Marco Brambilla, Heaven’s Gate 06, 2022.

Moon Boots

War da was? Wo jetzt Fotografiska Berlin ist, gab's früher das Tacheles.

Berlins Geschichte atmet aus dem Asphalt heraus, denke ich, während ich über den aus Platten zusammengefügten Gehweg entlang der Oranienburger Straße gehe. Auf dem Weg zum Kunsthaus Tacheles begegneten mir hier im Jahr 2006 Frauen, die kurze Kleider und Moon Boots trugen. Den Markenschriftzug der Bestseller für warme Füße verbinde ich seither mit diesen in der Kälte wartenden Prostituierten auf dem Plattenbürgersteig, der in Ostberliner Tagen (oder früher schon) vor dem Eingang zum Tacheles verlegt worden war. Dort, an den Wänden hinter der Eingangstür, überlagerten sich Graffitis in schummrigem Licht, das entlang des Stahlgeländers über eine endlos wirkende Betontreppe in eine Künstler:innenfabrik hineinführte. Die nächtliche Musik im typischen Sound autonomer Projekte, die Körper dicht gedrängt und es wurde geraucht.

Das Tacheles lebte als Kunst- und Veranstaltungszentrum zwischen 1990 und 2012 in einem ehemaligen Kaufhaus in der Oranienburger Straße, das 1909 als Friedrichstraßenpassage eröffnet worden war. In den 1920er-Jahren wurde das Gebäude von der AEG genutzt, in der Zeit des Nationalsozialismus diente es der politischen Verwaltung. In der sowjetischen Besatzungszone, dann auch in der DDR beherbergte der Komplex unter anderem den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund und über viele Jahre hinweg auch ein Kino, das den Namen Camera trug. Nach Teilabrissen des Gebäudes ab 1980 und einer planmäßigen Sprengung der verbliebenen Bauruine besetzte zu Beginn des Jahres 1990 die Künstlerinitiative Tacheles die noch erhaltenen Flächen des Hauses und erwirkte durch ein erneuertes Gutachten zur Bausubstanz, diesen Ort unter Denkmalschutz zu stellen und zu bewahren. Durch den Tacheles e. V. entwickelte sich das Haus in Berlin-Mitte in der Folge mit zahlreichen Künstler:innenateliers, Werkstätten, einem Spielort für die freie Theaterszene und durch Gastronomie zu einem Zentrum für Kunst, Veranstaltungen und Austausch, worauf auch der Name selbst hinweist: Tacheles reden ist die jiddische Bezeichnung dafür, sich offen und klar auszudrücken.

Doch bereits nachdem eine Investorengruppe das Grundstück Ende der 1990er-Jahre erworben hatte, musste ein Mietvertrag mit dem neuen Eigentümer ausgehandelt werden, dessen Auslaufen 2009 zur Insolvenz des Vereins und zur sukzessiven Räumung führte – bis das Kunsthaus Tacheles im Herbst 2012 in der Oranienburger Straße ein Ende fand. Das Gelände wurde 2014 an einen New Yorker Investor veräußert, der Gebäudekomplex einer Kernsanierung unterzogen. In den Trakt des ehemaligen Künstlerhauses zog Fotografiska, die in Schweden gegründete Museumskette für internationale Fotografie, deren Berlin-Dependance im Herbst 2023 während der Berlin Art Week eröffnete.

Erlebnisräume

Ein Jahr später stehe ich nun an einem grauen Tag im Berliner November vor den hell erleuchteten, großen Fensterfronten, die auf der linken Seite ein geräumiges Café erkennen lassen und rechts den weitflächigen Museumsshop Fotografiska Store.

Um es direkt zu sagen: Wer sich in Hotelketten wie 25hours Hotels wohlfühlt, ist im Fotografiska Berlin – The Contemporary Museum of Photography, Art & Culture genau richtig. Denn das Versprechen des Hauses, das auf einem Plakat neben der Eingangstür angeschlagen ist und damit wirbt, dass dies (m)eine Destination für "Art, Dining, History, Community, Photography, Creativity, Shopping, Dinks, Music" sei, wird in der Empfangshalle der Institution greifbar. Ein kleiner Tresen, an dem die Notwendigkeiten des Eintritts erledigt werden, rückt neben dem großzügig angelegten Store in den Hintergrund und wirkt durch die atmosphärische Geräuschkulisse des Cafés fast unbedeutend. Dass man sich im Haus Kunst anschauen kann, erscheint im Entrée zunächst zweitrangig. Der Weg hinauf in die fünf Etagen des Hauses, von denen drei als Ausstellungsfläche dienen, ist dann vertraut, denn er führt durch das erhaltene Treppenhaus des ehemaligen Künstlerhauses Tacheles. Hier sieht man noch immer die Graffitis an den Wänden und Farbspuren auf den Betonflächen – nun durchzogen von einer Lichtsäule, die vom Boden bis zur Decke des Treppenhauses reicht.

