Die Biennale Gherdëina 10 – (Future) Paradise Gardens im Südtiroler Grödnertal verbindet Ökologie mit Technologie und versucht eine gemeinschaftliche Verantwortung für beides in der Kunst zu finden.
Einen Teil der Biennale Gherdëina muss man sich förmlich erwandern, man wird aber durchaus belohnt. Vom Ort St. Ulrich im Tal geht es eine gute halbe Stunde auf steilen Pfaden durch einen dichten, kühlen Wald, bevor man an der Baumgrenze die lichten Weiden des Bergbauernhofs Maso Pilat erreicht. Wie überdimensionierte Mikado-Stäbchen sind in diesen saftigen Bergwiesen gelb-schwarze Marker installiert, die sich rhythmisch in das Gelände einfügen. Was zunächst wie eine technische Vermessung der Landschaft aussehen mag oder wie sommerliche Ski-Pisten, ist ein stilles Archiv klimatischer Verschiebungen. Die Positionen der Stäbe zeichnen die sich verändernde Schneefallgrenze nach, die sich wegen des Klimawandels immer weiter in die Höhe verschiebt. Bas Smets und Eliane Le Roux zeigen mit "Degrees of Elevation" eine Arbeit, in der abstrakte klimatische Veränderungen poetisch erfahrbar werden, der Berg selbst wird zu einem Diagramm seiner eigenen Veränderung. Die Stöcke haben die beiden Künstler*innen bei der lokalen Kommune ausgeliehen, im Winter werden sie normalerweise genutzt, um die Ränder von Straßen zu markieren. Laut Wissenschaftlern ist es möglich, dass bereits im nächsten Jahrhundert kein natürlicher Schnee mehr in den Dolomiten liegen bleiben wird. Dann werden diese Stöcke zu nutzlosen Artefakten einer längst vergangenen Zeit. Die scheinbare Unverletzbarkeit der imposanten Dolomiten im Hintergrund steht hier im starken Kontrast zu den harten Realitäten des Klimawandels.
Diese Arbeit setzt bereits den Ton für die schon zehnte Ausgabe der Biennale Gherdëina, der regionalen und internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst in den Dolomiten, bei der unter dem Titel "(Future) Paradise Gardens" die Erkundung von Ökologie, Gemeinschaft und Imagination im Zentrum stehen soll. Diesen Sommer sind wieder zahlreiche Orte im gesamten Tal Teil der Ausstellung, bei der 24 Projekte von 28 lokalen und internationalen Künstler:innen gezeigt werden. Die Biennale erstreckt sich dabei über drei zentrale Ausstellungsorte, die Ortszentren der Dörfer St. Ulrich und St. Christina sowie den Hof Pilat. Die Landschaft der Dolomiten ist nicht lediglich spektakuläre Kulisse für Gegenwartskunst, sondern wird aktiv in die Arbeiten eingebunden. Viele Projekte reagieren sensibel auf lokale Geschichten, Materialien und soziale Strukturen des Tals.

Alles ist mit Allem verbunden
Nur ein paar Gehminuten von den Klima-Markern von Bas Smets und Eliane Le Roux in Pilat entfernt geht es poetisch, ambivalent und minimalinvasiv weiter. Entlang eines Waldwegs, zunächst ganz unscheinbar und leicht zu übersehen, an Bäumen und Sträuchern fixiert, sind fragile Glaselemente zu finden. Auf diesen Platten sind Textfragmente erkennbar und so offenbart sich in der Arbeit "Mushroom Clouds over our Garden" von Judith Neunhäuserer allmählich ein Netz aus fragmentierten Erzählungen, historischen Verweisen und politischen Andeutungen. Ausgangspunkt ist ein historisch belegter Aufenthalt von Laura und Enrico Fermi im Grödnertal, einem Wissenschaftler, der maßgeblich an der Entwicklung der Atomenergie und der Atombombe beteiligt war. Neunhäuserer verbindet in ihrer Arbeit wissenschaftliche Archive mit subjektiver Erinnerung und erzeugt damit eine Landschaft, in der die globalen Auswirkungen von Wissenschaft und persönliche Erfahrungen miteinander verwoben sind. Aufgrund der Atomkatastrophe von Tschernobyl, auch ein Produkt Fermis Forschung, können in Südtirol lokal gesammelte Pilze und Wildbret auch heute noch erhöhte, wenn auch meist tolerierbare Radioaktivitätswerte aufweisen. Alles ist mit Allem verbunden. Beim Verlassen des Waldes klimpern die gläsernen Texttafeln trotzdem leise im friedlichen Wind.

