"Photo Elysée" und "Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains (mudac)" teilen sich den Bau des portugiesischen Architekten Aires Mateus auf der "Platforme 10" in Lausanne. Foto: Khashayar Javanmardi.

Nach Elysium, erster Klasse

Im neuen Quartier Plateforme 10 in Lausanne kann das Museum Photo Elysée endlich seine Potenziale entfalten.

Noch ist der Zugang zur Plateforme 10 (Bahnsteig 10), dem neuen Museumsquartier von Lausanne, nicht so offen, einladend und flexibel, wie es sich dessen Direktor Patrick Gyger wünscht. Noch führt der Weg vom Bahnhofsvorplatz, der bis 2037 Baustelle bleiben soll, an Bauzäunen entlang, bevor sich schließlich der Blick auf das 25.000 Quadratmeter große Areal direkt neben den Schienen öffnet: Zuerst links das 145 Meter lange Musée Cantonale des Beaux-Arts (MCBA), von den Einheimischen Schuhschachtel genannt, die Fassade rhythmisiert von einer gleichförmigen Abfolge schmaler Ziegel-Lamellen. Minimalistische Andeutungen erinnern noch an die früheren Lokschuppen. Nach der Eröffnung 2019 musste das MCBA wegen Corona schon bald wieder schließen.

Mehr Glück hatte der zweite Bau, der mit seinen charakteristischen, grinsenden Fenstereinschnitten auf Erdgeschossebene im Blickpunkt liegt: Das Sichtbeton-Quadrat des portugiesischen Architekten Aires Mateus eröffnete 2022, als die Restriktionen infolge des Virus vorbei waren. Der Bau enthält zwei Museen: oben das Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains (mudac), unten Photo Elysée, wie MCBA und mudac ein Museum des Kantons Waadt, alle drei getragen von einer öffentlich-rechtlichen Stiftung. Im Erdgeschoss, hinter den nachts leuchtenden Fensterbändern, teilen sich Photo Elysée und mudac die Rezeption, das Café Lumen und einen geräumigen Museumsbuchladen. "Mit dem neuen Kunstquartier steigt Lausanne in die 1. Klasse auf", titelte das Schweizer Fernsehen zur Eröffnung, auf die Eisenbahngeschichte des Areals anspielend.

Ein Museum für Fotografie

"Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium", dichtete Friedrich Schiller, in der Vertonung Ludwig van Beethovens die Hymne der Europäischen Union und auch sonst häufig gespielt zu staatstragenden Anlässen aller Art weltweit. Photo Elysée heißt so, weil das Museum vorher, unter dem Namen Musée de l‘Élysée, in einer Villa im Stadtteil Ouchy untergebracht war, die unter dem Namen maison de l’Elysée bekannt war. Doch natürlich ist die Lesart als elysische Gefilde der Fotografie mitgedacht. 1986, als das Musée de l‘Élysée gegründet wurde, gab es in Europa noch sehr wenige reine Fotografie-Museen. In der Schweiz beginnt alles mit Rosellina Burri-Bischof, die als treibende Kraft hinter der 1971 ins Leben gerufenen Schweizerischen Stiftung für die Photographie (heute Fotostiftung Schweiz) stand. 1949 hatte sie den Fotografen Werner Bischof geheiratet, der fünf Jahre später in den Anden verunglückte. Als Leiterin der Agentur Magnum Schweiz lernte sie ihren zweiten Mann René Burri kennen, der seinen umfangreichen Nachlass später Photo Elysée vermachte. Die Stiftung ist wiederum eng verbunden mit Fotomuseum Winterthur.

1985 beauftragte der Kanton Waadt/Vaud den dritten Direktor der Fotostiftung Charles-Henri Favrod, Journalist und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte der Fotografie, mit der Gründung des Museums, das somit, acht Jahre vor Winterthur, als erstes Fotografie-Museum der Schweiz gelten kann. Kurz zuvor hatten sich ganz in der Nähe drei bemerkenswerte Einrichtungen gegründet: zuerst die Galerie Focale in Nyon; dann, initiiert von Genfer Fotografen, das Centre de la Photographie Genève und im selben Jahr in Biel, auf Initiative des städtischen Kultursekretärs und Foto-Enthusiasten Francis Siegfried, das Photoforum Pasquart, das seit 1993 auch den Prix Photoforum verleiht. Alle drei haben allerdings keine eigene Sammlung wie Photo Elysée, das Favrod ungefähr zehn Jahre lang leitete, bevor er von den berühmten Fratelli Alinari nach Florenz gerufen wurde, um dort das erste italienische Fotomuseum, heute Museo Nazionale Alinari della Fotografia aufzubauen, das 2006 in einem ehemaligen Pilgerhospiz an der Piazza Santa Maria Novella eröffnete.

