Das sommerliche Skulpturenprojekt "Art on the Meuse" an den Ufern der limburgischen Maas.
Laure Prouvost zieht ihre schweren, schwarzen Lederstiefel aus. Die bekannte französische Künstlerin hat am Ufer der Maas einen Arm voll wilder Kamillen gepflückt. "Die Blumen sind für sie, die bringe ich ihr jetzt", ruft sie begeistert. Gemeint ist ihre im Flussbett der Maas platzierte Bronzeskulptur mit dem schönen Titel "Moeder! Oui Dream till the End". Das im Wasser schwimmende Hybrid aus Wal, Oktopus, Meerjungfrau und schwangerer Frau wird nicht nur von den zur Skulptur gehörenden, bronzenen Seevögeln gekapert. Auch echte Vögel fühlen sich von dem ungewöhnlichen Objekt angezogen und nisten bereits auf der Skulptur.
Eine vertikal aufragende Windfahne krönt Laure Prouvosts Plastik. Darauf zu lesen ist der Titel der Arbeit. "Dies hier ist nicht das Mittelmeer", sagt die 1978 in der Nähe der nordfranzösischen Metropole Lille geborene Turner Prize-Trägerin von 2013, die in Antwerpen und London lebt. Dennoch steigt sie bis zu den Knien in die kalten Fluten der Maas, um den Kamillenstrauß auf ihrer Skulptur abzulegen.





Die permanente Arbeit von Laure Prouvost ist Teil des Kunstprojekts "Art on the Meuse", das jetzt in Kinrooi am belgischen Ufer der Maas in der flandrischen Provinz Limburg realisiert wurde. Neben Laure Prouvost haben bisher vier weitere Künstler:innen ortsspezifische und permanente Werke im öffentlichen Raum entwickelt. Die Arbeit der Niederländerin Jennifer Tee befindet sich noch in der Realisierungsphase. Das Gesamtprojekt geht auf eine Initiative des Kunstzentrums Z33-House for Contemporary Art, Design & Architecture in Hasselt und des Regionalverbands Kempen und Maasland zurück. Das Besondere an „Art on the Meuse“: Die Kunstwerke wurden nicht einfach nur in der Landschaft abgestellt, sondern im engen Dialog mit der jeweiligen lokalen Bevölkerung entwickelt. Diese wurde nicht nur in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen. Auch bei der Realisierung der Kunstwerke wurde auf die Stärken der Region gesetzt, indem, wann immer möglich, lokale Handwerks- und Industriebetriebe und aus der Region stammende künstlerische Assistent:innen am Produktionsprozess beteiligt wurden.
Die 874 Kilometer lange Maas ist der längste Nebenfluss des Rheins und durchfließt auf ihrem Weg zu ihrer Mündung Frankreich, Belgien und die Niederlande. Dabei verändert sie immer wieder ihren Charakter. Der Maas-Abschnitt in der belgischen Provinz Limburg zeichnet sich dadurch aus, dass der Fluss hier im Laufe der Erdgeschichte eine immense Sedimentfracht aus Sand und Kies abgelagert hat. Diese wird bis heute abgebaggert und der Bauindustrie zugeführt. Lange Zeit war die Maas im Bereich Limburg weitgehend kanalisiert, sodass es bei Flutkatastrophen immer wieder zu erheblichen Schäden und Todesopfern kam. Die beiden Anrainerstaaten Belgien und Niederlande haben jedoch in den letzten Jahrzehnten aus der Vergangenheit gelernt, indem sie die Deiche verbessert sowie natürliche Überflutungsgebiete geschaffen haben. Das Ergebnis sind saftige Weiden und strauch- und baumbestandene Uferzonen, die heute von unzähligen Wasservögeln, aber auch Säugetieren wie Bibern, Fischottern, Galloways und halbwilden Konik-Pferden bevölkert werden. Dennoch bleibt die Maas ein sogenannter "Regenfluss", ein Fließgewässer also, das starken Schwankungen des Wasserstandes unterworfen ist.

