Dörte Eißfeldts experimentelle Fotografie und ihre Ausstellung Archipelago bei C/O Berlin.
Möbiusbänder – auf ihnen sichtbar ist das Meer. Zu Schaum aufgewirbeltes Wasser, ineinander brandende Wellen, Gischt am Küstensaum. In den frühen 1990er-Jahren hat die Künstlerin Dörte Eißfeldt die analogen Abzüge ihrer Schwarz-Weiß-Fotografien vom Meer in Streifen geschnitten und in Schleifen gelegt. Fotostreifen, an den Enden einfach gedreht, so dass sie sich zu einer unendlichen Betrachtung der Wellen verdichten. Im Wechsel von Oben und Unten zeigen sie die Unmöglichkeit von nur einer Perspektive, aus der das fotografische Bild zu betrachten ist – der Prozess des Sehens ist fließend.
Eißfeldts Möbiusbänder, deren Motive entsprechend des gewählten Bildausschnitts variieren, liegen als plastische Körper in einer von acht Vitrinen. Die frei im Raum arrangierten Schaukästen mit Bildsammlungen, Objekten und Arbeitsheften aus dem Archiv der Künstlerin bilden den Kern von Dörte Eißfeldts Ausstellung Archipelago bei C/O Berlin. Sie wirken wie ein schwimmendes Inselmeer, um das herum sich Eißfeldts analoge Großformate, kleinere Bildgruppen und Sequenzen in der von Boaz Levin kuratierten Schau entfalten. Die Ausstellung Archipelago
würdigt das vielschichtige Werk der Vertreterin der experimentellen Fotografie, die das Medium mit Verfahren wie Mehrfachbelichtung, Bildmontagen oder der Umkehrung von Positiv und Negativ von analoger zu digitaler Fotografie immer wieder aufs Neue befragt.
Vom Fotobuch zurück zum Ausstellen
"Ich wollte gar nicht mehr ausstellen", erzählt die 1950 in Hamburg geborene Dörte Eißfeldt, als wir uns zum gemeinsamen Ausstellungsrundgang bei C/O Berlin treffen. Denn nachdem die Künstlerin 2016 ihre langjährige Lehrtätigkeit als Professorin für Freie Kunst mit Schwerpunkt Fotografie an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste beendete, widmete sie sich ihrem Archiv. Mit viel Zeit begann sie die in Mappen und Schränken gelagerten Bilder und Skizzenhefte aus nahezu fünf Jahrzehnten ihres künstlerischen Schaffens zu sichten, Bilder anzusehen. Manche von ihnen brachte sie an einer großflächigen Arbeitswand in einen Dialog zueinander, um sie neu zu bewerteten, zu zerschneiden oder Konstellationen mit bestehenden Werken sowie im Atelier vorhandenen Materialien wie Papier, Glas oder Fundobjekten zu bilden. Der Plan der in Hamburg und im mecklenburgischen Neuenkirchen lebenden Eißfeldt war, fortan nur noch Fotobücher zu machen: ihrer experimentellen Fotografie im Format des Buches eine Echokammer zu geben. Das gelang ihr mit dem 2024 im Distanz-Verlag erschienenen Buch Stehen Liegen Hängen, das einzig aus Aufnahmen besteht, die Eißfeldt mit ihrem Mobiltelefon von zufälligen und arrangierten Bildsituationen in ihrem Studio machte. Es zeigt, wie Eißfeldt ihr Archiv als ein lebendiges Archiv, und Fotografie nicht einzig als Bildträger, sondern als stofflichen Körper im Raum, als eine Kategorie des Denkens begreift. Die Publikation, die mittlerweile vergriffen ist, brachte einen Stein ins Rollen – und neue Räume des Ausstellens.