Fotografie ist ein vergleichsweise junges Medium, das lange nicht als Kunst anerkannt wurde und sich im Lauf seiner Geschichte beträchtlich gewandelt hat: nicht nur in der Herstellung, von der Glasplatte über Zelluloid bis zu heutigen digitalen Formaten, sondern auch in den Präsentationsformen. Überwogen früher eher kleinformatige, gerahmte Schwarzweißabzüge, so kamen später Farbe, große Formate bis hin zu Wandtapeten, Diaprojektoren und Beamer hinzu. Foto-Kunst kann zweierlei bedeuten: in der Regel professionelle Fotografie, die ein künstlerisches Niveau erreicht hat; oder zeitgenössische Kunst, die im Medium der Fotografie arbeitet. Dieser Heterogenität entspricht die Vielfalt der Foto-Museen, von denen einige auch der Technik der Apparate gewidmet sind.

Himmel und Hölle

Dass Photo Elysée in der ersten Klasse unterwegs ist, zeigt sich wie beim MCBA und beim mudac in großen Ausstellungen globaler Gegenwartskunst. Nun haben sie endlich den Platz, der ihnen lange gefehlt hat, müssen ihre Säle aber auch füllen. Das Kunstmuseum MCBA tut dies derzeit mit einer riesigen Einzelausstellung der Nigerianerin Otobong Nkangwa, mit raumgreifenden Arbeiten quer durch alle Materialien und Medien. Das Museum für angewandte Kunst mudac zeigt eine Retrospektive von Isao Takahata, dem Gründer der herausragenden Anime-Produktionsfirma Studio Ghibli mit Filmausschnitten, Video-Interviews und einer Unzahl von Zeichnungen, die den Entstehungsprozess der Zeichentrickfilme vor Augen führen. Einen Ortsbezug gibt es auch: Takahata war "der Mann, der 'Heidi' nach Japan brachte", wie das Schweizer Fernsehen feststellt, bevor er sich japanischen Sujets zuwandte. Und das Archiv der Heidi-Autorin Johanna Spyri befindet sich in Lausanne.

Photo Elysée hat unlängst zwei nicht ganz so große Ausstellungen eröffnet, die auf ganz unterschiedliche Weise zustande kamen. Alfredo Jaar, in Chile geboren und aufgewachsen, kann seit über 40 Jahren als einer der Pioniere dokumentarischer Verfahren in der Kunst gelten. Sensibilisiert durch den Pinochet-Putsch 1973, sind seine Ethik und Ästhetik davon geprägt, dass er die emotionale Wirkung der Bilder mit reflektiert. In räumlichen Installationen, die er der medialen Bilderflut entgegensetzt, macht er deutlich, dass Bilder einer eingehenden Betrachtung bedürfen. Die Ausstellung in Photo Elysée entstand auf Initiative von Paolo Woods, dem Kurator des Fotofestivals Cortona on the Move, wo sie bereits im vergangenen Jahr zu sehen war. Weil sein Etat allerdings nicht ausreichte, wandte sich Woods an Photo Elysée und schlug eine Zusammenarbeit vor. Jaar nahm den Titel des letztjährigen Festivals, Come Together, wörtlich und lud zwanzig Dokumentarfotograf:innen ein, jeweils zwei Aufnahmen einzureichen: das erschütterndste ihrer bisherigen Laufbahn und das, das am meisten Hoffnung und Freude verbreitet, angelehnt an Hölle und Himmel in Dantes Divina Commedia. Zwanzig Diaprojektoren auf schwarzen Holzgestellen projizieren die Bilder in verschiedene Richtungen. Eine Uhr am Eingang zeigt an: Alle zwanzig Minuten wechselt die Szenerie. Auf zwanzig Höllenbilder folgen ebenso viele himmlische Momente.

