Die Hamburg Art Week feierte Premiere und brillierte.
Es ist der Eröffnungstag von Crossing Currents, der Gründungsausgabe der Hamburg Art Week. Bänke und Tische werden nahe des Galerien- und Atelierhauses in der Admiralitätsstraße aufgeregt hin und her getragen, auseinandergeklappt und zu einer langen Tafel aufgestellt. Einer der Food-Trucks platziert einen Aufsteller mit Speisekarte auf dem Kopfsteinpflaster. Im Hinterhof werden beim Naturweinstand die Weinkühler mit Eiswürfeln befüllt und die ersten Flaschen kalt gelegt. Um 18 Uhr beginnen die Ausstellungseröffnungen auf der zwischen Binnenalster und Elbe gelegenen Fleetinsel, die von zahlreichen Kanälen umgeben wird. Mit der "Fleetinsel-Night" startet nun offiziell die Hamburg Art Week, für die sich vom 3. bis 6. September 2026 an die einhundert Beteiligte aus Institutionen und Off-Spaces, Privatsammlungen und gemeinnützigen Vereinen, Galerien und städtischen Initiativen zu einem stadtweiten Programm für zeitgenössische Kunst zusammengeschlossen haben.
Die Idee einer Art Week ist in der Freien und Hansestadt Hamburg rund zehn Jahre alt. Zu einer Realisierung kam es nie. Nun wurde sie durch ein zehnköpfiges Team, das einzig aus Frauen besteht, in weniger als einem halben Jahr auf die Beine gestellt. Die erste Finanzierungszusage kam im Mai dieses Jahres, die Entwicklung des gesamten Formats erfolgte innerhalb von nur drei Monaten. "Wir haben einen absoluten Marathon hingelegt", sagt Luise Nagel, die mit Anna Nowak zu den Initiatorinnen zählt. Gemeinsam mit Jessica Nupen und Fanny Roy, die als Direktorinnen der Hamburg Art Week fungieren, bilden sie zu viert das Gründungsteam. Nupen erläutert: "Wir haben uns gefragt: Wie können wir in Hamburg die Ressourcen besser bündeln? Mit der Gründungsausgabe Crossing Currents versuchen wir, Wege für nachhaltige Verbindungen zu schaffen." Das Bild der Gewässer, die Hamburg durchziehen, wird dabei zur Metapher, um die verschiedenen Akteur:innen und Strömungen der Hamburger Kunstwelten miteinander in Kontakt zu bringen und einander begegnen zu lassen.
Nachholbedarf in der Hansestadt?
Nicht in Hamburg, sondern auf internationalen Messen seien sich manche in Hamburg tätigen Galerist:innen teils erstmals begegnet, erzählt Luise Nagel, die zusammen mit Gideon Modersohn die Produzentengalerie Hamburg leitet. Sie ist neben Lucia Kaufmann auch als Vorstandssprecherin des Landesverbands Hamburger Galerien e.V. tätig. Nagel ergänzt, dass im Rahmen des Verbandes schon seit Langem der Wunsch nach einer Art Week geäußert worden sei. "Uns war es bei dem Gründungsgedanken von Crossing Currents aber wichtig, nicht nur für Galerien diesen Impuls zu setzen, sondern auch die Off-Szene und Institutionen einzubeziehen." Daraus sind für die Hamburg Art Week verschiedene Kunstrouten entstanden, zum Beispiel die quer durch die Stadt unterschiedliche Viertel und Kunstorte miteinander verbinden: von der Museumsmeile rund um den Hauptbahnhof und Deichtorplatz zum Oberhafenquartier ("Yellow Current") oder von der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfBK) hin zu Timm Ulrichs Kunst im öffentlichen Raum im Alsterpark ("Orange Current") oder aber von den Galerien und Ateliers in der Admiralitätsstraße hin zum Hammaburg-Platz und den Sunflower-Fields von Agnes Denes, einem Projekt der Stadtkuratorin Hamburg ("Blue Current").



