Wiesbadens weißer Würfel

Das Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden setzt Maßstäbe in Architektur und Kunst.

"Zuckerwürfel" sagen die Wiesbadener. Das Museum Reinhard Ernst kleidet sich in weißen Granit. Ja, Granit ist nicht immer schwarz; allerdings musste der Stein aus Vermont über den Atlantik geschippert werden. Ein weißer Würfel, ein White Cube, wenn es je einen gab. "Weiß eignet sich am besten, um Farben hervorzuheben", bemerkt der Museumsgründer Reinhard Ernst. White Cube, Sugar Cube.

Reinhard Ernst hat den Weg zur Kunst von allein gefunden. In Paris auf einer Geschäftsreise, hatte er Zeit zu überbrücken und ging ins Musée Picasso: Der Beginn einer Leidenschaft. Anders als andere Sammler machte er sich jedoch nicht von Beratern oder Galeristen abhängig. Und konzentrierte sich ganz auf die abstrakte Kunst: "Die Kunst von Kindern", meint er. Vielleicht weil sie keine Vorbildung erfordert und unmittelbar zugänglich ist, frei von kulturellem Ballast. Doch ihm liegt auch etwas an Kindern. Die Stiftung, die das Museum trägt, hat bereits eine Musikschule ins Leben gerufen und erklärt auf ihrer Homepage: "Abstrakte Kunst Kindern und Erwachsenen näher zu bringen – das ist eines der Ziele, die Reinhard Ernst mit dem Bau eines Museums verfolgt." Ein Kreativraum, das Farblabor, wartet gleich hinter der Rezeption, hinter einer bunten Glaswand von Katharina Grosse, auf Kinder und Jugendliche.

Hinter Reinhard Ernst liegt ein Leben als erfolgreicher Unternehmer. Andernfalls hätte er weder vor zwanzig Jahren mit seiner Frau die Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung gründen, noch nach dem Verkauf seiner Anteile ein Museum für 80 Millionen Euro aus eigener Tasche bezahlen können. Die Geschichte seines Unternehmens Harmonic Drive beginnt 1968: Ernst lud seine zukünftige Frau anlässlich ihrer Verlobung ins Drehrestaurant des Henninger-Turms ein, das markante, senfglasähnliche Lokal über dem Gerstensilo der Brauerei in Frankfurt-Sachsenhausen. Ein Asiate und ein Amerikaner warteten auf einen Tisch. Ernst und seine Verlobte luden sie ein, sich zu ihnen zu setzen. Sie kamen ins Gespräch. Die beiden wollten in Deutschland eine europäische Niederlassung eines Spezialgetriebe-Herstellers gründen, das dann im Mondauto des Apollo-Raumprogramms seinen ersten spektakulären Einsatz hatte. Ernst war von Anfang an dabei und erwarb 1981 das Unternehmen: 2017, als er seine Anteile verkaufte, ein Global Player mit einem jährlichen Umsatz von 92 Millionen Euro.

Kunst dreier Kontinente

Auch was Ernst gesammelt hat, hängt mit seinem Unternehmen zusammen, das nicht nur in Deutschland, sondern ebenso in den USA und Japan aktiv war. In allen drei Ländern erwarb Ernst Kunst. Genau dies macht nach Christoph Zuschlag, Professor für neuere Kunstgeschichte der Universität Bonn, die Besonderheit seiner Sammlung aus. Zunächst hatte er nur für sich selbst gesammelt. Erst als er feststellen musste, dass die eigenen Räume nicht mehr ausreichten, dachte er darüber nach, wie er seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. Zuerst beabsichtigte er, sie einem bestehenden Museum zu stiften. Doch die Depots der öffentlichen Häuser sind voll, für großformatige Werke fehlt Platz, auch in den Ausstellungsräumen. So reifte der Gedanke an ein eigenes Museum. Ernst fragte in Limburg an, wo Harmonic Drive seinen Sitz hat. Doch die Stadt lehnte ab. Wiesbaden zeigte sich zugänglicher, wollte sich jedoch vergewissern, ob die Kollektion wirklich museumsreif sei. Zuschlag bejahte, zumindest für die Hälfte der insgesamt 2000 Werke. In Alexander Klar, heute Direktor der Hamburger Kunsthalle, damals des Museums Wiesbaden gleich gegenüber, fand Ernst einen Fürsprecher. In einer Bürgerbeteiligung sprach sich die Mehrheit für das Museum aus, ebenso der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung. Das städtische Grundstück erhält Ernst nun in Erbpacht für 99 Jahre zum symbolischen Preis von einem Euro. Die Betriebskosten übernimmt seine Stiftung.