Wo es sich um Bilder aus Gaza oder der Ukraine handelt, ist dies unschwer zu erkennen, Samour Abu Eloufs in Doha aufgenommenes Porträt des neunjährigen Mahmoud Ajjour, der beide Arme veroloren hat, ist zudem als Pressefoto des Jahres durch die Medien gegangen. Andere wie Hannah Reyes Morales‘ Aufnahme eines überfüllten Gefängnisses in Manila, dessen Insassen kreuz und quer auf dem Boden liegen, ohne zu wissen, was ihnen vorgeworfen wird, erschließen sich dagegen erst nach Lektüre der im Zeitungsformat mitgelieferten Informationen. Selten sind die positiven Bilder so unbeschwert wie im Fall eines afghanischen Luftballonverkäufers auf dem Fahrrad von Véronique de Viguerie oder den Studierenden der Universität von Dakar am Strand, wieder von Reyes Morales. Häufig ist dagegen ein katastrophischer Hintergrund mitgedacht wie bei Alice Martins' Bild eines Kombattanten der freien syrischen Armee, der ein Neugeborenes in seinen Armen hält. Apokalyptisch wirkt ihr Bild eines einsamen alten Mannes inmitten der Ruinen eines vom Islamischen Staat zerstörten Friedhofs. Immer aber erfordern die Aufnahmen ein genaueres Hinsehen. Die Wucht der Explosion eines amerikanischen Luftangriffs auf den IS in Syrien ist auf Bülent Kiliçs Bild auf einen Blick zu erkennen. Doch da ist ganz in der Nähe ein Mensch, der flieht. Wird er den Druck der Hitzewelle überleben? Lorenzo Meloni zeigt einen jungen Mann, der rückwärts über einer Sessellehne hängt. Es könnte eine Gymnastikübung sein, würde sich unter seinem Kopf nicht eine rote Lache am Boden bilden.

Tanz mit mir

Seit zehn Jahren vergibt das Museum auch einen Preis, den Prix Elysée. Bewerben kann sich Jede:r, der oder die nicht gerade erst das Studium abgeschlossen hat, aber auch noch nicht sehr bekannt ist. Gefördert vom Uhrenhersteller Parmigiani Fleurier, soll der Preis Fotograf:innen ermöglichen, ein neues Projekt zu realisieren und ein Buch herzustellen. In einer ersten Runde werden acht Kandidat:innen ausgewählt, die jeweils 5.000 Schweizer Franken erhalten und an der Endausscheidung im folgenden Jahr teilnehmen, die mit 80.000 Franken dotiert ist. Nicht immer mündet dies auch in eine Ausstellung, doch bei Hannah Darabi, die sich im vergangenen Jahr durchgesetzt hat, ging die Idee über das hinaus, was sich in einem Buch darstellen lässt.

Darabi ist 1981 im Iran geboren und lebt seit ihrem 25. Lebensjahr in Paris. Sie betrachtet sich als künstlerische Forscherin und interessiert sich für Identitätskonstruktionen im wechselvollen Verhältnis zwischen dem Iran und der Diaspora, Männer- und Frauenrollen. Why don’t you dance?, der Titel ihres Buchs und der Ausstellung, leitet sich ab von einem Lied des armenisch-iranischen Sängers Viguen (Vigen Derderian), genannt "Sultan des persischen Pop". Sie hat selbst, wie sie im Buch schreibt, im Alter von zwölf Jahren Tanzstunden erhalten, ausgehend von aus Los Angeles eingeschmuggelten Tonbändern und Choreographien des dort im Exil lebenden Tänzers Mohammad Khordadian, der in ihrem Projekt eine wichtige Rolle einnimmt.

Ausgangspunkt aber ist ein Buch: die fiktive Autobiografie der in den 1950er-Jahren erfolgreichen Sängerin und Tänzerin Mahvash. In Realität in Teheran, im Buch aber in Paris, der Hauptstadt der Liebe geboren, führt sie ein in die Geheimnisse der sexuellen Erfüllung – so der Titel – illustriert von Schwarzweißfotos von Frauen in aufreizenden Posen, mit tiefen Ausschnitten und knappen Bikinis, wie sie zur damaligen Zeit auch in den USA nicht freizügiger hätten erscheinen können. Dieses Buch collagiert Darabi mit Bildern neueren Datums aus dem Iran und stellt Mahvash zwei weitere Tänzer:innen gegenüber: Jamileh, auch Bauchtänzerin, wurde sehr bekannt ab den 1960er-Jahren, als sie den ursprünglich männlich codierten Jâheli-Tanz adaptierte. Im Zentrum steht der Jâhel, Held einer Straßengang dessen Macker-Posen sie karikierte. Khordadian kehrte den Spieß um und übernahm typisch weibliche Posen, wie sie Jamileh in den Jâheli eingeführt hatte. Nach der iranischen Revolution 1979 ging er ins Exil nach Los Angeles und produzierte Tanz-Videos in Form von Aerobic-Lektionen, die sich auch im Iran gut verkauften.