Der Baum des Lebens bei Lanaken
Bereits vor vier Jahren wurde mit der Arbeit "Tree of Life" (Baum des Lebens) des 1961 in Massachusetts geborenen US-amerikanischen Künstlers Mark Dion die erste permanente Arbeit des Parcours errichtet. Dions "Tree of Life" steht auf einer kleinen Anhöhe der Gemeinde Lanaken, auf welche sich bei den regelmäßig wiederkehrenden Maas-Fluten die Tiere retten, um dem Tod durch Ertrinken zu entgehen. Auch auf Mark Dions sechs Meter hoher Baumskulptur sind etliche Tiere repräsentiert. Mit Nachbildungen eines großen Regenwurms, eines Bibers und eines signalgrünen Frosches bildet Dion zwar auch Repräsentanten der gegenwärtigen Tierwelt ab. Gleichzeitig war es ihm aber wichtig, auch eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen. Und so gehören zu den ältesten Tierdarstellungen ein 75 Millionen Jahre alter Mosa-Saurus, eine Schuppenechse, die bis zu 18 Meter lang werden konnte, sowie ein rund 12.000 Jahre altes Wollhaar-Mammut.
"Dies ist ein atypischer Baum in der Landschaft, denn das Letzte, was man erwartet, wenn man auf einen Baum zugeht, ist, seltsame Dinge darin hängen zu sehen", sagt Mark Dion und fügt hinzu: "Wir spielen hier mit Proportionen und Maßstab." Inspirieren ließ er sich durch die Tatsache, dass nach jeder Flut die Uferwiesen mit Treibholz sowie den unterschiedlichsten Objekten und Fundstücken bedeckt sind. Mitunter sind auch ertrunkene Tiere dabei. "Der Fluss ist seit Abertausenden Jahren hier durchgeflossen, und er wird auch noch viele Tausend Jahre nach unserer Existenz weiter hier durchfließen", so Dion. "Aber auch die Zeit fließt durch eine Landschaft so wie das Wasser durch den Fluss."
"Tree of Life" kann als prototypische Arbeit von Mark Dion gelesen werden. Die Verschmelzung von leicht altertümelnder (Pseudo-)Wissenschaftlichkeit mit einer fein ausformulierten Wunderkammer-Ästhetik und einer ebenso zivilisationskritischen wie humorvoll aufgeladenen künstlerischen Haltung kennzeichnet das Werk dieses weltweit tätigen Künstlers.
Was von der Zukunft übrig bleibt
Während Mark Dion also eher erdgeschichtliche Rückblicke mit Momentaufnahmen der Gegenwart kombiniert, wirft der belgische Künstler Koen Vanmechelen einen Blick in die Zukunft. Seine Arbeit trägt den Titel "Future Fossil". Der 1965 geborene Belgier, dessen Atelier sich im nahe gelegenen Genk befindet, hat zur Zeit auch in Venedig einen großen Auftritt. Im dortigen Palazzo Rota Ivancich zeigt er parallel zur diesjährigen Biennale über 40 neue Skulpturen. Das Leitmotiv seines Werkes ist die künstlerische Auseinandersetzung mit genetischer Hybridität. "Die Natur bedarf nicht unseres Mitleids, sondern allein unserer Bereitschaft zum Zusammenleben. Das Geheimnis des Überlebens besteht nicht in der Eroberung, sondern in Gegenseitigkeit und Hybridität", so Vanmechelen. Im Zentrum seiner Arbeiten stehen daher Übergangszustände zwischen Menschen und Tieren im Angesicht der ökologischen Rahmenbedingungen ihrer Existenz.

