Tierdarstellungen in der Kunst. Heidi Horten Collection, 27. März - 30. August 2026.
Mit der Ausstellung Animalia. Von Tieren und Menschen untersucht die Heidi Horten Collection anhand von rund 90 Tierdarstellungen aus dem 20. und 21. Jahrhundert das vielschichtige Verhältnis von Mensch und Tier. In der Kunst offenbart sich dieses Beziehungsgeflecht in unterschiedlichsten Ausdrucksformen und zeigt seinen Wandel im Laufe der Zeit. So machen Tierdarstellungen ein Gefüge sichtbar, das von Nähe und wechselseitiger Abhängigkeit ebenso geprägt ist wie von Hierarchie und Dominanz.
Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit diesem Verhältnis ist die Sammlung der Museumsgründerin Heidi Horten, in der Tierdarstellungen einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ergänzt wird die Schau durch Leihgaben, die eine Neubetrachtung der Sammlung anbieten.
Einen zentralen Impuls für die Ausstellung stellt der aus der Biologie entlehnte Begriff "Animalia" dar. Abgeleitet von anima – Atem oder Seele –, bezeichnet er im Sinne des Naturforschers Carl von Linné (1707–1778) eine Ordnung, die Mensch und Tier gleichrangig zusammenfasst. Linnés Modell steht somit der absoluten Grenzziehung zwischen Mensch und Tier – der sogenannten "anthropologischen Differenz" – entgegen. Die aus dieser Trennung hervorgehende Hierarchie, in der sich der Mensch über das Tier stellt, wird in der Ausstellung kritisch hinterfragt: "Wie positioniert der Mensch sich im Verhältnis zum Tier und wie definiert er darin sein Selbstbild? Welche kulturellen Zuschreibungen, Projektionen und Machtverhältnisse gehen aus dieser Unterscheidung hervor? Die Kunst führt uns dieses ambivalente Verhältnis vor Augen", erläutert Direktorin Verena Kaspar-Eisert die Leitfragen der Ausstellung.


Der biologischen Gleichrangigkeit von Linnés Modell steht ein kulturell tief verankertes Denken und Handeln gegenüber, in dem sich der Mensch dem Tier überordnet und ihm ambivalente Rollen zuweist. Die Ausstellung macht diese Spannung aus kunst- und kulturgeschichtlicher Perspektive erfahrbar.
Die Kuratorinnen Véronique Abpurg und Annkathrin Weber gehen außerdem der Frage nach, was Darstellungen des Tieres über den Menschen aussagen: "Tiere durchziehen die Kunstgeschichte in unzähligen Facetten: als Symbole und Allegorien, in Darstellungen von Gefährten oder Bildern der Bedrohung, als Gegenstand von Fiktion und Wissenschaft. In diesen Vorstellungen vom Tier artikulieren sich immer auch Bilder des Menschen selbst, sie offenbaren seine Ideale und Wertungen, seine Bedürfnisse und Begehren.“
Sechs Kapitel – ein thematischer Parcours
In sechs Kapiteln und unterschiedlichen medialen Ausdrucksformen von Malerei über Skulptur bis Video spannt die Ausstellung den Bogen von der Idealisierung zum „besten Freund des Menschen“ über die Vermenschlichung und Verdinglichung des Tieres bis hin zu seiner Aneignung und Ausbeutung.
Das Tier als Partner widmet sich mit Arbeiten von Alois Mosbacher, Maria Legat, Anna Jermolaewa oder Edgar Honetschläger den ambivalenten Beziehungen zu domestizierten Tieren. Hund, Pferd oder Katze erscheinen im Spannungsfeld der Bedeutung von Gefährten und Haustieren einerseits sowie Arbeits- und Nutztieren anderseits.
Das Tier als Ressource thematisiert die Verwertung tierischer Körper. Arbeiten von Dominika Bednarsky reflektieren industrielle Tierhaltung, Werke von Corinne Rusch oder Mark Dion hingegen verweisen auf Praktiken, in denen Tiere als Produkte kolonialer Expansion, wie beispielsweise in Zoos, auftreten. Ein Referenzpunkt ist hier John Bergers Essay Why Look at Animals? (1977), der das fortschreitende Verschwinden des Tieres aus dem unmittelbaren Lebensumfeld des Menschen beschreibt und wie in Folge von Industrialisierung, Urbanisierung und Konsumkultur Tiere zunehmend zu Produkten und Projektionen werden.