Auf der Fleetinsel
Die in der Admiralitätsstraße 71 im Galerien- und Atelierhaus gelegene, 1973 gegründete Produzentengalerie Hamburg, eröffnet zeitgleich mit der Hamburg Art Week eine Soloschau von Nicole Wermers (geboren 1971 in Emsdetten). Wermes, die in London lebt und an der Akademie der Bildenden Künste München eine Professur innehat, studierte in den 1990er-Jahren an der HfbK und stellte 1998 erstmals in der Produzentengalerie Hamburg aus. Nun zeigt sie in ihrer Ausstellung Support Act or Minor Character bis zum 30. Oktober 2026 unter anderem ein Relief aus Ton, dessen Bilderzählung sich an den historischen Tanzmarathons orientiert, die in den USA während der Großen Depression abgehaltenen wurden. Paare stützen darin einander, um nicht zu kollabieren, wobei zumeist Frauen die Männer halten. Das aus fünfzehn Tafeln bestehende Relief wird an einer Reihe nach oben geklappter Bistro-Tische als Rauminstallation präsentiert und thematisiert allgemeine gesellschaftliche Erschöpfungszustände – ein Aspekt, der sich in mehreren, auf der Art Week ausgestellten Werken wiederfinden lässt.
Den Treppen des alten Fabrikgebäudes weiter nach oben folgend, findet sich auf einer der Etagen in einem verwinkelten Raum der Textem Verlag. Vor nicht allzu langer Zeit ist der Verlag in das Galerien- und Atelierhaus gezogen. "Viele Jahre waren wir in Hamburg-Eimsbüttel. Nun sind wir sozusagen ins Wespennest zurückgekehrt", bemerkt Gustav Mechlenburg, der den Verlag 2004 zusammen mit Nora Sdun gegründet hat. Denn Textem befindet sich wie auch die Galerie Conradi nun dort, wo ehemals der Fotograf Hans Hansen, dessen Bilder derzeit im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt sind, sein Studio führte. "Es gibt Überschneidungen zwischen unserem Verlagsprogramm und den hier in den Galerien ausgestellten Künstlerinnen und Künstlern", erzählt Mechlenburg. So hat Textem etwa Bücher wie eines von Suse Bauer im Programm, deren Keramiken im angrenzenden Raum der Galerie Conradi ausgestellt sind; oder jenes von Thorsten Brinkmann, dessen Bilder und Objekte eine Etage weiter oben in der Galerie Mathias Güntner präsentiert werden. Dass der Grafikdesigner und Typograf Christoph Steinegger, der eine Vielzahl der Publikationen von Textem gestaltet, sein Büro auf derselben Etage wie der Verlag hat, macht die Arbeit am Standort Admiralitätsstraße 71 gleich noch angenehmer.


Nur einen Hinterhof weiter, in der Admiralitätsstraße 75, hat das von Anna Nowak geleitete Kunsthaus Hamburg einen Projektraum eingerichtet, in dem die Ausstellung Keiner rannte des in Hamburg lebenden Künstlers Andrey Klassen (geboren 1984 in Irkutsk) gezeigt wird (bis 20. September 2026). Klassens Rauminstallation besteht aus scherenschnittartigen, schwarzen Papierfiguren, die an sich drehenden, verbrannten Sonnenschirmen hängen und durch Lichtprojektionen Schattenrisse an die Wände werfen. Der Künstler bezieht sich in dieser von Nowak kuratierten Ausstellung, die auch Skulpturen und Zeichnungen umfasst, auf das Element Feuer – als zerstörerische Kraft in Hinblick auf die Folgen des Klimawandels, wie auch als verschwörerisch-transformative Kraft in Bezug auf einen Feuerbeschwörer, der beim Hamburger Stadtbrand von 1842 durch die Zahlung eines Lösegelds an ihn die Flammen zu bändigen versprach.