In Dilsen-Stokkem, einer lang gestreckten Kleinstadt, die von der belgischen Nationalstraße N78 brutal zerschnitten wird, hat er sich dafür ein eher ruhiges Plätzchen am linken Ufer der Maas ausgesucht. Schon von Weitem erkennen Spaziergänger:innen und Radfahrende, die sich auf dem gut ausgebauten Uferweg der Skulptur nähern, den verkohlten Baumstumpf einer gigantischen Weide, zusätzlich malträtiert durch die rundumlaufenden Nagespuren eines Bibers. Das Ganze steht auf einem kegelförmig aufgeschütteten Erdhaufen, der das Wurzelwerk des Baumes größtenteils offenlegt. Zusätzlich abgestützt wird die Skulptur durch etliche Sandsäcke, wie sie als Sofortmaßnahme bei Überflutungen eingesetzt werden. Dem dystopischen Unterbau fügt Vanmechelen jedoch eine hoffnungsvolle Komponente hinzu. Gekrönt wird der Baum nämlich von einem riesigen weißen Ei, aus dem – so die Projektion des Künstlers – in der Zukunft eine heilbringende Kreatur hervorschlüpfen möge, die Mensch, Natur und Umwelt in friedlicher Ko-Existenz miteinander versöhnt. Auch die kleinen grünen Triebe, die ganz oben aus dem Weidenstumpf hervorsprießen, unterstreichen die Hoffnung auf Aufbruch und Neubeginn.
Wie alle anderen Künstler:innen auch hat sich Koen Vanmechelen während mehrerer Arbeitsbesuche im Rahmen kleiner Workshops mit Einheimischen getroffen und sich von deren Geschichten, Erfahrungen und Zukunftsängsten inspirieren lassen. Denn eines steht fest: Die Maas ist in diesem Bereich kein ganz einfach zu beurteilendes Gewässer. So lieblich sie sich bei gutem Wetter durch die sattgrüne Wiesenlandschaft schlängelt, so gefährlich kann sie bei Hochwasser für Menschen, Tiere und Häuser werden. Nach den bereits schweren Überschwemmungen 1993 und 1995 wurde das Gebiet 2021 im Rahmen der Jahrhundertflut, die unter anderem auch in der Eifel viele Menschenleben gekostet hat, besonders schlimm heimgesucht.

Die Kirchtürme der Region
Wesentlich minimalistischer als die bisher beschriebenen Werke kommen hingegen die Arbeiten des Belgiers Adrien Tirtiaux und der Niederländerin Germaine Kruip daher. Der 1980 in Brüssel geborene Belgier Adrien Tirtiaux zitiert mit seiner Arbeit in Maaseik, dem Geburtsort des flämischen Malers Jan van Eyck (1390-1441), die markanten Grundformen dreier bedeutender Kirchtürme der Region, zwei davon in Belgien, einer in den Niederlanden. Entstanden ist das Werk in enger Zusammenarbeit mit Menschen aus der Umgebung. "Echoes of a Landscape", so der Titel seines Beitrags, befindet sich inmitten eines gerade entstehenden, stadtnahen Neubaugebietes oberhalb der Maas. Er muss sich daher im Gegensatz zu den anderen überwiegend in idyllischer (Rest-)Natur gelegenen Projekten von "Art on the Meuse" gegen die Funktionalität standardisierter Zweckbauten behaupten. Aber das kann ja auch eine Herausforderung sein.
Der als Architekt und Bildhauer ausgebildete Adrien Tirtiaux hat sich zwar der architektonischen Grundformen der ausgewählten Kirchtürme bedient. Ihre eigentliche Funktion jedoch bürstet er in seiner stark dekonstruktivistischen Arbeit gehörig gegen den Strich. Die Türme sind entweder auf den Kopf gestellt, auf die Seite gelegt oder zu einem gigantischen Megaphon umfunktioniert worden. Zudem erlaubt sich Tirtiaux hier ein Spiel mit dem Thema Material: Sichtbeton, Cortenstahl und rote Backsteine stammen sämtlich aus der Region und stehen jeweils für einen der hier beheimateten Industriezweige.
