Privataufnahme, leicht unscharf, Teil des Projektes: Omar Victor Diop und Lee Shulman, 2023, 47, The Anonymous Project presents Being There. Pigmentdruck, 30 × 43 cm. Deutsche Börse Photography Foundation. VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Courtesy MAGNIN-A Gallery, Paris.

Der perfide Positivismus von Gruppenbildern

Im Gespräch mit Linda Conze, Leiterin der Sammlungen Fotografie und Zeitbasierte Medien im Kunstpalast, Düsseldorf.

Luftschlangen – drapiert hängen sie im Raum und über die Schultern von festlich gekleideten Frauen und Männer, die aufgereiht auf Sofa, Sessel und am Boden eines Wohnzimmers sitzen. Ihre Köpfe sind mit Partyhüten verziert, manche von ihnen halten Sektgläser, im Hintergrund steht ein mit Lametta geschmückter Christbaum. Vermutlich wird mit ihrer Zusammenkunft ein neues Jahr eingeleitet.

Die Fotografie ist Teil einer Reihe, die der Filmemacher Lee Shulman und der Künstler Omar Victor Diop unter dem Titel The Anonymous Project: Being There im Jahr 2017 begonnen haben. Shulmans Bildsammlung von unbekannten Amateurfotograf:innen, die oftmals Feiern der weißen, US-amerikanischen Mittelschicht abbilden, nahm Diop in der Zusammenarbeit zum Anlass, sich nachträglich selbst auf die in den Fotos festgehaltenen Feste "einzuladen" und durch Manipulation Teil der Gesellschaften zu werden. So sitzt Diop in der zu Beginn beschriebenen Szene in oberster Reihe im Anzug und mit einem Glas Orangensaft in der Hand als einziger Schwarzer inmitten der weißen Festgesellschaft – und lächelt wie sie breit in die Kamera.

Für Linda Conze, Kuratorin und Leiterin der Sammlungen Fotografie und Zeitbasierte Medien am Düsseldorfer Kunstpalast, ist dieses Bild Beispiel dafür, wie Fotografien von Festen und Gemeinschaften verschweigen, wer nicht Teil eines Bildes ist. Und es ist der Schnittpunkt zwischen der aktuell im Kunstpalast von Linda Conze zusammen mit Miriam Homer kuratierten Schau Community. Fotografie und Gemeinschaft und Conzes Buch Die Fotografie und das Fest, das vor fast einem Jahr bei Wallstein erschienen ist.

In dieser rund 300 Seiten umfassenden Publikation geht Linda Conze am Beispiel von Festfotografien aus privaten und öffentlichen Lebenswelten in Weimarer Republik und Nationalsozialismus der Frage nach, welche Kontinuitäten in der fotografischen Praxis und Bildpublizistik im Verlauf dieser Übergangszeit von Demokratie zu Diktatur auszumachen sind. Im Epilog des Buches schlägt sie durch das Heranziehen des Bildes von Shulman und Diop eine Brücke in die Gegenwart und führt vor Augen, wie in Festfotos auch heute noch "Exklusion aus dem Blick der Kamera gerät". Die Ausstellung im Kunstpalast rückt daran anschließend in den Fokus, in wie vielen verschiedenen Formen zwischen Kunst, Publizistik, Propaganda oder Werbung fotografische Bilder durch die Zeit hindurch Gemeinschaft stiften, sie infrage stellen oder vollständig neu entwerfen. Zusammen liefern Ausstellung und Buch den Anlass für das folgende Gespräch mit der Autorin und Kuratorin.

Christina Irrgang: Linda, als ich inmitten des Lesens Deines Buches war, in dem erstmals erforscht wird, wie die Praxis des Fotografierens bei Festen in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus "Einschluss zelebriert und Ausschluss unsichtbar macht", erfuhr ich von der von Dir verantworteten Ausstellung Community. Fotografie und Gemeinschaft im Kunstpalast Düsseldorf. Wie wurde die Publikation ein Anstoß für die Ausstellung?