An diesen Beispielen deutet sich an, dass auf der Hamburg Art Week bewusst Bezüge zur Stadt hergestellt werden: so durch thematische oder biografische Referenzen, etwa durch Kontaktmomente zu Hamburg aufgrund eines dort absolvierten Studiums oder einer anhaltenden Zusammenarbeit, wie bei Wermers und der Produzentengalerie, oder die Entscheidung, in Hamburg zu leben und zu arbeiten, wie bei Klassen.
"Komm in die Gänge"
Von der Fleetinsel aus liegt die "Purple Current"-Route nicht weit, die durch die Hamburger Neustadt führt. Das Stadtbild ist dort heute von Hotels, Hochhäusern und Einkaufszentren geprägt. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein befanden sich hier aber die Gängeviertel: dicht besiedelte Quartiere, die sich seit dem 17. Jahrhundert in einer labyrinthischen Struktur herausbildeten, mit Wohnhäusern, dir nur durch schmale Gassen und Hinterhöfe zugänglich waren. Das Leben in den Gängevierteln wurde von Armut, Kriminalität, Prostitution und politischer Radikalität begleitet, der Bezirk galt als "das größte Slum Europas". Nur wenige historische Gebäude sind nach dem Abriss des Viertels erhalten geblieben. Um diese vor dem weiteren Verfall oder gleichfalls einem Abriss zu bewahren, begann im Jahr 2009 eine Gruppe von Künstler:innen rund um Christine Ebeling, die Gebäude zu besetzten: nachts richteten sie in ihnen Ausstellungen und Veranstaltungen aus, wie Ebeling bei einer Begegnung im Viertel erzählt. Durch eine Genossenschaftsgründung schufen so Ebeling und weitere Engagierte eine Struktur für die kulturelle Nutzung dieser verbliebenen Räume rund um den Valentinskamp: das "Gängeviertel". Zahlreiche Off-Spaces haben hier über die Jahre hinweg ein Refugium gefunden.
In zwei ehemaligen, zusammengelegten Wohnungen auf der Speckstraße 85–87 befindet sich so zum Beispiel die Galerie Gruppe Motto, die diesen zuvor schon für Ausstellungen genutzten Raum im Jahr 2023 als unabhängige Galerie für zeitgenössische Kunst gegründet hat. Das Team ist mehrköpfig, die Ausstellungen werden in wechselnder Besetzung stets unter einem Motto, das aus einem Wort besteht, im Kollektiv kuratiert. Zeit ist so der Titel der aktuellen Schau, die Paula Hummer, Estefania Morales und Pia Pospischil verantwortet haben (bis 20. September 2026). Der Ansatz, Arbeiten von lokalen und aufstrebenden Künstler:inenn mit solchen von international renommierten zu vereinen, löst sich auch mit der im Rahmen der Hamburg Art Week gezeigten Ausstellung ein, die an jenem Abend um 19 Uhr eröffnet. Anna Grath (geboren 1983 in Immenstadt), die ehemals an der HfBK studierte, wie Pospischil erzählt, ist mit einer konzeptuellen Arbeit vertreten, die aus nacheinander an Schnüren gebundenen Ballons besteht, denen die Luft ausgegangen ist. Von Alfredo Jaar (geboren 1956 in Santiago de Chile) sind drei Uhren zu sehen, deren Zeigerstände auf den jeweiligen Zeitpunkt der Nuklearkatastrophen in Hiroshima und Nagasaki sowie dem Nuklearunfall in Fukushima verweisen. Simon Denny (geboren 1982 in Auckland) ist mit einem seiner Machine Paintings vertreten und von Lorenz Wanker (geboren 2000 in Wien) wird eine Bank mit Bushaltestellenschild gezeigt, dessen Abfahrtszeiten durch ein Milchglas unkenntlich bleiben.