Die zehnte Ausgabe der Biennale Gherdëina nutzt das Konzept des Gartens als zentrales Motiv, jenseits idyllischer Naturbilder oder rein illustrativer Kritik. Der Garten steht hier im Spannungsfeld zwischen der wilden Kraft der Natur und der vom Menschen geprägten Kultur. In der von Samuel Leuenberger kuratierten Biennale dient der Garten als umkämpfter Ort, als Projektionsfläche kultureller Ordnung und als Spiegel jener politischen und ökologischen Krisen, die sich im Anthropozän immer deutlicher und öfter materialisieren. Die Alpen, speziell im UNESCO-Welterbe der Dolomiten, gelten zwar noch immer als Sehnsuchtslandschaft einer vermeintlich intakten Natur. Doch gerade hier wird sichtbar, wie tiefgreifend die Landschaft bereits von Klimawandel, touristischer Überformung und ökonomischen Dynamiken geprägt ist.
Wie kleine, artifizielle Gärten wirken die "homescapes" von Leonardo Bürgi Tenorios, die im musealen Raum Sala Trenker in St. Ulrich zu sehen sind. Er hat aus adaptierten Terrarien eine Serie von Mikroumgebungen geschaffen, die zugleich intim und künstlich sind. Die geschlossenen Systeme wirken wie Hybride wissenschaftlicher Versuchsanordnungen und dekorativer Wohnobjekte. Indem der Künstler gefundene Objekte, Fotografien und pflanzliche Elemente integriert, entstehen fragile Parallelwelten zwischen Naturbild und Vortäuschung. Diese Terrarien verweisen auf eine Welt, in der die Natur nur noch in kontrollierten, technologisch regulierten Räumen erfahrbar wird, eingerahmt und konserviert. Gleich daneben ist die beeindruckende und bestürzende Videoinstallation "Green Grey Black Brown" von Yuyan Wang zu sehen. Sie nutzt eine aggressive Bildsprache und montiert Found Footage industrieller Produktionsprozesse in der Landwirtschaft zu einem dystopischen, assoziativen Lauf. Flüssigkeiten, Oberflächen und synthetische Texturen verschmelzen zu einem unaufhörlichen Strom visueller Reize. Der Kunstrasen, auf dem das Publikum Platz nimmt, illustriert nur den Gedanken einer simulierten Natur. Der verlangsamte Soundtrack des Lieds "Owner of a Lonely Heart", träge und in der monotonen Wiederholung zermürbend, verstärkt den Eindruck einer überforderten Melancholie. Man verlässt den Ausstellungsraum mit der Befürchtung, dass unsere Gärten bereits unwiederbringlich kontaminiert sein könnten.

Räume für Reflexion
Auch Alice Bucknells Filmarbeit "Ground Truthing" zeigt die Dichotomie von Natur und Technologie als ein komplexes Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten. Ihr digitaler Film verbindet virtuelle Landschaften, Satellitendaten und ökologische Prognosen zu einer spekulativen, dichten filmischen Reise. In unterschiedliche Kapitel unterteilt, wird die Spannung zwischen digitaler Modellierung und evidenzbasiertem Wissen gezeigt. Der Begriff des "Ground Truthing" bezeichnet ursprünglich die Überprüfung von Satellitendaten durch physische Erfahrung vor Ort. Gezeigt wird der hoch-technologische Film in einer Zwischennutzung in St. Ulrich, die Zuseher:innen sitzen im dunklen Raum auf aus lokalen Baumstämmen gefertigten Sitzobjekten, die in die organische Welt der Natur verweisen.
Im Zuge der Corona-Pandemie, als viele Teile des öffentlichen Lebens ruhten und die Natur Zeit hatte, sie zu regenerieren, öffnete sich ein Fenster, in dem die Brisanz der Klimaveränderung plötzlich zentral im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen schien. Nur ein paar Jahre später ist von dieser Dringlichkeit kaum mehr etwas zu spüren. Die Menschen leben wieder wie zuvor, es wird wieder mehr geflogen und auch der Hype um vegane Ernährung scheint verlaufen. Nur die Klimaberichte bleiben konsequent: Forscher befürchten massive Temperaturveränderungen und warnen, dass weitere Eskalationen bevorstehen. Leuenbergers kuratorischer Ansatz reagiert auf dieses Spannungsfeld mit einer offenen Struktur. Die Biennale entwickelt keine lineare Argumentation, sondern organisiert sich entlang thematischer Felder wie "Commoning", "Violent Garden", "Queer Ecology" oder "Gardens as Spaces for Reflection and Poetry". Diese Kapitel sind dabei nicht starr, sondern verbinden unterschiedliche künstlerische Positionen lose miteinander. Die leitende Idee des Gartens soll unter diesen Bedingungen weniger als romantischer Rückzugsort, denn als Modell genutzt werden, wie sich Leben unter neuen und instabilen Voraussetzungen organisieren lässt und welche Rolle die Kunst in diesem Gefüge haben kann.

