A Matter of Perspective
19. Oktober 2025 – 12. April 2026, Lechner-Museum, Ingolstadt.
Alf Lechner, einer der wichtigsten deutschen Bildhauer der Nachkriegszeit, wäre 2025 hundert Jahre alt geworden. Die Ausstellung „A Matter of Perspective“ im Lechner Museum Ingolstadt zeigt den Künstler im Dialog mit internationalen Stars. Dabei wird die Kunst Alf Lechners erstmals in diesem Umfang mit hochkarätigen Werken der Nachkriegsmoderne konfrontiert.
Mit Phyllida Barlow, Robert Morris, Hanne Darboven, Richard Serra, Charlotte Posenenske, Reiner Ruthenbeck, Fred Sandback, Nasreen Mohamedi, Gary Kuehn, Dadamaino, Barry Le Va, Riki Mijling, Carl Andre, Agnes Martin, Imi Knoebel, Franz Erhard Walther, Eduardo Chillida und Donald Judd – und Alf Lechner.


x 42,5 cm. Foto: Jens Gerber.
Sie stellten alles in Frage: Material, Raum und Wahrnehmung. Die Künstler:innen der Nachkriegsavantgarde erforschten die Bedingungen von Materie, die Präsenz von Objekten im Raum und die Rolle der Betrachter:innen bei der Erfahrung von Kunst auf unterschiedliche Weise. Ihnen allen ist die Abkehr von metaphorischen, figurativen oder illusionistischen Konventionen gemein, hin zu einer Kunst, die sich aus Materie, Form und physikalischen Gesetzmäßigkeiten entwickelt.
Donald Judd und Carl Andre reduzierten die Form auf klare, serielle Objekte und entwickelten eine strenge Materialästhetik, die auf industrieller Fertigung und präziser Platzierung im Raum beruht. In den Werken von Agnes Martin und Nasreen Mohamedi wurde diese Reduktion in subtile Linien und Raster übersetzt. In ihrer Konsequenz entfalten sie eine visuelle Grammatik von Ordnung sowie eine stille, meditative Dimension. Auch Imi Knoebel setzt bei der Strenge des Minimalismus an, übersetzt diese jedoch in eine malerische Dimension, in der er die Eigenständigkeit von Form und Farbe untersucht. Hanne Darboven verband in ihren seriellen Schreibsystemen dagegen konzeptuelle Strukturen mit persönlicher Erinnerung und machte Zeit und Biografie selbst zu Material.
Eine bewusste Gegenposition zur Strenge der Minimal Art formulierten Künstler:innen, die Zufall, Instabilität und Handlung ins Zentrum rückten. Richard Serras „Prop Pieces“ loten die physikalischen Grenzen von Gravitation und Material aus, indem Stahl- und Bleiplatten in prekären Gleichgewichten positioniert werden. Robert Morris öffnete mit weichen Materialien wie Filz die Skulptur zu einem zeitgebundenen, veränderlichen Geschehen. Barry Le Va machte dagegen Instabilität, Risiko und Zufall zur eigentlichen Form, indem er Glasplatten zerbrach. Phyllida Barlow arbeitete mit provisorischen, alltäglichen Materialien, deren chaotische Monumentalität Räume besetzte und mit der Wahrnehmung der Betrachter:innen spielte. Ebenso Franz Erhard Walther: Er verschob den Skulpturbegriff, indem er textile Werkstücke schuf, die erst durch Handlung und kollektive Nutzung zur Skulptur wurden.

Die Massivität des Materials ist Teil einer künstlerischen Forschung von Alf Lechner. Während Stahl in der Skulptur oft als männlich konnotiert wird und mit monumentaler Schwere verbunden ist, nimmt Riki Mijling dem Material seine Härte und Kälte und betont seine sensible Seite. Durch Rostpatina, Feuer oder Wachs entstehen Oberflächen mit einer stillen Qualität, die leise und kraftvoll eine Gegenposition zur teilweise heroischen Geste der Stahlskulptur bilden.
Die Bandbreite dieser Künstler:innen zeigt, dass die Nachkriegsavantgarde keineswegs homogen war. Ihnen allen ist jedoch gemeinsam, dass sie die Materialität selbst zum zentralen Subjekt ihrer Kunst machen und damit die Bedingungen künstlerischer Erfahrung neu definieren. Kunst wird nicht mehr erzählt, sondern erlebt, gespürt und gedacht im physischen, psychischen und intellektuellen Verhältnis von Mensch zu Materie. Mit bedeutenden Leihgaben aus Museen, Galerien und Privatsammlungen lädt die Ausstellung „A Matter of Perspective“ dazu ein, diese aufregende Epoche und ihre künstlerischen Protagonisten neu zu entdecken.
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