Ein zentraler Bestandteil der Galerie Gruppe Motto ist der Tresen im Eingangsbereich: die Bar. Dort gibt es warmen Käsetoast und Getränke mit hausgemachtem Pfefferschnaps. Es ist der Ort, an dem man sich trifft, verweilt und austauscht – während draußen nahezu unbemerkt ein Hamburger Regenschauer niederfällt.

Zwanzig Meter Warteschlange
Der weitere Weg auf der "Purple Current"-Route und Programmpunkt des Eröffnungsabends der Hamburg Art Week führt um 20 Uhr zur Galerie Feinkunst Krüger in die Straße Kohlhöfen 8, wo Simon Hehemann (geboren 1982 in Mettingen) die Ausstellung Wie die Teile fallen
zeigt (bis 20. September 2026). Schon von Weitem wird sichtbar, dass sich zahlreiche Besucher:innen um den Eingang der Galerie drängen – die Warteschlange vor der Tür ist rund zwanzig Meter lang. Das Warten aber lohnt sich, denn der Künstler hat den gesamtem Galerieraum in ein Environment verwandelt, das aus filigranen Türmen, schwarzem Schlackengranulat, schwarzer Tinte, Lichtprojektionen, kinetischen Objekten und (Objekt-)Collagen besteht. Hehemann, der in Hamburg lebt und arbeitet und der ebenfalls an der HfBK studierte, goss im Verlauf eines Jahres eine Vielzahl schmaler Betonklötzchen, aus denen er bei Feinkunst Krüger Türme arrangierte; der gesamte Ausstellungsaufbau dauerte rund zwei Wochen. Die Türme sind mitunter bestückt mit Schirmfliegern – Pusteblumen, die an den feingliedrigen Architekturen befestigt sind sowie als Teil einer kinetischen Apparatur durch den Raum schweben und an einen Kosmos erinnern. Diaprojektionen und rückwärts abgespielte Videos von einstürzenden Türmen erhellen schlaglichtartig den Raum. Sie spiegeln sich in den dunklen Tintenflächen, die kleine Seen inmitten des Granulats bilden, durch das man knirschend hindurchwatet. Für Hehemann bilden die Türme in ihrer Konstruktion und Dekonstruktion ein Sinnbild auf das "marode System", in dem wir leben, vergegenwärtigen die fragilen Objekte für ihn doch ein "Gefühl der Destabilisierung".
Gekonnt "nach vorne stolpern"
Reflexionen über das gegenwärtige gesellschaftliche Miteinander finden sich vielmals in Werken, die im Rahmen der Hamburg Art Week gezeigt werden. Und darin verdeutlicht sich die Dringlichkeit, mit ihrer Gründungsausgabe genau jetzt zu starten: um nicht nur in Hamburg endlich mehr Kommunikation und ein "Einander-Sehen" innerhalb der Kunstszene und zwischen den Gesellschaftsschichten zu fördern, sondern mit diesem Beispiel auch in die Welt auszustrahlen. Wenngleich es nur wenige Monate Vorbereitungszeit gab: Begegnungen zu fördern und Austausch zu festigen, so betonen es die Co-Initiatorinnen Luise Nagel und Anna Nowak, sei ihr Ziel mit dieser Hamburg Art Week. Jessica Nupen ergänzt: "Ich sage immer, dass wir nach vorne stolpern."
Dieser lange, doch sehr kurzweilige Abend endet mit einem DJ-Set von yung_womb und Phuong-Dan im Golden Pudel Club im Hafenviertel. So viele Gäste sind in der Zeit, in der die beiden in Hamburg ansässigen, international renommierten DJs auflegen, aber gar nicht da. Vermutlich befanden sich die zahlreichen Besucher:innen der Hamburg Art Week noch auf der Fleetinsel – vertieft in gute Gespräche, die an diesem Abend womöglich gerade erst aufgenommen worden sind.