Julia Steiner, Stille Wasser, 2026. Serge Hasenböhler. Courtesy the artist and Galerie Urs Meile.

Zwischen Innen und Außen

Zwei Ausstellungen über Raum, Material und neue Formen des Miteinanders in der Villa Merkel, 10. Juli bis 4. Oktober 2026.

Mit der Doppeleröffnung am 9. Juli 2026 präsentiert die Villa Merkel in Esslingen zwei Ausstellungen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Raum, Material und Wahrnehmung auseinandersetzen. Unter dem Titel "Raum halten - Holding Space" zeigt die Schweizer Künstlerin Julia Steiner eine raumgreifende Einzelausstellung im Erdgeschoss. Parallel dazu entwickeln Olaf Holzapfel und Raul Walch mit "Ideale Formen und roher Stoff" eine gemeinsame Präsentation im Obergeschoss und Außenraum der Villa.

Beide Ausstellungen verbindet das Interesse an Übergängen: zwischen Innen und Außen, Körper und Architektur, Natur und Gesellschaft. Dabei eröffnen sie einen Dialog über Formen des Zusammenlebens, über Verletzlichkeit und Stabilität sowie über die Frage, wie Räume entstehen und erlebt werden.

Raum halten - Holding Space

Julia Steiner (*1982, Büren zum Hof, Schweiz) verbindet in ihrer künstlerischen Praxis Zeichnung, Video, Skulptur und Installation. Viele ihrer Arbeiten entstehen direkt vor Ort und reagieren sensibel auf Architektur und Atmosphäre des Ausstellungsraums. Im Zentrum stehen Prozesse des Vergehens und Verschwindens, Erinnerung, Präsenz und körperliche Wahrnehmung.
Die Ausstellung entfaltet sich als poetischer Parcours durch das Erdgeschoss der Villa Merkel. Materialien wie Glas, Keramik, Seide, Zellulose oder Messing werden zu empfindlichen Speichern von Zeit, Transformation und Erinnerung.

Steiners Arbeiten kreisen um fragile Zustände zwischen Sichtbarkeit und Abwesenheit. Wiederkehrende Motive wie Gefäße, Handschuhe oder membranartige Hüllen untersuchen das Verhältnis von Schutz und Verletzlichkeit, Nähe und Distanz. Wasser, Luft und natürliche Prozesse werden als flüchtige, kaum greifbare Zustände erfahrbar.

Der Begriff Holding Space stammt aus dem therapeutischen Kontext und beschreibt das Schaffen eines geschützten Raums, in dem Menschen sich ausdrücken können, ohne bewertet zu werden. Arbeiten wie holding space I + II greifen die Form der Handinnenfläche auf und verweisen auf Gemeinschaft, Fürsorge und Verbundenheit.

Ideale Formen und roher Stoff

Olaf Holzapfel ( *1967, Dresden) und Raul Walch ( *1980, Frankfurt am Main) entwickeln im Obergeschoss und Außenraum der Villa Merkel eine gemeinsame Ausstellung über Material, Architektur und gemeinschaftliche Räume. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Räume heute neu gedacht werden können, insbesondere vor dem Hintergrund ökologischer, gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche.

Die Künstler richten den Blick auf Luft, Wasser, Pflanzen und Erde. Elemente, die so selbstverständlich erscheinen, dass sie selten hinterfragt werden. Gerade in ihrer Alltäglichkeit verdichten sich zentrale Fragen unserer Gegenwart: Wie verändert der Klimawandel unsere Beziehung zur Umwelt? Welche Rolle spielen technologische Entwicklungen? Und wie entsteht Zugehörigkeit zu einem Ort oder einer Gemeinschaft?

Die Ausstellung greift Überlegungen des Philosophen Bruno Latour auf, der die Trennung von Natur und Gesellschaft als grundlegendes Narrativ der Moderne infrage stellte. Holzapfel und Walch interessieren sich für die Verflechtungen von Material, Form und Idee sowie für Übergänge zwischen gebautem Raum und natürlicher Umgebung.

Mit Weidengeflechten, Lehm, Denim-Textilien und beweglichen Elementen entstehen offene, wandelbare Raumstrukturen. Traditionelle Flecht-, Web- und Bautechniken treffen auf textile Installationen und partizipative Arbeiten, die Wind, Bewegung und soziale Prozesse einbeziehen. Ein einfaches Heuseil wird dabei zum Sinnbild der Ausstellung: ein alltäglicher Gegenstand, in dem altes Wissen und mögliche Zukunftsentwürfe miteinander verflochten sind.

Zwei Perspektiven - ein Resonanzraum

Beide Ausstellungen verbindet die Frage, wie Räume uns prägen - emotional, sozial und materiell. Gemeinsam eröffnen sie einen Resonanzraum zwischen Intimität und Kollektivität, zwischen fragilen Zuständen und tragenden Strukturen. Sie laden dazu ein, die Beziehungen zwischen Mensch, Material und Umwelt neu zu denken und die Villa Merkel selbst als lebendigen Ort des Austauschs zu erleben.


Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, 10.07. - 04.10.2026