Der Gebäudekomplex wurde nach Plänen des Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron saniert. Die Assoziation mit einem Hotel, die langen dunklen Raumfluchten, vereinzelt gesetzte Spotlights, wiederkehrende raumgliedernde Elemente wie Türen oder die Nähe zwischen Ausstellungsfläche und Restaurant, Bar oder Konferenzraum deutet aber auf die Verbindung mit dem Vorsitzenden der Fotografiska-Museumsgruppe, Yoram Roth. Der gebürtige Berliner Kulturunternehmer, der 1990 in New York bei Larry Fink Fotografie studierte und danach ein Techno-Label in Berlin gründete, entstammt einer Familie, die in Immobilien investierte, wozu auch das Führen von Hotels zählte. Roth, der seit 2007 nach längerem Aufenthalt in den USA wieder in Berlin lebt, hat in der Stadt selbst einige Investitionen im Kunst- und Kultursektor getätigt, zu denen auch das in der Nachbarschaft gelegene Clärchens Ballhaus zählt. Kreativbranche, Nachtleben, Medien, Musik und Fotografie: Roths Biografie liest sich wie ein Spiegel jener Worte, die mich auf dem Poster im Schaukasten im Außenraum empfingen, und es ergibt Sinn, dass Roth – den die Berliner Morgenpost letztes Jahr als "Steve Jobs der Kultur" bezeichnete – seit 2017 die Fotografiska-Museumsgruppe leitet. Gegründet wurde Fotografiska in Stockholm von Jan und Per Broman zusammen mit dem Financier Sven Hagströmer und ist dort 2010 mit einer Ausstellung eröffnet worden, die Arbeiten von Annie Leibovitz, Lennart Nilsson, Vee Speers, Joel-Peter Witkin und anderen zeigte. Begünstigt durch Roths Mitwirken, hat das Unternehmen mittlerweile Standorte in Tallinn, New York City (beide seit 2019) sowie in Berlin und Shanghai (beide seit 2023), und Roth bewirbt das internationale Ausstellungshaus damit, dass es als größtes Museum für Fotografie auf der Welt in den vergangenen Jahren jede große Fotografin und jeden großen Fotografen gezeigt hat.

Gesellschaft des Spektakels

In Berlin zwingt sich mir beim Erkunden des Hauses aber der Eindruck auf, dass eingehende Kunstbetrachtung Nebensache ist. Die Ausstellungsräume, die Bewegtbild und fotografische Bilder zeigen, sind so sehr abgedunkelt, dass es mir grundsätzlich schwerfällt, mich darin sicher zu bewegen. So ragt am Ende einer längeren fotografischen Reihe ein Flachbildschirm derart unvermittelt in den Raum hinein, dass ich – nur wenige Zentimeter vom Gehäuse des Bildschirms entfernt – froh bin, eine Haftpflichtversicherung zu haben. In einem weiteren Ausstellungsraum sind historische Videos kaum bis gar nicht zu betrachten respektive akustisch zu verstehen, da sich aus zwei unterschiedlichen Richtungen die in der Ausstellung gesetzte Sound-Art derart miteinander vermengt, dass jeglicher Klang in einer Art White Noise verschwimmt. Ich denke an Guy Debord und sein 1967 verfasstes Hauptwerk Die Gesellschaft des Spektakels: Das Spektakel ist das Kapital, das zu einem (begehrenswerten) Bild wird. Weit entfernt liege ich mit meiner Wahrnehmung nicht, wenn der für das Berliner Fotografiska als Executive Director ernannte Yousef Hammoudah im vergangenen Jahr dem GQ-Magazin in einem Interview erklärte, dass dies ein Ort sei, "an dem das ganze Leben mit ins Museum darf". So werden gesellschaftliche Events einschließlich der notwendigen Logistik, die umherlaufendes Personal und zufallende Türen direkt neben den offenen Ausstellungsräumen mit sich bringt, Teil der hier angebotenen Kunsterfahrung, an der sich täglich zwischen 10 und 23 Uhr teilhaben lässt.

Im Fotografiska werden Kunstwerke nicht konserviert oder erforscht, wie in staatlich geförderten Museen. Dieses Haus agiert aus seiner privaten Finanzierung und dementsprechend aus seiner Unabhängigkeit heraus – doch will es in der Gemengelage von Ausstellung, Lifestyle, Gastronomie mit Sälen für Private Dinner und Party sehr viel auf einmal sein.

Ich lasse meine Eindrücke bei einem veganen Essen mit hausgemachter Limonade in dem Café im Erdgeschoss zur Ruhe kommen. Die Möbel sind Maßanfertigungen von Studio Aisslinger, die Geräte in der offenen Küche von hoher Qualität. Personal und Publikum sind international. Nach nur wenigen Momenten verfliegt das Gefühl, in Berlin zu sein. Das Kartenlesegerät fragt bezüglich des Trinkgeldes zunächst 20 Prozent ab, dann 50 Prozent, und es kommt mir so vor, als säße ich in New York City – und agiere gemäß amerikanischer Steuerordnung und goodwill.

Auf dem Weg zum Ausgang verweile ich im Fotografiska Store. Weil es hier um ein "immersives Einkaufserlebnis" geht, wie die Pressemitteilung zum Shop kundtut, entscheide ich mich für die Immersion, das reine Erlebnis – und überlasse den Einkauf den nächsten. Vor dem Haus begegnet mir eine Frau in Moon Boots, die sich das Schaufenster des Stores für eine längere Zeit anschaut. Some things will never change.