Gemeinsam mit der Künstlerin Karø Goldt zeigte Dörte Eißfeldt Arbeiten im Hamburger Künstlerhaus Frise, wo auch ihr Buch vorgestellt wurde. 2025, als Eißfeldt an ihrer ersten Schau für die Berliner Galerie Thomas Fischer arbeitete, erhielt sie einen Anruf aus Grönland: "Eisberge und Nordlichter", sagt Eißfeldt, "ein alter Traum von mir. Den Wunsch, diese zu erleben, hatte ich gerade ad acta gelegt. Und dann kam das Angebot, meine Bilder im Illulissat Kunstmuseum auszustellen." Beide Ausstellungen fanden gleichzeitig statt – und in Paris wurde ihr für ihr fotografisches Gesamtwerk der Prix Viviane Esders verliehen. Da war ihre Einzelschau bei C/O Berlin bereits in Vorbereitung. "Der Kurator Boaz Levin stellte sich vor, dass das Studiomoment, wie es sich in meinem Buch vermittelt, als Ausstellung erfahrbar werden könnte." Zugleich plante Thomas Fischer eine weitere Schau mit Eißfeldts Arbeiten in seiner Galerie, die er parallel zu jener bei C/O Berlin ansetzte: Conil, benannt nach den Seestücken, die Eißfeldt vor einigen Jahren inmitten des Atlantiks aufnahm. "Ich hatte auf einmal so viele Möglichkeiten, meine Arbeiten je nach Kontext zu platzieren". Sie ergänzt mit einem Lächeln: "Ich konnte wirklich aus dem Vollen schöpfen."
Gold schimmerndes Drachenblut
Die bei C/O Berlin im Obergeschoss präsentierte Ausstellung beginnt mit einem Selbstporträt, das Dörte Eißfeldt 1988 von sich aufnahm: Ihr Körper zeichnet sich schemenhaft ab, ihre Hände rahmen einen Lichtfleck, Strukturen im Hintergrund lassen einen Innenraum erkennen. Eißfeldt fotografierte sich als Spiegelung in einer ihrer Fotografien in ihrem damaligen Atelier. Das Motiv, gegenüber dem sie sich positionierte und auf das sie durch die Gesten ihrer Hände reagierte, rahmt auch diese Ausstellung. Denn es findet sich wiederkehrend in der sich über drei Kabinette erstreckenden Schau sowie ganz an ihrem Ende als genau das gerahmte Bild, in dem sie sich spiegelte.

Eißfeldt war wichtig, bei C/O Berlin das Bild Drachenblut II zu zeigen, das zuvorderst im ersten Ausstellungsraum als großformatiger Abzug ohne Rahmen hängt. Bereits 1989 hatte Dörte Eißfeldt dieses Bild mit zwei Schwarz-Weiß-Negativen übereinander ausbelichtet: Lichtschatten-Reflexionen von Bäumen, die sich auf einem Weg abzeichnen, verschmelzen darin mit dem fleckigen Fell eines Tieres. Durch ihr spezielles Entwicklungsverfahren, bei dem der Silbergelatineabzug golden schimmert, verfügt das Bild über eine besondere Patina, auf der kleinste Lichtreflexionen zum Teil des Bildraumes werden. In dieser Zeit, als Eißfeldt das Bild in mehreren Abzügen ausbelichtete, entschied sie sich für eine Serie, die sie Drachenblut I nannte. Als ihr bei ihrer Archivdurchsicht 2023 das jetzt bei C/O Berlin und zuvor in der Hamburger Frise gezeigte Bild begegnete, entschied sie sich jedoch für diesen Abzug, der mittlerweile von Knicken und Ecken gesäumt wird – und zerstörte die vorherige Variante.
Der Prozess der Interpretation und Aktualisierung von Fotografien, aus dem so auch die Arbeit Möbiusband entstanden ist, findet sich in ihrem Werk beständig als Methode. Dörte Eißfeldt unterzieht das Abbildbare einer permanenten Revision. Zum Beispiel im vielfachen Ausbelichten von ein und demselben Negativ und Interpretieren der Bilder beim Abziehen in der Dunkelkammer, wie es die Künstlerin 1988 mit ihrer Arbeit Schneeball vornahm, die in 32 Bildern ebenso viele unterschiedliche Bildvarianten des Motivs hervorbringt. Zu zeigen, dass die Fotografie einen Körper hat, den sie ihrerseits – durch Licht, Wasser, chemische Reaktion oder Papier – zeigt, wie Eißfeldt 1992 in dem Text Der Körper der Fotografie beschrieb, ist noch immer ein Anliegen in ihrem Werk. Und so ist der Text im ausstellungsbegleitenden C/O-Berlin-Magazin erneut veröffentlicht worden.
