Ausstellungsansicht "Who's next?", Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Henning Rogge

Housing First!

Who’s Next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt, MKG Hamburg, 14.10.22 bis 12.03.23

Bis zum 12. März 2023 ist im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung "Who’s Next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt" zu sehen. Es zeigt sich, dass kaum erforschte Phänomen der Obdachlosigkeit konzentriert sich in Metropolen. Dort wird einiger Einfallsreichtum darauf verwendet, um Obdachlosen den Aufenthalt an belebten Orten zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. In Hamburg etwa wurde ein schützender Seitenstreifen unter einer Brücke, nahe der Landungsbrücken, mit einem steinigen Bodenbelag versehen, der ein dortiges Lagern unmöglich macht. Obdachlose, die vorher dort gezeltet hatten, mussten sich etwas anderes suchen. Vertrieben. Aus den Augen aus dem Sinn.

Ähnlich ist es mit der Möblierung im öffentlichen Raum. Sitzbänke werden mit Bügeln versehen, so dass ein Liegen darauf nicht möglich ist. Auch wird, wie am Hamburger Hauptbahnhof, aus Lautsprechern klassische Musik abgespielt. Passanten und Reisende mögen das als angenehm empfinden, aber in Wirklichkeit ist es eine Maßnahme, um Obdachlose und Drogenabhängige fernzuhalten.

Die Schlafsäcke der Toten

In der Nähe, inmitten der Menschenmassen, wirkt das Museum für Kunst und Gewerbe mit seinen ruhigen Sälen und Korridoren wie ein Zufluchtsort. Dieser Eindruck verflüchtigt sich auf dem Weg zur Ausstellung. Über dem Treppenaufgang hängen 43 Schlafsäcke, einer für jeden Menschen, der im letzten Jahr an den Folgen seiner Obdachlosigkeit gestorben ist. Der Ort für die Installation wurde nicht zufällig gewählt, gibt doch das Fenster am darunterliegenden Podest den Blick auf die Fläche vor dem Drob Inn frei, einem städtischen Drogenkonsumraum. Hier können sich Abhängige, ärztlich betreut, ihre Droge spritzen. 75 Prozent der Menschen, die das Drob Inn nutzen, geben an, obdachlos zu sein. Davor versammeln sich Wartende, aber auch viele Dealer.

Am Beispiel von acht Megacitys zeigt die Ausstellung Erscheinungsformen der vielerorts rasant steigenden Obdachlosigkeit. Sind es in Mumbay oft Wanderarbeiter, die keine Möglichkeit haben eine Wohnung zu finden, leben in Tokio Personen meist aufgrund von Verschuldung auf der Straße. Los Angeles gilt als "Hauptstadt der Obdachlosigkeit", denn nirgendwo ist sie so sichtbar. Die Obdachlosen werden ständig aus ihren notdürftigen Behausungen vertrieben. Die Folgen des Klimawandels, Feuer, Hitze und Wassermangel sind für Betroffene zudem eine tödliche Bedrohung.

"What it Takes to Make a Home"

Die Ausstellung zeigt Erklärungen zu Begrifflichkeiten des Themenkomplexes an Litfaßsäulen, von den Ausstellungsmachern nicht nur als Mittel der Kommunikation, sondern auch als Symbol für den Straßenraum verstanden. Auf den Bodenbelag sind mit dicken violetten Linien aneinandergereihte Felder aufgezeichnet. Sie versinnbildlichen Betten, wie sie in der gedrängten Enge eines großen Schlafsaals stehen.

In Videodokumentationen schildern Obdachlose ihre Situation. Zu Wort kommen aber auch Menschen, die nach Jahren auf der Straße, wieder eine Wohnung besitzen. In dem Dokumentarfilm What It Takes to Make a Home werden als Beispiele dafür die Star Apartments in Los Angeles und VinziRast-mittendrin in Wien vorgestellt. Besonderheit ist die vermischte Nutzung von Wohnen, Gemeinschafts- und öffentlichen Einrichtungen auf den verschiedenen Gebäudeebenen. Dies fördert soziale Kontakte unter den Bewohnern und Besuchern. Der Architekt der Star Apartments Michael Maltzan definiert dabei das ästhetische Erscheinungsbild der Architektur als ein Werkzeug, um zu zeigen, "dass Obdachlosigkeit kein anonymes Problem sein kann" - als Mittel, um einen Dialog anzustoßen. VinziRast-mittendrin, ein Pilotprojekt zur Inklusion obdachloser Menschen, wurde von Obdachlosen und Studierenden gemeinsam konzipiert. Ziel war es einen Gemeinschaftsort zu kreieren und baulich umzusetzen. Beide Projekte sind auch unter den neunzehn kürzlich realisierten Architekturbeispielen, die von den Ausstellungsmachern anhand von Modellen und Zeichnungen im Saal analysiert werden. Auf die Bedürfnisse von Obdachlosen wird in vielfältiger Weise eingegangen, indem etwa einige Projekte Gesundheits- und Sozialdienste integrieren. Oft sind die Wohnungen um Höfe angeordnet, um Orte der Geborgenheit zu schaffen. Ein Stabilisierungsfaktor gerade für psychisch Erkrankte, die den offenen Straßenraum nicht mehr ertragen. Es werden modulare Systeme angewandt, kostengünstig, teilweise ist es möglich, sie nach Bedarf an einen anderen Ort zu versetzen. Andere Beispiele revitalisieren bestehende Strukturen, wie etwa einen leerstehenden Supermarkt.