Das Tier als Spiegel des Selbst zeigt, wie Tiere im Kontext von emanzipatorischen Strategien oder Entwürfen wandelbarer Identität wirken. In Werken von Birgit Jürgenssen oder Gülsün Karamustafa werden tierische Metamorphosen zum Instrument feministischer Selbstermächtigung und dekonstruieren stereotype Rollenbilder.
Das Tier als wissenschaftliche Kategorie beleuchtet das menschliche Bestreben die Natur zu ordnen und zu klassifizieren. Arbeiten von Mark Dion, Gelatin und Constantin Luser machen die Einteilung von Lebewesen in hierarchische Gruppen als kulturelle Praxis sichtbar und konterkarieren diese gleichzeitig.
Das Tier als Bestie untersucht die kulturelle Codierung des Tieres als Verkörperung des Bösen und verweist gleichzeitig auf den Menschen als einziges Lebewesen, das zum Bösen fähig ist. So zeigen zeitgenössische Interpretationen der christlich geprägten Ikonografie der Schlange bei Michèle Pagel oder Selva de Carvalho das Böse im Zusammenhang politischer und patriarchaler Strukturen.
Das eigenständige Tier rückt Tiere als autonome Subjekte in den Fokus. Posthumanistische Positionen hinterfragen die Vorstellung vom Tier als defizitärem Gegenüber des Menschen. So zeigen Werke von Sanna Kannisto, Kay Walkowiak oder dem Interspezies-Kollektiv CMUK (Hörner/Antlfinger mit ihren Graupapageien Clara und Karl) Tiere als mitgestaltende Akteur:innen, deren Handlungsspielraum nicht vom Menschen vorgegeben wird. Die Ausstellung eröffnet in diesem abschließenden Kapitel ein gedankliches Experiment – über eine gemeinsame biologische Kategorie hinaus erscheint Animalia als mögliches Prinzip eines Lebensmodells, das Tiere als Gefährten und Mitakteure versteht.
Erweitert wird der Parcours moderner und zeitgenössischer Kunst durch die thematische Einbeziehung des Tea Room des Museums, der als Anspielung auf historische Kunst- und Wunderkammern rund 80 kunsthandwerkliche Tierdarstellungen aus den Beständen der Sammlung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert versammelt. Dieser Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht deutlich, wie tief Tierdarstellungen im künstlerischen Ausdruck verankert sind – und wie sehr sie sich zugleich im Wandel befinden.
Künstler:innen der Ausstellung: Karel Appel, Cory Arcangel, Miquel Barceló, Georg Baselitz, Dominika Bednarsky, Cosima von Bonin, Rembrandt Bugatti, Marc Chagall, Selva de Carvalho, George Condo, Mark Dion, Jean Dufy, Gerhart Frankl, Helene Funke, Matthias Garff, August Gaul, Gelatin, Flaka Haliti, Lena Henke, Damien Hirst, Edgar Honetschläger, Hörner/Antlfinger, Anna Jermolaewa, Birgit Jürgenssen, Sanna Kannisto, Gülsün Karamustafa, Erika Giovanna Klien, Gustav Klimt, Stanislaw Kubicki, François-Xavier Lalanne, Maria Lassnig, Maria Legat, Fernand Léger, Roy Lichtenstein, Angelika Loderer, Constantin Luser, Franz Marc, Sarah Morris, Alois Mosbacher, Ulrike Müller, Meret Oppenheim, Michèle Pagel, Yan Pei-Ming, Mimmo Paladino, Pablo Picasso, Lili Reynaud-Dewar, Corinne L. Rusch, Kristof Santy, Anne Speier, Margherita Spiluttini, Curt Stenvert, Melanie Thöni, Philipp Timischl, Wilhelm Trübner, Not Vital, Raphaela Vogel, Kay Walkowiak, Andy Warhol.
Ausstellungskatalog Animalia. Begegnungen von A-Z: Der als vielstimmiges Kompendium gestaltete Katalog übersetzt die Inhalte der Ausstellung in ein Tier-ABC und versammelt Begriffe, Motive und Denkfiguren zum Verhältnis von Tier und Mensch. Erschienen im VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH, Hg. Verena Kaspar-Eisert, Véronique Abpurg; Autor:innen: Véronique Abpurg, Johanna Eder, Suzanne Enser-Ryan, Rolf H. Johannsen, Verena Kaspar-Eisert, Ivana Novoselac, Annkathrin Weber, Susanne Wögerbauer.
Animalia. Von Tieren und Menschen, Tierdarstellungen in der Kunst. Heidi Horten Collection, 27. März - 30. August 2026.