Ausstellungsansicht: Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten. Haus der Kunst München, 2026. Foto: Agostino Osio. © Haus der Kunst München, 2026.

Verwobene Verantwortung

In einer umfassenden Ausstellung im Haus der Kunst zeigt Tomás Saraceno seinen verwobenen Kosmos.


Ein gespanntes System aus Netzlinien wird im Haus der Kunst zu einem erfahrbaren Raum aus Klang, Schwingung und Struktur. Die raumgreifende Installation "Algo-r(h)i(y)thms", die aktuell in der Ausstellung von Tomás Saraceno zu sehen ist, hat der Künstler im Rahmen eines langjährigen Austauschs mit Forschern aus den Bereichen Bioakustik und Tierverhalten entwickelt. Spinnen und ihre Netze dienen ihm schon lange als Modelle für Kommunikation, Kooperation und räumliche Organisation. Die Gliederfüßer nehmen ihre Welt fast ausschließlich über Vibrationen wahr, sie erfühlen die Schwingungen, die durch ihre Netze laufen, haptisch. Inspiriert von dieser speziellen Sinneswelt der Spinnen hat Tomás Saraceno sein elastisches Netz mit einer elektronischen Mechanik versehen, die Schwingungen in digitale Klänge übersetzt, die durch den Raum hallen. Das gesamte Netz wird so zu einem überdimensionierten Saiteninstrument, das von den Besucher*innen gemeinsam in Schwung versetzt werden kann, zu spielen aber eher "wie eine Harfe, und nicht wie eine E-Gitarre", worauf Kuratorin Sarah Johanna Theurer hinweist.

Vielfältige Verbindungen und Verweise

Netze, Verbindungen und kollaborative Ansätze gehören zum zentralen künstlerischen Vokabular von Tomás Saraceno. Er verbindet mit seinen transmedialen Strategien elementare Prozesse mit biologischen Strukturen, wissenschaftliche Forschung mit künstlerischer Imagination und ökologische Fragestellungen mit sozialen Beziehungen. Die Ausstellung "Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten" im Haus der Kunst führt diese unterschiedlichen Ebenen in einer umgreifenden Form zusammen. Die von Sarah Johanna Theurer und Andrea Lissoni kuratierte Ausstellung ist jedoch keine klassische Retrospektive, vielmehr ordnet sie Saracenos Arbeiten neu und macht so vielfältige Verbindungen und Verweise erfahrbar, die seine Praxis prägen.

Saraceno bespielt eine große Fläche im Erdgeschoss des Haus der Kunst. Hier begegnen sich schwebende Skulpturen, dokumentarische Materialien, Klang- und Lichtarbeiten sowie raumgreifende Installationen. Luft, Wasser, Schwingungen, Staub und Licht bilden dabei die grundlegenden Gestaltungsmittel. Die Ausstellung verzichtet auf eine lineare Narrative, stattdessen entstehen Bezüge zwischen Werken, Räumen, Wissensfeldern und geografischen Orten, die im Verlauf des Rundgangs zunehmend sichtbar werden. Neben seinem schwingenden Netz hat Tomás Saraceno eine Auswahl echter Spinnennetze unterschiedlicher Spinnenarten platziert. In einem verdunkelten Raum sind diese fragilen Systeme wie kostbare Preziosen hinter Glas positioniert und mit Hilfe von Lichtkegeln gekonnt inszeniert. Diese komplexen geometrischen Gebilde wirken organisch und mathematisch zugleich, wie gewobene Watte oder wie die Modelle von Sternnebeln ferner Galaxien. Dieser Anspruch, der gleichsam vom Mikroskopischen bis ins Kosmische reicht, zieht sich durch die gesamte Ausstellung.