Die meisten dieser Projekte stellen den Obdachlosen bedingungslos Wohnungen als Dauerunterkünfte zur Verfügung, wie es das Konzept Housing First fordert. Diese entsprechen zum Teil Sozialwohnungsstandards oder aber nur mit dem notwendigsten ausgestattet. Sie bieten jedoch einen sicheren Rückzugsort der es Betroffenen ermöglicht wieder Halt im Leben zu finden und beispielsweise eine Suchtkrankheit zu überwinden. In Deutschland läuft das normalerweise andersrum. Die Sozialämter stellen erst Wohnbefähigungsausweise aus, wenn Obdachlose ihre Probleme gelöst haben – während sie auf der Straße leben.

Das Plakat zur Ausstellung "Who’s next" zeigt es buchstäblich: Der Platz vor dem Rathaus von San Francisco als Schutzraum für Obdachlose, die dort zelten. Doch mit Notunterkünften wird Elend nur verwaltet und verlängert. Die Lösung des Problems erfordert ein langfristiges Engagement der Gesellschaft. Einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat, der Sozialwohnungen baut und Obdachlose dabei reintegriert. Wie es der Kurator der Ausstellung in einem Interview sagt: "Ich glaube, der Anspruch muss generell sein: Wie schafft man Orte, an denen Obdachlose bleiben wollen? Das ist auch die Arbeit von Architekten."

Sonntags gibt es in Hamburg keine Obdachlosen

Wer sich genauer über die Situation der Obdachlosen in Hamburg informieren möchte, kann dies bei einem Stadtrundgang tun, den das Straßenmagazin Hinz&Kunzt begleitend zur Ausstellung anbietet. Von Chris, dem Stadtführer, erfahren wir, dass viele Obdachlose an einer Depression erkrankt sind. Die Krankheit ist meist Folge eines persönlichen Verlusts. Sei es durch die Kündigung des Arbeitsplatzes, die Trennung von einem Partner oder der Tod eines Angehörigen, etwas womit der Betroffene nicht fertig geworden ist. Muss jemand dann schließlich auf der Straße leben, gerät er leicht in eine Abwärtsspirale. Es kommt zu Suchterkrankungen, die hygienischen Verhältnisse tun ihr übriges. "Leben auf der Straße macht krank", stellt Chris fest.

Der Rundgang führt uns zu einer Tageseinrichtung für Obdachlose. Wer in Hamburg auf der Straße lebt, kann diesen Ort auch als Postanschrift nutzen, denn ohne die kann kein Hartz IV ausgezahlt werden, auch besteht kein Versicherungsschutz. Ohne Krankenversicherung jedoch, droht nach jedem Arztbesuch Verschuldung. Unbeglichene Rechnungen landen beim Gerichtsvollzieher. Schlimmstenfalls führt das zu einer Gefängnisstrafe. Auch eine Notunterkunft für die Nacht muss am nächsten Morgen wieder verlassen werden. Schützen die Sammelunterkünfte im Winter vor der Kälte, werden sie trotzdem nicht von allen Obdachlosen aufgesucht, obwohl das überlebenswichtig sein kann. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Beispielsweise, die Angst bestohlen zu werden und die Furcht vor gewalttätigen oder alkoholisierten Personen. Hilfsangebote werden zudem häufig als stigmatisierend empfunden. Obdach- und Wohnungslose schämen sich ihrer Situation und wollen nach Möglichkeit nicht als solche erkannt werden. Übrigens bleibt die Tageseinrichtung an diesem Tag, einem Sonntag, geschlossen. Für Chris, der selbst sieben Jahre auf der Straße gelebt hat, vollkommen unverständlich. "Als ob es am Sonntag keine Obdachlosen gibt!"