Darabi dreht den Geschlechter-Rollentausch noch eine Runde weiter. In einer Box im Zentrum der Ausstellung sind drei Videos zu sehen, aufgenommen in Berlin mit Tänzer:innen aus dem Iran. Khordadians Aerobic-Videos mit vorwiegend weiblichen Begleiterinnen persifliert nun die Tanzlehrerin Sepideh mit zwei schwulen Männern. Der eine, hager, mit langem Haar und blassrotem Rock, performt anschließend einen derwischartigen Tanz. Der andere, Sina, gibt den Jâhel, mit Melone, schwarzem Anzug, weißem Hemd und rotem Schal, die er dabei nach und nach ablegt.

Ringsum sind die Wände mit lebensgroßen Fotos aus dem Cabaret Tehran in Los Angeles tapeziert, wo seit dem vom CIA organisierten Putsch gegen den ersten gewählten Premier Mohammad Mossadegh 1953 die wohl größte iranische Exil-Community lebt. Insbesondere mittwochs, am Karaoke-Abend, trifft sich hier die iranische Haute Volée, die rein äußerlich betrachtet viel von der Hollywood-Prominenz übernommen hat. Los Angeles war aber auch Vorbild für die Planung von Teheran, wie Darabi mit einer Gegenüberstellung eigener Fotos und historischer Postkarten verdeutlicht.

Die Sammlung

Anders als die Sonderausstellungen konzentrieren sich die Sammlungen der drei Museen auf das regionale Umfeld. Was auch so sein sollte, denn wenn alle Museen nur die international bekannten großen Namen sammeln, werden sie austauschbar, wie der Kunsthistoriker Christian Demand zu Recht kritisiert. Für Besucher aus Deutschland gibt es hier manches zu entdecken, denn Künstler:innen aus dem Umfeld der Westschweiz sind hierzulande nicht immer bekannt. An der Qualität liegt das nicht, wie die Dauerausstellung des MCBA zeigt, die bei freiem Eintritt besichtigt werden kann. Photo Elysée hat dagegen – wie das nudac – keine Dauerausstellung, aber umfangreiche eigene Bestände.

Schon seit März sind dort Fotos aus Asien von Ella Maillart zu sehen anlässlich der Aufnahme ihres Werks in das Unesco-Weltdokumentenerbe im vergangenen Jahr. Die 1903 in Genf geborene Fotografin und Autorin reiste in den 1930er-Jahren über Moskau nach Turkestan und Usbekistan und anschließend von der Mandschurei über die Seidenstraße bis nach Indien, in den Irak und nach Syrien. 1988 übergab sie Photo Elysée ihren fotografischen Nachlass: Tausende von Schwarzweißabzügen, auf Karton aufgezogen und von Hand beschriftet, zeigen eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Maillart beschäftigt sich mit der Umsiedlung der turkmenischen Nomaden durch die stalinistische Sowjetunion und zeigt, dass die Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan nicht erst zu Zeiten der Taliban von fanatischen Muslimen attackiert wurden. "Wir leben in einer Zeit, in der das Bild unverzichtbar geworden ist", hielt die Fotografin weitsichtig fest, "es dominiert, es ist allgegenwärtig, es ist die wahre internationale Sprache geworden." Sie erkannte aber auch die Verantwortung der Fotograf:innen: "Zu oft baut diese vor unser Auge gehaltene Maschine eine Barriere auf", schrieb sie, "zwischen dem Betrachter und den Szenen mit den bewundernswerten Akteuren."


Alle drei Ausstellungen im Photo Elysée laufen bis zum 1. November, die von Otobong Nkangwa im MCBA dagegen nur noch bis 23. August und die zu Isao Takahata im mudac bis 27. September.