Wasser, Salz und Wissenschaft

Wie eine kosmische Traumlandschaft wirkt auch die monumentale Installation "Towards the Sanctuary of Water", die das Zentrum der Ausstellung bildet. Wasserflächen, Spiegelungen, Licht, schwebende Globen und projizierte Bilder formen im Halbdunkel ein Environment, dessen Erscheinungsbild fortlaufend in Bewegung ist. Der Raum wirkt zugleich offen und konzentriert. Die Besucher*innen bewegen sich frei zwischen Reflexionen und Schatten und werden so Teil dieser immersiven, enigmatischen und poetischen Installation. Wie diese Arbeit auf der anderen Seite der Welt gleichzeitig ergänzt und gespiegelt wird, erfährt man im nächsten Raum. Hier betritt man eine helle Halle, der Boden ist großflächig mit weißem Salz ausgelegt und Wandtafeln, Vitrinen und Videos illustrieren die globale Spannweite dieses Projekts. "Towards the Sanctuary of Water" hat ihren Ursprung in Saracenos langjähriger Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften der Salzwüsten von Salinas Grandes im Norden seiner Heimat Argentinien. Gemeinsam entwickeln sie dort "The Sanctuary of Water" (El Santuario del Agua), ein dauerhaftes Land-Art-Projekt, das sich für den Schutz der Wasserressourcen, des überlieferten Wissens und des Territoriums der Communities in einer Region einsetzt, die zunehmend durch aggressiven Lithiumabbau bedroht ist. Saraceno widmet sich hier auf künstlerisch-wissenschaftlicher Ebene den global relevanten Fragen zu Wasserverbrauch und -verschwendung, Nachhaltigkeit und dem Schutz indigener Communities im Zeitalter des Kapitalozän, in dem alles einem unerbittlichen kapitalistischen Wirtschaftssystem unterworfen wird.

Mikroskopisch und kosmisch

Das Salz, das ganz nachhaltig bei der Stadt München ausgeliehen wurde und im Winter wieder als Streusalz fungiert, knirscht noch unter den Schuhen, wenn man den nächsten Raum betritt. Hier, wieder im Dunklen, wirft einzig eine äußerst helle Lichtquelle ihren intensiven Lichtstrahl queer durch den Raum. Haben sich die Augen an die Situation gewöhnt, beginnt man, die Staubpartikel zu sehen, die im Lichtkegel tanzen. Es sind die normalen Staubkörner, die in der Luft vorhanden sind, die hier sichtbar gemacht werden und, wie die Spinnweben, and Sternencluster in den Tiefen des Weltalls erinnern. Bei alle den Krisen und globalen Problemen muss man doch erkennen, dass wir nichts mehr als Sternenstaub in den Weiten des Raums sind.

Ein kommunaler Raum ist die Installation "Weaving with Red Atacama", die auch ohne ein Ticket für die Ausstellung besucht werden kann. Eine Sitz- und Liegefläche lädt Besucher*innen ein, sich zu setzten und zu reden. Die handgewebten Decken wurden von elf indigenen Gemeinden des Red Atacama gestiftet. Red Atacama ist ein soziopolitisches Netzwerk, das Menschen in den Provinzen Salta und Jujuy im Norden Argentiniens repräsentiert. Aus Schaf- und Lama-Wolle gefertigt und mit pflanzlichen Pigmenten gefärbt, zeigen ihre Muster Geschichten aus dem Alltag in den Salinas Grandes.

Jenseits der Wachstumszwänge

Das gleichwertige Nebeneinander von wissenschaftlichen Ansätzen, politischen Themenkomplexen und poetischen Kunstwerken ist eine der Stärken dieser Ausstellung. Tomás Saraceno vermengt künstlerische Ansätze mit Recherchen zu einer Auseinandersetzung mit ökologischen und sozialen Fragen, die über die Ausstellung selbst weit hinausgehen. Dabei stehen nicht eine reine Vermittlung von Hintergrundinformationen oder didaktische Ergänzungen im Zentrum. Vielmehr sind diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander zu einem neuen Ganzen verwoben, das sich immer mehr verdichtet und durch Querverbindungen in Zaum gehalten wird. Die Netze der Spinnen spiegeln die Netzwerke der Communities, das mikroskopisch kleine findet sich im kosmisch Großen wider, Salz und Wasser tauchen immer wieder auf. Auch der im Titel angelegte kollaborative Ansatz von "Tomás Saraceno in collaboration." zeigt sich in der tatsächlichen Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen, Biolog*innen, Architekt*innen und Aktivist*innen indigener Gemeinschaften. Selbst die Spinnen sind hier innige Kompliz*innen.

Die Ausstellung von Tomás Saraceno hat zwei Titel. Die deutsche Version "Verwobene Welten" verweist auf die Komplexität unserer Gegenwart, auf gegenseitige Abhängigkeiten aber auch auf die geteilte Verantwortung für unseren Planeten und dessen Bewohner*innen. Der englische Titel "Ancestral Futures" bezieht sich auf das Buch "Ancestral Future" des indigenen Denkers und Aktivisten Ailton Krenak, in dem er vor der Macht des Kapitalismus und dessen zerstörerischen Auswirkungen warnt. Saraceno nutzt bewusst den Plural von "Zukunft" und weist so optimistisch auf unterschiedliche mögliche Zukünfte hin, in denen wir gemeinsam eine nachhaltige Welt jenseits der aktuellen Wachstumszwänge erschaffen können.


Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten. Zu sehen im Haus der Kunst, München, 17.07.2026 bis 7.02.2027.