Linda Conze: In meinem Buch, in dem ich das Verhältnis von Fotografie und Gemeinschaft in Bezug zum Nationalsozialismus betrachte, gehe ich der Frage nach, wie sich in dieser Zeit die Alltagsfotografie entwickelt hat, wie sie sich an die Ideologie der "neuen" nationalsozialistischen Gemeinschaft anpasste oder sie adaptierte. Während der Arbeit an dem Buch wurde mir zunehmend bewusst, dass diese Frage eigentlich eine grundlegende ist, die bis in die Gegenwart reicht und dass es sich lohnen könnte, sie in einer Ausstellung aufzugreifen und breiter anzulegen. Motiviert hat mich unter anderem das Projekt Being There von Lee Shulman und Omar Victor Diop. Während es in den Privatfotos aus der NS-Zeit, die ich in meinem Buch betrachte, viel darum geht, welche Menschen dazugehören, aber wenig darum, wer fehlt, greifen in Being There An- und Abwesenheit ineinander. Diese Arbeit ist daher ein zentrales Werk in unserer Schau.

Christina Irrgang: Die Ausstellung ist in neun Kapitel gegliedert. Was hat Dich und Miriam Homer zu diesen Kapiteln mit Überschriften wie "Das sind wir! Gemeinschaft zur Schau stellen", "Wer gehört dazu? An Gemeinschaft herumbasteln" oder "Zu eng: Gemeinschaft als Zumutung" geführt?

Linda Conze: Uns war wichtig, Fotografie nicht nur als Medium zu thematisieren, das Gemeinschaft zeigt und repräsentiert, sondern darzustellen, dass die Praxis des Fotografierens selbst einen großen Einfluss darauf nimmt, wie sich das Soziale formiert. Wir wollten außerdem vergegenwärtigen, dass Gemeinschaft nicht nur ein positiv codierter Begriff ist. Wir beziehen deshalb bewusst Arbeiten in die Ausstellung ein die zeigen, dass Gemeinschaft auch Anstrengung bedeuten kann.

Christina Irrgang: Das wird deutlich sichtbar durch die räumliche Enge, in der sich die Personen in der Fotoserie Menschen im Fahrstuhl von Heinrich Riebesehl (1969) befinden. Auch gleich zu Beginn der Ausstellung mit der Videoprojektion Leistungsmannschaft des SV Rhenania, Schwimmverein Köln (2024) von Juliane Herrmann: Beim Betrachten der Schwimmer:innen, die beim Aufstellen fürs Gruppenfoto gefilmt wurden, rücken Teamdenken, Wettbewerb sowie Ein- und Ausschluss stark ins Bewusstsein – die Vereinsmitgliedschaft oder eben die Nichtaufnahme in einen solchen durch exklusive Gruppenbildung. Was war ausschlaggebend, diese Arbeit der Ausstellung voranzustellen?

Linda Conze: Die Programmatik des Kunstpalastes ist es, an die Lebenswelt der Menschen anzuknüpfen. Mir war in diesem Zusammenhang wichtig zu zeigen, dass fotografische Bildformeln in Bezug auf Gemeinschaft immer flexibler werden. So haben wir gegenüber von Juliane Herrmanns Projektion zum Beispiel ein Bild aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gehängt. Es ist eines der frühsten Werke unserer fotografischen Sammlung: ein Gruppenporträt, das im Studio aufgenommen wurde und auf dem die Menschen sehr starr posieren. Die Gegenüberstellung mit dem Gruppenbild der Schwimmer:innen bildet aus meiner Sicht einen wichtigen Auftakt um darüber nachzudenken, wie extrem sich die Vorstellungen von Gemeinschaft in den letzten einhundert Jahren ausdifferenziert haben. Heute ist es selbstverständlich geworden, zu zahlreichen Gemeinschaften gleichzeitig zu gehören. In der Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden diese vor allem aus der Familie oder der Religionsgemeinschaft. Durch die Fotografie aber die eigene Zugehörigkeit zeigen zu können, ist etwas, das seit dem Entstehen des Mediums praktiziert wurde – ob in gerahmten Porträts, arrangiert in Alben oder in den Sozialen Medien. Wir sind mittlerweile mit Menschen verbunden, mit denen wir nicht mehr einen physischen Raum, wohl aber Bilder teilen. Dabei ist das Teilen von Bildern für die Gemeinschaftsstiftung mindestens so wichtig geworden, wie auf den Bildern zu erscheinen. Kommunikation verändert sich durch Medien und Medien verändern sich, weil es einen Bedarf nach neuen Formen der Kommunikation gibt.