Das Verhältnis zwischen Bild und Raum denkt Dörte Eißfeldt beim Ausstellen stets mit. Es gibt Bilder, wie Drachenblut II, die nur mit Magneten an die Wand gebracht werden. Oder solche wie die Aufnahme eines Messers, bei der sich die Form des Bildes an die Gestalt der Glasscheibe anzugleichen scheint, die einzig mit Nägeln an der Wand befestigt ist. Die Präsentationsweisen stehen in Beziehung zu den Motiven, (zugeschnittenen) Formaten und Texturen ihrer Bilder – und dadurch entfalten sich Eißfeldts Fotografien als Körper. So hängen äußerst dunkel ausbelichtete, ja kaum mehr sichtbare Porträts von Frauen mit geschlossenen Augen, die Eißfeldt 1990 aufnahm und die in tiefen Stahlrahmen zu sehen sind, nahezu an der Oberkante einer der Wände. Sie führen den Blick der sie Betrachtenden in die Höhe, wo die Köpfe der Abgelichteten still ruhen.


Ihnen gegenüber differenziert sich eine Werkserie schwarmartig aus: Fotografien, die Eißfeldt 1988 aus einem Gebäude nahe der Dessauer Straße in Berlin aufnahm. Der Blick auf die städtische Landschaft wird jedoch stets von ihrer Hand verdeckt, die sich als schwarzer, leicht unscharfer Schatten in den Bildausschnitt schiebt. Nur an den Rändern der Fotos zeichnen sich Häuser ab; der Gropiusbau lässt sich erkennen, und die Berliner Mauer. Bei C/O Berlin hängt die Serie gleich neben einem großen, getönten Fenster mit Blick auf den Bahnhof Zoo und man ist selbst versucht, zum Stadtbild durch die eigene Hand einen visuellen Kontakt herzustellen. "Diese Bilder habe ich erst kurz nachdem Boaz Levin mich im Atelier besuchte wiederentdeckt. Es vergeht eigentlich kein Monat, in dem ich keine Entdeckung mache. Ich suche etwas, und plötzlich fällt mir etwas anderes in die Hände."
Ein Archipel aus Bildern
Acht Vitrinen, die auf unterschiedlichen Höhen aneinander anschließen, sich teilweise überlagern und gegenüberstehen, bilden das Zentrum in der Ausstellung und verweisen auf den Kern und die Breite von Dörte Eißfeldts Schaffen. Denn in ihnen versammelt sind Hefte, Skizzenbücher, Kontaktbögen, Leporellos, Editionen, fotografische Objekte und aufgehobene Gegenstände aus der gesamten Zeitspanne ihres fotografischen Arbeitens, von Ende der 1970er-Jahre bis heute. Eißfeldt, die von 1970 bis 1976 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studierte und sich zunächst mit Malerei und Film befasste, entwickelte ihre medienreflexive fotografische Praxis als Autodidaktin. Ideen für Bilder, die sich im Lebensalltag nicht immer sogleich umsetzen ließen, hielt sie – von Tag zu Tag oder auf Reisen – in Heften fest, die sie als fortlaufende Serien anlegte. Eine Heftfolge zum Beispiel nannte sie Fetzenhefte, in der sie zerschnittene Fotografien assemblierte und eine Arbeitsweise entwickelte, die auf dem Fragment basiert. Das war in den frühen 1980er-Jahren. Sie zeigte diese Hefte mit Montagen zuletzt 1985 im Kunstverein Pforzheim. "Die bei C/O Berlin in den Vitrinen ausgestellten Dinge sind das Herz meiner Arbeit – und ihre Präsentationsweise entspricht meiner Arbeit", sagt Eißfeldt.