Archive verschwindender Landschaften
Die Installation der Südtiroler Künstlerin Gabriela Oberkofler changiert zwischen post-apokalyptischem Gewächshaus, Labor und Erinnerungsraum. Sie hat mit "Der letzte Acker", ebenfalls in einem leerstehenden Ladenlokal nahe der Fußgängerzone von St. Ulrich, eine eindrucksvolle Installation ihrer Arbeit inszeniert, die sich direkt auf die lokale Geschichte bezieht. Sie zeigt ein provisorisches Archiv verschwindender Landschaften. Dafür hat sie Pflanzen aus den letzten landwirtschaftlich genutzten Flächen des Tals unter künstlichem Licht in Glasbehältern konserviert und zudem filigrane Zeichnungen von Pflanzen und Früchten über Wände und Decke ausgebreitet. Schon seit einiger Zeit gibt es im vom Tourismus und der Viehwirtschaft geprägten Grödnertal keine klassischen landwirtschaftlichen Äcker mehr. Die Pflanzen, die im ökonomischen und ökologischen System des Tals keinen Platz mehr haben, werden in dieser Arbeit künstlich am Leben gehalten, zwar bleiben sie bewahrt, sind aber unter ständiger technischer Kontrolle.
Auch Jacopo Belloni konserviert in seiner Arbeit Elemente der Natur, transformiert sie aber auch in einen anderen Aggregatzustand. Ein intensiver Geruch, frisch, minzig und süß, lockt die Besucher:innen in den Dachboden eines alten Schulgebäudes im Dorf St. Christina. Hier zeigt Belloni zwei Werkgruppen. Die erste, "The Sleepers", besteht aus milchigen Glasformen, in denen Samen aus dem Grödnertal eingefasst sind, die in Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften gesammelt wurden. Die ästhetischen und zerbrechlichen Gefäße ähneln Alltagsbehältern wie Taschen, Rucksäcken oder Geldbörsen, die so in Zeitkapseln verwandelt wurden, in denen die genetischen Informationen der Samen für eine ungewisse Zukunft bewahrt werden. Auch hier wieder ein Archiv bedrohter Natur. Dominiert wird der Dachboden aber von historisch anmutenden Kupfermaschinen, die mit Schläuchen verbunden sind. Es sind Destilliergeräte, die langsam beruhigende Essenzen aus verschiedenen Alpenpflanzen extrahieren und so duftende Tröpfchen in den Raum abgeben. Still und langsam komprimieren sie die Essenz der Natur in ein konsumierbares Extrakt.


Die Ausstellung "(Future) Paradise Gardens" zeigt, wie komplex die Fragen von Natur, Technologie und politischer Verantwortung miteinander verwoben sind und im Kontext der globalen klimatischen Veränderungen eingebettet sind. Zwischen abstrakten Felskegeln und touristisch überformter Alpenlandschaft entwickelt "(Future) Paradise Gardens" keine Vision einer harmonischen Rückkehr zu einer Natur, die es nicht mehr gibt. Im Anthropozän ergeben sich neue Fragestellungen, die über eine reine Kontrolle der Natur weit hinausreichen. Es geht um die Frage, welche Formen des Zusammenlebens unter Bedingungen zunehmender ökologischer Instabilität langfristig und nachhaltig möglich sind. Ökologie sollte dabei nicht als moralische oder politische Kategorie verstanden werden, sondern als Beziehungssystem, das gleichermaßen von Fragilität, Konflikt und Kooperation geprägt ist. Die präsentierten Postionen sind nicht auf didaktische Illustrationen politischer Thesen reduzierbar, vielmehr schaffen sie Momente der Kontemplation und Irritation. Die Kunst kann die wachsenden ökologischen Probleme nicht lösen, sie kann aber Momente der Melancholie und des Versagens aufzeigen und vielleicht mögliche Szenarien eines Zusammenlebens im Zustand permanenter Transformation andeuten.
Einem der wichtigsten Prozesse der Natur und den Protagonistinnen dieses Prozesses widmet Ana Prvački auf dem zentralen Platz von St. Christina ein Monument, halb ironisch, halb todernst. Die Künstlerin, selbst in einer Familie von Imkern aufgewachsen, hat auf dem Platz vier Marmorskulpturen positioniert, die Bienenstöcke im Maßstab 1:1 nachbilden und in der Form Grabsteine ähneln. Diese "Bee Memorials", die dem klassischen Langstroth-Bienenstock nachempfunden sind, wirken wie stille Denkmäler für die Honigbiene, eine für die Natur so essentiellen wie vom Aussterben bedrohten Art. In der Nähe des Dorffriedhofs positioniert, erzeugen sie eine subtile Spannung zwischen Gedenken, Witz und einem wachsenden Bewusstsein für die Fragilität aller ökologischen Systeme. Vielleicht können auch kontaminierte Gärten renaturiert werden.