Christina Irrgang: Das Ausstellungskapitel "Ein Dorf: Gemeinschaft begleiten" beginnt mit einer Bildreihe von Ludwig Schirmer, der in den 1950er-Jahren die landwirtschaftlich geprägte Dorfgemeinschaft in Berka in Thüringen fotografierte. Schirmer ist der Vater der Fotografin Ute Mahler. 1977 entschied sich ihr Mann Werner Mahler, in Reaktion auf Schirmers Bilder eine Reihe sozialdokumentarischer Fotografie dort anzufertigen. 1998 kehrte Werner Mahler zurück, um eine Bildreportage für den Stern umzusetzen – die Nachwendebilder blieben aber zunächst unveröffentlicht. 2020 fertigte Ute Mahler Porträts im nun vereinsamten öffentlichen Raum in Berka an; sie zeigen was passiert, wenn Gemeinschaft verschwindet. In welcher Weise vergegenwärtigen diese vier Reihen, die im Kunstpalast zusammen in einem Raum gezeigt werden, das Bildermachen als Konstante?

Linda Conze: An dem Mahler-Projekt finde ich so beeindruckend und wichtig, dass es historische und politische Spezifika transportiert, aber zugleich universal wirkt. Darin bilden sich über die verschiedenen Jahrzehnte und die politischen Systeme etwa wiederkehrende Rituale ab, wie der Karnevals- oder Faschingsumzug, das Schlachtfest oder die Jugendweihe. Diese Rituale wurden in einer Weise fotografiert, in der sich eingeübte Routinen der Lebenspraxis der Abgebildeten spiegeln und die ihr Miteinander strukturieren. Auch Menschen, die in westdeutschen Dörfern aufgewachsen sind, können sich mit den Bildern aus Berka identifizieren.
Der Wegfall des öffentlichen Raums als Ort der Versammlung, wie dann in Ute Mahlers Fotografien deutlich wird, ist ein Phänomen, das sich in den letzten Jahren umfassender beobachten lässt. So schließen wir in dem darauffolgenden Kapitel "Wo begegnen wir uns? Gemeinschaft in Wartestellung" mit der Arbeit Too Real (2022) von Andreas Langfeld an, mit welcher der Künstler öffentliche Plätze in Düsseldorf während der Corona-Pandemie festgehalten hat: menschenleere Plätze, die von Absperrungen und Markierungen gezeichnet sind. Mittlerweile sind wir hauptsächlich durch das Internet mit Menschen "connected", mit denen wir nicht mehr den gleichen physischen Raum teilen. Die Pandemie hat aber gezeigt, wie elementar wichtig physischer Kontakt ist, und dass sich das eine nicht im anderen auflöst.

Christina Irrgang: In Deinem Vorwort zum ausstellungsbegleitenden Katalog schreibst Du: "Menschen brauchen Bilder, um sich ihrer Zugehörigkeit zu vergewissern und sie anderen vor Augen zu führen." Auf die Fotografie als Medium der Vergewisserung verweist Du auch in Deinem Buch. Ist diese Vergewisserung entscheidend für gesellschaftliche Teilhabe?