Denn ausgelegt hat die Künstlerin die Vitrinen mit lichtempfindlichem Orwo-Papier, das an all jenen Stellen, auf denen keine Exponate arrangiert worden sind, von seinem ursprünglichen Rosaton zu einem Violett-Grau-Braunton nachgedunkelt ist. Das wird an einer Stelle in den Vitrinen sichtbar, wo eines der Objekte leicht verrückt ist. Ursprünglich verfügte Eißfeldt selbst über eine umfangreiche Sammlung von Vintage-Fotopapieren, die sie im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit dem Archiv aber zu verschenken begann. Die hier nun verwendete Fotorolle erhielt sie vom Berliner Lette Verein und sie gehörte ehemals zu den Beständen von Sibylle Bergemann und Arno Fischer.


Eißfeldts Auseinandersetzung mit Papier wird in weiteren, das Vitrinen-Archipel an den Wänden begleitenden Arbeiten zum Gegenstand. Die Bildreihe Afga Brovira (2009/2015) zeigt mittlerweile rund 100 Jahre altes Fotopapier, das Eißfeldt als Haufen übereinanderlegte und digital fotografierte. Die Papiere nutze sie nochmals in einer weiteren Reihe, Vera Ikon (2011), in welcher die Künstlerin ein Fotogramm von jedem einzelnen Blatt anfertigte. Beide Reihen sind erstmals zusammen in Archipelago ausgestellt; sie werden ergänzt um die Fotopapiere, die als Objekte in einer der Vitrinen zu sehen sind. "Diese Arbeiten bilden in meinem Werk ein Scharnier zwischen analoger und digitaler Fotografie", erklärt Eißfeldt.
Das zeigt sich etwa auch in ihrer Bildfolge Tageslicht (2017/2025). Hierfür arrangierte sie Papierfetzen auf nicht entwickelten Fotopapieren bei Tageslicht und scannte die so entstandenen Fotogramme ein, welche sie anschließend mit Bildbearbeitungsprogrammen digital überarbeitete. Diese Arbeiten finden sich gegenüber einer Reihe von vier großformatigen Analogfotografien von einem weiblichen Rücken ganz am Ende der Ausstellung, die nicht als Parcours angelegt ist, "sondern durch die man wieder zurückgeht, um dadurch nochmals eine andere Perspektive auf die Bilder einzunehmen", wie Dörte Eißfeldt vorschlägt.
"Kleine Favoriten"
Und ja: Beim Flanieren zurück, gewinnen die frei zueinander an der Wand arrangierten mittel- und kleinformatigen Fotografien, welche das Vitrinen-Archipel begleiten, eine andere Gewichtung. Denn nach dem intensiven Betrachten von Dörte Eißfeldts Fotografien, in denen Werk und Fotogeschichte bis aufs Engste ineinander verzahnt sind, wirken die Einzelbilder und losen Bildfolgen, aus denen die meisten ihrem Konvolut "Kleine Favoriten" angehören, wie ein freier Blick auf den Ozean. Fragmente von Körpern tauchen in ihnen auf: ein glänzendes Auge, die Silhouette eines Kopfes, zwei sich bewegende Beine auf einer regennassen Straße. Eine Reihe zeigt die sich im Wasser spiegelnde Sonne, ein Bildpaar das aufschäumende Meer, Eißfeldts Schneeball ruht auf einer Handfläche. "Ich habe versucht, die Bilder in meiner Ausstellung so zu komponieren, dass ein Geflecht entsteht, in dem jedes Bild mit einem anderen oder mehreren spielt oder einen Dialog aufnimmt", sagt sie. Dabei entstehen visuelle Begegnungen, die wie Eißfeldts Möbiusband ihre fotografischen Bildmomente und selbst Erlebtes heimlich ineinanderfließen lassen. "In meiner Arbeit reagiere ich immer auf etwas, das da ist", sagt sie abschließend und bemerkt fast beiläufig: "Zu einer anderen Zeit wäre ich wohl Surferin geworden."
Dörte Eißfeldt, Archipelago, 7. Februar – 10. Juni 2026, C/O Berlin