallation fühlt man sich in Essen wie selbst auf einem Schiff. 15 handgewebte Tapisserien aus den 2000er-Jahren widmen sich in einem großen Saal im Folkwang Museum unter dem Titel "Porter" ebenfalls Flucht und Migration. Auf dem Hintergrund historischer Landkarten aus dem 19. Jahrhundert zeigen sie Personen, die wie die mythologische Figur des Atlas schwere Lasten auf dem Rücken tragen. Die Landkarten erzählen dazu von Imperialismus und der Aneignung des afrikanischen Kontinents. Gewebt sind die Tapisserien nach Vorlagen von schwarzen Schattenrissfiguren. Sie muten zugleich sinnlich und digital an, zeigen die Figuren auf der Suche nach einer neuen Heimat. Auch an dieser Stelle lassen sich Bezüge zu Essen ausmachen, wo eine Zweigstelle des Verlags G. D. Baedeker zwischen 1908 und 1914 das Jahrbuch über die deutschen Kolonien herausgab.

Lausche dem Echo

Den Abschluss bildet die Filmserie "Self-Portrait as a Coffee-Pot", innerhalb derer Kentridge mit einem oder gleich mehreren Doppelgängern spricht und Einblick in seinen Arbeitsprozess gewährt. In seinem Studio streitet er sich mit sich selbst, arbeitet alleine oder gemeinsam mit seinen aufgespaltenen Ich’s. Der wiederholt auftauchende, titelgebende Kaffeekocher ist zudem Signum für Pausen und vermeintlich verschwendete Zeit. Zielloses Wandern durch das Studio scheint jedoch ganz entscheidend für den kreativen Denkprozess zu sein. Beginnend im Lockdown der Covid-Pandemie führte Kentridge die Arbeit über vier Jahre fort, betrachtete sie als Auseinandersetzung mit dem eigenen geistigen Schaffensprozess. Kentridge: "Das Studio ist auch ein vergrößerter Kopf, eine Kammer für Gedanken und Überlegungen, in der all die Zeichnungen, Fotos und Fragmente an den Wänden zu diesen Gedanken werden." Kentridge hört in den Filmen seinem eigenen Echo zu, die Besucher:innen lauschen wiederum den sich vervielfältigenden Echos des Künstlers. Das Publikum wird im Unklaren gelassen, bei welchem Kentridge es sich um den "echten" Künstler handelt und welche Figuren als seine Doppelgänger fungieren, was letztlich aber auch nicht von Bedeutung ist. Hauptsache der Nachhall versetzt das Publikum in Essen so wie in Dresden in innerliche Schwingung.


Zur Website von William Kentridge: https://www.kentridge.studio/

William Kentridge im Albertinum in Dresden in Essen: https://www.skd.museum/ausstellungen/william-kentridge/

William Kentridge im Folkwang Museum in Essen: https://www.museum-folkwang.de/de/ausstellung/william-kentridge

William Kentridge mit großer Geburtstagsschau in Dresden und Essen, Teil 1: Die Prozession der Besiegten und der Dresdner Fürstenzug.