Rund 60 Werke sind in der ersten Hängung ab 23. Juni zu sehen: zumeist großformatige Arbeiten von hoher Qualität, zu denen es einiges zu erzählen gibt. Das größte Format, einen 20 Meter langen Fries von Toshimitsu Imaï, hat der Künstler ursprünglich für ein Restaurant in Nagoya angefertigt. Als das Haus abgerissen werden sollte, war Ernst der erste, der davon erfuhr. Und wohl der einzige, der willens und in der Lage war, das Werk zu retten. Imaï, 1928 in Kyoto geboren, war 1952 nach Paris gezogen, wo er sich den Tachisten anschloss. Georges Mathieu und Sam Francis lud er in sein Heimatland ein und brachte die gestisch-abstrakte Malerei so auch nach Japan. Hier liegt der Schwerpunkt von Ernsts Sammlung: große, bedeutende Werke von Künstlern wie Mathieu, Francis oder Ernst Wilhelm Nay, um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen. Wobei sich die weniger bekannten nicht zu verstecken brauchen: Judit Reigl etwa, Friedel Dzubas, Simon Hantaï oder unter den Japaner:innen Tōkō Shinoda und Yuko Nasaka. Besonders schätzt Ernst Helen Frankenthaler, die wie die meisten Künstler der New York School bei Hans Hofmann gelernt hat. Ein zweigeschossiger Raum des Museums, genannt die Kathedrale, ist ihnen gewidmet. Mit Hans Albers kommt aber auch die geometrische Abstraktion zum Zug. Ganz nach dem Motto der Eröffnungsausstellung, zugleich Ernsts Credo: Farbe ist alles!

Maßarbeit

Kunsthistorisch von erstrangiger Bedeutung, wenn sich dies auch erst spät herumgesprochen hat, war die Gutai-Gruppe: Jiro Yoshihara, der Gründer, schärfte seinen Anhängern ein, etwas zu tun, was die Welt noch nicht gesehen habe. In zwei spektakulären Freilichtausstellungen verteilte Kazuo Shiraga Farbe mit Händen und Füßen auf einen großen, auf dem Boden liegenden Papierbogen. Atsuko Tanaka trug ein Kleid aus brennenden Glühbirnen und Neonröhren. Shōzō Shimamoto schleuderte mit Farbe gefüllte Flaschen auf eine Leinwand. Die Aktionen wurden zum Ausgangspunkt handlungsbasierter Kunst auch in den USA, nachdem Alan Kaprow durch einen Bericht des Magazins Time-Life auf sie aufmerksam geworden war. Nun lässt sich Aktionskunst zwar nicht sammeln und ausstellen. Doch Shiraga und Tanaka haben auch Arbeiten auf Papier und Leinwand hinterlassen, die nun im Museum Ernst der Gruppe Zero gegenübergestellt sind, die auf andere Weise über die herkömmliche Kunst hinausging und, wie der Name besagt, wieder bei Null anfangen wollte.

Auf Malerei liegt der Schwerpunkt der Sammlung. Einzelne plastische Arbeiten setzen deutliche Akzente. Eine dreiteilige, tonnenschwere Skulptur aus rostigem Cortenstahl von Eduardo Chillida steht im offenen Innenhof. Ernst hat sie 2020 schon für das Museum erworben. Eine der Nischen, die im zweiten Obergeschoss in die glatte Außenhaut des Gebäudes einschneidet, schien dagegen wie geschaffen für einen bronzenen Kraken-Migof von Bernhard Schultze, der sich bereits in der Sammlung befand. Eine besondere Herausforderung stellte das Bronzestelen-Paar von Tony Cragg dar. Eigens für das Museum angefertigt, mussten die über sechs Meter hohen Skulpturen in eine dafür vorgesehene, zweigeschossige Nische eingebracht werden, noch bevor die Glasfront zur Wilhelmstraße geschlossen war. Rötlich-golden schimmernd, stehen sie auf schlankem Fuß: eine nicht ganz einfache Aufgabe für den Statiker.

Frank Stella, The Chase – Second Day (Moby Dick Series), 1989. Lackfarbe auf Metall, Mischtechnik, 290 x 555 x 135 cm. Museum Reinhard Ernst, VG Bild-Kunst, Bonn 2024. Foto: Van Ham Kunstauktionen, Saša Fuis Photographie, Köln.

