Ivana de Vivanco, Wie klingt das Weinen einer Schlange?, 2025. Filmstill. © Ivana de Vivanco.

Zwischen Widerstand und Verletzlichkeit

Zwei Ausstellungen über Macht, Identität und neue Narrative in der Villa Merkel in Esslingen, 8. März bis 7. Juni

Mit der Doppeleröffnung am 7. März 2026 präsentiert die Villa Merkel zwei Ausstellungen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Fragen von Macht, Identität und gesellschaftlicher Zuschreibung auseinandersetzen. Unter dem Titel "Wie klingt das Weinen einer Schlange?" zeigt die chilenisch-peruanische Künstlerin Ivana de Vivanco eine umfassende Einzelausstellung. Parallel dazu widmet sich "Anti Heroes" Positionen aus der Sammlung von Lukas Jakob sowie einer eigenständigen Werkgruppe von Grischa Hyazinth Kaczmarek.

Wie klingt das Weinen einer Schlange?

Ivana de Vivanco verbindet in ihrer künstlerischen Praxis Malerei, Installation, Skulptur, Video und performative Elemente. Im Zentrum der Ausstellung steht die Figur der Schlange, die in unterschiedlichen kulturellen Kontexten als Wissensfigur, als Hüterin oder als ambivalentes Machtzeichen erscheint. In de Vivancos Arbeiten wird sie zur Personifikation der Wüste, zur mythologischen Instanz und zugleich zur politischen Metapher.

Ausgangspunkt ist die Atacama-Wüste in Chile, eine Region, die durch den global steigenden Bedarf an Lithium stark verändert wird. Lithium ist ein zentraler Rohstoff für Batterien und damit für die Energiewende – seine Förderung bringt jedoch massive ökologische und soziale Folgen mit sich. De Vivanco nähert sich diesem Spannungsfeld aus einer poetisch-symbolischen Perspektive. In Form eines hybriden Wesens erscheint die Schlange als machtvolle, allgegenwärtige Präsenz.

Die Ausstellung verknüpft indigenes Wissen mit westlichen Bildtraditionen und stellt tradierte historische Deutungsmuster infrage. Dabei entsteht ein vielschichtiges Geflecht aus Mythen, kolonialer Geschichte, Ressourcenausbeutung und weiblicher Selbstermächtigung. Eine neu produzierte Videoarbeit aus Chile wird in Esslingen erstmals öffentlich präsentiert und erweitert die malerischen und installativen Arbeiten um eine filmische Dimension.

De Vivancos Werk zeichnet sich durch eine bewusste Hybridität aus – formal wie inhaltlich. Traditionelle Symbolik trifft auf zeitgenössische Bildsprache, spirituelle Narrative auf aktuelle politische Fragen. Die Ausstellung eröffnet einen Raum, in dem Geschichte nicht als abgeschlossene Erzählung erscheint, sondern als verhandelbarer, gegenwärtiger Prozess.

Anti Heroes

"Anti Heroes" verbindet die Sammlung von Lukas Jakob mit einer eigenständigen Werkgruppe von Grischa Hyazinth Kaczmarek. Lukas Jakob begann bereits früh zeitgenössische Kunst zu sammeln. Sein Interesse gilt insbesondere Arbeiten, die Ambivalenz, Verletzlichkeit und Unsicherheit thematisieren – Eigenschaften, die klassischen Heldenbildern entgegenstehen.

Im Zentrum stehen Figuren, die sich gängigen Zuschreibungen entziehen. Stärke und Schwäche treten nebeneinander auf, Identität erscheint nicht als festes Konstrukt, sondern als wandelbar und performativ. Die Ausstellung fragt, welche Bilder von Männlichkeit, Erfolg oder Selbstbehauptung heute noch tragfähig sind – und welche neuen Narrative an ihre Stelle treten.

In zwei Räumen präsentiert Grischa Hyazinth Kaczmarek eine eigenständige Werkgruppe. Seine Arbeiten greifen Motive aus Alltags- und Popkultur auf und untersuchen, wie Oberflächen gelesen, bewertet und mit Bedeutung aufgeladen werden. Dabei entstehen Skulpturen und Installationen, die vertraute Formen aufgreifen und zugleich irritieren. Kaczmarek war 2025 Stipendiat des Programms "Esslinger Bahnwärter" und setzt sich in seinen Arbeiten intensiv mit postheroischen Rollenbildern auseinander.

"Anti Heroes" versteht sich nicht als Abgesang auf das Heroische, sondern als Einladung zur Neubewertung. Die Ausstellung zeigt, dass Ambivalenz und Fragilität produktive Kräfte sein können – und dass gerade im Zweifel ein zeitgemäßes Selbstverständnis liegt.

Zwei Perspektiven – ein Dialog

Beide Ausstellungen verbinden unterschiedliche künstlerische Ansätze mit einer gemeinsamen Fragestellung: Wie entstehen Bilder von Macht und Identität, und wer bestimmt ihre Deutung? Während Ivana de Vivanco historische und ökologische Zusammenhänge in mythische Bildwelten überführt, untersucht "Anti Heroes" zeitgenössische Selbstbilder jenseits klassischer Heldenerzählungen.

Gemeinsam eröffnen die beiden Ausstellungen einen Dialog über globale Verflechtungen, kulturelle Zuschreibungen und neue Formen der Sichtbarkeit. Sie laden dazu ein, vertraute Narrative zu hinterfragen – und andere Perspektiven einzunehmen.


Zur Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen: Ausstellungen, 8. März bis 6. Juni