So gänzlich ihrer einst sakralen Funktion entledigt, stellen die wie riesige Spielzeuge wirkenden Turmskulpturen von Adrien Tirtiaux traditionelle Sehgewohnheiten radikal in Frage und schaffen gleichzeitig ein verbindendes Element zwischen Belgien und den Niederlanden.

Grenzüberschreitende Dialoge
Auch Germaine Kruip, Jahrgang 1970, hat sich vor Ort mit Einheimischen unterhalten und herausgefunden, dass es zwischen den beiden kleinen, sich direkt gegenüberliegenden Ortschaften Meeswijk (Belgien) und Urmond (Niederlande) bis in die 1950er Jahre hinein eine Fährverbindung gab. Leider existiert sie nicht mehr. Und so trennt der Fluss jetzt die jeweiligen Bewohner:innen, die auf eine gemeinsame Geschichte, Sitten und Gebräuche zurückblicken und sogar den gleichen Dialekt sprechen.
Mit ihrer Arbeit "Reflection" baut die in Brüssel, Amsterdam und London lebende Germaine Kruip jetzt gewissermaßen eine akustische Brücke. Mehr öffentlich zugängliches Musikinstrument als Skulptur, lädt die Arbeit dazu ein, ihr Klänge und Töne zu entlocken, die auf beiden Seiten des Flusses gehört werden können. Die Besucher:innen sind aufgerufen, das fünf Meter vertikal in die Luft aufragende Messingrohr, das von zwei jeweils zehn Meter hohen Metallstangen und Stahlseilen gehalten wird, mit einem kleinen, an einer Kette befestigten Schlägel in Schwingungen zu versetzen und so Töne zu erzeugen, die sich wellenförmig fortpflanzen. Währenddessen können Besucher:innen auf zwei Sitzbänken aus schwarzem Granit Platz nehmen.
Kruip, die den in Bremen beheimatete renommierte Instrumentenbauer Thein Bras mit ins Boot geholt hat, erklärt: "Ich möchte einen Moment schaffen, in dem die Menschen nicht nur die Geschichte hören, sondern auch die Stille erleben, die nun herrscht. Es ist ein Werk, das zu Ruhe anregt, aber auch zu Verbundenheit – genau wie es einst die Fähre tat."
Wie Tim Roerig, Senior Curator am Z33 und künstlerischer Koordinator von „Art on the Meuse“ berichtet, stehen die Etats für Kunst und Kultur in Belgien angesichts allgemeiner Budgetkürzungen und erhöhter Verteidigungsausgaben aktuell stark unter Druck, sodass am belgischen Ufer der Maas in absehbarer Zukunft nicht mit der Realisierung weiterer Skulpturen zu rechnen ist. Doch Germaine Kruip würde ihr Projekt sehr gerne auf der niederländischen Seite fortsetzen. Gespräche dafür führt sie bereits. Die Verantwortlichen in ihrem Heimatland scheinen also nicht ganz abgeneigt zu sein. Vielleicht könnte Kruips Initiative ja der Startschuss dafür sein, „Art on the Meuse“ in den nächsten Jahren zu einem wahrhaft grenzüberschreitenden, bi-nationalen Projekt auszubauen.
Was alle Werke von "Art on the Meuse" auszeichnet, ist das untrügliche Gespür der Künstler:innen und des kuratorischen Teams für die Besonderheiten des jeweiligen Genius Loci und ihre Bereitschaft, den noch immer vorherrschenden anthropozentrischen Blick, der die Natur als etwas zu Unterwerfendes betrachtet, mit humorvollen, ironischen und metaphernreichen Werken auf den künstlerischen Prüfstand zu stellen.
"Art on the Meuse" findet an verschiedenen Orten am belgischen Ufer der Maas statt (Herbricht, Lanaken/Kinrooi/Maaseik/Maasmechelen/Dilsen-Stokkem). Ein Kurzführer ist in Planung.
"Art on the Meuse" im Internet: www.kunstaandemaas.be/en/, www.rivierparkmaasvallei.eu, www.z33.be/en/