Linda Conze: Ein Ausgangsgedanke der Ausstellung und des Buches ist, dass Gemeinschaft zunächst etwas Unsichtbares ist: Sie ist flüchtig, ein Gefühl, ein Wunsch, eine Sehnsucht oder aber ein politisches Versprechen. Eine These der Ausstellung ist: Weil Gemeinschaft so ungegenständlich ist, braucht sie Bilder, um Bindungskräfte zu entfalten – um diese Vergewisserung, die Du erwähnt hast, materiell werden zu lassen. Und ich denke, dass dieser Bedarf der Vergewisserung in Verbindung mit der medientechnischen Entwicklung steht. Wolfgang Kemp hat bereits darauf verwiesen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die aus verschiedenen politischen Lagern hervorgegangene Notwendigkeit, Massen darzustellen, die Entwicklung der Fotografie angekurbelt hat.

Christina Irrgang: In der Ausstellung wird das, was Du beschreibst, durch zahlreiche Archivmaterialien oder Printmedien des frühen 20. Jahrhunderts deutlich. In Fotografien markierte Ausschnitte zur Vergrößerung in der Presse, abgerissene Personen auf Privatbildern oder konzeptuelle Kunstwerke wie jenes von Alfredo Jaar, in dem farbige Punkte auf die ungleiche Repräsentation von schwarzen und weißen Menschen in der amerikanischen Presseberichterstattung rund um den Trauerzug bei der Beerdigung Martin Luther Kings Jr. verweisen: In der Schau entsteht Raum, um über die Ambivalenz des Vergemeinschaftenden zu reflektieren.

Linda Conze: Ja, an vielen Stellen verweisen wir auch auf den spaltenden Aspekt, der Fotografie und Gemeinschaft begleitet. Gleichzeitig machen wir deutlich, wie etwa die Wahl des Bildausschnitts dem Herstellen von Beziehungen dient: In der Serie Three People on the Phone (2007) von Viktoria Binschtok ziehen die Fotografien einen Rahmen um Personen, die zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren, und fassen diese dadurch als temporäre Gemeinschaften. Das Black Archive Germany von Cate Lartey wiederum bündelt persönliche Fotografien afrikanischer Diaspora-Communities in Deutschland. Die Künstlerin schafft damit eine Plattform für kollektives Erinnern.

Christina Irrgang: Gemeinschaft, so verdeutlichst Du in Deinem Buch und in dieser Ausstellung, bezieht sich nicht nur auf das fotografische Bild selbst, sondern umfasst ein Bildhandeln. Wodurch kennzeichnet sich dieses?

Linda Conze: Was passiert, bevor der Auslöser gedrückt wird, und was passiert danach? Diese beiden Momente, Zeiten und Handlungskonfigurationen sind wichtig um zu verstehen, was die Einflussnahme des Mediums Fotografie ist. Diese Reihe an Praktiken ist genauso bedeutend wie das Bild selbst.

Christina Irrgang: Welcher Aspekt ist Dir in der Ausstellung besonders wichtig?

Linda Conze: Da komme ich zurück auf die Arbeit von Lee Shulman und Omar Victor Diop: es ist dieser perfide Positivismus von Gruppenbildern, dessen Vergegenwärtigung ich besonders wichtig finde. Das Gruppenbild präsentiert sich als stille Tatsache, die scheinbar keine Fragen offenlässt. Wenn man sich aber bewusst macht, dass es immer verschweigt, wer fehlt, dann wird es ein unglaublich wirkmächtiges Bildgenre.


Ausstellung Community, Fotografie und Gemeinschaft, 11. Februar – 25. Mai 2026. Kuratiert von Linda Conze und Miriam Homer. Kunstpalast, Düsseldorf.

Linda Marie Conze, Die Fotografie und das Fest - Zur medialen Herstellung von Gemeinschaft zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus, 2025. Reihe Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte, Bd. 10. Erschienen 2025 im Wallstein-Verlag, Göttingen.