Einen eigenen Raum, doch mit einer Glaswand zum Treppenhausflur, haben drei großformatige Wandarbeiten von Frank Stella. Plastisch und bunt, wollte der Künstler mit ihnen die Unterscheidung von Malerei und Skulptur aufheben. Und damit das Thema Moby Dick anders als abbildend bearbeiten. Vom Lichthof erhalten die drei Arbeiten viel Tageslicht. Und gegenüber, über dem Treppenaufgang, hängt eine weitere Arbeit von Stella. Der Raum war bereits eingerichtet, als Stella am 4. Mai im Alter von fast 88 Jahren verstarb. In der Decke befindet sich ein Oberlicht. Es dient, wie Ernst festhält, ausschließlich dazu, dass man bei klarem Himmel im Winterhalbjahr die Sterne sehen kann.

Ein Bau des Pritzker-Preisträgers Fumihiko Maki


Er würde in seinem Leben gern zehn Museen bauen, erklärte Fumihiko Maki, der Architekt des Museums, als er vor 40 Jahren das Nationalmuseum für moderne Kunst in Kyoto plante. Mit dem Wiesbadener Bau ist ihm dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Ernst kennt den Architekten schon lange, der 1993 als zweiter von bisher acht Japanern – und einer Japanerin – den Pritzker-Preis erhielt, den "Nobelpreis der Architektur". Mitsumasa Ito, Ernsts Partner bei Harmonic Drive, hat ihn mit dem Architekten bekannt gemacht. Und mit dem Bildhauer Iida Yoshikuni, für den das Unternehmen in dem von Maki entworfenen Gebäudekomplex Triad in Nagano neben einem Entwicklungszentrums ein Museum einrichtete. Zu einer erneuten Zusammenarbeit kam es, als die Reinhard und Sonja Ernst-Stiftung 2012 in Natori, einer vom Tsunami hart getroffenen Stadt nördlich des Katastrophenreaktors von Fukushima, ein Haus der Hoffnung als Begegnungsstätte für Kinder und alte Menschen erbaute, das Maki pro bono entwarf. Für das Museum Reinhard Ernst war Maki die erste Wahl.

Die Wertschätzung beruhte auf Gegenseitigkeit. Wie Maki hervorhebt, "fällt dieses besondere Bauvorhaben durch die außergewöhnliche Rolle auf, die der Bauherr im architektonischen Entwurfsprozess eingenommen hat – eine Seltenheit." Ernst beschreibt die Zusammenarbeit so: "Alle zwei, drei Monate haben wir uns getroffen und jedes Detail durchgesprochen." Warum ist der Raum mit dem Moby-Dick-Zyklus von Frank Stella mit einer Glaswand geschlossen?, fragt der Museumsgründer. Er hätte auch offen bleiben können. Die Antwort: Hier befindet sich ein Brandabschnitt. Das Glas ist feuerfest, die Werke erhalten trotzdem Tageslicht. "Fassen Sie mal hier hin": Ernst weist auf die weiße Wand. Sie fühlt sich an wie Samt. "Ein Faser- oder Akustikputz", erklärt er. Und tatsächlich: es hallt nicht in den hohen Räumen mit ihren glatten Wänden. Ein heller Terrazzoboden ist von einer Firma im Erzgebirge hergestellt. Ein gebeiztes Parkett in anderen Räumen besteht aus bis zu 7 Meter langen, 28 cm breiten Eichenbohlen.

Das Museum Reinhard Ernst setzt einen klaren Kontrast zu seiner Umgebung: Weiße, kubische Flächen statt Sandstein-Ornamentik. Doch zugleich reagiert der Bau äußerst sensibel auf seine Nachbarschaft. Höhe und Ausmaße entsprechen anderen Bauten wie dem Museum Wiesbaden gegenüber. Die große Glaswand zur Wilhelmstraße ist genau auf die zwei gegenüber gelegenen Altbauten ausgerichtet. Auf den ersten Blick wirken die glatten weißen Wände sehr geschlossen, in sich gekehrt. Doch bei näherer Betrachtung sind Innen und Außen keine Gegensätze, sie ergänzen sich wechselseitig. Eine sehr japanische, relationale Ästhetik, die im Lichthof, mit einem 65 Jahre alten japanischen Zierahorn, der aussieht, als stünde er schon immer da, die Landschaft ins Haus hinein holt und zugleich von den Fluren und Innenräumen aus den Blick nach außen richtet. Bis in die Sterne.

Der Bau ist nun zum Vermächtnis von Fumihiko Maki geworden, der am 6. Juni im Alter von 95 Jahren verstarb. Da stand schon längst fest, dass ihm auch die erste Sonderausstellung gewidmet sein sollte. Sie zeigt Modelle seiner Museen und weiterer wichtiger Bauten wie die Towers 4 an der Stelle des World Trade Center in New York, aber auch das Haus der Hoffnung in Natori.


www.museum-re.de